Es gibt Reden, die Geschichte machten und die in jedem Rhetorikseminar als Anschauung dienen. Catos “Ceterum censeo …“ über die Zerstörung Karthagos, Churchill’s “Blood, Seat and Tears” über den Krieg gegen Nazi-Deutschland und Ernst Reuters “Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt …” zum Auftakt des Kalten Kriegs in Berlin. Dazu zähle ich auch noch mein „Tweddle Tee and Tweedle Dum“ anlässlich der vom SCHUPPEN 68 durchgeführten Umbenennung des hiesigen „Marktplatz“ in „Marxplatz“, aber das wird ja von der bürgerlichen Geschichtsschreibung nach wie vor totgeschwiegen.
All diese Reden kulminieren in dem einen Satz, der Geschichte für die Ewigkeit nachklingen lässt. Genau dieser Satz ist es, er macht den Mythos. Ernst Reuters Satz ging mir durch den Kopf, als ich beim letzten SPD Sommerfest auf den Stufen des Wilhelm-Busch-Museum auf das bunte Treiben schaute.

Alles was Rang und Namen hat, war da. Ich auch. Ich hab auch einen Namen und zwar meinen eigenen. Mir wurde auf den Stufen des Museums klar, dass ich Zeuge des Schwanengesangs einer ehemaligen Volkspartei war, die sich ohne Not durch eigenes Verschulden zerschrotet hatte. Ich empfand das in diesem Moment als tragisch, nicht aus Liebe zu dieser Partei, meine Liebe ist rar gesät, sondern beim Gedanken daran, was die Alternative zur SPD ist. Die für Deutschland und ähnliches Gesindel. Gruselig. Mich erinnerte dieser Moment an Reden zum 1. Mai, die ich früher auf Einladung des DGB in kleineren Orten unserer Region gehalten habe (Reden, Rhetorik, wir erinnern uns, Cato, Churchill und Ich, das sind die großen Drei). Es war immer die gleiche Geschichte: In einem Jahr Kundgebung auf dem Marktplatz, im nächsten drinnen, weil es sonst zu peinlich gewesen wäre und im übernächsten fiel die Mai-Feier mangels Masse aus. Schwanengesang der Arbeiterbewegung. Deprimierend. Der Fortschritt ist offensichtlich eine Schnecke im freien Fall.
Das alles ging mir auf dem Sommerfest – mit excellenten Weinen, Bio-Fleisch und Veganem vom feinsten – durch den Kopf. Was wie immer aufheiterte, war die Kunst. Ich machte ein weiteres Foto, um für ein Seminar Anschauungsmaterial zu haben dafür, wie man manipuliert, ohne zu fälschen.

Auch SPD Sommerfest – anderer Blickwinkel, anderer Zeitpunkt.
Ich hätte ohne zu lügen nur dieses Bild veröffentlichen können. aber mit der Textzeile:
SPD Sommerfest – so trostlos wie die ganze Partei.
Manipulation.
Da haben Sie, liebe Leserinnen, aber wieder einiges hier im Blog gelernt. Ich würde zu gerne darüber ein Extemporale schreiben lassen. Stattdessen wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen, einen charmanten und sonnigen Wochenbeginn.
Bevor ich es vergesse, hier ist das nicht bearbeitete Original …:

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16.06.2016 – Ich bin Badehosentauglich
Radausflug zum Gehrdener Berg, mit seinen 155 Metern für einen Flachlandtiroler der norddeutschen Tiefebene eine Tour de France-ähnliche Herausforderung. Aber der Sommer naht und eine Badehosentaugliche Figur will gepflegt werden. Ansätze eines Embonpoint werden gnadenlos durch Powerbike-Touren, Expander- und Hanteltraining, Diäten und eiserne Alkoholdisziplin bekämpft. Der war gut, hahaha. Was ich durch äußere Erscheinung und innere Wert nicht gewinnen kann, mache ich mittels prall gefüllter Geldbörse wett. Solche und ähnliche trägen Scherze schwebten sommerwölkchengleich durch mein mattes Hirn, als ich auf einer Parkbank auf der Spitze des Berges den Horizont betrachtete, an dem Gewitterwolken sich in die Luft schraubten.

