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11.03.2018 – Notdurft auf dem Trottoir

artefakte
Die Mehrzahl der Menschen unter 30 weiß nicht, was das ist. Papierfilme ASA 200, ein Konica mit 24 Bildern und Fuji mit 36 Bildern. Analoge Artefakte aus einer Zeit vor der Jahrtausendwende. Allein die Angabe der extrem begrenzten Bilderanzahl wirkt auf einen Digitalinski absurd. Die Vorstellung, dass man auf das fertige Produkt Bild mitunter tagelang, ja Wochen warten musste, ist für digital groß Gewordene vermutlich ebenso grotesk wie die Vorstellung, dass es mal eine Zeit ohne Internet gab, Zähne ohne Betäubung gezogen wurde oder man seine Notdurft Nächtens via Nachtgeschirr einfach auf die Straße kippte.
Was mich am Technologie-Wandel von Fotografie interessiert, sind Fragen nach unserer Wahrnehmung, nach dem Begriff des Originals (also Einzigartigkeit, Aura, Authentizität) und danach, wie sich durch Technologiewandel unsere – eigene – Kulturproduktion verändert.
Das Foto oben ist digital via Smartphone gemacht. Das nehmen Sie aber als solches nicht wahr. Was Sie wahrnehmen: ist das Bild interessant, langweilig, heiter, sonnig, unscharf etc. Die Frage nach der eventuellen Binärcodierung spielt bei der Wahrnehmung keine Rolle. Ebenso kaum noch eine Rolle spielt die Frage nach dem Original. Ein Foto ist heute seiner Aura beraubt. Der Papierabzug war etwas Einmaliges, Auratisches. Dass auch er reproduzierbar ist, spielt bei der Primärwahrnehmung, wenn man das Bild erstmalig in der Hand hält, keine Rolle. Ein Papier-Foto kann ein Schatz sein, ein Digitalbild ist die Summe von Nullen und Einsen.
Verändert der Technologiewandel unsere eigene Kulturproduktion? Zeitgenössisches Schreiben ist ohne die Vorstellung von Bildwelten im Kopf nicht möglich, wir schreiben, wie wir Bildwelten wahrnehmen, Videos, Filme, Plakate, Fotos. Wer nicht selber Bilder produziert, stößt an Grenzen. Ich merke Texten an, ob sie von Leuten geschrieben sind, die fotografieren, filmen, sich auf Bildwelten einlassen. Bildwelten, analog oder digital egal, erzeugen andere Dynamiken, einen Sog, Flow, sogar Rausch. Da hab ich jetzt aber kein Primär-Beispiel parat. Nur ein Rauschbeispiel über Vorbande. Ein Bild meiner Stammkneipe, ein klassisches Beispiel von Aura.
lorberg
Das Lorberg in Hannover-Linden. Ich wohne in einem sogenannten Szene-Kiez, was nichts anderes ist als eine Ansammlung von pseudoalternativen austauschbaren Besäufnis-Hallen, schlimmstenfalls mit TV Bildschirmen, wo sich Massen von Fussballproleten ins Koma saufen und hinterher ihre Notdurft auf dem Trottoir verrichten – siehe Mittelalter. Es gibt noch zwei Wirtshäuser, die hier, und nur hier stehen können, und nicht im Schanzenviertel oder in Kreuzkölln, und in denen es gepflegte Gastlichkeit gibt, das eine ist das Lorberg. Und ja, das Foto ist Scheiße, im Kneipendunkel mit Smartphone, da lacht doch jeder Hasselblad Analog Filmer. Ich bin mittlerweile sogar zu faul, meine Digitalkamera einzupacken. Schlimme Zeiten.

