Archiv für den Autor: admin

11.08.2018 – Was ist Nichts?


Aufsteller für Nichts.
Nichts macht mehr Arbeit im Moment als Nichts. Bei der Arbeit an der Campagne zu Nichts fließt der Schweiß der Edlen im SCHUPPEN 68, die Designabteilung ist ebenso eingebunden wie der Vertrieb, teils muss externes Knowhow eingekauft werden, bei der Anmeldung von „Nichts®“ als Marke ist juristischer Fachverstand gefragt, die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit ist rund um die Uhr damit beschäftigt, die Medienanfragen- und Berichte zu sichten und zu koordinieren, wie diesen hier:

Neue Presse, 10.08.2018.
Der einzige Unterschied zu Projekten beispielsweise für Landesarmutskonferenz ist: Ich muss mich nicht auf diesen elenden Pfad der Fördermittelbeantragung und – Verwaltung begeben. Nichts wird privatwirtschaftlich finanziert, allerdings fließt auch der RoI komplett in Taschen der Verantwortlichen. RoI ist zwar königlich, entstammt aber einer wichtigeren Sprache als Französisch, es entstammt dem Ökonomischen, heißt nicht „König“, sondern ist die Abkürzung für „Return on Investment“, also Anlagerendite. Die Analogie zu „König“ stimmt insofern, als RoI die Königsformel des Kapitalismus ist. Ohne eine in Aussicht stehende Kapitalrendite investiert kein Kapitalist der Welt in irgendetwas und je nach Höhe der Rendite ist er bereit, jedes Risiko, auch bei Strafe des eigenen Untergangs, einzugehen. Wie der RoI bei Nichts ist, lässt sich erst nach Abschluss unserer Campagne sagen.
Eine exclusive Vorab-Info hier für Sie, liebe Leserinnen: Die Campagne steht noch nicht in allen Details fest, aber es ist festgelegt, dass nach dem Gebiet der Ökonomie beim aktuellen Kick-Off als nächstes die Sphären der Kunst und der Politik mittels Interventionen auf die Funktion und Bedeutung von Nichts in ihren Bereichen untersucht werden.
Der erste Schritt dahin findet am 01. und 02.09.2018 statt im Rahmen von Zinnober, einem hannöverschen Event, bei dem Zuschauerinnen Künstlern dabei zusehen können, wie sie sich betrinken.
Nichts wird präsentiert bei den LindenerKunstWerke AG, Badenstedter Straße 48, 30453 Hannover.
Wie schwierig eine fundierte Auseinandersetzung mit Nichts ist, zeigt die Tatsache, dass die Philosophie bis heute nicht definieren kann, was Nichts ist. Hier sei nur an die Auseinandersetzung von Heidegger („Das Nichts nichtet“), Carnap und Max Horkheimer erinnert.
Bei der Auseinandersetzung kam wie erwartet Nichts rum, außer dass Adorno hinterher seinen bekannten Spruch zu seinem WG-Kumpel Horkheimer machte:
„Max, Du brauchst den HorkEimer heute nicht runter zu bringen, ist Nichts drin.“
Mit dem Nichts in der Politik wird es dann ab Winter 2018/19 völlig kompliziert.
Bleiben Sie drin, liebe Leserinnen, es lohnt sich!

09.08.2018 – Intervention: SCHUPPEN 68 füllt das Sommerloch mit Nichts


Die HAZ berichtet heute, unsere PM im O-Ton zitierend. Schön, weil man sich irgendwie verstanden fühlt. Hier als Bonusmaterial für treue Leserinnen die komplette PM SCHUPPEN 68 füllt Sommerloch mit Nichts_V1….