Zwei Tölen kläfften mich doof an. Es war ein arkadischer Moment. Eine Schrifttafel erweckte mein Interesse

Ooops.
Die Abfahrt vom Gehrdener Berg mit bis zu 60 km vermittelte mir das beruhigen Gefühl schneller als jedes Gewitter zu sausen. Nach dem einen oder anderen Schlenker kam ich in der untergehenden Sonne zum Gelände der Wasserstadt Limmer. Hinter mir im Osten Donner und Blitz.

Das Wahrzeichen der zukünftigen Wasserstadt, ein gigantischer, in Stein gemeißelter Blitzattraktor, schien mir drohend seinen Mittelfinger entgegenzustrecken: „Dich wird der Blitz noch beim Scheißen treffen, Du Badehosenuntauglicher Wicht!“ Auf den letzten Metern zu meiner Homebase entkleidete ich meine grauen Zellen des platten symbolistisch aufgeladenen Naturalismus und dachte wieder in politischen Kategorien. Dieser Turm ist ein faszinierendes Industriedenkmal und verleiht der später wahrscheinlich 08/15 aussehenden Wasserstadt, Häuschen hier, Gärtchen da, Spießer rechts, Spießer links, ihre Einzigartigkeit.
Der Turm muss renoviert werden, was über eine Million kosten dürfte. Das muss die Stadt übernehmen, weil der Investor Papenburg, der das Gelände von der Stadt gekauft hat, sich weigert, das zu investieren. Das alte Lied: Die Verluste werden sozialisiert, die Gewinne privatisiert.
Warum trifft solche Leute nicht mal der Blitz beim Scheißen?
Zuhause angekommen, war ich mit mir und der Welt im Reinen. Ein Wolkenbruch ergoss sich über meinem Garten. Giessen brauchte ich auch nicht mehr. Ich knabberte Schokoladentörtchen und schlürfte weißen Port von Niepoort, eine Offenbarung. Ab Morgen würde ich auf dem direkten Weg eine Badehosentaugliche Figur ansteuern und mir übermorgen eine Badehose kaufen.
13.06.2016 – Aktion „NETZ geht’s los“ ging gut los!
Mit der Kunst-Aktion „NETZ geht’s los!“ wurde die NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung Nr. 4 in Hannover am Kröpcke am 10.06 um 16 Uhr der Öffentlichkeit vorgestellt. Details hier.

Meine Lieblingsaktion war „Die deutsche Nationalhymne“, zergeigt von Paul Kremer von den Violin Guys, junge Straßenmusiker, mit denen ich seit Jahren zusammenarbeite
Gerade bei einer Fußball EM kochen Nationalismen wieder hoch. Nationalismus ist nicht der Nährboden für Rassismus, er ist sein konstituierendes Merkmal. Mir sind alle nationalen Symbole ein Gräuel, ob Hymnen oder Fahnen. Meine Fahne flattert mir voran und zwar nach einem Zechgelage und das reicht an Fahnen. Ich hatte bei der Aktion extra angekündigt, dass es sich bei Paul Kremers Beitrag um „Satire“ handelt, die an Jimi Hendrix und Stars Spangled Banner in Woodstock erinnern soll. Für die Intellektuellen und die Frauen im Publikum hatte ich noch nonchalant fallen gelassen, dass wir es hier mit einer klassischen Dekonstruktion nationaler Symbole zu tun haben. Trotzdem kam nach dem Ende der Hymne der besorgt-ernste Zwischenruf: „Das muss der Junge aber noch üben.“

Todsicheres Mittel, um das Publikum zum Mitmache zu animieren: Ein Quiz, bei dem es echtes Geld zu gewinnen gibt. Die Fünf-Euro-Scheine sind als Unikate mit Texten beschriftet, rund um das Thema „Armut und Ausgrenzung“. Für manche Antworten hätte ich lieber Kopfnüsse verteilt.

