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09.07.2018 – Ist das weg oder kann das Kunst?


Aus der großartigen Ausstellung „Die Schönheit der grossen Stadt“ mit Berliner Bildern der letzten 150 Jahre im Ephraim Palais. Nicht nur ganz verschiedene Innen- und Aussenansichten von Berlin im Wandel der Zeit, die auch prototypisch für den sich ändernden Stadtraum grundsätzlich stehen, sondern auch ein schöner Überblick der Stilrichtungen der klassischen Moderne und ihrer Vorläufer. Sehr gut auch die Infotafeln neben den Bildern:

Grunddaten und immer ein, zwei präzise erklärende Sätze (hier zu Bild oben).
Ein wohltuender Unterschied zur dummen und arroganten Unsitte in manchen Ausstellungsräumen, in denen nichts hängt, kein Datum, kein Name, nichts. Dort kann es passieren, dass ich meinem Unmut über derlei Unprofessionalität mit lauten und prononcierten Worten Ausdruck verleihe. Ich hasse es, wenn man mir Zeit raubt.

Der überaus ansehnliche und in jeder Beziehung preisenswerte Ephraim Palast hat sich dem verpflichtet, was wir alle lieben, der Schönheit, und sollte unbedingt bei ihrem nächsten Berlin Besuch auf der Agenda stehen.
Und wo bleibt in diesem Blogeintrag das Politische?
Es gibt kaum etwas politischeres als die Auseinandersetzung um die und mit der Ästhetik.
Zum Schluss das Wetter. Aussichten für Regen heute: 0.

08.07.2018 – Der Wüstenplanet


Greenpeace-Aktivisten hatten Ende Juni die Straßen rund um die Berliner Siegessäule mit gelber Farbe so gefärbt, dass der Verkehrsknotenpunkt aus der Luft wie eine Sonne aussah. Insofern ist mein Foto eine rare Perspektive, weil es den Blick auf den Fernseh-Turm mit Farbresten zeigt, die an ein abstraktes Gemälde aus den Fünfzigern erinnert. Abstrakt war damals die vorherrschende Kunstrichtung, nannte sich Informel und war durch zwei Dinge gekennzeichnet: durch den Spruch von Frieda Normalverbraucherin beim Anblick eines solchen Bildes: Das kann mein Neffe aus der vierten Klasse auch.
Und durch die Unfähigkeit der Pinselquäler, sich künstlerisch und politisch mit dem gerade zurückliegenden Faschismus auseinanderzusetzen. Sozusagen in Öl gegossene Feigheit. Wir mussten ja damals aufbauen und da waren Störungen nicht erwünscht. Höchstens kleinere Verstörungen, siehe Frieda.
Heute bauen wir ab, und zwar gleich einen ganzen Planeten, und da ist eh alles egal.
Ob da Pinselquäler stören wollen, was explizit nicht der Fall ist, oder in Kassel fällt ne Leinwand von der Documenta Wand, das läuft auf das Gleiche raus. Es juckt niemanden. Oder können Sie sich noch an ein Kunstwerk der letzten Documenta erinnern, an einen Diskurs, den die hervorgerufen hat?
Was bleibt, ist meine kindliche Freude an einem gelungenen Schnappschuss und die Spannung darauf, ob es tatsächlich in den nächsten Tagen regnet. Ich weiss garnicht mehr, wie sich Regen anfühlt. Dafür sind Leute in anderen Regionen in sintflutartigen Sturzbächen ersoffen.
Es gab mal einen Hippie Science-Fiction Roman „Der Wüstenplanet“, verquastes, Drogengeschwängertes Geschwafel, der auch verfilmt wurde, mit Sting, glaube ich. Wir sind gerade bei der Umsetzung von Teil 2: Wüstenplanet BRD.
Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, liebe Leserinnen, aber ich finde es spannend, in einem Film, einem Blockbuster mit 80 Millionen Zuschauerinnen, mitzuwirken.

