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Presseinformation 03.11.2017 SCHUPPEN 68: Übergabe Instrumentenkoffer an MP Stephan Weil für Koalitionsverhandlungen mit CDU

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SCHUPPEN 68 Presseinformation 03.11.2017. Übergabe Instrumentenkoffer an MP Stephan Weil für Koalitionsverhandlungen mit CDU
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Klaus-Dieter Gleitze und Hermann Sievers vom Künstlernetzwerk SCHUPPEN 68 haben in einer feierlichen Zeremonie dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) einen Instrumentenkoffer für die Koalitionsverhandlungen mit der CDU überreicht. Hier das offizielle Foto von der Übergabe (alle Rechte: SCHUPPEN 68).
Gleitze & Sievers (SCHUPPEN 68) betonen:
„Koalitionsverhandlungen sind keine Selbsthilfekuschelgruppe. Da geht es knallhart zur Sache und gerade das Verhältnis zwischen SPD und CDU in Niedersachsen ist außerordentlich konfliktbelastet. Da wurden in der Vergangenheit jede Menge vergiftete Pfeile abgeschossen, Tiefschläge waren an der Tagesordnung und viele Verletzungen sind nur oberflächlich verheilt. Daher ist das politische Gebot der Stunde, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Wer da nicht den richtigen Instrumentenkoffer im Verhandlungsgepäck hat, kann gleich kapitulieren.“
Der Instrumentenkoffer besteht unter anderem aus der PATZIK (Panzerbrechende Anti-Althusmann Zimmer-Flak, im Bild Nr. 3. Der Verhandlungsführer der CDU, Bernd Althusmann, trägt den Spitznamen „Panzer“).
Gleitze & Sievers sind seit Jahren mit Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung „Joke-Doctors“ der niedersächsischen Politik, in Ergänzung zu den klassischen Spin-Doctors.
taz SCHUPPEN 68 Witze Verkauf
2011 sanierten sie maßgeblich den Haushalt der Stadt Hannover durch den Verkauf von Witzen aus dem einzigen Witze-Verleih der Welt.
SCHUPPEN 68 Scheckübergabe an Stephan Weil
Hier ein Bild der Scheck-Übergabe mit dem Erlös an den damaligen OB Stephan Weil.
Mit der Bitte um Berichterstattung und besten Grüßen
Klaus-Dieter Gleitze & Hermann Sievers
SCHUPPEN 68

31.10.2017 – Notwendige, aber keineswegs hinreichende Überlegungen zur Unterscheidung von Dandy und Snob.

Ein Dandy sollte jederzeit sicher in allen Kleidungsstilen und – arten sein. Ein Snob muss für sowas in Ratgebern nachschlagen.
Dandy ist eine Frage der inneren Einstellung, Snob ist eine Frage des Geldes.
Inwieweit es heute noch den Dandy gibt und was ihn überhaupt ausmacht, ist eine zu diskutierende Frage. Den Snob gibt es sicher noch.
Man sollte sich selbst nicht als Dandy bezeichnen, das wäre stillos. Man sollte danach trachten, einer zu werden.
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Ich trage gerne Smoking, siehe oben
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Aber genauso gerne autonomes Schwarzleder (hier bei meiner „1. Mai Zwerg-Performance“).
Beim Dandy sitzt das Herz links, beim Snob sitzt das Portemonnaie rechts.
Ein Dandy ist Mitglied in keiner Partei, der Snob ist Vorsitzender der Jungen Liberalen.
Ein Dandy kann auch in einem sozialen Brennpunkt wohnen, der Snob kann nur in einem Penthouse überleben.
Ein Dandy kennt sich mit Weinen aus, der Snob prahlt mit seinem Weinkeller.
Der Dandy legt Wert auf Nuancen und Accessoires. Der Snob trägt an allem ein unsichtbares Preisschild.
Stilmittel des Dandys sind Scherz, Selbstironie, Satire und tiefere Bedeutung. Der Snob ist stillos, ironiefrei und dumm.
Der Dandy setzt Trends. Der Snob hechelt ihnen hinterher.
Ein Dandy ist nirgendwo Mitglied, der Snob ist zweiter Vorsitzender im Club der Cohiba Raucher.
Der Dandy ist Kosmopolit, der Snob deutschnational, solange es den Geschäften nicht schadet.
Eine üble Sonderform des Snobs ist der Parvenü, siehe Gerhard Schröder.
Der Dandy trachtet jederzeit danach, eine umfassend gebildete Persönlichkeit zu werden.
Der Snob besitzt Notabitur und lernt „In and Out“ Listen aus dem Playboy auswendig.
Der Dandy benutzt selbst produziertes Rosenwasser als After Shave, der Snob Penhaligon’s Blenheim Bouquet, 200 ml für 100 Euro.
Der Dandy erinnert sich gerne an ein Konzert mit 30 Anderen von Townes van Zandt in einem winzig kleinen verrauchten Club. Der Snob prahlt von seiner VIP-Lounge beim letzten Stones Stadionkonzert.
Der Dandy spart zur Not jeden Monat 10 Euro, um sich alle zwei Jahre einmal ein Essen im besten – keinesfalls im teuersten – Restaurant der Region zu leisten. Der Snob verwechselt die Begriffe „Gourmand“ und „Gourmet“.
Ein Dandy verbringt morgens angemessen lange Zeit vor dem Spiegel, was aber nur ein Eingeweihter erkennt. Bis zum Abend würdigt sich der Dandy dann keines Blicks mehr. Er ist sich seiner selbst sicher.
Der Snob schaut dauernd nach seinem Spiegelbild in Schaufenstern und fragt seine Begleiterin mit jedem Glockenschlag: Wie sehe ich aus?
Der Snob ist eine Wurst. Eine dumme fette Mortadella.