09.03.2018 – Die Letten werden die Esten sein

aura
Fensterbank
Ich hatte gestern im Blog anlässlich des Frauentages auf Lysistrata verlinkt, jene griechische Komödie, in der sich Frauen aus Athen und Sparta der männlichen Reproduktionssphäre entzogen (es ging dabei nicht nur ums Ficken, daher diese Formulierung), um den Frieden im Peloponnesischen Krieg zu erzwingen. In Spanien haben sie gestern Lysistrata 2.0 aufgelegt. Den Kapitalismus in seinem Lauf hält zwar weder das noch Ochs und Esel auf, aber wenn die Hoffnung nicht endgültig den Bach hinunter gehen soll, ist in heutigen Zeiten zwingend notwendig der „andere Blick“, so wie bei der Aktion in Spanien. Der „andere Blick“ ist im Ursprung eine ästhetische Wahrnehmung von Differenzen in und zum normalen Alltag. Also was läuft im ganz normalen kapitalistischen Alltag anders als die auf Effizienz getrimmte Normmaschine, nach der jede*r einen SUV zu fahren hat, im Besitz von 1,27 Kindern zu sein hat, tätowiert sein muss ersatzweise einen Ring durch die Nase zu haben hat, mit dem man ihn und sie durch den Ring der Warenwelt und anschließend durch den Kakao ziehen kann. Vergessen habe ich noch den jährlichen Besuch eines Helene Fischer Konzertes und den Besitz eines Thermomix. Und nein, ich bin auch nicht besser in meinem Bemühen, mich in ständiger Distinktion zu inszenieren, was nur ja die unabtrennbare Kehrseite der Medaille „Normmaschine“ ist. Das Eine ist ohne das Andere nicht zu haben..
Interessant ist auch das, was im ganz normalen kapitalistischen Alltag normal läuft, aber eine andere Bedeutung bekommt durch den eigenen „anderen Blick“. Verstehen Sie überhaupt, worauf ich hinaus will mit meiner kleinen Geschichte des anderen Blicks?
Beispiel für den anderen Blick: das grandiose Erste Wiener Heimorgelorchester mit dem Lied „ Die Letten werden die Esten sein“ . Das Video im Zusammenspiel mit der Musik ist umwerfend. Und darauf kommt es bei ästhetischer und damit immer auch politischer Wahrnehmung an: Auf die Verschiebung eines Standpunktes.
Die Letten werden die Esten sein
bist du voran, dann bleibe steh’n
und lass den Elch an dir vorüber geh’n.

Sehr schön auch das Kreuzberger Nasenflöten Orchester, das ich vor Jahren im Goldenen Hahn erleben durfte. Beide, Kneipe und Orchester, waren so schwer abseits jeder „Normalität“, dass ich mich allein deshalb auf meine neue Hood inna Berlin freue. Wenn der Goldene Hahn nicht schon lange für einen Edelitaliener weggentrifiziert wurde, liegt er keine 15 Radminuten von meiner Homebase entfernt. Ist nur die Frage, wie ich da beulenfrei um den Kotti rumkomme.
Ein Mikrobeispiel für den anderen Blick ist der Blick auf meine Fensterbank im Arbeitszimmer, siehe oben. Die sieht nun signifikant anders aus als eine normierte Aluminium Fensterbank, an der kein Blick je haften bleibt, weil Eine wie die Andere aussieht.
An meinem Moos kann der Blick schon mal verweilen. Und wer so wie ich vom Land kommt und die Zeichen der Natur noch lesen kann wie ein Apache, der weiß: Das Fenster geht nach Norden. Wo Moos, immer Norden. In dem Sinne, liebe Leserinnen, charmantes Wochenende, und trainieren Sie Ihren ganz persönlichen anderen Blick.

