
Auch eine Art von Wahrnehmung. Das Plakat hängt seit Jahren im Hausflur, ich guck da vermutlich sechsmal am Tag drauf, nehme es aber nicht mehr wahr. Gestern brachte mir ein DHL-Bote ein Paket, sah das Plakat und fing laut und lange an zu lachen, er freute sich dermaßen ansteckend, dass ich am Ende mitlachen musste.
Was lernen wir aus dieser kleinen Geschichte, liebe Leserinnen, wenn wir uns auf den Weg in ein eigenes Leben machen? Unsere Existenz gründet auf einer Kette von Wahrnehmungen. Wenn wir uns unser Selbst und unserer Welt gewahr werden wollen, müssen wir wahrnehmen. Der erste Schritt auf dem Weg in ein eigenes Leben beginnt mit „Wahrnehmung“. Die gilt es zu trainieren und schon sind wir im praktischen Teil unseres kleinen Ratgebers. Wir fangen nicht mit der Königsdisziplin der Wahrnehmung an, der Selbstwahrnehmung. Nicht, dass uns am Beginn der Reise da jemand begegnet, den wir nicht leiden können.
Ein Scherz, wir haben uns alle lieb. Das ist das erste Gebot. Zu den 6 anderen obersten Geboten auf unserer Reise kommen wir später. Der Scherz soll nur darauf hinweisen, dass es hier nicht allzu bierernst zugehen soll.
Wir fangen in kleinen Trippelschritten an, mit der Schulung der Außenwahrnehmung. Wie nehmen wir die Welt wahr, die uns täglich umgibt, und wie gehen wir mit dieser Wahrnehmung um? Meistens achtlos, aber das können wir uns abtrainieren. Jede von Ihnen hat irgendetwas alltägliches in der Welt da draußen, was sie anzieht, abstößt, irritiert, stört, erfreut, wütend macht …Werbeplakate, überquellende Abfallbehälter, Spatzen, Sonnenuntergänge, röhrende Autos, Schaufenster mit Schmuck, Speisekarten vor Lokalen, was auch immer. Machen Sie von diesen sich wiederholenden Gegenständen eine Serie von Fotos mit Ihrem Smartphone (entsprechend dem Prinzip der seriellen Kunst). Und beobachten Sie, was das mit Ihrer Wahrnehmung macht.

Mein Gegenstand zur Zeit: Telefonzellen. Hier in Berlin am U-Bahnhof Sonnenallee. Dort bat mich vor einiger Zeit jemand mit einer Behinderung, ihm Münzen in einen Schein zu wechseln. Er zog sich mit dem Schein in die Telefonzelle zurück, legte sich auf der Leiste unter dem Apparat eine Linie Koks und zog die mit dem eingewechselten Schein durch die Nase. Das war für ihn wohl so am bequemsten, weil er sich kaum bücken konnte. Seitdem sehe ich die ohnehin verschwindenden Telefonzellen, die eh Artefakte einer untergegangenen analogen Zeit sind, mit anderen Augen. Und fotografiere sie. Das trainiert die Wahrnehmung meines bevorzugten Soziotops, der urban-prekär-subkulturellen Szenen.
Ende von Modul 1. Irgendwann gibt es mehr. Wenn ich das Ganze nicht in einen Bestseller verwurste. Oder für Grete Tofu, dem Pendant von Hans Wurst: vergemüse.
Nachtrag zum Plakat oben: Der Auftritt war eine vierstündige Legende im alternativen raum 2. Wir spielten auf Abendkasse. Reinerlös nach Abzug von Fahrt- und anderen Kosten: 2 Euro. Das Geldstück liegt heute noch in meinem Regal. Ich brauchte drei Tage, um mich von dem Auftritt zu erholen. Danach hängte ich meine Karriere als Subkultur-Kabarettist an den Nagel.
Eine Frage der ehrlichen Selbst-Wahrnehmung. Charmanten Start in die Woche, liebe Leserinnen.
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25.11.2017 – Ich schaue gerade aus dem Fenster