07.07.2018 – Licht und Schatten


U-Bahnhof Hallesches Tor, Berlin.
In diesem Betonmoloch Berlin ist die sonnendurchglühte Hitze mitunter so unangenehm, dass ich vor dem Durchqueren von Sonnenzonen kurz in der Schattendeckung verharre, vor allem an Ampeln, und Ausschau nach dem besten Weg ins nächste Schattenloch halte, gleich einer „Under Fire“ Szene, in der man Haken schlägt vor Scharfschützen auf dem Dach.
Ein bescheuerter Vergleich, aber die Hitze drängt mitunter nicht nur flirrende Bilder in die Phantasie, sondern auch peinliche.
Sie produziert aber auch Gefühle, die das Gemüt schweben lassen, unplanbare, intensive Momente, die so nur im Sommer in der Großstadt möglich sind. Wenn man nicht gerade auf einer schattenlosen Kreuzung Teer kochen muss für Asphaltarbeiten.
Ich wartete in der Adalbertstr. im tiefsten Kreuzberger Kiez auf einen Bus, der mich nächtens nach anstrengend schönem Tag in meine Homebase schaukeln sollte, fluchend, weil er nicht kam und ich keine Verkehrsbetriebe App installiert hatte, zur Info. Irgendwann schickte ich mich drein und sog die Athmosphäre dort auf, von den endlosen kleinen abgerockten Kneipen, bedächtige Flaneure, eine kleine Galerie mit Vernissage-Trinkern davor, auf Schüttgutkästen hockten Bierflaschenkonsumenten, alles umfangen von einer fröhlich-melancholischen Beschaulichkeit und getragen von Milde .
Das Gleiche bei Nieselregen und Frost im Dezember und ich hätte mich an die nächste Strassenlaterne gehängt, die hier teilweise alten Modellen der Vorkriegszeit nachempfunden sind.
So aber genoss ich, still, vergnügt und kostenfrei.
Laut,fröhlich und kostenintensiv genoss ich gestern den Sieg der Belgier bei der WM im Imbiss unten in meiner Homebase. Der einzige Imbiss, den es dort gibt, sind diverse Biere und Kurze, dafür eine Luft zum Schneiden, weil jeder dort ununterbrochen raucht, selbst die, die das schon ein Bein gekostet hat. Die Kommentare zu Neymars Schauspieleinlagen sind nicht mal ansatzweise zitierfähig . Auch meine. Ich kann den Kerl nicht leiden, ein Schicksal, das er mit fast allen Fußballern teilt, eine Kaste gehirnamputierter Vollidioten. Ich aber, der ich vor Zeiten schon eine Wette auf Belgien platziert hatte für eine 6,5er Quote und darauf einen ausgab, gelte bei meinen neuen Kumpels als Wettgott. Ich liebe diesen Scheiss-Sommer. Und wünschen Ihnen, geschätzte Leserinnen, ähnliche Glücksgefühle.

04.07.2018 – Atomkraftgegner überwintern bei Dunkelheit mit kaltem Hintern


Atomkraft Nein Danke. Direkt gegenüber von meiner Homebase am Park Gleisdreieck in Kreuzberg strebt diese Neubausiedlung ihrer Vollendung entgegen, an der ein wackerer Alternativling seinen Gesinnungslappen hat raushängen lassen. Ich bin ja auch gegen die böse Atomkraft und sogar der Ami steigt da jetzt aus. Zu teuer. Der Ami heizt dann mit Kohle. Das ist eine gute Nachricht für die Kälte gebeutelten Lappen, dann kriegen die auch so ein Klima, wie wir es jetzt schon zunehmend haben: heisse Tage, kalte Nächte. Das ist neu, früher hatten wir lauwarme Sommernächte, das heisst, für die armen Schweine, die nach Süden oder unterm Dach wohnten, gab es auch nachts keine Erholung. Das ändert sich gerade radikal. Man nennt das Wüstenklima.

