
Bankenkrise. Überschwemmung der Ihme in Hannover.
Vielen erscheint der Staat als Leviathan, ein alles beherrschender bedrohlicher Moloch. Das eint Neoliberale und Kommunisten, der Wunsch nach einem allmählichen Absterben des Staates.
Ein zentrales Werk sozialistischer Theorie ist die Untersuchung von Friedrich Engels aus dem Jahr 1884 „Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats“. Um Zivilisation zur Entfaltung zu bringen, war die Entstehung der monogamen Kleinfamilie, von Privateigentum in den Händen von Wenigen und ein Staat mit seinem Gewaltmonopol notwendig. Ein oft blutiger Entwicklungs-Prozess im Laufe von Jahrtausenden. Um diesen Prozess zu überwinden, um den Menschen letzten Endes frei zu machen, von der Herrschaft des Menschen über den Menschen zu befreien, ist nach marxistischer Vorstellung ein langsames Absterben des Staates notwendig.
Die Neoliberalen wollen immer weniger Staat, weil sie sich in räuberischer Absicht alles unter den Nagel reißen, was von der Gemeinschaft geschaffen wurde. Beispiele gibt’s zigfach: Privatisierung von Wohnungsbaugesellschaften zum Beispiel, die oft für sozialen Wohnungsbau sorgten. In den Achtzigern hatten wir noch 3,5 Mio. Sozialwohnungen in der kleineren BRD, heute, mit der annektierten Ostzone, haben wir noch 1,4 Mio.
Ich mag den Staat. Er gibt uns Brot, ÖPNV, StGB, die AApoO und Schilder. Ohne Schilder keine Zivilisation. Alle Veranstaltungen und Aktionen des SCHUPPEN 68 fanden unter dem Diktum statt: Es ist ausgeschildert! Schilder geben unserem Leben Ziel, Sinn und Struktur.
Schilder gibt uns der nährende Staat. Wie das hier:

Schild, auf dem steht: Hochwasser.
Wenn dieses Schild nicht wäre, kämen Wanderer vorbei und würden sich fragen:
„Potz Donner! Was ist denn hier los? Ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch, ein Tsunami? Ich weiß gar nicht, was hier los ist. Es steht ja auch kein Schild da, auf dem mir erklärt wird, was hier los ist. Gibt es denn keinen Staat hier an der Ihme?!“
Ahnungsloses junges Volk würde mit dem Smartphone vor dem Gesicht ins Wasser flanieren und ertrinken und hinterher zu Recht sagen:
„Ich wusste doch nicht, dass das Hochwasser war. Der Staat hatte kein Schild aufgestellt, wo darauf hingewiesen wurde, dass hier Hochwasser ist.“
Wer solche Zustände will, der will die FDP an der Macht.
Ich will das nicht. Ich mag den Staat.
Einen schwachen Staat können sich nur Starke leisten, die Schwachen gehen darin unter.
Trotzdem: Eines meiner Lieblings-Graffitis ist nach wie vor „Macht aus dem Staat Gurkensalat“. Stand früher an den unwirtlichen Mauern des oben abgebildeten Ihme-Zentrums.
Und um das noch zu erklären:
AApoO heißt „Approbationsordnung für Apotheker“.
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04.01.2018 – Es brennt

Werbe-Plakat von Änne Koken, 1912. Aus der Ausstellung „revonnaH. Kunst der Avantgarde in Hannover 1912–1933“, Sprengel Museum Hannover, bis 07.01.18.
Eine sehenswerte Ausstellung, die die Entstehung, Entwicklung und die unterschiedlichen Strömungen von Avantgarde Kunst in Hannover bis zum Begin des Faschismus anschaulich macht. Ich tapste also bildungsbürgerlich durchaus ergriffen an einem Freitag durch die Ausstellung. Freitags ist im Sprengel der Eintritt frei und bei zweimal Sprengel Freitag im Monat habe ich einen 10 Jahre alten weißen Port wieder raus. Soviel zur angewandten ökonomischen Dialektik von Genuss & Ästhetik. Zum Ende der Ausstellung verspürte ich ein leichtes Unbehagen, amorph grummelnd in der präverbalen Ebene meines Hirnes. Beim letzten Bild, versteckt irgendwo im Keller, dieser verkackte Bau ist sowas von unübersichtlich und beschissen ausgeschildert, wurde mir blitzartig klar, was mein Unbehagen war.