7 Grad, Niesel, Wind von achtern, Trübnis. Da hilft nur eins, um die Laune zu verbessern: Der Blick in den Wirtschaftsteil der Bürgerpresse. Der Ifo Geschäftsklimaindex, also die Lage der Nation in Sachen Wirtschaft, ist so hoch wie nie seit 1969. Es geht uns nicht nur gut, sondern GOLD! Ich werde also nachher auf den Straßen tanzen, Konfetti streuen und Freudentränen vergießen. Was war da eigentlich los, 1969, beim letzten Rekordhoch?
Wir hatten mehr als Vollbeschäftigung, eine Arbeitslosenquote von 0,9 Prozent, die Armutsquote sank seit 1963 kontinuierlich, die wilden Septemberstreiks legten die Grundlage für Lohnerhöhungen anfangs der 70er von über 10 Prozent und der Ex-Außenminister und spätere Lobbyist für Siemens, RWE und BMW, Joseph Fischer fing an, sich warmzulaufen fürs „Bullen“verprügeln im Rahmen seiner militanten APO Karriere. Die früheren Väter der taz, jetzt FAZ Abonnenten, dachten sich allerlei revolutionären Hokuspokus und Mumpitz aus, kurz, es herrschte eitel „Brüder zur Sonne“nschein in der BRD. Die Schwestern rüsteten dann auch nach.
Und heute?
Heute haben wir den IFO noch höher als 69, eine Rekordarmutsquote von 16 %, eine Unterschäftigungsquote von über 10 %, weit über 10 Mio. Menschen wollen mehr, nämlich existenzsichernd, arbeiten, dürfen aber nicht, ab und zu streikt mal ein Lokführer oder Flugkapitän und 2016 hatten wir im Schnitt pro Tag 10 Übergriffe von Neonazis gegen Flüchtlinge und deren Unterkünfte.
Ich schau gerade aus dem Fenster.
Ich lass das mal mit dem Tanzen auf den Straßen, nicht, dass ich es noch im Kreuz kriege. Und alle Leserinnen, die auf konkrete Hinweise für den Weg zum eigenen Leben gewartet haben, muss ich auf den nächsten Blogeintrag vertrösten.
Aber ich hab da einiges in der Pipeline. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zum Schluss: So einen Ratgeber zu schreiben wäre keine schlechte Sache. Ich wollte nächstes Jahr in meiner Berlin-WG sowieso mehr für mich selber machen, auch schreiben zum Beispiel, und bevor ich hier für lau so einen Blog vollkritzele, kann ich doch gleich dem Trend folgen, ins Ökonomische gehen. Ein paar 10.000 Ocken zusätzlich sind doch nicht verwerflich. Ich hör hier mal auf, muss pinkeln, aber grundsätzlich ist die Sache klar:
Non olet.
24.11.2017 – „Soviel bin ich mir wert! Mein Weg in ein eigenes Leben in 16 Modulen.“