Verbranntes Gras. Ein schrecklicher Anblick.Hätte ich den Bauch aus Datenschutz und Gründen der Würde nicht aufnehmen dürfen? Wer seine Umwelt so scham- und würdelos in der Öffentlichkeit mit so einem Anblick belästigt,hat es ganz sicher verdient, in meinem Blog gewürdigt zu werden. Den Anblick des verbrannten Rasens finde ich allerdings noch bedenklicher. Es gibt in Berlin keinen einzigen öffentlichen grünen Grashalm mehr. Wir hinterlassen im wahren Sinn verbrannte Erde.
Die Neubau Siedlung oben ist übrigens eine genossenschaftliche. Die Kaltmiete beträgt 12 Euro pro Quadratmeter. Was die wenigen verbliebenen Einkommensschwachen in diesem sehr angesagten Kiez,die noch mit Mieten von 5 Euro gesegnet sind, in helle und berechtigte Panik versetzt. Ein Eigentümer-Wechsel ihrer Häuser, Ruck zuck, kommt ein Balkon an die Wohnung, energetische Sanierung, und schon finden sie sich in Marzahn wieder, weil, wer kann sich schon genossenschaftliche 12 Euro pro qm leisten?
Ausser unserem Anti-Atom-Alternativling, der, als er seine Fahne in den Kreuzberger Wind hängte, sicher bedacht hat, dass alle Politik, so auch die Klimapolitik, Ausdruck eines Kapitalverhältnisses ist und nicht Ergebnis einer Selbsthilfegruppensitzung.

03.07.2018 – Die Verhältnisse kann man in der Pfeife rauchen


Die Verhältnisse kann man in der Pfeife rauchen.
Von den Top-Favoriten bei der WM sind nur noch Brasilien und Frankreich dabei,aus der zweiten Reihe Belgien und England. Meine Final-Wette Spanien gegen Frankreich ist unter der sengenden Sonne der Realität wie Butter geschmolzen.
Nun muss es also Belgien für mich richten, mit einer Quote von 6,5. Wenn die jetzt noch drei Spiele hinlegen wie gestern die Zitterpartie gegen den Japaner mit dem Siegtor 12 Sekunden vor Schluss brauche ich jede Menge Beruhigungstee. Von der Marke Portwein am besten. Der derzeitige Portweindealer meines Vertrauens hat auch auf Belgien gewettet, mit der überaus sympathischen Begründung:
„Die sind ein Völkergemisch und nicht so nationalistisch drauf wie andere.“
Wohl war. Zum Kotzen zum Beispiel die Beute-Albaner von der Schweiz mit ihrer provokativen Adlergeste, als Symbol eines imaginierten Grossalbanien, beim Torjubel, was der dulle TV Reporter übrigens nicht kapierte. Fußball Menschen zeichnen sich in der Regel durch überdurchschnittliche Dummheit aus. Zum Kotzen auch die militärischen Grussgesten russischer Spieler beim Torjubel. Hoffentlich fliegen letztgenannte Nationen bald 8kantig raus.
Rausfliegen mögen bitte auch solche Kasper-Gestalten wie Seehofer, der maximal noch ein Tümpelhofer ist, und Söder aus meinem Wahrnehmungsradar. Diese Reserve Micky Mäuse sind ja leider nicht nur dilettantische Witzfiguren, was das politische Handwerk angeht, sie haben unter dem Druck der zunehmend neofaschistischen AfD den Flüchtlings-Diskurs so weit ins Inhumane verschoben, dass „wir“ als nächstes über Schiessbefehle an Europas Mauern auf Flüchtlinge diskutieren.
Solche Erosionen vormals annährend ziviler Verhältnisse lassen in mir die Sehnsucht nach der Mutter aller Mauern immer tiefer werden: der, die uns die Ostzone vom Leib gehalten hat.
Mit deren Fall fing der ganze Kladderadatsch an. Aber das ist ein weites Feld. Ich bin gerade vor ganz anderen Herausforderungen. Mir steht der Besuch meiner beiden Lieblingsneffen an. Bei über 30 Grad den Bärenführer in Berlin zu machen für junge Erlebnishungrige fordert den ganzen Mann und das nicht nur über 90 Minuten wie bei den Laumännern vom Fussball. Aber es gibt Herausforderungen, denen stellt man sich mit Freude. Das Dictum, die Jugend tauge nichts, gilt für meine Neffen nämlich nicht nur nicht, sondern ganz im Gegenteil. Die einzige Sorge, die ich habe, sie mögen nicht zuviel von meiner Art annehmen.
Aber sonst: reine Sonnenscheine ?