Aleksander Rodtschenko. Bücher für alle Wissensgebiete. Werbeplakat für den russischen Lengis Staats-Verlag, 1925.
Rodtschenko war ein führender Vertreter der russischen Avantgarde. Die russische Avantgarde führte bis Ende 1920 auf allen Gebieten der Kunst revolutionäre Produktionstechniken, Theorien und Praxiselemente einer Aufklärung und Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten ein. Die beteiligten Künstler*innen waren überzeugte Anhänger*innen der Utopie des Sozialismus und arbeiteten mit ihren Mitteln auf allen gesellschaftlichen Ebenen an deren Umsetzung. Wofür nicht wenige unter dem späteren stalinistischen Terror mit dem Leben bezahlten. Ohne die russische Avantgarde ist die moderne westliche Kunst nicht denkbar. In meinen Augen ist sie die bedeutendste Kunstrichtung des 20. Jahrhunderts.
Rodtschenkos Plakat hat all das, was den anderen Exponaten der Ausstellung fehlt: Expressiver Furor, man merkt das Feuer einer Idee, das Plakat – durchaus pathetisch aus heutiger Sicht – ergreift Partei. Es brennt. Bildlich gesehen. Der Rest der Ausstellung verdeutlicht das grundsätzliche Elend von Avantgarde: Formal gesehen der Zeit voran, aber da fehlt oft – außer dem Gedanken der Dekonstruktion und Neuerung- eine Leitidee. Das schwankt wie Schilf im Winde, lässt sich vereinnahmen, instrumentalisieren auch für Reaktionäres. Beispiel: der italienische Futurismus, oft kriegsverherrlichend an der Seite von Mussolini.
Der spätere Weg von Künstler*innen der Ausstellung während der Nazizeit verdeutlich das: Innere oder äußere Emigration, Pakt mit den Nazis oder ermordet in Auschwitz.
Aber machen Sie sich ein eigenes Bild, liebe Leserinnen. Wie gesagt: Morgen ist der Besuch für lau. Und für einmal im Monat lau gibt es schon einen ordentlichen Sauvignon.
Die Kunst ist umsunst. Aber nicht vergebens.
03.01.2018 – Anlage-Geheimtipp!

Meine letzte Aktion. Auf dem Weihnachtsmarkt. Wird mal wieder Zeit für action … Warum sind solche Aktionen notwendig?
Bitcoin und die dahinterstehende Technologie Blockchain als Teil eines digitalisierten Finanztransaktionsmarktes waren Ende 2017 ein Megathema. Das Blut unseres Wirtschaftskreislaufes ist Geld und dessen Adern sind die Transaktionskanäle von Geld. Ohne dieses Blut und diese Adern bricht der Kreislauf zusammen. Also sollten die Überwacher dieses Kreislaufes, die „Ärzte“, um diese platte Symbolik endgültig zu Tode zu reiten, über ein Mindestmaß an Kompetenz verfügen. Was das für Ihren Gefühlshaushalt bedeuten sollte, will ich will Ihnen an zwei Beispielen der analogen Welt verdeutlichen. Nehmen wir an, Sie lassen ein Haus bauen. Da sagt der Architekt, Chef der ganzen Baukolonnen, zu Ihnen:
„Wir sind alle dabei, dieses Gebiet erst zu verstehen und Know-how aufzubauen.“
Was machen Sie natürlich? Sie rasten aus.
Nehmen wir an, Sie besichtigen die Fabrik, aus der Sie Ihr gerade gekauftes Auto abholen. Da sagt der Fabrikleiter zu Ihnen:
„Wir sind alle dabei, dieses Gebiet erst zu verstehen und Know-how aufzubauen.“
Was machen Sie natürlich? Sie rasten aus.
Der Spiegel zitierte neulich den Chef der Bafin, der obersten Finanzaufsichtsbehörde in Sachen Bitcoin und Blockchain mit den Worten
„Wir sind alle dabei, dieses Gebiet erst zu verstehen und Know-how aufzubauen.“
….
So geht das übrigens mit vielen Produkten, die die derzeitigen Finanztransaktionen des globalen Marktes mitprägen. Es gibt zum Beispiel mindestens 20 verschiedene Arten von Swaps . Sie, liebe Leserinnen, wissen noch nicht mal, dass es sowas überhaupt gibt. Die Bafin weiß das. Aber glaubt jemand im Ernst, in dieser Behörde kann irgendwer ein angemessenes Risikomanagement für jede Art von Swap installieren? Selbst wenn: am nächsten Tag wären zwei neue Swap-Arten auf dem Markt. Auf einem Markt, bei dem die kurzfristigen Devisenströme von 4 Billionen US-Dollar den realen Waren- und Dienstleistungshandel um das 50fache übersteigen.
4 Billionen pro Tag übrigens, nicht pro Jahr.
Als alter Zyniker und Zocker rief ich also meinen Anlageberater an. Ob er einen Blockchain ETF anbieten könnte. Den Gewinn beim Goldrausch damals machten schließlich nicht die Goldgräber, sondern die, die Hacken, Schaufeln und Fuhrwerke verkauften, die Technologie eben.
Und was sagt mein ehrenwerter öffentlich-rechtlicher Berater, ein sehr netter und humorvoller Mensch, der mein vollstes Vertrauen besitzt:
„Unsere normalen Kunden halten Blockchain eher für Schokolade oder sowas.“
Das einzige, was mich am Transaktionswahnsinn wundert, ist dass er überhaupt noch funktioniert. Ich werde gleich mal recherchieren ob man eine Wette mit dreifachem Hebel auf den baldigen Zusammenbruch des Finanzsystems abschließen kann. Ich würde Ihnen, liebe Leserinnen, das dann als exclusiven Anlage-Geheimtipp hier im Internet schenken, als Treue-Prämie fürs jahrelange Bloglesen.