08.03.2018 – Weltfrauentag: 51 % unseres Landes sind weiblich

blutwurst
Blutwurst-Wettbewerb (Zugesandt von einem unserer Blog-Korrespondenten)
Regelmäßig morgens fräsen Mitteilungen des Statistischen Bundesamtes und des Niedersächsischen Landesamtes für Statistik Schneisen voller Fakten, Argumente und Rationalität in meinen Mail-Eingang in eine ansonsten Welt voller Niedertracht, Lüge und schierem Arschkrampentum. Wenn ich zuverlässige Zahlen über die Heidelbeerernte 2017 erhalte, ahne ich: Noch ist Hoffnung in der Welt. Und bei der Meldung: „Einzelhandelsumsatz im Januar 2018 preisbereinigt um 2,3 % höher als im Vorjahresmonaten“ fühle ich ein dumpfes, böses Ahnen von Inflation und Lohnpreisspirale in mir. Es kann aber auch der nahende Stuhlgang sein.
Krass konkret wird es, wenn irgendwas mit Armut über den Ticker läuft, was ich nicht vorab in der Zeitleiste des Jahres hatte. Dann heißt es: Aktiv Handeln! Die PR Maschine anwerfen und machtvolle sprachliche Meisterwerke der Pressemitteilungskunst bis mittags durch den Äther jagen, damit die Agenturen der Welt im Bilde sind.
Manchmal ist es aber nur erhellend, wenn es, wie neulich, heisst:
„51 % unseres Landes sind weiblich.“
Wir gehen davon aus, dass Destatis, so das Kürzel für das Statistische Bundesamt, 51 % der Bevölkerung meint. Bei Land kommen archaisch-klebrige Assoziationen auf, von wegen Acker und Furchen und Sämann. Muss nicht sein. Fakt bleibt, dass wir es hier mit einem klassischen Fall von demographischer Mehrheit in Tateinheit mit soziologischer Minderheit zu tun haben, meint: Die Weiber sind zwar die Mehreren, ham aber nix zu melden. Ich werde einen Deibel tun und mich mit Lösungsvorschlägen hier blamieren. Was ich als Service anbieten kann, ist ein bildungsgrundierter Blick in die Geschichte .
Ich verbringe aber keineswegs 24 Stunden am Tag mit Bildungshuberei. Richtig ist, dass ich z. B. gestern zum x-ten Mal „Two and a half men“ gesehen habe, eine von mir hier schon mehrfach gepriesene und inhaltlich vollkommen unterschätzte US-Sitcom, die allerdings wegen ihrer handwerklichen Perfektion und ihres überragenden Humorpotentials vielfach ausgezeichnet wurde.
Die Sitcom zeichnet unter der Oberfläche des Lachens ein deprimierendes Bild von postmoderner Familie und zwischenmenschlichen Beziehungen. Die gestrige Folge war für mich ein traumatisches TV-Erlebnis. Im realen Leben war der völlig durchgeknallte Hauptdarsteller Charlie Sheen gefeuert worden, das wurde in besagter Folge durch seinen fiktiven Serientod inszeniert und sein Nachfolger, ein affiger Hollywood-Schönling namens Ashton Kutcher, wurde eingeführt. Von der Sekunde an war die Serie für mich tot.
Ich lache immer noch pro Folge um die 20 – 30 Mal, Lachen ist für mich Lebenselixier, der Verlust war tragisch und durch nichts zu ersetzen. Die Tatsache, dass die einzigen DVDs, die ich besitze, die ersten 8 Folgen von „Two and a half men“ sind, spricht für sich. Also nix von wegen Lysistrata im Dauereinsatz.
Die Serie hatte 23 Nominierungen beim Wettbewerb um den Emmy. Ich hatte auch schon Nominierungen bei Wettbewerben, so unter anderem zum „Heinrich von Kleist Wettbewerb 2011“ mit dem Beitrag „Alles Kleister“ und zum Blutwurst-Wettbewerb, siehe oben. Beide Male nicht gewonnen. Schade, aber nicht tragisch.
Die Tragik meines Lebens ist der Verlust von „Two and a half men“.

04.03.2018 – Fußball und Pornografie

bar le stalingrad
Nizza, Bar le Stalingrad.
Gestern beim Italiener, das Übliche. Zuhause zappte ich kurz durch die 27 Sender, die ich frei empfangen kann. Mindestens, dahinter sind noch Dutzende oder gar Hunderte, die zu sortieren ich mir aber nicht antue. Ich landete wieder beim Italiener, diesmal bei einer Übertragung der Oper „Nozze di Figaro“ in einer Mailänder Inszenierung. In meinen Augen oder besser Ohren muss Mozart ein Alien gewesen sein. Seine Musik ist einfach überirdisch schön, an schwelgerischem Ideenreichtum, beschwingter Heiterkeit und betörender Harmonie, es gibt nichts Vergleichbares. Ich kenn jedenfalls nix, bin aber auch nicht der notorische Operngänger, von daher muss das kein Maßstab sein. Im TV guck ich mir auch nicht jede Woche Oper an, Fernsehen ist kein Medium dafür. Aber ich war am gestrigen Abend für eine Zeit durchaus ergriffen, der Wohlklang brachte die Seele zum Schwingen und ich wollte fürderhin ein besserer Mensch sein. Katharsis, hält meist zwei Stunden. Das Ganze fand auf 3sat statt.
Geht es nach 39 Prozent der Ostgoten, wird es diesen Sender irgendwann nicht mehr geben. Sie wollen eine Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. 39 Prozent jetzt schon, ohne dass eine nennenswerte Kampagne in der Richtung stattgefunden hat, wie in der Schweiz. Sie wollen nicht zwangsbeglückt und bevormundet werden durch eine Zwangsabgabe zur öffentlich-rechtlichen Dauersubvention und durch Ansätze von Niveau im TV. Auf dem Level kann man auch gegen allgemeine Schulbildung, gegen staatliche Daseinsfürsorge grundsätzlich und für die Abschaffung von Steuern argumentieren; eine Richtung, die auch von libertären Silicon Valley Apologeten forciert wird. Allesamt Millionäre und Milliardäre, die sich die Abwesenheit von Staat leisten können. Interessant, dass sich jede Menge verarmter Zonis und verhärmter AfD Wähler dem anschließen. (Leider auch Frauen. Mädels, Ihr enttäuscht mich bitter!). Über die Verwendung einzelner Steuern und Abgaben bestimmt nicht der Bürger und das ist auch gut so. In einem Staat, in dem das der Fall ist, möchte ich nicht leben, jedenfalls nicht in dieser Welt, die zunehmend okkupiert wird von Achtelgebildeten und geistigen Tiefstfliegern. Da scheint am düsteren Horizont der Geschichte ein Terror der Mehrheit auf und es wäre dann ein neuer Terror der Tugend dagegen zu denken.
In unserem Land wird fast alles subventioniert. Hätten wir nicht eine derartig ungerechte Geld-Verteilung könnte man von präsozialistischen Verhältnissen sprechen: Landwirtschaft, Bergbau, Energiewirtschaft, Kultur, Forschung, Militär … Bildung, Gesundheit, Infrastruktur sind sowieso noch zu großen Teilen in staatlicher Verwaltung.
Und da empört sich der 39 Prozent Mob über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Wo er doch mindestens 27 Sender zur freien Auswahl hat?
Ich liebe Hollywood Kino Komödien und noch für die flachste aller Komödien lasse ich jedes Arte-Feature und jede 3sat-Oper stehen. Ich besitze wenig Tiefgang und bei mir ist die Verpackung der Inhalt. Für mich gilt: What you see is what you get. Aber für den Erhalt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werde ich mit der Waffe in der Hand kämpfen.
Der Feder natürlich, welche die Waffe des Satirikers ist
Frei finanzieren lassen sich übrigens Fußball und Pornografie und begrenzt Mainstream Popcorn Kino.
In der Schweiz wird heute abgestimmt über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. In Italien grundsätzlich. Keine Ahnung, wie das ausgeht.
Im Schreiben dieser Zeilen überkommt mich eine tiefe Sehnsucht nach weg. Nach Nizza, in meine dortige Lieblingsbar le Stalingrad, siehe oben. Jeden Abend Orgelkonzert. Und hinterher zum Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain, wo es unter anderem einen Betonkopf zu bewundern gibt
nizza-betonkopf