02.07.2018 – Fürchtet euch nicht.


Und ich sprach zum Herrn: „Fürchte dich nicht, denn siehe, ich bin bei dir bis zum Ende aller Tage.“
Zumindest bis zum Ende der durchaus zauberhaften Ausstellung im Schloss Britz in Berlin. In dieser Ausstellungen sind ikonische Werke der Kunstgeschichte so reproduziert, dass man in ihnen mit ihnen interagieren kann. Ein Heiden-(!)Spass für Kinder und Gemüter wie mich.
Angesichts des fortschreitenden Zerbröselns bürgerlicher Massverhältnisse in unserer Gesellschaft, zu denen auch, aber nicht nur, das Politische zählt, könnte bei der Frage: und was folgt dem? schon Beklemmung aufkommen. Wenn man sieht, wie ein paar durchgeknallte Seehoferistas sich anschicken, die bürgerliche Urbastion mit der nicht unsympathischen Kanzlerin zu zerlegen,fällt einem unwillkürlich die Therapieforderung ein:
Drogen für alle!
Verrückte Verhältnisse und wie meist und auf dem Bild: Männergeschichten.
Wahrlich, wahrlich ich aber sage euch:
Fürchtet euch nicht. Schnappt euch euer Surfbrett und gleitet auf einer Welle voller Ästhetik, Geschmack und Savoir vivre einer Zukunft ohne Angst und Schrecken entgegen!

Amen.

28.06.2018 – Der Lohn des Cosmopoliten für seine Verachtung der Vaterlandsliebe beträgt das 20fache seines Einsatzes


Eigentlich hätte ich allen Grund zu tanzen. Gestern ging meine Wette in Erfüllung, dass die Ostgoten aus dem WM Turnier fliegen. Der Lohn des Cosmopoliten für seine Verachtung der Vaterlandsliebe beträgt das 20fache seines Einsatzes.
Eine Beschäftigung mit Fußball verbietet sich für Menschen von Welt und mit Niveau unter allen Umständen, es ist vollkommen inakzeptabel. Es bedarf nur der Erwähnung, dass ein Teil des Ostgoten-Teams der sogenannten Bling-Bling Fraktion angehören soll.
Dahinter muss man nicht mehr argumentieren und ich schäme mich dafür, dass ich sowas überhaut weiss.
Es gibt eine Ausnahme bei diesem kategorialen Beschäftigungsverbot: Das Wetten. Der Dandy wettet unter allen Umständen auf alles und jedes – wünschen Sie, liebe Leserinnen, mir z. B. einen „Guten Tag“, halte ich sofort 3:1 dagegen, dass er schlecht wird – er riskiert dabei auch Haus und Hof, siehe auch beim Urvater aller Dandys Beau Brummel.
So dämlich bin ich natürlich nicht, aber für einen prickelnden Einsatz gerne zu haben, und erst recht, wenn es gegen den Rest der Welt und die Ostgoten geht, es also jede Menge sozialer Distinktion einzusammeln gilt. Sollte jetzt noch das Endspiel lauten Spanien gegen Frankreich (20facher Einsatz), muss man sich mich als glücklichen Menschen vorstellen, der die Portweinkorken knallen lassen wird.
Was mir an dem Bild oben im Nachhinein auffiel ist der Schriftzug „Young Wild & Free“ über meinem Kopf. Das fand ich so putzig, dass ich das Bild in mein Online Archiv hier packe, obwohl ich es noch nicht photogeshoppt habe. Das ist das Faszinierende an Fotos, dass sie oft Geschichten erzählen, die erst im Nachhinein auffallen und die so garnicht beabsichtigt waren. Fotos von vor 20, 30 Jahren erzählen mitunter Geschichten, die den Auslöser völlig vergessen machen. Ich bin ein unbedingter Anhänger der Theorie, dass zeitgenössisches Schreiben und alle Kulturproduktion überhaupt ohne Bildproduktion und die Verarbeitung medialer Bildwelten nicht möglich ist. Anders fällt man noch hinter den Realismus des 19. Jahrhunderts zurück.
Normalerweise hätte ich dieses furchtbare Doppelkinn oben wegretuschiert. Ein Dandy hat kein Doppelkinn, unter keinen Umständen.
Beruhigender Weise gibt es in Kreuzberg jede Menge Botoxpraxen. Forever Young.
Wild and Free nicht zu vergessen.
In dem Sinne, liebe Leserinnen, wünsche ich Ihnen wilde und freie Sommertage, und mir, das ich heute endlich mal wieder zu meinem Mittagsschlaf komme.