NICHTS. (Entwurf, Ausführung & Copyright: design@in-fluenz.de & H. Sievers)
Und wenn Sie mich während der Verkaufsaktion ansprechen, verspreche ich Ihnen eine besondere Aufmerksamkeit.
Angesichts solcher Artikel beschleichen mich manchmal Zweifel, ob mein Weg, der kein leichter war (wer denkt sich bloss solche Zeilen aus?), der richtige war. Ich bin für sicher ein gottverdammtes Marketinggenie. Vor Geld gibt es in unserer heutigen Mediengesellschaft eine Münze, die alles überstrahlt und zählt: Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist der Hebel zu Ruhm und Reichtum schlechthin und diesen Hebel setzen Sie durch Marketing in Bewegung.
Andere machen aus Scheiße Geld, das ist aber harte Arbeit. Ich mache aus Nichts das, was Geld toppt, nämlich mediale Aufmerksamkeit.
Die Sache hat nur einen Haken: Alle Marketing Genialität hat mir zumindest auf dem hier skizzierten Sektor noch nie auch nur einen roten Heller eingebracht (siehe auch der einzige Witze-Verleih der Welt, etc. pp.) Wäre ich nicht schon lange Millionär, hätte ich meine Fähigkeiten in der Werbe- oder Scheisshaus-Branche zum Beispiel eingesetzt?
Andererseits schleichen sich obige Zweifel immer sehr schnell wieder. Es muss auch Bereiche geben, die jenseits von Geld, Leistung, Wettbewerb liegen, Bereiche der reinen Freude, des immateriellen Luxus, der Ästhetik eines transzendenten und autonomen Kunstwerkes, zumal dann, wenn man es selbst geschaffen hat. Und letzteres funktioniert heutzutage nur in der medialen Dialektik. Der Medientheoretiker Marshall McLuhan hat mal gesagt (zumindest hoffe ich, dass er das gesagt hat): ein Ereignis, das nicht in Medien stattgefunden hat, hat überhaupt nicht stattgefunden. Das gilt natürlich auch für Kunst & Künstler. Die Frage: was ist Kunst? oder: Wer ist Künstler? beantwortet sich im 21. Jahrhundert von selbst. Die Zuschreibung durch die Medien definiert das Kunstwerk und benennt den Status „Künstler.“
„Oooch, finn ich aba Scheisse!“ sagen Sie jetzt?
Ich sage ja nicht, dass das gut so ist. Ich sage nur, dass es so ist.
Wir sehen uns.

08.08.2018 – Irgendwer muss ja das Geld für dieses Rumgesülze hier verdienen.


Das letzte besetzte Haus in Berlin, Linienstr. 206. Geräumt 2016.
Sämtliche besetzte Häuser in Berlin sind entweder geräumt oder unter unterschiedlichen Vorzeichen (Kauf durch Stiftungen o. ä.) legalisiert worden.
In den Achtzigern und Neunzigern gab es Hunderte besetzter Häuser in Berlin, bei deren Räumung es mitunter zu bürgerkriegsähnlichen Straßenschlachten kam.
Hintergrund Vergleich damals – heute:
1990 gab es drei Millionen Sozialwohnungen in Deutschland. Heute gibt es 1,2 Millionen, Tendenz weiter sinkend.
Heute gibt es ca. 800.000 Wohnungslose. Genaues weiß kein Mensch, es gibt darüber nicht eine einzige valide Statistik. Und das in einem Land, wo jede Gelbbauchunke eine Personalnummer besitzt. Wieviel Wohnungslose es 1990 auch nur annähernd gab, weiß ich nicht. Mit Sicherheit nur einen Bruchteil.
Weiter: die Armutsquote lag in den Neunziger bei ca. 11 Prozent, heute liegt sie bei 16 Prozent.
Also ist es nicht vermessen zu behaupten, dass die soziale Spaltung heute wesentlich tiefer ist als in den Neunzigern und die Wohnungssituation dramatischer. Trotzdem gibt es nicht ein einziges besetztes Haus in ganz Berlin.
Es ist ein wunderbar milder Morgen, ich war eben textilreduziert im Garten, die Wärme liegt sanft auf der Haut wie ein Seidenshirt, ein paar Vögel zwitschern hitzeermattet lustlos vor sich hin, die Brut ist aus dem Haus, die Katze träge, was soll man da groß zetern, zwei, drei Bienen torkeln ziellos in der Luft unterm japanischen Flieder umher, nichts liegt ferner als soziale Konflikte und Ursachenforschung. Aber die Geschichte mit den (nicht-) besetzten Häusern geht mir einfach nicht aus dem Kopf.
Wenn man Hausbesetzungen als eine Form sozialen Widerstandes betrachtet, gibt es einige soziologische Erklärungen für die hier extrem verkürzt geschilderten Entwicklungen (aber reichen die? Mir fehlt da irgendwas, schwer greifbares): In den 90ern waren Hausbesetzungen nicht nur Mittel zum Zweck (der Befriedigung des Wohnbedürfnisses), sondern auch Ausdruck und Strategie eines nennenswert vorhandenen linksradikalen Impulses gegen einen zunehmend durchökonomisierten Kapitalismus. Es gab Formen sozialer Bewegungen, aus denen Hausbesetzungen sowohl Personal als auch ideologische Referenzen bezogen: Reste der Arbeiterbewegung, Frauenbewegung, Ökobewegung, jeweils mit ihren radikalen Fraktionen.
Darüber hinaus, nicht zu vernachlässigen, gab es im linksliberalen Bürgertum Sympathisantinnen. Ohne die wäre z. B. eine Legalisierung der Hamburger Hafenstr. nicht möglich gewesen.
Das alles gibt es heute nicht mehr. Und insofern beschreibt der Zustand einer nicht vorhandenen Hausbesetzerszene pars pro toto den unserer Gesellschaft. Ihr sind nicht nur die linken, sondern auch die liberalen Impulse ausgegangen. Ermattet, wie von einer Hitze, hechelt sie, schon leicht agonisch wie ein kranker Hund, der am Boden liegt, einem Zwischenzustand entgegen, den ich mir jetzt lieber nicht vorstellen möchte, weil der Tag, siehe oben, einfach zu schön ist.