01.03.2018 – Man darf gespannt sein auf die erste Regierungserklärung einer CDU-AFD Bundesregierung.

merkwürdig
Bankenkrise – war da mal was? Nein. Ist immer noch. Und kostet die Steuerzahlenden im hohen Norden im Falle des Verkaufs der HSH Bank pro Kopf 3.886 Euro. Mit den jetzt fehlenden Milliarden hätte man ein Dutzend Elbphilharmonien bauen können. Und Sozialwohnungen und Unterkünfte für Obdachlose. Ich weiß nicht, wie viele Obdachlose in der aktuellen eiskalten Frostphase jetzt unbemerkt auf den Straßen erfroren sind oder an Erschöpfung noch sterben werden. Eins weiß ich allerdings: Kapitalismus tötet.
Ich kann mich gut daran erinnern, wie gewaltig der öffentliche Aufschrei angesichts der explodierenden Kosten (Kosten explodieren immer, nie gibt es ein anderes Sprachbild) für die Elbphilharmonie war. Und natürlich war es eine Sauerei, dass der Staat den Pfeffersäcken mit Steuergeldern, die jene mit notorisch krimineller Energie hinterziehen, einen dauersubventionierten Tempel der Erbauung hinsetzt, damit besagte Säcke, die auch so aussehen, am Folgetag nach der Premiere von „Fidelio“ moralisch gestärkt ihren räuberischen Geschäften nachgehen (Das mit Fidelio war ein Witz für mich selber und die gehobenen Stände).
Aber die Elbphilharmonie ist ein faszinierendes Gebäude geworden, vom Wahrzeichencharakter her vergleichbar mit dem Eiffelturm oder, passender, mit der Oper von Sydney, die ich als noch kühner empfinde. Die Elbphilharmonie wird sich wahrscheinlich langfristig via Touri-Boom refinanzieren und wenn die eingangs zitierten Drecksäcke ihren Steuerbürgerpflichten nachkämen und es überhaupt etwas gerechter zuginge und die Elbphilharmonie ein Ort der Muße für alle wäre, so könnte man seinen Frieden machen. Aber ich bin nicht hier, um Frieden zu machen.
Ich bin hier, um mich zu wundern. Die Elbphilharmonie hat die Steuerzahler*innen pro Kopf ein paar Hundert Euro gekostet. Wenn die öffentliche Erregung über das HSH Desaster in Relation zu der um ein vielfach höheren Pro-Kopf-Belastung anwachsen sollte, was müsste man sich da vorstellen? Dann dürfte in Hamburg und Schleswig-Holstein in allen öffentlichen Gebäuden kein Stein auf dem anderen bleiben. Burn, Baby, burn. Riots. Straßenkämpfe, Molotow-Cocktails. Ca ira, ça ira, ça ira, …. à la lanterne! à la lanterne…?So weit, so witzig.
Was wirklich passieren wird: Dieses Desaster wird der AfD weiteren Zulauf bescheren, das öffentlich-rechtliche System wird weiter delegitimiert – die HSH Nordbank war Teil des öffentlich-rechtlichen Banken- und Sparkassensystems – und kommt langfristig auf den Müll der Geschichte. Siehe auch die im Moment eskalierende europaweit laufende Diskussion um die öffentlich-rechtlichen Medien. Man darf gespannt sein auf die erste Regierungserklärung einer CDU-AFD Bundesregierung:
„Wir werden den Wildwuchs und die Linkslastigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien auf ein Normalmaß zurückführen“.
Normalmaß meint hier: Null.
Eins ist beruhigend: noch mehr kann der deutsche Michel eigentlich nicht verblöden, selbst wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk abgeschafft wird. Mein Motto ist eh seit langem: Lieber Michelin, und damit meine ich NICHT den Reifen, statt Michel.
Und wo bleibt das Positive? Dass die Bürgerpresse niemals kapieren wird, was ich da eigentlich seit Jahrhunderten so mache, siehe NP Artikel oben: „der merkwürdige SCHUPPEN 68“. Würden sie es verstehen, hätte ich alles falsch gemacht und würde ich stante pede das Metier wechseln und Opernsänger werden
Und hätte einen Traum: einmal in der Elbphilharmonie singen.