Hier noch ein Bericht von der Aktion
02.01.2018 – Auf die Knie, Du alter Heide, und bekenne!

Chanukka Kerzen. Chanukka ist ein jüdischer Brauch im Dezember. Mir ist alles Religiöse eher fremd, ich hatte meine Überdosis als Messdiener in der katholischen Kirche, ich kann das Staffelgebet heute noch auf Latein im Schlaf: „…. Ad Deum, qui laetificat juventutem meam“. (Für Leute, die lediglich das kleine Latinum besitzen: „…. Zu Gott, der mich von Jugend auf erfreut“). Logischerweise folgte als Religions-Immunisierung eine militant antiklerikale Phase. Mittlerweile hat sich altersmilde Indolenz in Sachen Religion über mein Gemüt gebreitet. Marx hat zwar gesagt „Religion ist Opium des Volkes“, aber der alte Sack war nicht nur Antisemit, Arbeiterverächter und Chauvi, er hatte auch von Drogen keine Ahnung. Da halte ich es lieber mit seinem Zeitgenossen Baudelaire, der durch Dauerkiffen Kennerschaft erwarb für wundervolle Lyrik wie in „Das Gift“:
Das Opium weitet aus, was ohne Grenz‘ und Schranken,
Es dehnt die Unermesslichkeit,
Es höhlt der Wollust Rausch, vertieft das Meer der Zeit,
Und mit Genüssen, schwarzen, kranken
Macht es die Seele übervoll und weit.
Also jede nach ihrer Fasson und das kann in unserem Land Gottseidank (hahaha, ein Witz, richtig muss es heißen: Rechtsstaatseidank. Diese Formulierung wird sich aber dauerhaft eher nicht in unserem Sprachgebrauch etablieren) fast jede so leben und praktizieren wie sie will.
Bis auf Menschen jüdischen Glaubens. Sie sind einem wachsenden militanten Antisemitismus von rechts, von links, aus der Mitte unserer Gesellschaft und von Muslimen, gerade mit migrantischem Hintergrund, ausgesetzt. Machen Sie einfach mal den Test und gehen mit einer Davidsstern-Kette und einer Kippa bekleidet über die Sonnenallee in Neukölln. Ein lebensgefährliches Unterfangen.
Als ich die Klage von Charlotte Knobloch über den wachsenden Antisemitismus in unserer Gesellschaft las, überkam mich Wut. Aber auch Hilflosigkeit. Wo, wie und vor allem durch wen soll sich bei „uns“ was zum Besseren wenden? Morgenröte am Horizont vulgo das Aufscheinen einer Utopie seh ich nicht. Aber ich hab’s gut, als Kulturproduzent bin ich gewohnt, Gefühle wie eben Wut und Hilflosigkeit durch inszenatorische Eingriffe in den eigenen Alltag umzuwidmen. Und so zündete ich ein paar Chanukka Kerzen an, ein schönes Bild, und der warme Kerzengeruch erinnerte mich an meine Zeit als Messbub. Eine Art fröhliche Melancholie umfing mich (Nein, ich wurde nicht gläubig! Dazu hätte sich mindestens die Wolkendecke teilen müssen und eine schwarze, lesbische, behinderte Göttin hätte mir entgegen schleudern müssen: „Auf die Knie, Du alter Heide, und bekenne!“)
Die Geschichte ist aber ein Beispiel dafür, wie weit private Gefühle mit der Kategorie des Politischen eine Wechselbeziehung eingehen. Das macht einen Teil des Erfolges der Rechten aus, dass sie dem privaten Gefühl wie Hass, Aggression, Wut, Neid, Niedertracht Raum im Politischen zu geben.
Zu trennen ist übrigens der Begriff des „Privaten“ vom „Intimen“. Das Intime öffnet den Raum zum Begehren und das hat weder in der Politik noch in diesem Blog was verloren. Dieser Blog heißt „Mein intimes Tagebuch“. Und genau das ist der Witz dabei.
01.01.2018 – Mein Vorsatz für 2018