Hitze, gestern Mittag, Veranda in der Sonne, analog gemessen über 50 Grad.
Wir, liebe Leserinnen, wollen jetzt aber keine Analogien zwischen dem Klima und der Gesellschaft ziehen, siehe Hitzeermattung, am Horizont ziehen dunkle Wolken auf und es blitzt und donnert, etc. blabla. Das ist platter Symbolismus und in welchen literaturgeschichtlichen Genres der gerne verwendet wird, das ist das Thema unseres nächsten „Wort zum Sonntag“. Ich muss jetzt leider anfangen zu ackern.
Irgendwer muss ja das Geld für dieses Rumgesülze hier verdienen.

06.08.2018 – Rudolf Scharping auf Koks


04.08.2018, Außentemperatur auf meiner Veranda 47,3 Grad Celsius, in der Sonne gegen 13 Uhr. Um 14.53 Uhr war die Sonne da schon verschwunden und es herrschten angenehme 30 Grad. Innen 25 Grad. Wärmer wird es drinnen bei mir nie. Ich gehöre damit zu den Krisengewinnlern, wenn es zur Klimakatastrophe kommt und wir Temperaturen wie im Death Valley haben. Dann vermiete ich meine Bude stundenweise an Klima-Binnenflüchtlinge, arme Schweine, in deren Wohnungen unterm Dach das Wasser im Kochtopf von alleine anfängt zu sieden.
So schlimm wird es schon nicht werden. Und der Mensch hält viel aus. Ich habe hier in diesem Blog des Öfteren den beginnenden Untergang des Abendlandes beklagt, das Umweltmenetekel in düsteren Farben an die Wand der Zukunft gemalt, etc. pp. Wer sich die Bilder vom Smog und vom Verkehr in Asien anguckt, wo die Schadstoffbelastung in indischen Städten zehnmal höher ist als in Deutschland, der weiß, da ist noch Luft nach unten, bevor wir uns Partikelfilter in die Nasenlöcher prokeln.
Und was soziale Missstände angeht, auch für Angehörige des hiesigen Prekariats gilt: da können noch viele Löcher in die soziale Hängematte gefräst werden, bevor der freie Fall einsetzt. Und selbst, wenn der einsetzt, who cares? Wir haben eh eine strukturelle Waren-Überproduktion, wir brauchen die ganzen Konsumenten gar nicht, die gierigen Blicks an der Pforte des Konsumparadieses Schlange stehen und Einlass begehren. Das einzige Druckmittel, was sie hätten, eine anarchistische, kommunistische oder sozialdemokratische Bewegung (den Witz erklär ich gleich) wurde auf den Misthaufen der Geschichte entsorgt. Der hiesige Prekariatsprolet, gerne auch aus dem akademischen Mittelbau, kann sich ein Beispiel am osteuropäischen Wanderarbeiter in der niedersächsischen Fleischindustrie nehmen, der dort bis aufs Blut ausgebeutet wird.
Und trotzdem niemals aufbegehrt.
Aufbegehren tut der Elite-Wutbürger, im Schlepptau das Wählerstimmvieh aus den sozialen Brennpunkten, das erst brav sein Kreuz trägt und es dann bei den Neonazis der AfD macht. Aber auch da ist noch viel Luft nach unten, siehe Ungarn, USA, Türkei, etc. pp. Da geht das Leben auch weiter, lass Kassandra blöken soviel sie will (Meckern tun in der griechischen Mythologie und im altdeutschen Witz immer die Weiber).
Schlimmer geht immer. Schlimmere Musik als auf der Christopher Street Parade neulich in Berlin ist schlechterdings kaum vorstellbar. Aber der Sommer Hit des Jahres 2018 ist auch schon ziemlich Scheisse. Er kommt vom Duo Krude & Dumpfmeister und ist ein Remix der Partisanenhymne „Bella Ciao“ , laut Wikipedia „ … einer der Hymnen der anarchistischen, kommunistischen und sozialdemokratischen Bewegung …“ (Kein Witz, siehe oben).
Was sich wohl heutzutage junge Menschen, die vom Tuten keine Ahnung haben, unter einer sozialdemokratischen Bewegung vorstellen.? Selbst ich als maximal Mitteljunger, was sich wesentlich besser anhört als Mittelalter, habe da Schwierigkeiten. Was soll das sein, eine sozialdemokratische Bewegung? Ein furioser Massenagitator wie Olaf Scholz? Ein bewaffneter Gerhard Schröder auf Barrikaden? Ein Rudolf Scharping auf Koks? Ein tanzender Oskar Lafontaine? Das sind alles so surreale Vorstellungen …Man hält es mitunter im Kopf nicht aus. Was bleibt:

Wir basteln uns ein Hippie-Boot und segeln über den Horizont hinaus.

05.08.2018 – Woran zum Teufel liegt das?


Blaualgenalarm an meinem Kiesteich. Korrekterweise steht da: Keimbelastung, denn das sind keine Algen, sondern Cyanobakterien, die unter bestimmten Bedingungen wie Temperaturanstieg und Sauerstoffabfall Toxine produzieren. In Berlin sollen vor Jahren mal an einem See drei Hunde vermutlich an einem davon gestorben sein, nachdem sie im See geschlabbert hatten. Das ist bedauerlich und Kinder sollten in solchen Gewässern auch nicht rumplantschen. Ich selber hatte mal einen Sommer lang eine allergische Hautreaktion auf Blaualgen, meine Haut juckte ein paar Minuten lang nach dem Schwimmen. Ansonsten schwimme ich dort natürlich weiterhin und sage mir dabei, wie im richtigen Leben: Kopf hoch. Und nicht schlucken, besser Augen zu und hinterher Duschen. „Augen zu“ sage ich im richtigen Leben natürlich nicht, im Gegenteil. Augen auf im Verkehr ist die Devise.
Aber die grundsätzliche Wirkung dieses Schildes und des rotweißen Flatterbandes (crime scene!) hat mich doch verblüfft. Nicht nur, dass in dem ganzen Teich praktisch niemand mehr schwimmt, es liegt auch, bis auf ein paar Leute, die vermutlich da wohnen, niemand mehr da. Woran liegt das?
Am Begriff „Verbot“ und der Obrigkeitstreue des hiesigen Nacktpaddlers? Ist der gemeine Anhänger des Sonnenanbeter-Kults autoritätsfixierter als der textile Taucher?
Am Flatterband, das, wo immer im TV oder Kino Mord und Totschlag stattfindet, zur dramaturgischen Grundausstattung gehört, und sich mittlerweile als Reizauslöser so in die Gene der Zuschauerinnen eingefräst hat, dass der bloße Anblick quasi-Pawlowsche Reflexe auslöst: „Achtung, hier droht Tod! Fluchtreflex einschalten!“?
Oder am Begriff „Keim“? Ähnlich wie beim Begriff „Strahlung“ herrscht vor Keimen in Teilen der Bevölkerung eine mitunter ins Hysterische lappende paranoide Panik. Man schaue sich nur die Batterien von Desinfektionsmitteln in den Drogeriemärkten an, die zwei Funktionen besitzen: sie füllen den Procter & Gamble, Beiersdorf et. al. die Kassen und senken die Resilienz bei den Anwenderinnen und deren Brut. Was um Dreckes Willen fällt in einem normalen Haushalt an Befleckung an, was sich nicht zuverlässig und billig mit Essig beseitigen ließe?
Ich wäre gespannt auf den Versuch, an ähnlichem Ort ähnliche Bedingungen zu schaffen, mit einem Unterschied:
statt des Begriffs „Keimbelastung“ steht dann der Begriff „Blaualgenbelastung“ da. (Dritte Version: das Flatterband fehlt.)
Würde das Szenario dann anders aussehen?
So aber bin ich nicht nur für dieses Wochenende mit der alles überwölbenden Frage belastet, die wir, und das ist die Moral dieser drolligen Geschichte, auf so viele aktuelle politische Entwicklungen anwenden können: Woran zum Teufel liegt das, dass sich die Menschen so verhalten, wie sie sich verhalten?