27.02.2018 – Dank Herbert Ehrenberg habe ich viel Geld gespart.

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Ist der Würfel gefallen? SPD Logo im Wandel der Zeit.
Herbert Ehrenberg ist gestorben. Herbert who? Selbst Ältere werden Schwierigkeiten haben, den Mann unterzubringen. Politisch Interessierte erinnern sich schwach, der war mal was in der SPD. Herbert Ehrenberg war SPD Arbeitsminister von 1976 – 82. Dann löste ihn dieser ulkige Renten-Clown Norbert Blüm ab, den kennen die meisten noch.
Dank Herbert Ehrenberg habe ich viel Geld gespart. Vermutlich in Höhe eines Mittelklassewagens und einer Kiste Portwein. Herbert Ehrenberg war der Vater der Künstlersozialversicherung KSV. Die Künstlersozialversicherung berücksichtigt die überwiegend prekären Produktionsbedingungen von Kulturschaffenden und war für diese ein Quantensprung, was soziale Sicherung angeht. Hätte ich mich die ganzen Jahre über privat versichern müssen wie andere „normale“ Selbstständige, hätte ich zusätzlich Geld bezahlen müssen in Höhe eines Mittelklassewagens etc. pp. siehe oben. Ich habe keine Ahnung, ob das wirklich zutrifft. Ich rechne da nicht nach, mein Leben ist zu kurz für sowas. Ich weiß nur, dass es sich um nennenswerte Summen handelt, denn wenn ich mich mit „normalen“ Selbstständigen mal austausche, was man so bezahlt an Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung, werden die regelmäßig ohnmächtig vor Neid und schwören sofort nach Wiederbelebung: „Ich werde Künstler.“
Es ist schwierig, die Hürde einer Aufnahme in die KSV zu nehmen. Die KSV wird ständig von Agenten der Privatversicherung, sprich FDP, Teilen der CDU und den neoliberalen Gangstern vom Bund der Steuerzahler, unter Feuer genommen. Sie ist sicher verbesserungswürdig. Aber es bleibt dabei: Sie ist eine der zahlreichen und großen sozialen Verbesserungen, die die SPD in der Nachkriegszeit durchgesetzt hat. Natürlich alles zu wenig und alles zu spät, aber immerhin, es hatte sich was bewegt.
Bis 1982. Was dann folgte, ist Geschichte. Eine Fußnote dieser Geschichte: Herbert Ehrenberg war ursprünglich Mitbegründer des konservativen Seeheimer Kreises der SPD, das sind Leute, die deshalb nicht zur AfD wechseln, weil es in der SPD die besseren Jobs gibt. Noch.
2009 vollzog Ehrenberg einen Flügelwechsel, indem er die linksorientierte Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten in der SPD (AGSS) mitbegründete. Als Grund dafür gab er an, dass sich die SPD-Politik nach rechts gewandelt habe und er mit seinen bisherigen Positionen daher heute vergleichsweise links stehe. Ich vermisse Leute wie Herbert Ehrenberg in der Politik und werde ihm deshalb nachher mit einem Portwein und fröhlichen „Memento mori“ zuprosten.
Da, wo er jetzt ist, gibt es keine 5 Prozent Hürde.