Dialog auf unserem Hausmitteilungsbrett von 1998. Ein früher alternatives Hausprojekt, in dem es oft lebendig zuging, bis hin zu Geburten. Ob es sich bei der in Rede stehenden Zange um eine Grillzange oder ein Geburtshilfe-Instrument handelte, entzieht sich meiner Erinnerung. Ich ordnete gerade gescannte Papierfotos aus der guten, alten, analogen Zeit ein. Da fiel mir das in die Hände. Mich gruselt es ein wenig, wenn ich die ganzen Leute darauf sehe, die mittlerweile gestorben sind, vor der Zeit, wie man so sagt.
Was fast automatisch zum Cliffhanger vom gestrigen Blogeintrag führt, der Frage nach einem guten, nach dem „eigenen“, also autonomen Leben. Es gibt ein Leben vor dem Tod und das will genutzt sein. Für viele Menschen ist ein gutes Leben ein Leben, was jederzeit vollkommen im Rahmen der Erwartungen und innerhalb fester, enger Normgrenzen bleibt, jederzeit planbar und vorhersehbar. Daran ist überhaupt nichts auszusetzten. Im Gegenteil, was für ein Chaos würde herrschen, meinte jede, sich allzeit abseits von Normen und Werten zu halten, sich permanent selbst verwirklichen zu wollen, mit den Mitteln der Kultur gar. Eine ganz und gar schreckliche Vorstellung.
Allerdings produziert der Zusammenprall von Anpassung an Normdruck einerseits und Sehnsucht nach Individualität und Originalität anderseits Kosten: Psychische und gesamtgesellschaftliche. Das hiesige Schlafmittelgetränkte Zentralorgan für Biedermann & die Schnarchsäcke, die Hannoversche Allgemeine, hat seit Tagen eine Dauerbeilage unter dem Thema „Sicherheit“. Sicherheit vor Kriminalität, vor Geldverlust, vor Krankheit, vor Wanderraten, vor dem Leben, was weiß ich. Es ist ganz und gar gruselig, seitenlang, jeden Tag. Was für eine Angst muss in unserer Gesellschaft, die für die Mehrheit die Sicherste ist, die wir je hatten, herrschen. Was für eine Sehnsucht nach einem eigenen Leben.
Diese Angst produziert Aggression, Ausgrenzung, Wut auf das Fremde. Auf Flüchtlinge, auf Obdachlose, auf Andersdenkende, auf Juden, auf Falschparker, auf alles, immerzu.
Wäre ich noch zynischer als ohnehin, hätte Zeit und bräuchte das Geld, schriebe ich einen Lebenshilfe-Ratgeber in Richtung
„Soviel bin ich mir wert! Mein Weg in ein eigenes Leben in 16 Modulen.“
Oder so ähnlich. Auflage 200.000. Mindestens. Solch Zeug verkauft sich wie geschnitten Brot. Ich hab aber keine Zeit. Ich habe eine bestimmte Vorstellung, was mögliche Grundlagen für ein eigenes Leben sein können. Für mich gehört dazu, das Leben als Inszenierung zu begreifen, so zu leben, dass man am Ende des Tages, des Jahres eine Erzählung hat, eine Geschichte – Geschichten, Bilder, die aneinander gereiht eine eigene Dramaturgie aufweisen. Um dem nachzuspüren, was das für einen selber bedeuten kann, wie das konkret aussehen soll, hilft ein Tagebuch. Jeden Tag 100 Wörter, das schafft Disziplin, Struktur, Perspektive und Ideenproduktion im Kopf. Das Leben verfertigt sich sozusagen im Schreiben. Soviel Zeit muss sein.

So geht’s auch. Die Sorge um die eigene Katze. Meiner ging’s damals, 1998, offensichtlich schlecht. Also ab ins Bett, mit Wadenwickel und Hustentee. Das Bild wird keine 10 Sekunden Bestand gehabt haben, dann dürfte das Tier zeternd und tobend in den Garten geflohen sein. Auch schon lange tot. Aber weit nach ihrer Zeit, die ist bei meiner Pflege. auf Menschenjahre umgerechnet, 110 geworden.
Im nächsten Blogeintrag wird es konkreter, wenn es um das eigene Leben geht.
Bleiben Sie drin!
23.11.2017 – Was ist eigentlich ein gutes Leben?