26.06.2018 -Kulturtipps: Terry & Ted


Alltagskultur. Alt-Marzahn.
Gestern Kontrastprogramm: Erst Lektüre von Terry Eagletons „Kultur“ . Für mich ist Kultur eine der letzten verbindenden Klammern unserer zusehends erodierenden Gesellschaft. Einen Begriff von „Kultur“ hat jede, ein Begriff wie Solidarität ist entweder völlig konträr aufgeladen oder verschwindet einfach aus dem Diskurs. Eagleton relativiert die zivilgesellschaftliche Begeisterung über „Kultur“ allerdings und stellt den Begriff vom Kopf auf die Füße, ohne soziale An- und Einbindung ist nicht nur alle Kultur für ihn nichts, sondern kann im Extremfall auch den Marsch in die Barbarei flankieren. In einem Kapitel über Edmund Burke streift er auch die von mir so geschätzte Figur des Dandys, wenn er Burke zitiert: „Manieren sind wichtiger als Gesetze. Auf ihnen beruht das Recht in hohem Maße. … Sie verleihen unserem Leben Form und Farbe.“ (Manieren sind hier allerdings als „Kultur“ zu verstehen, die für Burke grundlegender ist als Recht und Gesetz). 100 Jahre später hat Antonio Gramsci das aus marxistischer Sicht (Burke gilt als Begründer des Konservatismus) als „kulturelle Hegemonie“ analysiert: nicht allein ökonomische Zwänge sind das Fundament bürgerlicher Herrschaft, vielmehr ist sie begründet in der Gesamtheit ihrer Ideen, Ideologien, kulturellen Äußerungen. Nur wenn man das begreift, versteht man, warum unsere Verhältnisse zur Zeit so absolut unveränderbar, quasi zementiert erscheinen. Was Eagletons Buch vollends zum Genuss macht, ist sein Stil. Begnadet & undeutsch, ich muss bei der Lektüre oft laut lachen. Was Erkenntnis extrem befördert.
6 von 5 möglichen Sternen.
Anschließend durfte ich beim Konsum eines Films ebenfalls laut und oft lachen: „Ted 2“, eine Hollywood Komödie über einen menschlichen Teddybären, im Niveau so flach wie Ostfriesland, obszön und ordinär bis zum Anschlag, ein, zweimal hat es mich sogar geekelt, was eher selten vorkommt, eigentlich nur beim Anblick von bestimmten Politikern, und ein Drogenhumor, bei dem man vom Zusehen schon stoned wurde, sowas kann man sich als Drehbuchautor nur bekifft mit einer Horde Kumpels ausdenken.
4 von 5 möglichen Sternen.
Wer will, kann in den Film auf der Metaebene Bedeutungen reinfriemeln. Ich will’s nicht und kann Ihnen, liebe Leserinnen, den Film nur empfehlen, vor allem dann, wenn Sie wissen wollen, wie Männer humormässig und auch sonst ticken.
Sollte ich in meinem Leben jemals einen Vortrag über Gramscis Begriff der kulturellen Hegemonie halten müssen, würde ich ihn mit Bildern aus „Ted 2“ illustrieren.
Dazu wird es nicht kommen. Meine Lebensplanung sieht anders aus.