Mein Lieblingsbild. Dancing in the streets.
Ich hatte es aber nur eilig, weil wir in Zeitverzug waren. Gebt mir ein Mikro und ein Publikum und ich vergesse die Zeit.
Ob das für alle Beteiligten ein Zustand der Euphorie ist, sei mal da hin gestellt
Wo hin, weiß ich auch nicht, Hauptsache wech.
07.06.2016 – Programm für den 10.06: „NETZ geht’s los!“ Kunstaktion zum Start der NETZ Nr. 4, Hannover, Kröpcke, 16 – 17 Uhr
Mit dieser Kunst-Aktion wird die NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung Nr. 4 der Öffentlichkeit vorgestellt. Inhalt der NETZ: Die wachsende Spaltung zwischen Arm und Reich. Schwerpunktthema der NETZ Nr. 4: Flüchtlinge. Download hier: NETZ Nr. 4
Der 10. Juni ist deshalb für das Erscheinen der NETZ 4 gewählt worden, weil dann die Fußball-Europameisterschaft beginnt. Wir wollen an den grenzüberwindenden und völkerverständigenden Gedanken von Fußball anknüpfen. Viele Spieler haben Migrationshintergrund. Fußball ist – neben Kultur – eine der letzten großen gesellschaftlichen Erzählungen, die schichtenübergreifend funktioniert: Hier treffen sich noch Arm und Reich, Flüchtlinge und Einheimische.
Ablauf
– Einführung: Klaus-Dieter Gleitze, für die LAK und die NETZ
– Musiksatire: Paul Kremer, Violine
– Rede: Niedersächsische Sozialministerin Cornelia Rundt
– Kunstaktion „Fünf Euro“: Bei einem Quiz zum Thema „Armut & Ausgrenzung“ gibt es echte
Fünf-Euro-Scheine als Gewinn.

Diese sind mit Texten zur Armutsproblematik beschriftet und können so als Kunstwerke in den Umlauf gebracht werden.
– Lesung: „Eine Seefahrt, die ist lustig“, Hermann Sievers (Text siehe NETZ, Seite 8)
– Aktion „Die Mauer muss weg!“: Wir reißen gemeinsam eine Mauer aus Pappkartons ein, die für die Ausgrenzung von Flüchtlingen steht.
Und zum Start der Fußball EM erhalten alle die Gelegenheit, ihr fußballerisches Können unter Beweis zu stellen.
Die NETZ ist wie der EM-Ball: Eine runde Sache!
04.06.2016 – Ich bin stolz und glücklich, die Geburt einer Tochter anzeigen zu können.

Meine Tochter, die allerdings sehr viele Väter und Mütter hat: Die NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung Nr. 4. Der Inhalt der NETZ: Die wachsende Spaltung zwischen Arm und Reich. Schwerpunktthema der NETZ Ausgabe 4: Flüchtlinge.
Die NETZ wird vom Trio Infernale Beinsen, Gleitze & Sievers – gemeinsam mit der Landesarmutskonferenz Niedersachsen – herausgegeben und ich habe die Ehre und das Vergnügen, der V. i. S. d. P. zu sein.
„Ehre und Vergnügen“ heißt in dem Fall: Einen Mega-Haufen Arbeit am Hacken. Für alle, die denken: „Zeitungsmachen ist doch geil, ich hab früher in der Schule auch immer gerne Aufsätze geschrieben.“ eine Zahl: Das reine Schreiben macht beim Zeitungsmachen keine fünf Prozent aus. Die Herausgeber sitzen da nächtelang bei der Konzeption zusammen, kriegen sich regelmäßig dabei in die Flicken und gut für die Leber sind solche Sitzungen auch nicht. Macht 10 Prozent. Vertrieb: 30 Prozent. NETZwerken: 20 Prozent. Recherche: 10 – 20 Prozent. Verwaltung, Finanzierung: 15 Prozent. Autor_innenbetreuung: 10 Prozent. Layout, Gestaltung, Bilder, Korrektur, Lektorat: 5 – 10 Prozent.. Rest: 10 Prozent. Macht in der Spitze 120 Prozent und so fühle ich mich im Moment auch.
ABER: Wenn es einfach wäre, eine solche Zeitung zu machen, würden es andere machen. Und es gibt nichts vergleichbares BRD-weit. Da kommt dann schon Stolz auf die Tochter hoch.
Unser Ansatz: Betroffene beteiligen und gleichberechtigt neben Verbänden zu Wort kommen zu lassen. Die ganze Bandbreite beim Thema „Spaltung der Gesellschaft“ abbilden und dabei immer Partei ergreifen. Kultur spielt eine tragende Rolle, der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wir haben herausragenden Fotograf_innen:

Foto: Cynthia Rühmekorf
Geniale Cartoonisten:

Zeichnung: Thomas Stethin

Foto: Achim Beinsen
Und am 10.06 wird die Zeitung im Rahmen einer Kunstaktion der breiten Öffentlichkeit vorgestellt.
Mehr demnächst dazu!
02.06.2015 – Ich bin Mitglied im Club der polnischen Versager

Amtssprache: Deutsch und alle anderen Fremdsprachen. Geöffnet, wenn nicht geschlossen.
Ich war neulich da, tagsüber, ein paar Leute hingen da ab. Niemand sprach Deutsch als Muttersprache. Angenehme Atmosphäre. Der Club ist das, was der SCHUPPEN 68 früher mal war. Der SCHUPPEN 68 war kleiner, aber die Geisteshaltung ähnlich.
Das zu machen, was in 10 Jahren Mainstream ist: das ist ein Gefühl, was einen Adlergleich auf den Schwingen der Kunst über den Alltag erhebt. Freiheit pur, niemandem Rechenschaft abzulegen – außer den Stadtwerken, dem Vermieter, der Versicherung …
Und mich beschleicht schon manchmal das Gefühl, wenn ich vor lauter Erwerbsarbeit noch nicht mal die 10 Minuten Zeit morgens habe, um diesen Blog hier zu pflegen, ob ich nicht ab und zu früher mal ernsthafter hätte daran arbeiten sollen, mit Avantgardekultur auch mal richtige Kohle abzugreifen. Anstatt so einen Schwachsinn zu gründen wie den einzigen Witze-Verleih der Welt. Ich war mal in „Sag die Wahrheit“ beim SWR im Fernsehen, da musste geraten werden, ob es meinen Witze-Verleih real gibt. Hat natürlich keiner geglaubt. Bis die den NDR Film eingespielt haben, in dem ich mit dem Rollcontainer in der Stadt unterwegs war. Hahaha. In meiner Kandidatenrunde saß einer, der hatte sich vor Jahren den Begriff „Ballermann“ patentieren lassen, ohne das Geringste mit Mallotze zu tun zu haben. Der Mann ist Millionär. Wahre Geschichte, auch witzig, nur anders. Und Kohle, Piepen, Mäuse ohne Ende.
Das Gute an meinem Gejammer ist: Ich kann niemandem die Verantwortung in die Schuhe schieben außer mir selbst. Ich hätte ja fleißiger sein können. Kafka hat ja auch seinen „Prozess“ nach Feierabend geschrieben. Da muss unsereiner ja unbedingt an den Kiesteichen abhängen oder im Garten grillen. Aber selbst dabei mache ich mir Gedanken, z. B. über die Zukunft der Arbeit in unserer Gesellschaft.