Großes Auto – gutes Leben?
Was macht ein gutes Leben aus? Gesundheit, gute Beziehungen, ausreichende finanzielle Mittel, befriedigende Arbeit, sonnige Urlaube, Ruhm und Ehre, Friede auf Erden …
Es gibt einige grundlegende Bedingungen (plus individuelle Sonderwünsche), die erfüllt sein sollten, damit jede*r von einem guten Leben sprechen kann. Das ist nicht so schwer zu bestimmen. Anders als bei den Kategorien „glückliches Leben“ oder gar „Was ist eigentlich ein eigenes Leben?“ Also ein selbstbestimmtes Leben jenseits von standardisierter Existenz in einem Wüstenrot-Eigenheim, mit 1,34 Kinder, einem Golf im Carport, 1,27 Lebensversicherungen, einem Druck von Dali über der Sitzgarnitur und einem Amazon-Einkaufsschema, dass mit drei Algorithmen abzugreifen ist. Früher hätte man dazu gesagt: Mit einem Leben aus dem Versandhauskatalog.
Aber diese Metapher ist binnen weniger Jahre so obsolet geworden, wie die, die ich vor 27 Minuten im Deutschlandfunk über die anstehenden Entlassungen bei Siemens gehört habe: „In Görlitz stehen 800 Siemensianer in Lohn und Brot.“
Blödsinn. Wenn überhaupt, kriegen die meisten Siemensianer*innen Gehalt und keinen Lohn, und grundsätzlich ist im ERA (Entgelt-Rahmen-Abkommen) Vertrag von 2003 zwischen Arbeitgebern und IG Metall die Trennung zwischen Lohn und Gehalt aufgehoben: Es heißt Entgelt.
Und es geht für die Kolleg*innen nicht um Brot, also das tägliche Überleben, wie in den Zeiten des Manchester Kapitalismus. Bei „uns“ verhungert keine mehr. Es geht um den Ratenkredit der Leute für ihr Wüstenrot-Eigenheim.
Ich soll mich nicht so anstellen, das ist doch nur eine Metapher? Von wegen. Unsere Sprachebene bildet unsere Bewusstseins-Ebenen ab und Metaphern von „Lohn und Brot und Versandhauskatalog“ zeigen, dass die Verwenderin nicht begriffen hat, in was für einem fundamentalen gesellschaftlichen Wandel wir uns befinden im Zeitalter von Digitalisierung und sozialen Medien. Wenn einer erstmal Verständnis von Modernisierung und Wandel ausgeht, folgt bald die Sprache und am Ende bleibt Wut & Angst.
Was das bedeutet?
Gucken Sie sich mal die Verbrauchskurven von Psychopharmaka an, den Anstieg von Angsterkrankungen, die Wahlergebnisse der AfD und den Ton in den gesellschaftlichen Diskursen.
Auf der Suche nach Originalität und Individualität, also nach einem „eigenen“ Leben, nennen immer mehr Menschen ihre Kinder nach Helden aus TV Serien wie „Games of Throne“. Bei Hochzeiten gehört oft der Transport in überlangen Hochzeitsautos dazu (siehe Foto oben). Aus Gründen der Originalität und Individualität. Ich gehe jede Wette ein, dass solche Ehen ein extrem kurzes Verfallsdatum haben. Es ist erwiesen, dass Ehen, die massenhaft an so originellen und individuellen Daten wie dem 11.11.11 oder 09.09.09 geschlossen werden, signifikant eher geschieden werden als normale.
Ich bin old-fashioned. Ich würde meine Kinder nach der Serie „Augsburger Puppenkiste“ benennen: Blechbüchsenarmee Rolle Roll Roll.

Und im nächsten Blogeintrag erfahren Sie, liebe Leserinnen, mehr über das Geheimnis: Wie führe ich ein eigenes Leben?
Bleiben Sie drin!
21.11.2017 – Einen Hoch auf gesunde Sexsüchte!

Können Sie mir sagen, wo auf dem Bild sich Bohnenkraut befindet? Sehen Sie. Ich auch nicht. Bohnenkraut ist mein Lieblingskraut. Passt nicht nur wunderbar in die Küche, sondern entfaltet als Highlkraut saagenhafte Wirkung. Es hilft gegen Husten, Leberprobleme, Durchfall und, Zitat: „ .. Beeinträchtigungen der Libido, Erektionsstörungen oder ungesunde Sexsüchte …“ Jedes Kraut in meinem Garten, und da gibt es viele, hat ein Motto. Am Bohnenkraut steht: „Einen Hoch auf gesunde Sexsüchte!“
Sein Wuchs ist allerdings überschaubar und da ich in meinem Garten weder Kräuterbeete anlege, auch kein durchstrukturiertes Ordnungssystem pflege mit beschrifteten Tafeln oder die Pflanzen mit Chips zwecks GPS Ortung versehe, ist da ein Durcheinander, dass man nix findet. Jedenfalls nicht das Bohnenkraut.
Naturmässig ist das alles so ineffizient, nicht Ertragsoptimiert, dass man sich fragt: Wie konnte sich sowas unlogisches, chaotisches und anarchistisches wie die Natur am Markt überhaupt durchsetzen? Am Kapitalmarkt würde die Natur keinen Tag überleben! Aber bei mir im Garten auf üppige Hose machen, wucher, wucher.
Ganz anders als das spärliche und unsichtbare Bohnenkraut dagegen Rosmarin und Salbei. Hilft nicht gegen ungesunde Sexsüchte und braucht zum Kochen keine Sau, wenn überhaupt, nur in winzigen Dosen. Ein Zweig Rosmarin zu viel an der mediterranen Gemüsepfanne oder ein Blatt Salbei am Saltimbocca und man kriegt sofort die berüchtigte Rosmarin-Salbei-Pelz-Fresse. Igitt. Aber wachsen tut das Zeug als ob es dafür bezahlt würde.