25.02.2018 – Im Flachland ist selbst ein Haufen Kacke ein Gipfel.

tryptichon
Triptychon – Foto-Montage. Diese Stände standen in der abgebildeten Reihenfolge so nebeneinander auf der Bildungsmesse Didacta. Ob die Stände absichtlich so angeordnet waren, entzieht sich meiner Kenntnis. Nicht meiner Kenntnis entzieht sich die Tatsache, dass diese Anordnung an die Ikonografie der Kreuzigung von Jesus erinnert, mit den Schächern zu seiner Rechten und zur Linken. Man kann das auch als vorsorgliche Umklammerung des Gedenkens an die SED-Diktatur interpretieren durch das privatisierte, auf Profit orientierte Gesundheitswesen auf der einen und das organisierte, nein, nicht Verbrechen, sondern Kapital auf der anderen Seite.
Wehe den Besiegten. Wo vorher in der SED Diktatur ein flächendeckend günstiges, gleiches Gesundheitsangebot für alle existierte (Beispiel Polikliniken), fliegt „uns“ im Herrschaftsbereich der Fonds der chemischen und anderer Industrien das Gesundheitssystem um die tauben Ohren und wir würgen an einer Symptomdiskussion über eine „Bürgerversicherung“. Die Abwicklung der chemischen Industrie in der Ostzone war aus ökologischen Gründen kein Verlust. Den Verlust ihrer Arbeitsplätze sahen die Betroffenen eher nicht amüsiert und wenden sich folgerichtig zunehmend einer unangenehmen Variante der bürgerlichen Herrschaft zu: Dem Faschismus, in Gestalt der AfD.
Hat eigentlich mal jemand eine Ökobilanz aufgemacht, bei der die ökologischen Kosten des Explosionsmotorhaft anwachsenden Individualverkehrs seit der Annexion der Ostzone denjenigen der chemischen Industrie im Herrschaftsbereich der SED-Diktatur gegenübergestellt wurden? Nein? Ist mir auch egal. Ich wohne eh an einer Straße, in der täglich 25.000 Individualterroristen den Tatbestand der schweren Körperverletzung an meinen Bronchien via Auspuff exekutieren, mit den Schwefel- und Salpetersäuren, die sich da breitmachen, kann ich ganze Edelstahlgarnituren polieren.
Fazit: 1. Ich bleibe hier wohnen. Kein Paradies ohne Schlange. No risk, no fun, no future. 2. Die Wirklichkeit – selbst auf einer Didacta – bietet die besten Bilder, man muss sie nur sinnhaft montieren. 3. Das Didacta Motto von Hannover lautete heuer: Bildungsgipfel im Flachland. Im Flachland ist selbst ein Haufen Kacke ein Gipfel.
Wir wenden uns heiteren Dingen zu, das Folgende sandte uns der Blogkorrespondent hs zu, der hiermit bedankt sei.
wirtschaftsregisterauszug
Gegenstand ist der Vertrieb von Fertigbauelementen, Nahrungsergänzungsmitteln und Coaching. (Auszug Wirtschaftsregister)
Ein glänzendes Beispiel für die schöpferische Dynamik und den kreativen Ideenreichtum im Kapitalismus.
Im Herrschaftsbereich der SED-Diktatur wäre kein Schwein auf sowas gekommen.

24.02.2018 – Mir bluteten nach wenigen Schritten die Augen vor Langeweile.

