Archiv für den Autor: admin

04.07.2017 – Nie wieder arbeiten

arbeiten
Das denke ich manchmal, wenn ich morgens mir all die Ordner auf dem PC angucke, hinter denen mich abzuarbeitende Projekte höhnisch angrinsen. Euch mach ich fertig! Denke ich dann zurück.
Nie wieder arbeiten, das wäre für mich eine Dystopie. Nie wieder erwerbsarbeiten, damit könnte ich leben. Aber ohne Arbeit als konstituierendes Moment menschlicher Existenz?
Das Foto des Graffitis oben ist um die Jahrtausendwende aufgenommen. Ich war im Begriff, arbeitslos zu werden. Massenentlassungen, wie der Kapitalismus halt so spielt. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad der betreffenden Firma war sehr hoch, ich würde daher im Rahmen eines Sozialplanes eine in meinen Augen fürstliche Abfindung erhalten. Da ich eh die Erwerbsarbeit reduzieren wollte, um an meiner künstlerischen Karriere zu feilen und zu fräsen (es handelte sich um eine Maschinenbaufirma, sowas prägt den Sprachduktus), kam mir diese Zäsur wie ein Geschenk des Himmels. Ich entwickelte Utopien, was zu tun sei.
utopien
Utopien müssen erkämpft werden. Nicht wirklich. Ihre Umsetzung muss erkämpft werden. Utopien werden erdacht. Aber das nur am Rande.
schuppen 68
Das ist Brot gewordene und realisierte Utopie. Das damalige Logo des SCHUPPEN 68, vom verdienstvollen Kollektiv der ex-alternativen Backstube Doppelkorn gebacken. Mittlerweile ist der Laden eine ganz normal kapitalistisch funktionierende GmbH, bei der neulich im Rahmen von Umstrukturierungen (also Gewinnmaximierung) diverse Mitarbeiterinnen rausgeschmissen wurden.
Da wollen wir doch das Logo seligen Gedenkens der Nachwelt erhalten.
schreibmaschine (1)
Ebenso wie dieses Bild aus meinem damaligen Arbeitszimmer, wo im Hintergrund eine Adlerschreibmaschine steht. Schreibmaschine. Unfassbar! Mit dem Logo der Kampagne zur Einführung der 35-Stundenwoche. 35-Stunden Woche. Unfassbar. Heute haben wir durch Neoliberalisierung, Smartphones und Digitalisierung erfolgreich den 35-Stunden Tag eingeführt. Wofür ich dankbar bin. Wie soll ich sonst meine Arbeit schaffen.
Fazit:
wer ruhe will muss Drogen nehmen
Wer Ruhe will soll Drogen nehmen.
Wer keine Ruhe will, darf aber ruhig auch welche nehmen.

03.07.2017 – So sehen Sieger aus!