29.10.2017 – Da glotz ich lieber einfach nur vor mich hin

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Panoramafotos sind eine tolle Sache. Sie erweitern das Bildformat im Extrem bis auf 360 Grad. Im vorliegenden Fall hätte man von der zauberhaften Bucht maximal nur das mittlere Drittel auf einem Bild ohne Panoramafunktion gehabt. Also ein Hoch auf die moderne Technik. Wenn da nicht die dunkle Seite ihres Januskopfes wäre … die Technik eben. Manchmal setz ich mir da echt die Hasskappe auf und frage mich, ob die Produzenten im Entwicklungsprozess nicht ein einziges Mal einen normalen User eingebunden haben, um die Alltagstauglichkeit zu gewährleisten. Stattdessen hochbezahlen sie lieber Heerscharen von Lügnern in ihren PR-Abteilungen, die einem das Blaue vom Himmel herabschwindeln. Plug & Play vor Jahrzehnten zum Beispiel, wenn ich daran denke, könnte ich heute noch ansatzlos ein Kettensägemassaker veranstalten. Und ich meine damit noch nicht einmal die tausenden verschiedenen Funktionen, die moderne Mediengeräte besitzen und für deren Beherrschung man einen Master Studiengang bräuchte.
Es geht um Grundlagen wie Datentransport, Speicherung, Akku aufladen etc..
kabelsalat
Das sind ausschließlich Kabel, die ich für reinen Daten-Transport benötige.
Man muss ja dankbar sein, dass sich der USB Standard durchgesetzt hat. Aber am anderen Ende des Kabels: Salat ohne Ende. Die Idioten von Lumix haben es z. B. fertiggebracht, dass bei meinem Modell ich für Datenübertragung und Akku-Aufladung zwei verschiedene Kabel benötige.
Ach, wie gut kann ich mitunter Skeptiker der Moderne verstehen. Manchmal hab ich einfach keine Lust, jeden technologischen Mist mitzumachen. Mach ich auch nicht. Sicher, ohne Google Maps auf meinem Smartphone wäre ich beim Wandern, Radfahren, Cruisen, kurze Wege suchen in Berlin und oder im Urlaub völlig aufgeschmissen. Ich habe den schlechtesten Orientierungssinn des Universums. Es hat zwei Jahre gedauert, bevor ich in meiner Homebase ohne Verirrungen und Wirrungen den Weg von der Haustür zum Mülleimer verinnerlicht hatte.
Aber wenn ich mir das Bild von den Insassen eines Zuges oder Flugzeugs vor Augen führe, wie alle ihren Kopf gesenkt halten und auf das Handy-Display glotzen, dann gruselt es mich. Mich erinnert das an meine Zeit als Messdiener in der katholischen Kirche. Da hat es mich auch komisch berührt, dieser Anblick der betenden Masse, alle die Köpfe gesenkt.
Ich sitz lieber im Zug oder Flugzeug und glotz einfach nur vor mich hin. Ich lese auch nicht. Hab genug in meinem Leben gelesen. Auch am Strand im Urlaub. Kein Buch, kein Handy, ich glotz einfach nur vor mich hin. Manchmal mache ich die Augen zu. Mehr Abwechslung brauche ich nicht. Das ist ein bewusstes gewähltes kontemplatives Antidot zu den Anforderungen der Moderne, zu meinem zwangsneurotischen Verhältnis in Arbeits- und Projektzusammenhängen in Sachen Pünktlichkeit, Disziplin, Ordnung, all den preußischen Tugenden. Ich habe nicht die geringsten Hemmungen, Leute zusammenzufalten, die zu Meetings zu spät kommen. Das ist Diebstahl meiner Lebenszeit. Da werd ich zum Eber.
Find ich scheiße, kann aber nicht anders. Und dafür gönne ich mir, siehe oben, Auszeiten von diesen verdammten auf Funktionalität, Effizienz und Optimierung getrimmten Verhaltensweisen. Ich glotz einfach nur vor mich hin. Manchmal denke ich was.
Aber selten was Brauchbares. Wussten Sie übrigens, dass der Männeranteil beim AfD Wahlvolk 82 Prozent beträgt?