Rosmarin, unübersehbar. Ist immerhin immergrün und ein paar Doppelzentner nehme ich für Rosmarinöl. Mit gutem Olivenöl die Zweige bedeckt in einem dunklen Gefäß paar Monate ziehen lassen ergibt ein ideales Mittel gegen Entzündungen und andere Gebresten. Sobald auch nur ein Hauch von Entzündung an oder in meinem Körper in Sichtweite kommt, wird sofort die Rosmarinöl-Kanone aufgefahren
Meine Sicht auf die Natur wird ja von der FDP geteilt. Natur als schwer planbarer reiner Kostenträger, daher bloß keinen Klimaschutz. Gut, dass sich unsere SUV- und Flugreisen-Gesellschaft eh entschieden hat, Natur etc. über den Jordan gehen zu lassen. Was da in den Koalitionsverhandlungen verkaspert wurde in Sachen Klimaschutz würde auch in der extremsten Form nicht ansatzweise dafür reichen, eine Prozess-Umkehr bei CO2 Emissionen in die Wege zu leiten. Also muss sich keine über vertane Chancen ärgern und ich find’s alles wieder lächerlich und plane meinen nächste Urlaub.
Flugzeug. Was sonst.
19.11.2017 – Das wird man ja wohl noch sagen dürfen

Was für ein Titel für eine Kunstausstellung: Reframing Worlds – Mobilität und Gender aus postkolonial, feministischer Perspektive.
Ich grinse ja politisch gesehen nur noch vor mich hin und in mich rein. In der aktuellen Debatte um Belästigung, Übergriffe und Vergewaltigung zum Beispiel haben sich ja auch jede Menge alte, weiße Männer in den hiesigen Feuilletons unserer Studienräterepublik zu Wort gemeldet, von „Zeit“ über „Welt“ bis „Süddeutsche“, kurz, sie haben sich in all jenen Organen ergossen, die man als Mann von Welt und Geschmack höchstens für rückwärtige Zwecke benutzt. Teilweisiger Tenor ihrer Ergüsse: Nun sollten sich die Weiber aber mal am Riemen reißen, so schlimm ist das alles gar nicht und das (Zoten, dümmliche Anbaggereien etc.) wird man ja wohl noch sagen dürfen und wo bleibt das Flirten etc. pp? Das sind die gleichen Typen, die in wohlgesetzten Worten zu Recht Antisemitismus und Rassismus verurteilen, wenn er, was er fast immer tut, in der rhetorischen Floskel des „Ich hab ja nichts gegen die Juden, aber das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen …“ daherkommt.
Aber wenn es um den eigenen Königstiger geht, der bei einigen mittlerweile nur noch als Bettvorleger taugen dürfte, verschiebt sich die Perspektive auf einmal … Erst können sie das Wasser nicht mehr halten und dann die Tinte nicht. Es ist so lächerlich.
Leider sieht es am entgegengesetzten Ende des gesellschaftlichen Spektrums nicht so hoffnungsvoll aus, dass oben erwähnte Bettvorleger zukünftig einfach mal die Schnauze halten würden.
Der Titel der oben abgebildeten Ausstellung ist derartig peinlich und daneben, einfach komplett unprofessionell und bringt das Desaster des real existierenden Feminismus auf den Punkt: Völlig abgehoben und entpolitisiert akademisch jenseits jeder Wirklichkeit, gekreuzigt in zahlreichen Gleichstellungsbüros und begraben in universitären Zirkeln, wo frau sich überbietet im Zählen von wieviel Geschlechter denn diese Woche neu dazugekommen sind.
Mädels, schon mal was davon gehört, dass in sozialen Brennpunkten 80 Prozent aller Alleinerziehenden, und das sind zu über 90 Prozent Frauen, von Armut bedroht sind?
Schon mal was von Gender Pay Gap gehört?
Oder der gläsernen Karrieredecke?
Wer bitte schön soll sich von so einem Ausstellungstitel angezogen fühlen? Das ist unprofessionell, weil man nicht jeden Mist, der in Fördermittelanträgen drinsteht, in die Wirklichkeit überträgt. Und der Titel ist schlicht falsch. Das Komma bei „ … postkolonial, feministischer…“ gehört da nicht hin. Entweder heißt es „… postkolonialer, feministischer …“ oder „ … postkolonial-feministischer ..“. Beides möglich, aber inhaltlich liegen da erhebliche Differenzen.
Die Ausstellung war übrigens nicht schlecht. Aber welche Rolle spielt das schon.
Einfach auf mich hören, Mädels. Dann klappt das mit dem Feminismus schon.
Gut, dass ich meinen Humor nicht verloren habe. Aber manchmal muss ich mir echt Mühe geben
12.11.2017 – Im Zweifel endet alles im Pop.
Die FDP will privatisieren, was noch im Besitz des Bundes ist, so hört man es aus Jamaika. Gier kennt kein Maß. Ob das Kapital an seiner Gier noch ersticken wird, weiß ich nicht. Ich hoffe nur, dass ich nicht in der Nähe bin, wenn das passiert. Dieser Prozess dürfte für den Rest auch nicht angenehm verlaufen. „Privatisieren“ kommt etymologisch vom lateinischen privare: vorenthalten, berauben, entziehen.
Irgendwie geht mir angesichts der politischen Entwicklung langsam der Zorn aus und macht einer ermattet-wurstigen Lustigkeit Platz. Erinnerungen an meine Privatisierungsvorschläge kommen auf – die natürlich kein Schwein realisiert hat.