berlin_B_Klunkerk_klaus2017
So sehen Sieger aus! Meine preisgekrönte Tanzperformance „Mary Poppins is singing in the rain“!
Der Verband der Choreograph*innen und Bühnenbildner*innen Neustrelitz e. V. (vormals: Verband der Choreographen und Bühnenbildner Neustrelitz e. V.) hatte im Herbst 2016 einen Wettbewerb ausgeschrieben unter dem Titel: „Do it! – Inszenierung einer Tanzperformance im urban-soziokulturell relevanten Raum unter der Berücksichtigung moderner Klassiker im Bereich Theater, Musical, Operette und Film.“
Als alter Pina Bausch Schüler baue ich in meine Performances immer tänzerische Elemente ein, mitunter auch als zentrales Moment, so in meiner Performance von 1997 „Volkstanz oder Veitstanz“.
Zum Wettbewerb des Verbandes der Choreograph*innen und Bühnenbildner*innen Neustrelitz e. V. hatte ich ein Video eingereicht und tatsächlich den dritten Preis gewonnen. 150 Euro!
Geschickt hatte ich in meiner vierstündigen Tanzperformance Elemente aus „Mary Poppins“, „I’m singing in the rain“ und dem „Kapital“ von Karl Marx eingeflochten.
072-1
Das Kapital – vorübergehend geschlossen?
Die Aufführung fand im legendären „Klunkerkranich“ in Neukölln statt. Eine absolute Must-see location! Wenn Sie, liebe Leserinnen, auch nur ansatzweise im subkulturellen Metropolen-Diskurs mithalten wollen, müssen Sie einfach den Klunkerkranich kennen. Das Wetter spielte bei meiner Performance natürlich ideal mit. Die Aufführung der preisgekrönten Stücke fand während des Jahrhundert-Regens in Berlin im Klunkerkranich statt. Nach 10 Minuten hatten die vier Zuschauerinnen, die achtköpfige Jury und die zwei anderen Wettbewerbsteilnehmerinnen fluchtartig das Weite gesucht. Das verdross mich nicht. Dieses Gefühl, endlich mal bei einem Wettbewerb was gewonnen zu haben, verleiht Flügel (Auch das ist ja Leitmotiv meiner Performance, das Flügel verleihen.). Und das Geld ist ja auch nicht zu verachten. Dafür würde ich mir abends im Diekmann die geangelte Dorade Rose mit Karottenpüree und sautiertem Passe Pierre gönnen. Geangelt, nicht gekeschert. Eine gekescherte Dorade können Sie in die Tonne hauen. Es ist überhaupt nicht meine Art, den Geber raushängen zu lassen, aber lieber Fischstäbchen als gekescherte Dorade!
Eigentlich wollte ich in meinem heutigen Blog auf die globale Ungerechtigkeit eingehen und wie berechtigt der zivile Ungehorsam der Genossinnen beim G 20 Gipfel in Hamburg ist, aber mir hängt eine Geschichte aus Berlin noch in den Knochen. Beim Armutskongress in Berlin traf ich einen Kollegen, den ich ca. 15 Jahre nicht gesehen hatte. Er: „Hast Du nicht damals den Bahlsen Keks geklaut!?“
Das ist es, was am Ende des Tages einer Künstlerkarriere bleibt? Der Mann, der den Keks klaute?! Da gibt man sich Mühe sondergleichen, reibt sich mit Tanzperformances auf und dann sowas. Dabei hab ich das damals schon im Spiegel dementiert!

02.07.2017 – Cold Turkey. Mein Digitaler Entzug

friedel 54 danach
Tristesse – Friedel 54 am Morgen danach. Was mich frustriert an der Angelegenheit, ist die offensichtliche Rechtmäßigkeit der Räumung, soweit ich das beurteilen kann. Ich sehe den Zustand unserer Gesellschaft mittlerweile so verludert, dass der Staat vor der Gesellschaft zu schützen ist, der Staat als letzte Brandmauer vor de-zivilisierten Zuständen. Da es an aufklärerischer Gegenwehr mangelt, ist der Staat mit der eherneren Faust des Rechts gefordert und zu respektieren. Dieses herrschende Recht, und da sind wir bei der Frustration, ist allerdings nach wie vor das Recht der Herrschenden mitsamt ihrer Geschäftsordnung. Und die hat einen Namen: Eigentum. Wer diese Geschäftsordnung stört, siehe Friedel 54, kriegt die ganze Härte von Hundertschaften von Polizei zu spüren. Wenn Sie jemandem bei einer Wirtshausschlägerei den Schädel einschlagen, kriegen Sie maximal Bewährung. Klauen Sie zweimal Lippenstift, stehen Sie mit einem Bein im Gefängnis. Diese völlige Asymmetrie der Rechtsordnung zwischen Schutz des Eigentums und der körperlichen Unversehrtheit spiegelt den Fetischcharakter der oben zitierten Geschäftsordnung wider.
Entsprechend frustriert verklappte ich nach dem Tristesse-Foto einen Tee auf dem Hermannplatz in Neukölln. Und siehe, der Herr (die Frau!) hatte ein Einsehen und schenkte mir eine schöne Perspektive
tanzendes paar
Denkmal „Tanzendes Paar“ Hermannplatz. Was machen die mit ihren linken Händen da? In aller Öffentlichkeit? Meine Gedanken mäanderten in andere Richtungen… Meine Laune stieg.
Zumal ich kaum Symptome eines digitalen Cold Turkey verspürte. Ich war seit vier Tagen ohne Smartphone unterwegs, dass direkt vor Reiseantritt kaputtgegangen war. Geht doch, dachte ich mir. Allerdings hatte ich in meiner Homebase digitales Methadon gebunkert, in meinem Hotel steht in der Lobby tatsächlich ein alter Rechner mit Internet. Puuuuh.
Ich steige nicht immer bei Kumpels ab in Berlin, Gastfreundschaft ist ein kostbares Gut und Gäste sind wie Fische: am dritten Tag fangen sie an zu stinken. Nächstes Jahr nehme ich mir ein WG Zimmer in Berlin. Kontakte zur hiesigen off-broadway Kunstszene bestehen schon. Ob das demnächst die Berliner Dependance des SCHUPPEN 68 wird:
kunstraum-gad
kunstraum gad – mitten im Reuterkiez. Nebenan Koks. Pitigrilli würde sich ein Loch in die Nasenscheidewand freuen. Lustig ist das Bohème-Leben. Mein vorläufig letztes größeres Projekt für die Landesarmutskonferenz wird die prekären Beschäftigungsverhältnisse in der Kulturbranche zum Thema machen, eine Branche, die mehr als doppelt so viel Bruttoinlandsprodukt produziert wie die Landwirtschaft und in der dreimal so viel Beschäftigte arbeiten. Altersarmut flächendeckend vorprogrammiert bei der dort vorherrschenden Einkommensstruktur.
Bohème-Leben? Da lachen ja die Hühner.