25.06.2018 – Während mir die Sintflut


Entwurzelt. Baum nach Sturm Oktober 2017, Körnerpark Berlin Neukölln.

Der gleiche Baum als Kunstwerk in einer Ausstellung über Flucht und Migration in der Galerie Körnerpark, Juni 2018.
Kurz bevor ich im Oktober 2017 den Körnerpark aufsuchte, hebelte ein Orkan den über 15 Meter hohen ausgewachsenen Baum aus dem Boden. Der Bahnverkehr war wegen des Orkans bundesweit unterbrochen, von Berlin aus fuhr kein ICE mehr. Weil ich zu einem Termin in Hannover musste, machte ich mich auf eine abenteuerliche Reise über die Dörfer durch die Ostzone, die den ganzen Tag dauerte, mit x-mal Umsteigen. Die Reise erinnerte mich gegen Ende an den John Ford Klassiker „Stagecoach“ .
Ich bin der Überzeugung, dass unsere Art des Wirtschaftens dem Planeten über den Jordan hilft. Analog dazu nähert sich nach meiner Meinung die politische Verfasstheit der Gesellschaft, in der ich sozialisiert wurde, durch das Handeln ihrer Mitglieder ihrem Ende. Was nach diesem Ende – und nach dem erwähnten Jordan – kommt, weiß ich nicht. Es ist mir auch ziemlich egal. Ich tue, was ich kann, damit es nicht soweit kommt. Was nicht viel ist, positive Ansätze in meiner Öko-Bilanz werden durch Flugreisen derartig konterkariert, dass ich mich als Ankläger in Sachen Öko denkbar schlecht eigne. Also halte ich den Ball flach und fröne dem Motto: Nach mir die Sintflut.
Was aber offensichtlich immer weniger hinhaut, siehe Orkane etc. Nicht, dass ich Angst hätte, mir würde so ein Baum auf die Mütze prasseln. Aber wenn ich noch wie meine Vorfahren der Agrarökonomie nachgehen würde, könnte ich mir nach der aktuellen Trockenperiode, deren Ende nicht abzusehen ist, die Kreditkugel geben. Letztes Jahr hat der Hagel den Weizen niedergemetzelt, dieses Jahr hat der späte bittere Frost die Obstblüte vernichtet und beinahe meinem Olivenbaum im Garten den Garaus gemacht. Also die Wetterverschiebung infolge des Klimawandels nagt sich schon von den Rändern meines Alltagsdenkens zur Mitte hin durch und hinterlässt Sedimente in meinen Bewusstseinsschichten.
Was die politische Verfasstheit unserer Gesellschaft angeht, könnte ich mir dauernd an den Kopf fassen ob menschlicher Dämlichkeit, die hier waltet, wenn ich die Hände nicht zum Tippen bräuchte. Wir bauen also die Festung Europa. Jeder halbwegs gebildete Neandertaler weiß, dass das Ende von Gesellschaften unter anderem durch die aufkommende Ideologie von Festungen, Mauern, Wällen etc. gekennzeichnet ist. Der Untergang Roms begann in dem Moment, wo die Römer den Limes bauten, der Franzmann hatte seine Niederlage im zweiten Weltkrieg besiegelt, als der erste Spatenstich zur Maginotlinie erfolgte und die Ostzone konnte mit Beginn des Mauerbaus schon mal ihr Requiem bestellen. Jede Festung trägt schon in ihrer Planung den Beginn ihres Untergangs. „Starre Befestigungen sind Monumente menschlicher Dummheit.“ (General Patton)
Ich bin flexibel, der Kopp ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann, und ändere mein Motto in: Während mir die Sintflut und Spaß dabei.
Und bei meinen Besuchen im Körnerpark lass ich einfach den Fahrradhelm auf.