Landtag privatisieren

Luft privatisieren
Irgendwann in der Geschichte ging es auch mal anders rum, links, zwo drei vier. Ich war unlängst in der Ausstellung „1917. Revolution” im Deutschen Historischen Museum

Ob damals für einen Moment eine andere Welt möglich war? Aber erstmal mussten ja die Sozialfaschisten besiegt werden (so die KPD über die SPD) und später dann die rotlackierten Faschisten (so die SPD über die KPD).

Im Zweifel endet alles im Pop.
Die Ausstellung ist sehenswert. Angenehm neutral, macht sie anhand sinnlicher Exponate augenscheinlich, wie die Zeit damals aussah.
Da geht’s uns noch Gold.
Jedenfalls Zwei Drittel der Insassen der BRD.
11.11.2017 – Was mache ich mit meinem Zipfelmännchen?

Die stehen bei mir rum und warten darauf, dass mir was Witziges dazu einfällt. Wer es noch nicht mitgekriegt hat: Das sind Zipfelmännchen der Firma Penny und die haben Shitstorms allenthalben ausgelöst. Von wegen Untergang des Abendlandes usw. Siehe hier zum Beispiel
Bemerkenswert unter anderem, wie viele Wutbürgerinnen einen rektalen Umgang mit dem armen wehrlosen Wicht in Erwägung ziehen.
Die Gegenseite will klare Fronten und fordert: Ich will einen AfD-Weihnachtsmann – außen braun und innen hohl.
Eins wird gerade an solchen eher harmlosen Beispielen immer klarer: Die Spaltung unserer Gesellschaft ist nicht nur eine ökonomische zwischen Arm und Reich. Sie ist auch ein Kulturkampf quer durch die Fronten der Ökonomie. Mittels kultureller Chiffren hat es der Weiße-Kragen-Mob der vermeintlichen Elite im Lande geschafft, den Prekariats-Mob in den sozialen Brennpunkten für seine völkisch-nationalen Zwecke zu mobilisieren. Die ärmsten Regionen sind im Normalfall die mit dem höchsten AfD Anteil, die AfD ist die Partei im Bundestag mit dem höchsten Akademiker-Anteil.
What’s left? Der AfD Bundesparteitag in Hannover am 2.12.

Machen wir halt ne Latsch Demo. Ob ich hingehe, hängt vom Wetter ab. Die Zeiten sind vorbei, wo ich an Bahnhöfen um 5 Uhr morgens bei minus 10 Grad die Massen mittels Flugi zur nächsten Tarifrunde agitiert habe. Aber wer mich auf der Demo anspricht, kriegt ein Zipfelmännchen von mir. Was Besseres fällt mir einfach nicht ein.
10.11.2017 – Diverse Scheisse 1,50 – 3,50

Diverse Scheisse. Kann man als politischen Kommentar zur Lage der Situation lesen. Kann man aber auch einfach erfreut zur Kenntnis nehmen, dass einem beim Blick in Schaufenster nicht immer nur die normierte Reichs-Einheits-Scheisse geboten wird.

Scheisse in ihrer bezaubernden Vielfalt.