28.10.2017 – Wir leben in einer Leistungsgesellschafft. Und die Erde ist eine Frisbee-Scheibe.

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Ich war kürzlich ein paar Tage um Süden. Das Wasser in der Bucht, die gemalt man als kitschig bezeichnet hätte, so märchenhaft ist sie, war 23 Grad warm, der Wind streichelte sanft die Wassertropfen vom Körper, meine Zehen bohrten sich lustvoll in den feinen weißen Sand eines strahlend türkisfarbenen Meeres – kurz, es war 5 vor Paradies. Vom schlechten Gewissen des mitunter von einer kargen protestantisch-kapitalistischen Arbeitsethik Gebeutelten, redete ich mir vermeintlich gut zu: „Das hast Du Dir verdient, Du hast die letzten Jahre hart gearbeitet und darfst Dir auch mal zweimal Urlaub leisten.“
Mal abgesehen von meinem Privat-Gedöns, war ich damit in die Falle der Leistungsgesellschaft-Ideologie getappt, nach der wir eben in einer Leistungsgesellschaft leben und nur der sich was leisten darf, der entsprechendes geleistet hat.
Wenn wir in einer Leistungsgesellschaft leben, bin ich Immanuel Kant und die Erde ist eine Frisbee-Scheibe.
20 Prozent aller Menschen in Deutschland können sich überhaupt keinen Urlaub leisten, 40 Prozent aller Alleinerziehenden (fast alles Frauen).
25 Prozent aller Beschäftigten arbeiten im Niedriglohnsektor mit ca. 10 Euro Stundenlohn, da liegt man in Steuerklasse 1 netto nicht sehr weit über der Armutsgrenze – bei Vollzeit wohlgemerkt. Wie sollen die sich bei explodierenden Mieten in den Ballungsräumen jemals auch nur eine Woche Malle leisten können.
Zeitarbeitnehmerinnen, Hotel und – Gaststättenbeschäftigte, Kurierdienstfahrer, Menschen, die froh wären, wenn sie den Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde bekämen, obwohl sie sich mitunter regelrecht krank arbeiten, die alle leisten extrem viel und können sich nichts leisten.
Im Gegensatz zu den Milliardenerben der Quandts, Flicks, Schäffers, Oetkers, Aldi Albrechts etc. pp., to be continued, die nicht nur absolut nichts leisten, sondern obendrein jedes Jahr bis zu 100 Mrd. Euro Steuern hinterziehen und sich trotzdem allen Luxus dieser Welt leisten.
Wir leben ganz bestimmt nicht in einer Leistungsgesellschaft, wir leben in einer Erfolgsgesellschaft, in der nach Art der Raubritter die, die Macht haben, den Rest ausplündern. Eine feine Gesellschaft.
Jetzt hab ich mich schon wieder so aufgeregt, dass ich glatt nochmal urlaubsreif bin.
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Hoffentlich besänftigt mich das Bild des Zickleins, das direkt hinter mir in der Bucht graste.