01.07.2017 – Urgewalten: Natur & Kapitalismus.

urgewalt natur
Berlin – Jahrhundertregen 28.06.2017. Innerhalb weniger Momente waren Straßen unpassierbar, Autos soffen ab, Gullys wurden hochgedrückt und Leute plumpsten in die Löcher. Beim Versuch eine Straße zu überqueren, war ich in Sekundenschnelle von Kopf bis Fuß durchnässt, trotz Schirm und Regenklamotten. Ein Tag voller Urgewalt und nach dem Regen in Hannover vor ein paar Tagen das zweite Jahrhundertereignis in Sachen Wetter innerhalb einer Woche. Ich nehme das dem Wetter nicht übel, die Natur kann nicht gegen ihre Natur.
Einen Tag später, in Berlin herrschte immer noch wetterbedingter Ausnahmezustand, eine Urgewalt der anderen Natur, der kapitalistischen: Die Räumung der Friedel 54, ein Nachbarschaftsladen in Neukölln.
urgewalt kapitalismus
Räumung is nich. Auch wenn Nachbarschaftsläden nicht das Soziotop sind, in dem ich verkehre, finde ich ihre Existenz sinnvoll, nützlich und unterstützenswert, also war ich bei der Demo dabei, zumal Neukölln mein Kiez ist, wenn ich in Berlin abhänge. Inmitten der überwiegend autonom abgedunkelten Kleidung wirkte ich mit meinem zartrosa Designerhemd im psychodelischen Retrostyle ungefähr so unauffällig wie ein Punk auf der Jahres-Hauptversammlung der Deutschen Bank, was durch die Tatsache, dass 99 % der Anwesenden meine Kinder hätten sein können, auch nicht viel besser wurde. Zwei Dinge fielen mir auf: Die Demonstrantinnen waren fast alle unvermummt, es blieb dann auch beim handelsüblich niedrigschwelligen Gerempel. Und es waren wenige „normale“ Anwohnerinnen oder Unterstützerinnen dabei. Ohne Unterstützung des liberalen Bürgertums, von der Zivilgesellschaft über die sogenannten „linken“ Parteien bis hin zur Ministerial-Bürokratie, sind aber alternative Lebens- und Arbeitsformen, wenn sie gegen zur Zeit noch geltendes Recht verstossen, nachhaltig kaum zu organisieren. Ansätze beim roten und grünen Spektrum der Berliner Koalition gibt es ja, siehe im Link der Zeit oben, nur die Sozis sind in alter Noske-Manier mal wieder ganz vorne dabei, wenn es nach rückwärts geht. Irgendwie muss ja die 20 Prozent Marke bei der Bundestagswahl zu knacken sein, nach unten …
Da selbst die Polizei einen beklagenswerten Mangel an Unpünktlichkeit an den Tag legte, um 9 Uhr sollte Räumung sein, und um 10 Uhr (!) war immer noch fröhlicher Parolen-Wettbewerb angesagt, zog ich mich zu einem revolutionären Zweitfrühstück in ein nahegelegenes Szenelokal zurück. Ich pfiff mir einen Cuba libre rein und krakeelte danach halblaut ein zorniges: „No pasaran“ in Richtung Tatort. Alkohol zu so früher Stunde zeitigt verheerende Wirkung bei mir. Wirkung zeigte auch das folgende Plakat bei mir
töte den miethai
Schönes Plakat, das erkenntnistheoretische Horizonte öffnet. Der Miethai steht für mehr: Es geht grundsätzlich um die Lücke zwischen Erkenntnis und Handeln. Wie werde ich ein besserer Mensch? Ich für meinen Teil halte es da mit dem Römer Properz: „In großen Dingen genügt es, sie gewollt zu haben.“ (In magnis et voluisse sat est.)
Hat übrigens nix mit Proporz zu tun.