Das kann man aber auch mit Melodie und Rhythmus verbinden.
Jemand hat mal gesagt: „… man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt …“
Da hab ich mal gerade wieder die Kurve gekriegt. Ich hasse Jammern.
Lieber Hammern und Sicheln
als Jammern und Picheln.
Den Spruch aus alten Sponti-Zeiten hab ich gegoogelt und worauf bin ich gestoßen? Guckst du hier.
Schönen Tag noch, liebe Leserinnen.
30.05.2016 – Petrus war der erste Antisemit.
Es gibt Veranstaltungen, zu denen geht man hin, weil es sie schon von Anbeginn der Zeiten gibt, weil es da was zu Essen und zum Saufen gibtund weil man da immer hingeht. Wie das Masala Fest in Hannover. Eine neohippieske Veranstaltung, mit Wolken von Patchuli und einem Meer von Henna.
Ob Blond, ob Braun, ob Henna,
Weihnachten gibt’s neue Männa.
Ina Deter. Was macht die eigentlich? Mittlerweile treffe ich da kaum noch Bekannte, die Hüfte, das Kreuz oder – c’est la vie – der Tod verhindern immer häufiger das Erscheinen.

Masala Fest. Bild 68 der Serie „Orte, an denen ich den Altersdurchschnitt durch meine Anwesenheit nicht erhöhe“.
Dann gibt es Veranstaltungen, zu denen geht man, weil es eine Art kategorischer Imperativ ist, da hinzugehen. Wie das Israelfest der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Angesichts des grassierenden Antisemitismus auch eine Frage der reinen bürgerlichen Höflichkeit gegenüber den Gastgebern. Am Morgen eine Veranstalter-Absage per Mail wegen Gewittergefahr. Verständlich, gestern hat es weite Teile der Republik regelrecht geflutet. Aber um Hannover machte das Gewitter nicht nur einen Bogen zum Zeitpunkt des Festbeginns, sogar die Sonne fing an zu scheinen. Eine freche Provokation. Für mich war klar: Petrus, der Wetterverantwortliche, ist immer noch Antisemit. Zusammen mit seiner Gang, den sogenannten Aposteln, bildete er ja die erste Vereinigung von Antisemiten. Klarer Fall von Bandenkriminalität.
Und was mache ich, wenn am 10.06 bei der Präsentation der neuen NETZ Niedersächsische Teilhabe-Zeitung, in der City auch eine Unwetterwarnung läuft?
Ich sehe schon die Überschrift vor mir: „Sozialpolitik in Niedersachsen vor Neustart. Alle Sozialpolitiker_innen der rotgrünen Landtagsfraktionen wurden bei dem Blitzschlag gestern …“
Da kann ich nur hoffen, dass es mich dann mit zersemmelt.
Wäre die Spaltung zwischen Arm und Reich nicht so groß, und damit die Notwendigkeit einer NETZ nicht gegeben, wenn es die Mauer noch gäbe? Diese Spekulation schoss mir durch den Kopf, als mir dieses Foto beim PC Aufräumen in die Hände fiel.

Mauer. Berlin? 1989?
Nein. Hannover, Rosemeyerstr. 2016.

Hinter der Mauer das Paradies.
So wie damals. Wenn man von Osten drüber guckte.
Zumindest glaubten das die Meisten ….
27.05.2016 – Hitlergruß auf Mallorca