27.10.2017 – Wenn gar nichts mehr geht, hilft die Lektüre von Batterien

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Genauer Text und Sinn des Ganzen am Ende dieses Blog-Eintrags.
Wir leben in einem sich verschärfenden Kulturkampf. Jeder politische Konflikt wie der aktuelle mit dem Erstarken einer völkischen Rechten und ihren antizivilisatorischen Reflexen ist immer auch ein kultureller Kampf um die Hegemonie von Bildern, Erzählungen, Mythen in einer Gesellschaft (Nachtigall Gramsci, ick hör Dir trapsen, während ich mich frage , warum ich mich da eben vertippt habe, statt „trapsen“ „strapsen“ geschrieben habe).
Das mit der Bild-Hegemonie insofern nicht unwichtig, weil in der Diskussion darüber, wie umgehen mit der AfD, Hilflosigkeit herrscht. Das mit den besseren Argumenten und dem Appell an die Vernunft und man müsse den Gegner in Diskussionen stellen etc. pp., kurz, das Prinzip „Ratio“, das haut ja weder bei der AfD noch bei Trump noch sonst irgendwo bei der Rechten hin.
Offensichtlich wirken bei den Kräften der Gegenaufklärung untergründig Bildströme, die sie immun machen gegen das Argument. Von Moral mal ganz zu schweigen.
Die Rambo Filme zum Beispiel im kalten Krieg haben mehr antikommunistische (Bild-) Wirkmächtigkeit entfaltet als jeder reaktionäre Geschichtsunterricht in den Oberstufen damaliger höherer BRD-Lehranstalten.
Harmloses aktuelles Beispiel von subkutan reaktionärem Mist: die Asterix und Obelix Comics, von denen es wohl 2017 eine Neuausgabe gibt. Ich fand die früher auch ganz drollig, mangels Alternativen. Im Prinzip geht es um zwei verklemmte kulturlose Haudraufs, die nach alter Art von Männerbündlern nur Saufen, Fressen und Gewalt im Kopf haben, mit Frauen völlig überfordert sind und auf das Eindringen von Zivilisation in ihren Kulturkreis, also auf den Vormarsch der Römer nach Gallien, mit maximaler Aggression reagieren. Das Einzige, was man zu Gunsten von A & O annehmen kann, ist der Gebrauch von Drogen, vulgo der Zaubertrank.
Wenn es eine AfD Entsprechung auf Comic Ebene gibt, dann sind es diese beiden Dumpfmeister Asterix und Obelix. Bei mir war die Begeisterung für diese Art Comics in dem Moment gestorben, als amerikanische Underground Comics hier landeten, wie fremde Wesen aus dem Weltall.
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Zum Beispiel der schräge „Fritz the Cat“, von Robert Crumb, ein arbeitsscheuer, drogensüchtiger, sexistischer Kater, der als Bombenleger bei einer Terrorgruppe landet und schließlich von einer Frau, die er verarscht hat, mit einem Eispickel (Anspielung auf den Mord an Trotzki) erstochen wird. Und nicht wie Wikipedia schreibt: „erschlagen wird“. So ein Blödsinn, da macht die Anspielung auf Trotzki überhaupt keinen Sinn.
Während der regelrecht niedlich-harmlose, handwerklich biedere Farb-Strich bei Asterix und Obelix die eigene Perspektive immer nur wiederholt und verstärkt, wird sie bei Crumb zuweilen derbe verschoben, düster schwarz-weiß die Paneels, nie niedlich-identifikatorisch, das ist bestimmt kein Kater zum Knuddeln, sondern ein Kotzbrocken.
Wer Fritz the Crumb goutiert, ist natürlich per se kein besserer Mensch als der Asterix und Obelix Freund, aber im Zweifel weniger langweilig. Und das ist schon mal kein schlechter Ansatz, um im Auftrag der Aufklärung unterwegs zu sein.
Und wenn gar nichts mehr geht, hilft die Lektüre von Batterien. Auf meiner steht gerade:
„Achtung, kann explodieren oder lecken, wenn aufgeladen, eingefügt unrichtig oder in über Feuer verfügt hat. Öffnen Sie Batterien nicht.“
Und ich mach mir wegen „strapsen“ Gedanken.

19.10.2017 – Inhalte werden überschätzt. Wir leben in einer Bilder-Welt.