24.06.2018 – Veränderungen im Denken? Sofort zum Arzt!


Veränderungen im Denken? Sofort zum Arzt!
Anzeige in der Berliner U-Bahn. Man kann eine Großstadt auch wie eine Zeitung lesen: Graffitis, Plakate, Anzeigen im öffentlichen Raum, all das ergibt im Montageprinzip ein quasi subkutanes Bild der Stadt, jenseits von Internetblogs und Reiseführern, falls es die überhaupt noch gibt.
Menschen mit Reiseführern vor dem Gesicht statt eines Smartphones sind mittlerweile verhaltensauffällig. Vollkommen aus dem öffentlichen Raum verschwunden ist der Anblick von Menschen, die im Wind mit dem Entfalten von Falk-Stadtplänen kämpfen. Da müsste man mal ein nostalgisches Video drüber drehen, über diesen Kampf mit den Windmühlenflügeln und am Ende fragt der völlig entnervte Protagonist eine Passantin, wo es denn hier langgeht. Die natürlich, wie in Berlin üblich, auch nicht von hier ist. Woraus sich eine zauberhafte Liebesgeschichte entwickelt. Mit Google Maps fehlt mir für sowas die – digitale – Phantasie.
Falk-Pläne und andere Artefakte der analogen Zeit sterben einen langsamen ungesungenen Tod. Irgendwann packt man sie einfach nicht mehr ein und erinnert sich Jahre später, so wie ich jetzt, zufällig wehmütig an dieses Monstrum. Wobei sowas natürlich auch zwischendurch amüsant-gelehrt in Feuilletons gewürdigt wird. Ein anderer Akt war der Transport der Schreibmaschine in den Keller, das hatte was von einer spektakulären Beerdigung. Es hat dann noch Jahrzehnte gedauert, bis ich meine alte Adler vom Keller auf den Sperrmüll entsorgte.
Veränderungen, wo man hinblickt. Veränderungen technologischer Art liebt der Deutsche nicht nur, er erfindet sie auch massenhaft selbst. Spielerisch-zärtlich eignet er sich neue Technologien gierig an. Widerwilliges Draufeinlassen ist der Ausnahmefall. Ich bin so ein Fall, nach dem Motto „Agenda“ (lat.: „Was (halt) getan werden muss“). Grundsätzliche Technologie-Verweigerer gelten als schrullig und unterliegen schnell dem Pathologie-Verdacht.
Anders geht der Germane mit Veränderungen im Denken um. Das liebt er nicht nur überhaupt nicht, er hasst es regelrecht. Veränderungen im Denken unterliegen dem gemeinen Germanen schnell dem Pathologie-Verdacht.

Da liest er lieber Lebenshilfe-Ratgeber, begibt sich in eine Selbsthilfegruppe, fragt die Sterne, die liebe Göttin, Tetrahydrocannabinol, Allehol oder treibt Sport. (Weitergehende Beiträge über Selbstoptimierung als Religionsersatz entnehmen Sie bitte den Feuilletons der letzten 20 Jahre).
Insofern ergibt die Anzeige der Charité oben einen ganz tiefen Sinn, nachdem ich im ersten Moment einen Lachanfall kriegte, naiv-empört in mich hineinfragte:
„Ja, wo sind wir denn, wenn wir über Veränderungen im eigenen Denken schon klinische Studien machen, zur Validierung vom Verdacht auf krankhafte Abweichung vom Normalverhalten!?“
Ich Tor. Die scheinbar verunglückte Formulierung der Anzeige spiegelt den von mir geschilderten Stand der vorherrschenden gesellschaftlichen Perspektive auf das Denken wider.
Nichts steht ohne Grund geschrieben, schon gar die Menetekel an der Wand.
Die in dem Fall die Decke der Berliner U 7 Richtung Neukölln war.