People over profit. Anti-Gentrifizierungs-Plakat bei mir um die Ecke.
Die Welt ist schlecht und geht vor die Hunde. UN-Generalsekretär Guterres hat die Alarmstufe rot für die Erde ausgerufen und der Mann ist ja eigentlich dazu berufen, Hoffnung und Aufbruch zu verbreiten. Das hiesige Zentralorgan des doitschen Michel (Mein Kampfruf lautet: Nieder mit dem Michel. Es lebe der Michelin! Und damit meine ich natürlich nicht diese beschissene Reifenmarke), die HAZ, predigt peinlich permanent wie toll der Aufschwung ist und der Arbeitsmarkt und allen geht es gut und Deutschland und Angela Merkel etc. pp. Das Ganze ist so penetrant, dass es gen Himmel stinkt, selbst der dümmste Küchenpsychologe merkt: Da stimmt was nicht, da pfeift einer im Walde und dazu noch eine völlig falsche Melodie, bestehend aus Verdrängung, Dummheit und purer Ideologie, die natürlich stets das Lied dessen pfeifen lässt, des zunehmend karges Brot die Journaille nagt, nämlich das Lied des Verlegers.
Und warum soll ich eigentlich immer einer von den Guten sein, heldenhaft sich dauernd ins öffentliche Getümmel gegen Kapital, Ausbeutung, Nationalismus und so weiter und so fort, stürzend, was weiß Göttin nicht immer ohne Beulen abgeht?! Jede muss sehen wie sie mit dem Arsch an die Wand kommt, also habe ich für 2018 einen Vorsatz gefasst: Ich werde eine Sekte gründen. Untergangszeiten sind gut für sowas, es herrscht Angst im Lande, der Verbrauch an Psychopharmaka steigt enorm, die Leute gehen Rattenfängern auf dem Leim. Da ist noch Platz für mich. Ich habe ein bisschen Charisma, bin nicht völlig verblödet, besitze rhetorisches und organisatorisches Geschick, mit PR verdiene ich seit Jahren Geld, ich kenne ich noch Leute aus ehemaligen Politsekten, die sind erste Rekrutierungsmasse, die sind oft noch so schlicht wie früher im Schädel.
Inhalte sind egal, es muss etwas eschatologisches sein, ein Mix aus Armageddon-Drohung, Heilsversprechen (aber nur bei mir!!) und Tröstungen (nur von mir!!). Dazu die Ansage: „Wir nehmen keine Spenden an! Wer aber etwas zur Aufrechterhaltung unserer Arbeit beitragen möchte, kann etwas in den Topf am Ausgang des Saales tun.“
Ich werde im Geld schwimmen. Kohle, Piepen, Mäuse, zu mir! Ich brauche nur noch Namen für die Sekte, Logo, soziale Netzwerke und dann geht’s los!
Was soll ich sagen, ich bin alt, ich brauche das Geld. Glauben Sie vielleicht, ein Restaurant Besuch beim einzigen hiesigen Michelin Stern bezahlt sich aus der Portokasse?!
Allen Leserinnen ein erfolgreiches und spannendes 2018 und demnächst wird hier im Blog das Aufnahmeformular für meine Sekte veröffentlicht online gestellt. Bleiben Sie drin!
29.12.2017 – Ich habe einen eigenen Zen-Garten