Ich hatte einen Fachtag am Hacken, den man als Erfolg bezeichnen kann.
fachtag lange schlangen
Die Teilnehmer*innen drängelten sich regelrecht vor den Anmeldelisten. Details hier.
Stress macht mir die Organisation von sowas nicht. Mittlerweile sind immer über 10 Verbände mit im Boot, mit ausgewiesenen Experten, Bereichsleiter und so Zeug, die auch reichlich Organisationserfahrung haben. 2,3 Sitzungen und das Ding ist eingetütet. Was nicht klappt, wird wegimprovisiert.
Und wenn ich eins gelernt habe, dann das:
Inhalte werden überschätzt.
Fachtage sowieso. In meinem Bereich werden da eh nur die bereits Gläubigen nochmal bekehrt. Inhalte werden verschriftlich für die Dokumentation nachgereicht und schlimmstenfalls heuert man jemanden ab, der dokumentiert das Ganze auf Video, das stellt man dann online und verkauft das als E-Learning, da verkauft man seine eigene Dokumentations-Faulheit noch als digitalen Lernprozess.
Es gibt allerdings ein paar Sachen, die dürfen unter gar keinen Umständen in die Hose gehen, denn sonst kriegt dieser Fachtag ein Label, das einem sein Arbeitsleben lang wie Scheiße am Hacken heften bleibt.
1. Das Catering muss klappen. Ein sechsstündiger Fachtag, bei dem das Catering nicht klappt, da kann man sich gleich die Kugel geben
2. Das Rednerpult für die Sozialministerin muss niedrig sein. Was gäbe das sonst für ein Bild mit jemanden, der Gregor Gysi nicht weit überragt, und sich am Mikro den Hals nach oben verrenkt.
Unsere Sozialministerin ist hochkompetent bis ins Detail,
Cornelia-Rundt
hat einen feinen Humor. Und führt eine ebensolche, aber sehr scharfe rhetorische Klinge (Foto: El Practicanto). Ich war mal auf einer Veranstaltung mit ca. 300 Leuten bei einem eher konservativen Verband, bei der einer der Chefs des Ganzen ihr als Willkommensgeschenk etwas überreichte, das in ein Geschirrspültuch eingewickelt war. Ich dachte nur: Das ist jetzt nicht wahr, das ist ein Film! Und richtig. Ich habe noch nie jemanden so maliziös im öffentlichen Raum lächeln sehen wie unsere Sozialministerin, kurz und gnadenlos einen Verballeberhaken der finalen Art austeilend: „Oh, wie nett, ein Geschirrspültuch für die Ministerin für Gleichstellung.“ Denn genau das ist sie, was man beim ersten Klick auf der Homepage nachlesen kann: Niedersächsische Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung.
Was für ein Bild wird da mit dem Geschirrtuch produziert?! Frauen raus aus der Politik und zurück an den Herd?
Wie kann man nur so Bilderblöd sein.
Der so zu Recht als Volltrottel Hingehängte erbleichte und tat mir im ersten Moment rein kreatürlich leid. Dann dachte ich aber: „Ok, Du Trottel, wir sind im 21. Jahrhundert und Du brauchst eben die harte Tour.“
Der Mann war ja nicht irgendein Bürobote oder Sachbearbeiter.
Also das mit dem Rednerpult hat bei uns geklappt, wie man oben sieht. Was eine Kleinigkeit aus der Spur lief und mich für ca. 60 Sekunden in den Wahnsinn trieb, war der Mikrofonständer. Die Stellschraube im Gelenk hatte sich unmerklich gelockert und das Mikro begann sich gaaanz langsam zu senken. Zwei, dreimal dippte die Ministerin es kurz an, umsonst, sie ging gar leicht mit dem Kopf hinterher und fixierte dann das bösartig weiter sinkende Mikro kurz wie eine Kobra das Kaninchen, während ich 1000 Tode starb und überlegte, wann ich intervenieren sollte. Was ja nur nervt, wenn mitten im Vortrag einer vor der Vortrags-Nase rumwuselt, verzweifelt überall rumschraubt und am Ende bricht das Rednerpult zusammen.
Ich sah die Ministerin vor meinem inneren Auge schon wieder maliziös … siehe oben: „Herr Gleitze, haben Sie zum Abschied für mich „Vorsicht, Kamera!“ eingeladen?“.
Als ich dann endlich aufsprang, winkte sie lächelnd kurz ab, nahm das Mikro aus dem Gelenk in die Hand und redete so weiter.
Man muss sich mich fürderhin als glücklichen Menschen vorstellen.
Ich hatte schon das Etikett des Fachtags vor meinem inneren Auge gehabt: Das war der Fachtag, an dem sich die Ministerin den Hals verrenkte.
Worum es inhaltlich ging, weiß doch nach zwei Wochen keiner mehr. Aber dieses Bild hätte Generationen überdauert.
Wie gesagt: Inhalte werden überschätzt.
Und Sie können mir glauben: Wenn ich am Ausgang der Niedersachsenwahl etwas bedauere, dann, dass meine Sozialministerin nicht mehr weitermachen will!