26.06.2017 –Elefantenjagd & Modernisierungstriebsätze

Bild (6)
Ich – auf Elefantenjagd. September 1997, analoges Foto. Ein kleiner Zirkus hatte in der Stadt Halt gemacht und ließ seine Elefanten draußen weiden. Heute hätten solche Fotos kaum einen Reiz, weil man sowas mit Photoshop und etwas Geschick jederzeit basteln kann und damit dem Bild die Aura der Einmaligkeit oder des Ungewöhnlichen raubt. Wem oder was soll man noch glauben? Anfang der 2000er wurden Digitalkameras auch für den Amateur erschwinglich. Ich kaufte mir 2002 die erste und packte mein komplettes Papierarchiv in den Keller. Und da würde es ungenutzt bis zum Ende aller respektive meiner Tage verschimmeln. Ich gehe höchstens in den Keller, um ne Pulle Sekt hochzuholen, aber nicht für Fotos angucken.
Zurzeit lasse ich mein Archiv von einem Kumpel scannen und freu mich wie ein Schneekönig über neue alte Filme, dann in Form von Dateien. Was da so alles auftaucht….Elefanten zum Beispiel. Mittlerweile haben auch Smartphones akzeptable Kameras. Es ändert sich andauernd was, Modernisierungsschübe allenthalben, durch was auch immer angetrieben. Die Entwicklung und massenhafte Verbreitung von Videorekordern z. B. wäre ohne den Porno-Markt nicht denkbar gewesen. Weitere Treibsätze, besser: Triebsätze, neben Pornographie für technologische Entwicklungen sind der Spieltrieb und der Krieg, jeweils beschleunigt von grenzenloser Gier.
Ich hab ja bisher zumindest auf dem Kommunikationssektor aus beruflichen und künstlerischen Motiven fast alles mitgemacht, mitunter wie im Smartphone Fall spät und eher widerwillig, aber dann doch. Man will ja auch verstehen, was die Welt so zusammenhält, respektive auseinandertreibt. Und irgendwann will man „es“, PC, Mail, Internet, Smartphone, tablet, etc. pp. nicht mehr missen. Ich fahre Anfang der Woche nach Berlin, zum Armutskongress, letzter größerer dienstlicher Akt, bevor eine schier endlos scheinende Sommerpause vor mir liegt, in der ich nur das mache, was ich will (Was will ich eigentlich?). Und da kackt doch vorher mein Smartphone ab. Kreisch jaul jammer zeter. Wie soll ich denn da durch die Big City navigieren? Mit einem Falk Plan vielleicht?! Geben Sie, liebe Leserinnen, mal einer Nachgeburt aus den Jahrgängen 1990 aufwärts mal einen Falk Plan von Berlin in die Hand mit der Aufgabe, den Weg von Spandau nach Weissensee zu suchen. Der oder die erschlägt Sie mit dem Plan.
Ich für meinen Teil bin froh, dass ich außer diesem Kongress nichts weiter terminlich am Hacken habe, und keine Notfallkommunikation wie dahinsiechende Sippschaft oder drogensüchtige Brut. Ich kann mich also Head over Heals in einen mehrere Tage währenden digitalen Entzug stürzen.
Bild (8)
Nicht ohne mich vorher am Foto des Elefanten vor dem Schnellweg zu erfreuen. Eine Frage schwirrt mir aber schon durch den Kopf – Wann taucht die erste neue Technologie auf, bei der ich sage: Das mach ich nicht mehr mit. Und wie wird die aussehen?