Zen-Garten. Mit Portwein Probe.
Ich habe eine hohe Stressresistenz. Auf einer Skala von 0 bis 10 würde ich die bei 11 einordnen. Mir fällt spontan wenig ein, auf das ich mich im öffentlichen Raum, Job- oder Projektmässig nicht einlassen würde, abgesehen von sowas wie Skispringen oder Wingsuit-Fliegen. Auf der anderen Seite besitze ich einen bedauerlichen Mangel an Gelassenheit, der mich mitunter an die Ausraster des von mir hochgeschätzten Kollegen Duck erinnert. Ich kann mir das nicht erklären und werde darüber sicher noch offen und angstfrei in meiner Männergruppe reden, aber vorderhand gilt es, pragmatische Lösungen für den Alltag zu finden. Wo ist meine innere Mitte? Was tun? Kein Alkohol und keine Drogen ist auch keine Lösung.
Ein Geschenk brachte die Lösung. Ein Garten, basierend auf den Prinzipien des Zen-Buddhismus.

Zen-Garten. Ohne Portwein Probe.
So sitze ich denn, wenn ich merke, dass mich wieder eine rote Welle voller Zorn des Gerechten (das Gute ist, ich hab immer recht) zu übermannen droht, vor meinem Zen-Garten, dekoriere die Steinchen um und ziehe mit dem Rechen eine Furche nach der anderen. Dazu nippe ich das eine oder andere Mal am Portwein und nach zwei, drei Stunden überkommt mich eine dösige innere Stille, ich bin mit mir, der Welt, dem Zech-Buddhismus und dem Portwein im Reinen.
Portwein ist ja grundsätzlich das Grandioseste, was man aus Trauben machen kann. Und man kann sehr viele sehr schöne Dinge aus Trauben herstellen. Der Abgang eines Weines wird in Caudalie gemessen, bei 50 Caudalie fangen Spitzenweine an. Große Rotweine zum Beispiel haben einen extrem langen Nachhall. Das ist aber nichts gegen Portwein. Portweinen kann man hinterhersinnieren wie einem famosen Gedanken oder einer berückenden Erinnerung. Das Schöne ist, man trinkt davon nur wenig, kein Dandy von Verstand käme auf die Idee, sich mit Portwein dem Rausch hinzugeben. Und man muss nicht nach unbezahlbaren Sternen greifen wollen, den sogenannten Vintage Ports. Meine alte Weinwirtin, Bacchus hab‘ sie selig, sagte immer: „Den Unterschied trinkste nich wech.“
Ein Nieeport im einstelligen Bereich tut’s allemal.
Mein Paradies schien also nahe.

Bis ich die Beschreibung des Zen-Gartens las. „Ziehen Sie Ihr Furchen, ganz nach Ihrer eigenen Lust?“ Bei soviel grenzdebiler Unprofessionalität der Verfasser dieses Machwerks, das eigene Unterbewusstsein bei der Arbeit mal fünf Minuten beiseite sein zu lassen, überkam mich der tobende Zorn des Gerechten, ich zerbrach den Rechen, trat den Sand in den Staub und schleuderte die Steine in den Garten.
Und jetzt sitz ich da mit meinen Port Pullen. Was nun?
Guten Rutsch und Prost, liebe Leserinnen.
25.12.2017 – Frieden mit Weihnachten