14.10.2017 – Niedersachsen-Wahl 15.10: Wahltag ist Zahltag

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Gregor Gysi im Wahlkampf. Der einzige Politiker, von dem ich mir ab und zu in öffentlicher Rede gerne mal die Welt erklären lasse. Nicht aus Erkenntnisinteresse, Gott bewahre, ich weiß selber, wie der Laden läuft. Sondern aus reiner Lust an seiner Rhetorik: lebendig, spontan (natürlich mit Standards, wenn er Glas Wasser nimmt, kommt jedes Mal: „Oh, das ist ja Wodka. Macht nichts.“ Aber auch Standards kommen immer überzeugend über die Rampe), humorvoll, präzise im Spannungsaufbau und Timing, selbstironisch bei aller Selbstverliebtheit, kurz, die ganze Palette jüdischen Intellekts und Humors, von der „wir“ seit dem Faschismus abgeschnitten sind. Stattdessen kriegt Til Schweiger demnächst den Ernst-Lubitsch-Preis. Wehe den Besiegten. (Abgeschnittene Paletten, das ist ja auch ne schräge Metapher, aber ich hab keine Zeit und Lust zu feilen).
Ich geh wählen. Ich bin seit Jahren der Ansicht, dass man den Staat als eine der letzten zivilisatorischen Klammern vor der Gesellschaft, die Mob-Tendenzen annimmt, schützen muss, selbst durch solch fragwürdige Instrumente wie Wahlen.
Ich bin auf den Wahlausgang gespannt wie lange nicht. Es wird knapp und dabei habe ich schon ein paar Wünsche: Die Linke möge reinkommen (wg. Politik) , die Grünen mögen glatt über 10 Prozent kommen (wg. Thomas Schremmer, der mit Listenplatz 16 nur dann wieder in den Landtag kommt und der einzige in seiner Fraktion ist, der das Wort soziale Gerechtigkeit richtig buchstabieren kann) und Cornelia Rundt, SPD, möge Sozialministerin bleiben (wg. Sachverstand, die Frau weiß bis ins Detail, wovon sie redet.)
Mein Herz hängt an keiner dieser Parteien, das hängt an ganz anderen Geschichten. Und Adrenalin & Endorphin ist da auch nicht drin. Es wird einfach prickelnd. Auch für mein Alltagsleben. Gibt es Rotrotgrün, hab ich mehr Arbeit, einfach, weil Armutsbekämpfung dann einen anderen Stellenwert kriegt. Will ich aber nicht, ich will wie weiland Goethe für ein Jahr nach Italien, präziser: Berlin. Gibt es schwarzgelb, wird eventuell die Landesförderung für die LAK gestrichen, weil in deren Sicht der Markt die Armutsfrage löst. Wie bei allen NGOs und fast allen Verbänden ist unsere Arbeit von Fördermitteln der unterschiedlichsten Art abhängig. Das treibt mir allerdings keine Sorgenfalten auf die Stirn. Soweit kommt es noch, dass ich meine Jobs von CDU und FDP abhängig mache, hier der passende Soundtrack zu diesem Satz.
Und eins noch an die Linken, die wegen Arbeiterverrat der Agenda 2010-SPD immer noch wie enttäuschte Liebhaber mit antikoalitionären hochemotionalen Hasskappen rumlaufen: Politik ist eine Frage von Verstand & Interesse und nicht von enttäuschter Liebe. Liebe findet im Schlafzimmer statt, nicht im Parlament.
Guggenheim
Jetzt weiß ich auch, wieso ich mich vor einiger Zeit mal so fürchterlich fehl am Platze in dem Laden gefühlt habe …