24.06.2017 – Vergessen Sie die Merkel Raute.

taube nass
Taube auf meiner Veranda, nach Sintflut-Regen flugunfähig. Das Gefieder war derartig voll Wasser gesogen, dass sie nicht abheben konnte. So ein Unwetter wie am 22.06 habe ich hierzulande noch nicht erlebt. Meine Veranda glich einem Sturzbach, der Blumenkübel mit sich riss, eine vom Himmel stürzende Wand von Wasser beschränkte die Sicht auf ein paar Meter und der Regen drückte in meinem Arbeitszimmer durch das geschlossene Fenster. Hatte ich noch nie und das war insofern nicht ganz ohne, als unter dem Fenster mein alter Zweitrechner steht, als Back-Up, vom Netz abgeklemmt. Ich stellte den Rechner auf ein Buch, damit er von der Pfütze wegkam. Das Buch war ein Lehrbuch für CAD, (für Sozialarbeiterinnen: das ist sowas wie Malen nach Zahlen, bloß mit dem Computer, Computer Aided Design) aus der Zeit vor dem Krieg, aus einem Lehrgang, zu dem mich ein früherer Arbeitgeber verdonnert hatte, als die ersten Workstations für CAD auf den Markt kamen.
Hab ich nicht einmal reingeguckt. Aber man sollte Bücher nie wegschmeißen, man weiß, ja nie, wozu man sie noch braucht.
Eine andere Welt, mittlerweile schenke ich als Träger des 9. Dans der Moderation der Welt sogar neue Ikonen der Gestik.
Der Gleitze Kelch
Vergessen Sie die Merkel-Raute – hier ist der Gleitze-Kelch (Foto: Degener). Moderation bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung „Die neue UmFAIRteilung – wieviel Gerechtigkeit braucht unsere Gesellschaft?“.
Ich kann nur inständig hoffen, dass die Genossinnen die Forderungen, die bei der Veranstaltung erhoben wurden, nämlich höhere Besteuerung von Erbschaften und Vermögen, höhere Löhnen bei den unteren und mittleren Einkommen und eine gute Bildung für alle, nach ihrem Parteitag am Wochenende in ihr Wahlkampfportfolio aufnehmen.
Ich mache zu Beginn der meisten Moderationen, Veranstaltungen etc. gerne einen kleinen Satire-Quiz, bei dem die Leute auch was gewinnen können. Danach ist die Stimmung meistens so aufgeräumt, dass die Leute auf jeden Fall mitmachen. Und das ist das Wichtigste überhaupt.
Skurril allerdings, wie ich das Quiz ankündigte: „Damit wir miteinander warm werden, machen wir erstmal ein kleines Quiz.“
Es war über 30 Grad, schwül, ich hatte schon zu Beginn der Veranstaltung keinen trockenen Faden am Leibe. Ein Unwetter lag in der Luft.
Und da schließt sich der Kreis, siehe oben.

19.06.2017 – ICH. Oder das Prinzip der paradoxen Konter-Intervention in der zeitgenössischen Kunst