Gesehen im Zauberkönig in Berlin-Neukölln, Hermannstr. Eine Oase der Singularität, eine Zeitreise in verwunschene Ecken von Kindheitsträumen, ein Paradies analoger Absurdität. Analoge Scheisse. Wo gibt es die noch?!
In zwei, drei Jahren wird es diesen Laden nicht mehr geben. Er grenzt auf der Höhe des Tempelhofer Flugfeldes an den Schillerkiez. Über den Schillerkiez heißt es auf Wikipedia noch im sonst sehr lesenswerten Eintrag über die Hermannstr.:
„Zählt schon der Schillerkiez in seiner Bevölkerungsstruktur heute zu den eher benachteiligten Vierteln mit einem hohen Anteil an Sozialhilfeempfängern, ….“
Das ist hanebüchener Unsinn. Richtig ist vielmehr, dass dieser Kiez mittlerweile schwerstens angesagt ist. Dort liegt mein Lieblingswochenmarkt, überschaubar, mit einem charmanten Weinlokal und allerlei Spezereien.
Wer meinem subjektiven Faktor misstraut, Fakten gefällig?
Mietspieglein an der Wand,
wer ist der Angesagteste im Land?
Zitat Morgenpost über den Schillerkiez: „ … So lag die Nettokaltmiete für angebotene Wohnungen pro Quadratmeter 2006 noch bei 4,80 Euro, mittlerweile werden Wohnungen durchschnittlich für 12,90 Euro pro Quadratmeter vermietet …“
Also wird an Stelle des Zauberkönigs in zwei, drei Jahren irgendein bioveganes katalanisches Spezialitätenrestaurant seine Pforten öffnen oder das „Brexit“, ein Laden, in dem es englisches Essen gibt, für die ganz Hippen.
Ein paar Meter weiter ist dann allerdings Ende mit Schicki Micki. Das Rollberg Viertel, mit dazugehörigem Jobcenter, im Brutalismus Stil der 70er erbaut, was nichts mit Brutal zu tun hat.

Da ist sogar die Straßenkunst gruselig. Ob in 30 Jahren hier die angesagten Szenekieze sind?
Natürlich leiste ich durch meine Besuche und meinen Konsum in früher Friedrichshain und den letzten Jahren Neukölln solchen Gentrifizierungsprozessen Vorschub. Wäre ich ein Working class Hero, zöge ich ins Rollberg Viertel und gründete dort eine Basisinitiative. Erfahrung und Kompetenz dafür hätte ich. Aber in meinem Alter noch den Heiligen geben?
Das hätte denn doch etwas Don-Quichoteskes…
Ich habe mich auf einen Kompromiss geeinigt. Für nächstes Jahr habe ich mir ein WG-Zimmer direkt am Bergmann-Kiez genommen. Da kann man nun echt nichts mehr gentrifizieren. Der Bergmann ist durch.
Und weil ich dann da wohne, kann ich aber sowas von über diese Scheiss-Touris ablästern, die einem die ganze Gegend vermiesen.
Das, liebe Genossinnen, nennt man semiparadoxe Intervention.
Früher hieß das negative Dialektik.
07.11.2017 – Hingehen wo es weh tut.

Die hier vorgestellte Gruppe Gnadenlos Gerecht wurde vor einem Jahr von der Landesarmutskonferenz initiiert. Gemeinsames Ziel aller Beteiligten: Nicht reden, sondern handeln.
Action speaks louder than words .
So heisst auch der dazu passende Soundtrack: eine der gefährlichsten Funknummern ever , ich habe die Combo Chocolate Milks live erlebt, das war eines jener Konzerte, bei denen man merkt, dass man Hüften hat und nach denen man eine Woche lang nicht mehr gerade geht, sondern nur im Groove tänzelt. Zumindest Zuhause, wenn’s keiner sieht. Worum es geht, ist auf einen Nenner gebracht: Das Leben, die Politik, die Kunst findet nicht im Ohrensessel statt, nicht im Saale, nicht im Museum, sondern draußen, da wo es wehtut und wo die Kacke am Dampfen ist. Wer es gerne intellektueller hätte, hier die Literaturliste zum Thema:
„Der Autor als Produzent“, Walter Benjamin, vor allem unter Berücksichtigung des von Sergej Tretjakov postulierten Typus des „operierenden Schriftstellers“.
– Baukasten zu einer Theorie der Medien, als Enzensberger noch alle Medientassen im Schrank hatte
– Lipstick Traces, von Greil Marcus
– alles über Kommunikationsguerilla