13.10.2017 – Freitag der 13. – ohne Adrenalin & Endorphin

Neue Presse LAK - Ein Mauerfall zum Nachdenken
Auch wenn es mal abermals nur diese einfältige Mauer am 11.10 war, Adrenalin & Endorphin waren wieder meine Schwestern.
Abergläubig bin ich nicht. Aber natürlich habe ich Glückszahlen und Rituale, die ja nichts weiter als quasisakrale, zwanghaft glückbeschwörende Handlungen sind. Vor öffentlichen Auftritten zum Beispiel, egal ob Kabarett, Reden, Performances, sage ich jedes Mal, wenn ich zum Abflug die Klinke der Haustür in der Hand habe, laut: Rock ‘n Roll. Kitschiges Uralt-Ritual aus den Zeiten der Flying Sackbarrow Brothers, wo ich vor jedem unserer fünf Auftritte fast gestorben bin vor Aufregung. Aber solche Rituale trittst Du nicht wech, wenn sie erstmal in der Welt sind. Und während ich notwendige Utensilien zusammenpacke, höre ich immer, ohne Ausnahme, „White light, white heat“, von Lou Reed. Das Stück ist Programmmusik. Da beschreibt der Komponist, was er gefühlt oder gesehen hat. Bilder einer Ausstellung von Mussorgsky ist ein klassisches Beispiel von Programmmusik.
White light, white heat hat das in Töne gesetzt, was bei öffentlichen Auftritten bei mir im Körper gerade abgeht oder abgehen wird: Die Anflutung von Adrenalin und Endorphin (Bei Lou Reed geht es natürlich um Drogen, aber das Prinzip ist exakt das Gleiche, Endorphin ist ja endogenes Morphin). Je nach Größe des Events ist bei mir trotz aller Routine die Stressanflutung mitunter heftig und je nach Erfolg die Glücksanflutung mitunter göttlich.
Mauer vor Landtag 1
Diese Aktion mit der Mauer vor dem Landtag gehört zu meinem Job, Öffentlichkeitsarbeit im Vorfeld der Landtagswahl am 15.10, um das Thema Armut in die Öffentlichkeit zu transportieren und die sozialpolitischen Forderungen der Landesarmutskonferenz LAK zu präsentieren (Fotos: Plüß. Der coolste Typ im Land, das ist der Praktikant 😉 ). Wenn ich dafür am Schreibtisch hocken bleibe und irgendeine dröge ellenlange Pressemitteilung an Gott und die Medienwelt schicke, ist der Effekt gleich Null. Das interessiert kein Schwein. Der Erfolg meiner Arbeit bemisst sich in diesem Fall also vorrangig an der Medienresonanz.
Mauer vor Landtag 2
Die Medien kamen, siehe oben. Die Aktion war lustig, es gab wieder jede Menge Impro Theater mit Passanten, denen die ganze Richtung nicht passte, das LAK Kollektiv arbeitete wie eine Präzisions-Nähmaschine zusammen, und Thomas Schremmer (mit dem Hammer), seines Zeichens sozialpolitischer Sprecher der Grünen Niedersachsen, kriegte was von der Medienresonanz ab. Gut – weil er unsere Arbeit unterstützt wie kein anderer und weil er ein Politiker ist, dem man nicht anmerkt, dass er einer ist. Und weil er mich spielend unter den Tisch bechert. Was das Beste ist, was ich über einen Politiker sagen kann.
Da hatte ich sie also wieder beisammen, my sweet little sisters Adrenalin & Endorphin.
Beide waren schon mal wesentlich größer, aber immerhin. Oder um mit Ry Cooder zu sprechen: Little sister, don’t you do, What your big sister done.
Wobei ich das dunkle Gefühl habe, dass Mr. Cooder was anderes als ich meinte ….

10.10.2017 – Manchmal hält einen nur die Erinnerung aufrecht

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Gestern Nacht Alptraum. Ich träumte, während eines Berlin Besuches rast ein Flugzeug in den Berliner Funkturm, siehe Screenshot. Ich lasse meine Träume mittels funktioneller Magnetresonanztomographie aufzeichnen, die ermöglicht solche Fotos. Das Verfahren hat ein Kumpel realisiert, der ist ein Genie, wird allerdings vom Mainstream nicht ernst genommen, weil er die Folgen seines jahrelangen LSD Abusus mit täglichen Tüten voller Marihuana bekämpft. Was sich in Verhandlungen schon irgendwie bemerkbar macht.
Schweißgebadet aufgewacht. Meine feuchten Träume sind mir lieber. Anflug von Migräne. Alles verspannt. Nach der Morgentoilette reibe ich mich mit Gesichtscreme ein. Ich vergreife mich und erwische Finalgon Hotcreme, das Zeug, was man bei Muskelverspannungen nimmt, damit die mittels brennender Hitze verschwinden. Wirkstoff der Creme ist ein Alkaloid, das auch in Chili drin ist. Weißte Bescheid.
Was danach abging, ließ die Hölle als Endstation Sehnsucht erscheinen. Mein Gesicht sah aus wie ein Parkplatz für Bügeleisen und brannte, als ob jemand einen Bunsenbrenner drauf hält. Und ein Diensttermin stand vor der Tür. Ich ließ ihn natürlich nicht rein. Sagte ab. Nicht mit dem Gesicht. Als der liebe Gott die Eitelkeit verteilte, hab ich mich zweimal angestellt. Dafür war ich gerade auf Toilette, als die Bescheidenheit an der Reihe war.
Wie überlebt man solche Tage? Manchmal hält einen nur die Erinnerung aufrecht. An den „Von der Schulenburg Park“ in Berlin zum Beispiel, den ich unlängst kennenlernen durfte.
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Ein Märchenpark – es war zauberhaft und erinnerungswürdig….
Und insofern auch individualhistorisch interessant, als dass man dem Adelsgeschlecht derer von der Schulenburg nicht entgehen kann, egal, wo man hinkommt. In Korfu, wo ich unlängst weilte, ist Johann Matthias Reichsgraf von der Schulenburg ein Nationalheld, weil er (nur er allein? Hatte er keine Krieger, die für ihn starben?) die Insel vor den Türken rettete, in Berlin nennt man Parks nach ihnen und ich hatte das Vergnügen, eine Nachfahrin kennenzulernen. Im Flur der in Rede stehenden WG standen Dutzende von Original-Ölgemälden und jedes Mal, wenn Ebbe in der Kasse war, was immer der Fall war, wurde eins verscherbelt. Ich darf gar nicht daran denken, dass da eventuell ein Caravaggio darunter war, der für die Schulenburgs gearbeitet haben soll. Heute würde ich ein Angebot dafür machen, zu dem besagte Schulenburg nicht nein sagen könnte. Die wusste ja noch nicht mal, wie man Caravaggio schreibt. Damals war ich allerdings derart pleite, dass sogar die sprichwörtlich armen Kirchenmäuse für mich mit dem Klingelbeutel sammeln gingen. Aber wie gesagt: es sind mitunter die Erinnerungen, die aufrecht halten.