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Der Spieler mit der Rückennummer 560 betritt das Spielfeld.
ICH – offensichtlich gut gelaunt, kurz vor dem Start der Aktion der Gruppe Gnadenlos Gerecht auf dem 1. Mai-Fest in Hannover.
ICH wurde neulich gefragt, ob ich mir wegen meines Blogs keine Gedanken machen würde, was mit meinen Daten und Aussagen da passiert und überhaupt, das wäre doch teilweise privat, und ob mir der Blog nicht schaden könnte, bei meinen Jobs, bei meiner Arbeit. Also wenn mir das bei irgendwelchen Jobs schaden könnte, wären das Jobs, die ich nicht mache. Was das Private angeht: wer weiß denn außer mir, was wahr ist an den Geschichten, die hier im Blog stehen. Alles Lüge, oder was? Außerdem: Es ging vor Äonen mal um die Politik der ersten Person.
ICH werde einen Deibel tun und hier mit der Fahne des politischen Feminismus, den es nicht mehr gibt, wedeln, aber der brachte es auf den Punkt: Das Private ist politisch. Was nicht zu verwechseln ist mit der aktuell grassierenden peinigenden Scham- und Würdelosigkeit und epochalen Indiskretion auf allen Kanälen. Es geht einfach darum zu sagen:
ICH bin, also ist es politisch. Nicht: Es ist, also bin ich politisch.
Und was die Datensicherheit und Überwachung angeht: ach Gottchen. Nicht die Daten-Überwachung ist pervers, sondern die politische Situation, in der sie stattfindet. Und mit der Situation komm ich klar. Falls mal der Faschismus ante portas steht, reden wir weiter.
Betrachten wir diesen Blog einfach als paradoxe Intervention, antizyklisch, proaktiv, ein Kunst-Griff. Wenn Sie verstehen, was ich nicht meine. Paradoxe Intervention in der Kunst ist zum Beispiel das Bild von Magritte „La trahison des images“, auf dem steht „Ceci n’est pas une pipe“ (Das ist keine Pfeife). Abgebildeter Gegenstand ist eine Pfeife. (Für Fortgeschrittene: es darf auf keinen Fall heissen „Auf dem Bild sehen wir eine Pfeife“!)
20170619_061211
Ceci n’est pas une papier toilette.
Hängt, grammatisch nicht ganz richtig, auf meiner Toilette, seit dem 60. Geburtstag der BILD. In ca. 180 cm (!) Höhe. Sie ahnen, was kommt, liebe Leserinnen. Das Werk hing keine 3 Tage, dann war es nicht mehr vollständig. Da ging jemandem die Kunst am Arsch lang.
Und so schenkte ich der Kunstwelt den Begriff der paradoxen Konter-Intervention.
Allen Bloginsassinnen wünsche ich eine sonnige Restwoche.

15.06.2017 – Die Sache mit dem Vögeln

refugium für meisen, braunellen, zaunfinken
Refugium für Vögel
Es muss natürlich heißen: …mit den Vögeln. Aber raten Sie mal, welcher Header mehr Sexappeal hat. Heute Morgen waren sämtliche Johannisbeeren von meinem Strauch weg, sie waren gerade mal zart angerötet, in etwa so wie ein Backfisch, wenn ein alter Sack einen dummen Witz mit Vögeln macht. Sagt der junge Mann: „Guten Tag, Frau Amsel, ich wollte ihre Tochter zum Amseln abholen.“ „Aber ich heiße doch Vogel.“
Das mit den Johannisbeeren jedenfalls waren die Vögel. Was mich in einen Zorn versetzte, der dem des Achill nur wenig nachsteht. Die sollten in meinen Rumtopf, der nur aus ostgotischen Früchten besteht! In der Wiege gemeuchelt. Kreisch jaul jammer zeter. Aber soll ich mich jetzt mit einem Luftgewehr auf die Veranda setzen? Gibt sowieso immer weniger Vögel. Ist doch eh alles vergänglich.
Bis auf den Ruhm. Mir stellt sich die Frage: was bleibt am Ende des Tages von einem? Besser: nach dem Ende des Tages, weil wir ja von der postmortalen Dusternis sprechen, die unsere zu Staub werdenden Leiber umhüllt, wenn die Leber ihren Dienst eingestellt hat. Von mir bleibt nach jetzigem Stand: Der Mann mit der Mauer zwischen Arm und Reich, der Besitzer des einzigen Witzeverleihs der Welt, das einzig noch lebende Gründungsmitglied des SCHUPPEN 68. Wenn man von so einer Bilanz keine Depressionen kriegen soll, wovon dann?
Was hab ich nicht alles schon gemacht: die kürzeste Kunstausstellung der Welt, den Landtag privatisiert und gesprengt, mit dem Duchamp Urinal über die Documenta, Geld verbrannt, die Weltpresse huldigt mir als dem Nischen-Mario-Barth, siehe Pressespiegel Pressespiegel SCHUPPEN 68 – Klaus-Dieter Gleitze Selbst die Bild liebt mich für meinen engagierten Kampf gegen die AfD.
Und was bleibt? Die Mauer, die Witze und ein alter Sack.
Aber ich gebe nicht auf. Ich bin ein Beißer, ein Kämpfer, ich gehe dahin, wo es weh tut. Ich habe einen Cocktail erfunden, ein Stern, der meinen Namen tragen wird. Ich werde in Geschichte eingehen wie John Montagu, der 4. Earl of Sandwich. (für das Sandwich, nicht für die Unfähigkeit!)
portorol
Ich habe den Portorol erfunden!
Und damit den derzeitig herrschenden Antagonismus zwischen dem prolligen Modegesöff Aperol und dem unnachahmlichen Klassiker Portwein überwunden. Der Portorol geht so:
1 Teil Portwein (weiß, nicht trocken!), 1 Teil Aperol, 1 Teil Sekt (extra brut, Winzersekt), 1 Teil Tonic, 1 Dash Zitronensaft (mallorquinischer) und als Krönung: zwei (nicht: eine!) tiefgefrorene Himbeeren.
Die sind am Ende des Genusses dieser Geschmacksexplosionen aus himmlischer Süße, teuflischer Bitternis und prickelnder Aromenfülle nämlich aufgetaut und verleihen dem Cocktail im Abgang eine unvergessliche zart-säuerliche Fruchtnote.
Oh, Ihr Götter, macht Platz mir im Olymp und preist meinen Namen!
Sonst setzt es etwas. Amen