Ich schwanke, wo ich Weihnachten abhänge, im autonomen Jugendzentrum oder in der Seniorenrenitenz. Eins meiner Lieblingsschilder. Ich habe meinen Frieden mit Weihnachten gemacht.
Auch ich war früher militant und radikal
gegen Weihnachten, Fammilje, Kapital!
Alle Macht den Räten,
Brecht dem Weihnachtsmann die Gräten!
Mittlerweile haben wir eine Räterepublik, zwar nur eine Studienräterepublik, aber irgendwo muss man ja anfangen. Und was Weihnachten angeht, da bin ich orthodoxer Marxist und denke strikt in ökonomischen Kategorien, wenn ich auch sonst eher zu Antonio Gramsci tendiere, der den lebensweltlichen und alltagskulturellen Aspekt im Klassenkampf stärker betont.
Also rein ökonomisch habe ich heuer zu Weihnachten 930 Euro gespart. Jeder Deutsche gibt statistisch gesehen 465 Euro zu Weihnachten aus. Ich gebe 0 Euro aus. Also habe ich schon mal 465 Euro auf der Habenseite. 465 Euro Haben oder Nicht-Haben, das macht 930 Euro. Rein ökonomisch gesehen habe ich meinen Frieden mit Weihnachten gemacht. Was den Familienaspekt angeht: Ich liebe jedes Mitglied meiner Restfamilie, aufrichtig und innig. Wir machen zusammen Urlaub, Berlin unsicher, etc. pp. Und kein Mitglied wohnt näher als 300 km an meiner Homebase. Frieden auf Erden. Und Ruhe zu Weihnachten.
Ansonsten ist Weihnachten das Fest der Hiebe, was besonders Frauen ausbaden dürfen. Anders als es der Spiegel weissmachen will, der behauptet Weihnachten sei besser als sein Ruf. Die Geschichte hat ein Mann geschrieben.
Also liebe Leserinnen, trauen Sie Männern nicht über den Weg (mir können Sie schon trauen, ich bin anders als die anderen Männer). Ich wünsche Ihnen ein friedliches Weihnachten und werde mich demnächst einer umfangreichen Portweinprobe widmen. Irgendwo musste ich ja mit meinen 930 Euro hin.
24.12.2017 – Wie ein Spiegelsaal im Schloss und ein Klavierkonzert mit großem Orchester.

Mein letztes analoges Foto, März 2003, Nizza, Skulptur im Park des MAMAC (Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain). Danach habe ich nur noch digital fotografiert. Der Wechsel von analoger auf digitale Arbeit ist für jeden Arbeitsbereich von epochaler Bedeutung, für Kulturproduzenten umso mehr, als es die Art der eigenen Erzählweise nachhaltig verändert. Es geht nicht nur darum, (im Sine Walter Benjamins) auf der Höhe der zeitgenössischen Produktionsmittel zu bleiben, weil man sonst nicht nur künstlerisch, sondern auch gesellschaftlich abgehängt wird. Es geht auch um die Verbesserung der Qualität der eigenen Arbeit und eben um andere Erzählweisen. Digital ist schneller, vielfältiger, kommunikationsfähiger, aber auch beliebiger, flüchtiger, unkonzentrierter. Schreiben Sie Ihren nächsten Text mal mit der Hand, dann verstehen Sie, was ich meine. Wer sich diese Produktionsweise zurückkoppelt, ändert seine Sichtweise auf die sich eh dauernd ändernde Welt. Man schreibt zum Beispiel im Strom der anschwellenden Bilder filmischer.
Wehmütig wird mir aber schon beim Betrachten der Scans meiner alten Papierbilder. Diese Riesenapparate damals und was die für Geräusche machten. Und dieser Akt des Filmeinfädelns. Und was für eine verwunschene, verschwundene, grobkörnige Welt das anscheinend damals war. Und dieses Warten auf die Bilder! 18 x 13 cm Format im Sonderangebot 18 Pfennig, sonst 36. Da lohnte sich schon das Warten bei drei 36er Filmen. Fuji oder Kodak? Das war hier die Frage ….
Ganz zu schweigen von den abgebildeten Personen oder Gegenständen. Viele davon tot, verschwunden, abgerissen.

Wie diese Fußgängerbrücke am hiesigen Ihme-Zentrum. Früher als hässliches Monstrum geschmäht, erscheint sie mir heute, wenige Jahre nach ihrem Abriss, als kühn, dynamisch, optimistisch, mit einem Hauch Humor gar. Für mich ein zeitgenössischer Klassiker. Verschwunden. Fragen Sie in weiteren 10,15 Jahren mal die Eingeborenen hier danach. Kann sich keine Sau mehr dran erinnern. So wird unsere Identität fragmentiert.
Die Frage ist halt immer, was sollen wir erhalten und wo brauchen wir Modernisierungsschübe, die die Individuen nicht überfordern.
Und wo bleibt das Positive? Hier: Beschreibung meines Weihnachtsweines Merler Königslay Terrassen:„Wunderbarer reifer Riesling-Duft, kräftig nach weißen Pfirsichen sowie wie wenn die Obstblüte in der Luft liegt; hocheleganter, ausgereifter Körper mit Finesse und Länge und einem eleganten, geradezu aristokratischen Finish – wie ein Spiegelsaal im Schloss.“
Oder auch in der edelsüßen Variante:
„Edle Riesling-Nase mit Noten von Pfirsichen, Biskuit, Zitronat unterlegt von viel Frische, üppig vollmundiger Körper mit heller Frucht und betörender Süße; wunderbar fruchtig-reife Rieslingnoten im Finish, deren edle Reife immer weiter zunehmen wird – ein Wein wie ein Klavierkonzert mit großem Orchester.“
Spiegelsaal im Schloss bei Klavierkonzert mit großem Orchester, und das in meiner Butze. Dass Weinachten auf meine alten Tage noch mal so ergreifend werden könnte, schnüff.
Prost, liebe Leserinnen.
23.12.2017 – Einübung in den Kapitalismus