08.10.2017 – Eines langen Taqes Reise in die Nacht

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Irgendwann bin ich dann nach dem rätselhaften Rathenow über das stabile Stendhal und das ueltimative Uelzen in meine heimatliche Homebase gelangt. Es war eines langen Tages Reise in die Nacht. Das Stück gleichen Namens von Eugene O‘ Neill ist für mich ein ziemlich öder Stremel. Familiengedöns, ich bin in einer aufgewachsen, das hat mir gereicht, das muss ich nicht noch auf der Bühne haben. Aber der Titel bringt es poetisch auf den Punkt. Es war ein langer Tag, ohne den hätte ich Rathenow nicht kennengelernt. Was meinen Hang zu ungewöhnlichen Aktionen (außer mir ist von dem Häuflein Versprengter von Rathenow niemand mehr in Hannover gelandet) verstärkt hat. Wenn ich überhaupt einen Tipp geben kann, wie man (bei Tipps für Frauen bin ich eher zurückhaltend) sein Leben etwas sinnvoller gestalten kann: Machen Sie ab und zu was Antizyklisches, Ungewöhnliches und laden Sie das im Idealfall mit einem kulturellen Impuls auf. Beispiele demnächst.
Die Tipps zum Flirten im Internet waren übrigens sensationell. Vor allem so Sachen wie „Merk Dir den Namen Deines Gegenübers“ … Warum wird sowas nicht in der Schule gelehrt?! Stattdessen müssen die Schüler_innen (ich hab auf diese Schreibweise gesetzt, leider entwickelt sich offensichtlich die „*“ Variante „Schüler*innen“ zum Standard. Gärprozesse halt) sowas lesen wie „Eines langen Taqes Reise in die Nacht“. Das wirkt doch eher abschreckend.
Meine heimatliche Homebase ….Wenn ich die öffentliche Diskussion nach der Bundestagswahl richtig verfolge, stehen nach der Zäsur durch den Einzug einer genuin faschistoiden Partei wie der AfD in den Bundestag drei Topoi im Mittelpunkt: Modernisierung, Spaltung, Heimat.
Das passt wie Arsch auf Eimer. Es hätten ja auch Fortschritt, Solidarität und Internationalismus sein können. Was jetzt ein Witz ist. Eher wird Arminia Bielefeld Champions-League Sieger als dass solche Diskurse geführt werden.
Ich hab nichts gegen Modernisierungs-Diskussionen. Ich habe mit der ständigen Veränderung auch mitunter Bauchschmerzen, aber wenn die Diskussionen so ablaufen, dass den Modernisierungsverlierern und – Verweigerern weiter so wenig Chancen zum Luftholen, Innehalten gegeben werden und ihnen das Gefühl vermittelt wird, sie seien individuell an ihrem Looser-Dasein schuld, dann zementiert genau das die ohnehin katastrophale Spaltung unserer Gesellschaft. Was dann bleibt, ist der Rekurs auf einen unfassbar kontaminierten Begriff wie Heimat. Wie der bereits jetzt wieder völkisch aufgeladen wird, betrachten Sie bitte aufmerksam an der Realität. Nix gegen Heimat. Ich find meine hier super. Aber da muss ich nicht groß Leitkultur-Gedöns draus machen und Mess-Latte Macchiato für den Rest draus kochen. Heimat hat man, das muss man nicht totlabern.
Apropos…
körnerpark
Die heutigen Gedanken im Blog hätte ich mir dank finaler Kopfschmerzen schenken können, nachdem am Orkantag dem obigen Baum im Körnerpark der Garaus gemacht wurde, just zu dem Zeitpunkt, als ich die famose Ausstellung von Nika Oblak & Primoz Novak in der dortigen Galerie besuchte. Ich hasse Videokunst in Museen, das Medium gehört da nicht hin. Aber die Videos von Nika Oblak & Primoz Novak da sind genial, kurz, präzise und witzig. Mein Tipp: nix wie hin.
But mind your head!