2009 hängte ich diesen Ast-Abbruch Erlass an nämlichem Kiesteich aus, der das Tragen von Helmen dort vorschrieb.

Die Presse berichtete darüber.
Meine Hoffnung, dass dort zukünftig lauter Nackte mit Helmen lägen, trog. Außer ein paar empörten Diskussionen darüber, was die in Brüssel sich immer so ausheckten, passierte nichts. Besteht also Anlass zur Hoffnung?
Ich halte Sie, liebe Leserinnen, auf dem Laufenden und wünsche Ihnen allzeit ein kühles Bad in diesen Tagen.

02.08.2018 – Auf der Trebühne


Keine Flaschen mit auf die Trebühne nehmen.
Die Rechtschreibreform hatte Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch. Mich hat die selten berührt. Ob Schifffahrt nun mit sechs f geschrieben wird oder der erweiterte Ablativ mit Doppelsemikolon abgetrennt wird, darüber sollen kleine Geister entscheiden. Für Korrekturen ist bei mir der Praktikant zuständig oder ein entsprechender Bot. Ich halte es mit dem Geheimrat, dem es eher darauf ankam, dass die Leser*innen verstehen, was gemeint ist.
Spannend an der Sprachentwicklung finde ich grundsätzliche strukturelle Veränderungen. Also wo zum Beispiel qua Sprache Macht ausgeübt und tradiert wird und wie die Gesellschaft darauf reagiert, siehe Gender-Sprache. Auch hier bin ich Avantgarde, das diskutiere ich nicht mehr. Vor allem deshalb, weil für wache Geister die Reise eh klar ist: in Wissenschaft, Verbandsinternem Verkehr (eine erregende Formulierung) und Publikationen hat sich das „*“ durchgesetzt, das feminine Binnenmajuskel, das ich früher benutzte, stirbt aus. Es ist also klar, wie die alten weissen (nicht: weisen!) Duden-Männer irgendwann entscheiden.
Spannend finde ich auch die Entwicklung von Sprache als Bedeutungsträger über die zweidimensionale Ebene der Buchstaben hinaus und ihren Wandel im Blick auf ihre veränderte mediale Eingebundenheit Also zum Beispiel die Einbindung von Icons auf bestimmten Ebenen jenseits des Behördenverkehrs. Oder wie komprimiere ich Inhalte auf der Ebene der sozialen Medien. Es gab ja mal zu Zeiten der seligen SMS Schreibwettbewerbe für Geschichten mit maximal 160 Zeichen.
Die Frage, was die hier skizzierten Veränderungen für gesellschaftliche Funktionen haben, finde ich spannend. Was die Duden-Nachtmützen vor sich hinschnorcheln eher nicht.