wlet-des-lernes
Willkommen in der Welt der Ödnis.
Wenn ich bis heuer nicht gelernt hätte, wie man effizient lernt, wäre ich ein Idiot und würde zu gar nichts kommen. Insofern war mein Besuch auf der hiesigen Bildungsmesse Didacta von eher fachfremden Motiven und dem Besitz einer Freikarte geleitet. Da mein Erkenntnishunger jenseits grauer Theoriebildung kaum Grenzen kennt, schlenderte ich trotzdem durch ein, zwei Hallen. Und fürwahr, Metis und Athene sei Dank, hielt ich reiche Ernte (Metis und Athene sind ist die Göttinnen der Weisheit).
Als erstes fragte ich mich, wofür die Designer von Messe-Performances eigentlich so teuer bezahlt werden. Es war die ewige Wiederkehr des Gleichen, ein ödes Geflimmer von riesigen Bildschirmen, digitalen Tafeln, Whiteboards, whatsoever, Schule 4.0, digitaler Unterricht, blablabla. Mir bluteten nach wenigen Schritten die Augen vor Langeweile, zumal die vor den Bildschirmen rumzappelnden Moderatoren offensichtlich alle die gleiche Moderatoren-Schule besucht hatten, immer derselbe Duktus, die gleiche 08/15 Gestik, die normierte Kleidung, es war ein Festival der Klone. Das sind Momente, und sie häufen sich, da danke ich für meine Ausbildung, die, nicht nur im Falle von Moderationen, zu Teilen auf der Straße stattgefunden hat, bei Stand-Up, Performances etc. pp. Wer da nicht innerhalb von wenigen Momenten die Leute hat, der stirbt einen langsamen Moderations-Tod. Und wer die Leute nicht zum Lachen bringt, der kann gleich ganz einpacken. Es gibt sie ja, diese Methoden-Schulen, Metaplan ist da ein Klassiker, der für viele sicher sehr hilfreich ist.
Ich kann mich erinnern, wie ich mir eine komplette Vorbereitungsgruppe von einer Veranstaltung mit Gruppenarbeit zum Feind machte, als eine sagte: „Also in den Workshops brauchen wir dann das übliche Material für Metaplan“ und ich intervenierte: „Metaplan ist was für Looser.“
….
Wieso war nicht ein einziger Gestalter einer Messe-Performance auf die Idee gekommen, als Blickfang auf seinen Stand eine große, klassische Schultafel zu stellen, als Sitze für das Publikum uralte Schulbänke mit Tintenfässern zu platzieren und den Moderator mit einem Zeigestock auszustatten (mit dem ich gnadenlos auf jeden Störenfried eingeprügelt hätte, aber das ist eine andere Geschichte)? Es ist doch so einfach, Publikum zu fesseln: Tu das Unerwartete. Sei anders als der Rest. Agiere Antizyklisch.
Kopfschüttelnd schritt ich fürbass.
daimler
Hier aber ergriff mich Nemesis, und Ares und Erebos wollt‘ ich beschwören, mit Schwert und Vernichtung zu tilgen diesen Ort der Verdammnis vom Antlitz der Erde. (Nemesis ist die Göttin des Zorns, Ares und Erebos sind die Götter des Krieges und der Dunkelheit. Wer das nicht wusste, muss zur Strafe zweimal auf die Didacta.) Mit flächendeckender schamloser Dreistigkeit hat sich auf der gesamten Didacta das Kapital breitgemacht, um die Herzen und Hirne unseres Nachwuchses zu verseuchen mit effizienter Lernzieloptimierung, maximalen Brain-Output und effektiver Selbstoptimierung und Marktdurchdringung. Humboldtsches Bildungsideal? War da mal was?
Macht ein Ende, Ihr Götter!
Aber eins hat die Didacta mir wieder gezeigt: Die Welt ist der beste Lernort. Grau, teurer Freund, ist alle Theorie.

21.02.2018 – Über was für einen Begriff von Kultur reden wir?

hannover_deine_werbung
Kulturhaupstadt Hannover?
Was haben Brüssel, Prag, Porto und Pilsen gemeinsam? Sie alle waren „Kulturhaupstadt Europas„. Hannover schickt sich an, das zu werden. Über was für einen Begriff von Kultur reden wir da überhaupt? Überlegungen der Blog-Korrespondentin hjae dazu in Bild und Wort:
Hannover Kulturhauptstadt?
Kommt man als Fremder in diese Stadt, fragt man sich:
wat hat ´se nur, wat ´ne andre nicht hat?
Und man kommt auch schon bald drauf, wenn man zu Fuß von den westlichen in die östlichen Stadtteile wechseln möchte oder die dortigen Bushalte- oder Straßenbahnhaltestellen erreichen will, und den linken Tunnel neben dem Hauptbahnhof unterquert – notgedrungen – :
‘ne FKK-Villa. Jawoll!
Und diese wird offenbar als höchstes Kulturgut betrachtet. Anders ist kaum zu erklären, weshalb die dort links- und rechtsseitig in zig Sprachen installierten Werbetafeln nach Jahr und Tag noch hängen; man bedenke:
hannoversschönewelt
öffentliche Werbung für ein Bordell in einer Stadt, die sich als gutbürgerliche Anwärterin für eine Kulturhauptstadt anschickt? Selbst nach der unlängst fertig gestellten Vertiefung der Unterführung aufgrund der Straßenbahnhaltestellenverlegung, die nicht alle Hannoveraner begeisterte, bleiben diese dort erhalten und dem täglich dort notgedrungen durchschreitenden Fußvolk zu allgemeinem Wohlgefallen präsentiert. Und sie werden offensichtlich nie übersprüht: Wo sind eigentlich unsere Graffiti Künstler/Innen, wenn man sie mal braucht? Ob man vor den Besitzern dieser Stätte des lustvollen Frohsinns solchen Respekt hat oder was auch immer: ein positives Image vermitteln diese Ergüsse der Werbung für fleischliche Genüsse wahrlich nicht, ganz zu schweigen von Pissgestank im Sommer und dass arme Obdachlose dort ihren Schlafplatz finden (müssen!) im Winter (siehe Bild oben); dies betrifft auch die rechtsseits vom Hauptbahnhof gelegene Unterführung.
Mein Gott, Hannover,
geht’s noch doofer?