Kaspertheater auf Weihnachtsmarkt.
Der Kapitalismus ist die letzte Stufe vor der Barbarei (siehe Weimarer Republik und folgender Faschismus), er ist aber auch die letzte Brandmauer vor der Barbarei. Wenn das Kapital seine Geschäfte gestört sieht durch braunen Mob auf den Straßen oder gar in den Betrieben, schlechtes Image im Ausland, gestörten Arbeitskräfte Zuzug, wird es sicher energischer gegensteuern als Parteien oder etwa die Zivilgesellschaft, deren äußerstes Mittel einer Militanz der Gegenwehr die Lichterkette ist. Wenn ich mir gar Gewerkschaften oder Verbände als organisierte Struktur der Zivilgesellschaft anschaue, möchte ich den ganzen Tag Antidepressiva einwerfen vor Hoffnungslosigkeit. Oder Marihuana inhalieren. Was von denen maximal kommen würde: eine online Petition, zwei gemeinsame Apelle, drei Kongresse. Ach ja, eine Lichterkette. Die hatte ich ganz vergessen. Das Schlimme an dieser Analyse ist: Ich weiß, wovon ich rede. Seien wir also dankbar, dass es den Kapitalismus gibt. Nichtsdestotrotz sehe ich dessen Konsequenzen, Struktur und Funktionsweise natürlich 24 Stunden am Tag kritisch und wenn das nicht reicht, nehme ich die Nacht dazu. Und immer mit geballter Faust in der Tasche, voller Zorn des Gerechten.
Wie gestern auf dem Weihnachtsmarkt. Kaspertheater. Da werden die Kleinsten schon mit ideologischem Müll in den Kapitalismus eingeübt. Beim Kaspertheater gibt es den Kasper, der ist das Gute. Es gibt den Räuber, der ist das Böse. Es gibt den Polizisten, der ist die Obrigkeit, auch das Gute. Und es gibt Gretl, die ist die Vernunft (Kasper ist normalerweise dumm wie Dosenbrot). Und dann gibt es noch, unsichtbar, das Kapital, denn irgendwen muss der Räuber ja beklauen. Kasper stellt dann dem Räuber eine Falle, meist unter Mithilfe von Gretl, und übergibt ihn der Polizei. Dabei kommt der Knüppel (= Slapstick) des Kaspers zum Einsatz. Der, das nur am Rande, natürlich ein Phallussymbol ist, weil dieser geile Bock Gretl vögeln will. Was noch das Beste ist, was man von ihm sagen kann.
Kasper gestern also zum Kinder-Publikum: „Wollen wir den Räuber fangen und der Polizei übergeben?“ Ich: „Pfui, Du miese Petze.“ Eltern: „Pssssst.“ Ich: „Der Räuber ist gut, denn er stiehlt bei den Reichen und gibt den Armen.“ Eltern, empört: „Ruhe!“ Ich: „Der Kasper ist ein Büttel des Kapitals und ein Polizeispitzel!“ Alt 68er Apo Opa, mit Enkel: „Bravo!“ Ich, zum Kasper: „Geh lieber arbeiten, Du Faulpelz.“ Irritation beim Apo Opa. Ich: „Mann, Alter, der Kasper ist doch im marxschen Sinn Angehöriger des Lumpenproletariats. Mit dem kannst Du kein Klassenbewusstsein herstellen.“ Apo Opa: „Stimmt. Lass uns was kiffen, dann wird das noch lustig hier.“ Ich: „Gute Idee. Das ist doch das reinste Kaspertheater hier.“
Ich wünsche allen Leserinnen eine fröhliche Weihnacht.