01.08.2018 – Perverse Gelüste


Riecht wie am Mittelmeer und fühlt sich auch so an: Nadelwald im Berliner Raum. Die sandige Gegend hiess nicht umsonst „Streusandbüchse der Nation“ und mein Rucksack wird noch lange die sandigen Hinterlassenschaften der dortigen Badeseen von sich geben. Der Geruch nach Kiefer, Harz, Wärme und die Zehen im Sand: Mallorca oder Korfu? Egal, Hauptsache Müggelsee!
Die Hitze lässt Gedanken mäandern,Assoziationen fließen. Und weckt perverse Gelüste. Gestern Abend nach dem Duschen überfiel mich Heißhunger auf den „Griechen“. Vermutlich jede Menge Mineralien-Verluste beim Schwitzen. Ein ähnliches Phänomen wie früher nach einem Kater. Aber zum Griechen? Wann hat Ihnen das letzte Mal jemand vorgeschlagen, zum Griechen zu gehen? Vor dem Krieg vermutlich. Grieche ist ziemlich pervers.
Aber warum soll man nicht mal abartig sein, so richtig böse. Wenn schon, denn schon, ich bestellte mir also einen Mix Teller mit Gyros, Suflaki , so Zeug halt.
Die Fleisch-Berge raubten mir den Atem. Bei dem Wetter habe ich mich bisher von Obst, Salat und Joghurt und sowas ernährt.
Was da auf dem Teller lag, war tendenziell meine Monatsration Fleisch.
Mit Hilfe von Ouzo kämpfte ich mich wacker da durch. Der Kellner hatte vorher schon durch entwaffnende Ehrlichkeit gewonnen:
„Das Essen dauert ein paar Minuten länger, der Koch hat’s verbrannt.“
Mir gefiel sowohl die Art wie auch das Essen. Pappsatt und leicht breit hing ich im Stuhl und Erinnerungen nach. An früher natürlich, an die Gegenwart muss ich mich ja nicht erinnern. Warum nicht öfter mal zum Griechen? Ich mache ja auch Polaroid Fotos und höre Tonband Cassetten. Stilprägende Avantgarde von Heute bedeutet unter anderem den mutigen Rückgriff auf das Gestern. Sudanese, Tibeter, Mongole sind was für Hipster-Spießer. Der Avantgardist und Dandy geht nur noch zum Griechen.
Herr Ober, bitte noch einen Ouzo!

31.07.2018 – Kann man Hitze sichtbar machen?


Kann man Hitze sehen? Berlin Mitte, Sonntag, Menschenleer. Touris flüchten in Museen, Eingeborene an Badeseen,ich als Intermediärer pendele zwischen Beiden, dankbar für U-Bahn Schächte. U-Bahn mit Rad klappt besser als gedacht. Berlin ist eine arme Kommune, U-Bahn Schächte als kostenpflichtige Kühlstationen wären doch eine zukünftige Einnahme-Quelle, wenn es noch heisser wird. Und da ist noch reichlich heisse Luft nach oben, die Hitze-Europarekorde liegen in Kreta und Portugal bei 48 Grad. Wir mit unseren lächerlichen 36 Grad für heute sollen da mal mit dem Fächer nicht so wild wedeln.
Vor jede U-Bahn Station ein Kassenhäuschen mit einem Flüchtling, die sind Hitze gewohnt und haben gleich einen krisensicheren Job, Klima-Katastrophe hat Zukunft. Eintritt gestaffelt nach Temperatur und Dauer, Arbeitslose und Rentner das Doppelte. Das löst das Rentenproblem (Rente? Only for the fittest!) und macht den Arbeitslosen Beine, da lohnt es sich doch doppelt, drei 450 Euro Jobs bei McDonald’s und Burger King anzunehmen.
Natürlich gehört dieses Mordsgeschäft in private Trägerschaft und ich sollte mir die Idee patentieren lassen. Auch ich muss letztlich sehen,wie ich mit dem Arsch an die Wand komme, wenn ich es nicht mache, macht’s ein anderer, und ich kann schließlich nichts dafür, dass die Verhältnisse nun mal so sind, wie sie sind.
Nach soviel Ökonomie und Ethik zur Kultur. Kultur beruhigt die Nerven, jeder mag Kultur, Kultur ist einfach prima. Mein Tipp für heute: Die Ausstellung „Europa und das Meer “ im Deutschen Historischen Museum. Da ist es nicht nur angenehm temperiert, sondern in den Bildern ist bestimmt viel blau, das wirkt zusätzlich kühlend.

Die Nacht und das Wasser der Springbrunnen fächelten mir Kühlung zu. Verweile, schöner Moment, und sei mir Freund für eine Zeit.