13.06.2017 – Gehen Sie davon aus, dass ich tot bin. Mindestens.

stephan weil
SPD Sommerfest im Wilhelm-Busch-Museum Hannover – MP Stephan Weil
Ich danke dem lieben Gott, dass ich in diesem Leben nicht nur nichts mehr werden will, sondern im Gegenteil. Ich will weniger werden. Was Arbeit, Anforderungen etc. angeht.
Das heißt, wenn ich zu Veranstaltungen wie dem SPD-Sommerfest eingeladen werde, kann ich guten Gewissens dorthin gehen. Ich tue das nicht aus opportunistischen, sondern aus lauteren Gründen, mein Herz ist rein, meine Gründe sind: ich kann mir dort für lau die Kante geben, endlich die famose Haderer Ausstellung besichtigen und lästern ohne Ende. Was mich mit vielen netten Menschen dort einte.
Man mache sich nichts vor: Karrieren, Fördermittel etc. werden nicht nur mit dem Hirn erarbeitet oder dem Charisma, sondern auch mit dem Arsch. Meint: sowas ersitzt man sich durch schiere Anwesenheit bei Veranstaltungen, Sitzungen, Treffen etc.. Wo man nebenbei gerne noch Netzwerke knüpfen kann. Oder nach Herzenslust rumschleimen, ranwanzen, reinkriechen. Das trifft für mich alles nicht zu. Nicht etwa, weil ich so ein toffer, ethisch eher im kantischen Sinne grundierter Charakter wäre. Bewahre, ich bin ein Arsch wie jeder andere. Der Grund ist ein schlicht utilitaristischer: ich will mal wieder mehr was Anderes machen. Kunst produzieren, Reisen, schreiben. Da kann ich noch mehr Arbeit, Anforderungen, Projekte so notwendig brauchen wie einen Kropf am Hals.
Stephan Weil gab sich kämpferisch, die Wahl in Niedersachsen ist am 14. Januar 2018. Ein taktisch cleverer Termin, heißer Wahlkampf läuft ca. 6 Wochen vor einer Wahl an, vom 20.12 bis 06.01 ist aber überall Schicht im Schacht, das winterliche Sommerloch, keiner da in Kanada.
Also die SPD will stärkste Fraktion werden und den MP stellen.
haderer
Meine Wunschkoalition für Niedersachsen ist rotrotgrün. Ich wünsche mir allerdings seit Jahren auch eine eigene TV Show (das Bild ist von Haderer aus der Ausstellung im Busch Museum. Prädikat: Sehenswert grandios).
dienstwagen
Dienstwagen vor dem Busch-Museum. Woran erkennt man die Chauffeure? Das sind die, die seriös aussehen.
Super Pointe für meine nächste Satire-Show.
Ich würde auch gerne mal wieder auf Tour gehen. Aber das Leben ist kein Ponyhof. Durch meine anarchischen Künstler-Wunschwelten grätscht mir dauernd mein preußischer Wesenszug: Disziplin, Korrektheit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit. Wenn ich zu einem Termin 5 Minuten zu spät käme, gehen Sie davon aus, dass ich tot bin. Mindestens.