19.02.2018 – Weltuntergangsstimmung und Friedensbewegung 3.0

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Echt oder Marmor? Kunst ist immer auch Schule der Sinne, was sie unter anderem mit handwerklichen Effekten wie dem Trompe-l’œil versuchte zu befördern. Der andere Blick auf die Welt, wenn der nicht gelingt, bleibt das Individuum gefangen im Ressentiment seiner eigenen Vorstellungen. Die Welt ist nur selten das, was wir glauben, was sie ist. Ich glaube zum Beispiel, die Welt ist auf dem Marsch in die De-Zivilisierung, gesellschaftlicher Rückschritt auf allen Ebenen, wir rasen mit SUVs in den ökologischen Abgrund, das Ende der Geschichte naht, indem sich der Nationalstaat als zivilisatorische Errungenschaft auflöst, aber in einem ganz anderen, nämlich barbarischen, Sinne als linke Utopien sich das erträumt hatten. Und jetzt droht auch noch der Rückfall in die Achtziger, Atomwaffen sind wieder diskutierte Politikoptionen. Die Konsequenzen jagen mir Schauer über den Rücken. Nicht, dass ich Angst davor hätte, dass mir so ein Ding auf die Birne fällt. Das Arsenal meiner Ängste ist überschaubar, ich leide höchstens an Angst vor Ängsten, weil ich keinen Bock auf Angst habe. Man nennt das Phobophobie und das ist immer noch besser als Paraskavedekatriaphobie. Nein, die Schauer rühren von der Vorstellung her, dass uns irgendwann eine Friedensbewegung 3.0 ins Haus stehen könnte. Wir erinnern uns an die Achtziger: Lichterketten, die Bots, Menschen guten Willens in lila Latzhosen und 300.000 Bewegte demonstrierten im Bonner Hofgarten.
Die Praxen der Therapeuten füllten sich, Angst umnebelte den Verstand und wie das mit umnebelten Verstand so ist, nahm neuer Nationalismus seinen Ausgang aus der Friedensbewegung. Die ihren beschämenden Höhepunkt in den Demos gegen den Irakkrieg fand, auf denen das Existenzrecht Israels missachtet wurde und der deutsche Friedenskasper sich aufführte, als würden die Bomben auf Bagdad jeden Moment auf seine Stuckverzierte Altbauwohnung prasseln. Oder schlimmer noch: Auf die Praxis seiner Therapeutin.
Und vor dem Hintergrund der Geschichte eine neue Friedensbewegung im aktuellen gesellschaftlichen Gewand? Liebe Göttin, dann gib mir bitte meine lila Latzhose zurück!
Aber bevor wir nun alle Hoffnung fahren lassen, werfen wir einen Blick ins Geschichtsbuch:
Wie müssten dann Oppositionelle im Jahre 1942 drauf gewesen sein, als nichts den Vormarsch des Faschismus aufzuhalten schien? Oder Doitsche im Jahre 1946, die zu Recht die Strafe der Alliierten zu fürchten hatten für den Holocaust. Der Morgenthau Plan z. B. sah eine Aufteilung und Umwandlung Deutschlands in einen Agrarstaat vor, damit von deutschem Boden nie wieder ein Angriffskrieg und Verbrechen gegen die Menschheit (nicht: gegen die Menschlichkeit, das ist eine blödsinnige Übersetzung) ausgingen. Eine Umwandlung in einen Agrarstaat auf der Basis der damaligen Produktionsverhältnisse, das ist keine Veranstaltung, bei der ich gerne dabei gewesen wäre.
Also gemütsmäßig sach ich mal: deeskalieren. War schon mal schlimmer.
Fazit: 1. So böse ist der Ami dann wohl doch nicht, wenn er das mit dem Morgenthau hat sein lassen. 2. Allein dafür müssen wir dem Russen dankbar sein, dass die Alliierten damals lieber den kriegserprobten Germanen als Bündnisgenossen gegen den Kommunismus dabei hatten denn als Kartoffelklaubenden Agrarökonom. 3. Ich werde den Grünen beitreten und eine Arbeitsgruppe gründen „Ökologie radikal denken – Der Morgenthau Plan als Masterfolie für eine nachhaltige Zukunft!“
Ich sehe mich schon als Umweltminister, spätestens 2029.