29.07.2018 – Christopher Street Day oder das gleiche Recht für Schwule und Ausländer, sich wie alle Anderen zum Affen zu machen


Fangen wir mit dem Ausländer an.
Anfangs war ich auf der Parade zum Christopher Street Day froh, mal nicht auf einer Massenveranstaltung mit Nationalfarben und Fahnen belästigt zu werden. Und dann kommt diese überassimilierte Ausländer-Wurst mit diesem Nationalbaldachin. Als ob Identifikation mit dem Aggressor schon jemals geholfen hätte.
Da wollten die Organisator*innen der Parade nicht hintanstehen:

Süsse Spezialitäten. Wagen der Deutschen Bank auf der Parade.
Der Kampf von Minderheiten, auch sexueller Orientierungen, um Gleichberechtigung ist immer ein politischer. Bei sowas auf die Kumpanei der Deutschen Bank zu setzen,die eine mafiaähnliche kriminelle Vereinigung bildet, heisst allen anderen Minderheiten in den Rücken zu fallen. Und so sah jeder zweite Wagen aus. Der groteske Höhepunkt:

Zalando: Mein Körper, meine Identität, mein Leben.
Liest denn da niemand mal Wirkungskontrolle bei den Wagen?
Schrei vor Glück
Bei Konsum und beim Fick?
Die ganze Parade war so schwerstkategorial peinlich, dass ich Hirnsausen bekam. Die Wagen sahen alle gleich aus, die Musik war erbärmlicher und einfältiger als Ernst Mosch und die Egerländer und alle 500.000 Teilnehmer*innen hatten gelbe Hüte auf und waren in Regenbogenfarbene Fahnen gehüllt.
Es war alles so peinlich, dass ich im Tiergarten auf die Knie sank und wie folgt betete:“Liebe Göttin, wenn es dich gibt und du irgendwie antikapitalistisch und kritisch bist, setz diesem Unfug ein Ende!“
Was soll ich sagen. Sofort zogen Gewitterwolken auf, später zuckten Blitze und ein Wolkenbruch prasselte hernieder. Die Party nach der Parade wurde abgesagt.
Zum Schluss das Positive: die Parade strahlte eine friedliche Athmosphäre aus und machte einen erfreulicheren Eindruck als die Aufmärsche vor Fussballstadien- und Kneipen.
Einen unerfreulichen Eindruck als letztere machten allerdings lediglich Hitlers Truppen beim Einmarsch in Polen.

28.07.2018 – Ich bin wie der Mars


Mars, gerade nicht zu sehen.
Gestern war der Mars da, wo ich immer bin: in Opposition. Natürlich bin ich das aus Überzeugung und nicht, wie der Mars, von Himmelskräften getrieben. Und natürlich bin ich nicht in Opposition gegen die bürgerliche Gesellschaft, wie Milliarden Post-68 Kasperinnen, sondern in Opposition zum Rest, vulgo Mob.Vielmehr bin ich vehementer Verteidiger der zivilisatorischen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft, deren es ebenso viele gibt, wie der ihr innewohnenden zerstörerischen Elemente. Schliesslich ist der Mob ein Kind des Bürgertums.
Aber unter uns Pfarrerstöchtern und bitte sagen Sie, liebe Leserinnen, es nicht weiter: am innigsten bin ich aus marxistischen Gründen in Opposition. In dem Fall bezogen auf Groucho Marx, der vormals so schön sang:
Whatever it is, I am against it.

Haus der Kulturen der Welt, gestern beim Anti-Brexit Open Air Festival. Das bezauberndste Veranstaltungsort-Ensemble, das ich kenne.
Von da hat man tollen Blick auf Kanzleramt, Reichstag – und Mondfinsternis. Wobei mir die Sehnsucht nach den Sternen nicht ganz geheuer ist. Hier unten gibt’s genug zu tun und sitzt bei den Fernsehnsüchtigen das Trauma ihrer Geburt so tief, dass sie so ausserirdisch weit weg wollen?
Schönes Wort zum Sonntag, liebe Gemeinde, und ja, gegen den Brexit bin ich auch. Irgendwie. Aber mehr, weil für den sind die Uncoolen, die Idioten, die Tories. Dieses Geschrei nach grenzenlosem Freihandel hierzulande ist pure neoliberale Ideologie. Freihandel kann tödlich sein. Was meinen Sie, woher die ganzen Flüchtlinge kommen? Aus Ländern Afrikas z. B., in denen der von uns dort durchgesetzte Freihandel die örtliche kleinteilige Erwerbsstruktur zerstört hat.
Nun aber, Schwestern, zur Sonne, zur Freiheit.
Ab an den Wannsee.