11.06.2017 – In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod

So lautet der Titel eines Films von Alexander Kluge von 1974. Skurrilerweise fiel mir dieser Titel unlängst in der City ein, als ich mir ein Sakko kaufen wollte. Ich hasse die City. Nicht: die Stadt. Das ist ein Kulturort. Die City ist ein Konsumort. Nichts gegen Konsum, der hält den kapitalistischen Laden am Laufen und gibt dem blauen Planeten den Rest. Beides Varianten, mit denen ich mich anfreunden kann, ich lebe innerlich sowieso schon im Post-Anthropozän. Nach mir die Sintflut. Respektive die Barbarei, denn die dürfte nach dem Ende des Kapitalismus auf Sie, liebe Leserinnen, warten (ich sondiere hoffentlich dann schon jenes Grass, was ich dann nicht mehr rauche, von unten).
grass in eimern
Grassanbau in Spielzeug-Eimern. Die Hippies schreckten damals vor nichts zurück.
Ich hasse auch das Shoppen, was eine prollförmige Art des Konsums ist. Das Shoppen ist das Gegenstück zum Connaisseur-grundierten Genuss.
Und ich hasse Sakkos. Sakko ist, wenn einem gar nichts mehr einfällt. Wer anfängt Sakkos zu tragen, hat mit dem Leben abgeschlossen. Wenn Männer nicht mehr weiterwissen, kaufen sie Sakkos. Danach heiraten sie. Sakko ist der Kompromiss, den man macht, bevor man überhaupt anfängt zu verhandeln. Sakko ist mehr als Konvention. Sakko ist Langeweile. Jeder Sakko-Kauf ist ein Akt der Kastration.
Es gibt ein, zwei Sakkos, die sind akzeptabel. Die kann ich mir nicht leisten, wie ich mir grundsätzlich meinen Geschmack nicht leisten kann. Solche Sakkos kosten so viel wie ein Kleinwagen. Was eindeutig gegen den Kleinwagen spricht.
galerie boozilla
Revolutionäre Creationen. Falls jemand von der ehemaligen Galerie Boozilla das hier liest, freue ich mich über eine kurze Rückmeldung. Es geht nach wie vor um Revolutionäre Creationen und so Zeug, aber jetzt mehr die Richtung Big Kohle abgreifen.
Creations- und Kleidungsmäßig stehe ich entweder auf Smoking oder auf autonomes Schwarzleder, also heiß oder kalt, aber nicht lauwarm, all or nothing, aber doch kein – siehe oben – Mittelweg Sakko!
Oder nur, wenn es unbedingt nötig ist. Es gibt halt Gelegenheiten, wo man auch mal einen Kompromiss machen kann.
Und dann stand ich also in dieser Herrenbudike und hatte ein Sakko im Auge, respektive schon an. Der Sitz sagte mir nicht optimal zu, ich nahm eine Nummer kleiner. Schon besser.
Und was sagt der Verkäufer, geradezu hysterisch begeistert:
„Das ist es! Die vorherige Version hatte doch überhaupt keine Aussage!“
Ich schlug ihn zu Boden und ging. Also mehr nach innen, gefühlt.
Ich gehe nie wieder shoppen, bis ins Post-Anthropozän. Was ist das für eine Welt, wo ein Sakko, das eine Nummer größer ist, überhaupt keine Aussage mehr hat.
Keine Welt, in der ich leben möchte.