In der Bucht von Alcudia, Mallorca. Am helllichten Tag sind deutsche Urlauber_innen schon so betrunken, dass sie nicht mehr stehen können. Trotzdem provozieren sie noch im Liegen durch Zeigen des Hitlergrußes.
Ob die Diskussionen über die Ausweitung des Schießbefehls gegenüber extrem verhaltensauffälligen Touristen zielführend sind, muss abgewartet werden. Nach meiner Einschätzung sollte man das auf die Guardia Civil beschränken, die zu Francos Zeiten die Hauptstütze des Repressionsapparates war und als paramilitärisch strukturierte Organisation nicht so stark von Humanitätsduselei behindert wird. Mich haben – noch unter Franco – nächstens Guardia Civil Leute aus dem Meer beordert. Auch wenn ich dabei nicht alleine war: Nackt Leuten gegenüber zu stehen, die Maschinenpistolen in der Vorhalte haben, ist eine Erfahrung, die man nicht haben muss, die aber prägt.
Wenn mir abends am Lagerfeuer nichts mehr einfällt, dann krame ich die Geschichte raus, die immer neue Facetten erhält. Mittlerweile glaube ich selbst daran, dass sich z. B. das Licht des Vollmondes fahlgelb auf den Läufen der Waffen spiegelte.
Die Geschichte mit dem Hitlergruss ist – im Gegensatz zu der von der nächtlichen Guardia Civil – gelogen. Sie ist allerdings auch ekelhaft. Es handelt sich um deutsche Touris, die mitten auf der Promenade Fitnessübungen abhalten. Ich wünsche nicht mit exzessiven körperlichen Betätigungen und Bedürfnissen anderer Leute in der Öffentlichkeit belästigt zu werden. Das ist schamlos und ohne jedes Niveau. Ich finde es mitunter schon degoutant, Leuten in der Öffentlichkeit beim Essen zuzusehen, ganz zu schweigen von Männern, die coram publico ihr Wasser abschlagen. Da quillt nackter Hass in mir hoch.
Ich wurde mal gemeinsam mit anderen Badegästen am hellen Tag am Kiesteich Zeuge, wie eine Frau einem Typen auf der Badematte einen geblasen hat. Je mehr ich darüber nachdenke: Das mit dem Schiessbefehl hat was…
26.05.2016 – Frauen aufreißen – aber wie?
Dazu gibt es jetzt Seminare sogar in Bildungsvereinen. Zitat:
„Frauen überzeugen … durch sicheren Auftritt, Gesprächsstrategien und Kreativität. … In vielen praktischen Übungen aus der Schauspielausbildung lernen sie mit Lampenfieber umzugehen und die Stimme und die eigene Körpersprache auch in schwierigen Situationen ruhig, überzeugend und zielführend einzusetzen. …. Wenn ich während eines sich zuspitzenden Gesprächs deeskalieren kann, dann führe ich die Situation. Die Techniken, die uns dies ermöglichen, sind Inhalt dieses Seminars.“
Hört sich absolut überzeugend an.
Whow, dachte ich. Was ist aus den Bildungsvereinen geworden, entstanden in den Siebzigern unter dem emanzipatorischen Banner der Reformidee „Bildung für alle“.
Dann las ich weiter: „Dieses Angebot wird gefördert über das Projekt Frau und Beruf.“
Ach so, dachte ich. Und weiter dachte ich: Was ich mir manchmal für einen Mist zusammendenke.
Fazit der heutigen Sitzung in Sachen „Oh, wie so trügerisch sind Sprachgebilde“ (Zu dieser Formulierung ein schönes Video hier ): Sprache, Bewusstsein und Zuschreibung gesellschaftlicher Rollenverteilung stehen in komplex kommunizierenden Röhren zueinander.

Berlin, Hasenheide. Bild 68 der Serie „Orte, an denen ich den Altersdurchschnitt durch meine Anwesenheit deutlich erhöhe“.
Es hatte vor kurzem geregnet und über der ganzen Hasenheide schwebte ein durchdringender Geruch nach Marihuana und Hundescheiße.
24.05.2016 – Im Alter wird man immer älter.
Da es sich in diesem Tagebuch-Blog nur dann um die Kommentierung der Welt im allgemeinen und der Politik im besonderen handelt, wenn die sich steigernd auf meinen Blutdruck auswirkt (was sie mittlerweile jeden Tag tut), ist dieser Blog natürlich auch einer über das Altern. Was passiert mit einem im Alter? Wird man gelassener? Lebt man bewusster? Wird man starrsinniger? Konservativer? Und was heißt das überhaupt: Konservativ? Ist man konservativ, wenn man an der Überzeugungen festhält, dass wir in einer Klassengesellschaft leben? Und dass der Markt nicht nur nicht mitnichten alles regelt, sondern vielmehr zuverlässig dafür sorgen wird, dass die Erde den Bach runtergeht, und zwar einen Bach, in dem bestimmt keine Regenbogenforelle mehr schwimmt? Ist man konservativ, wenn man die Mehrzahl der Menschen für verrohte Vollidioten hält, die strengster Erziehungsmaßnahmen bedürfen? Der Dichter hat das vor 300 Jahren lyrischer ausgedrückt, aber es kommt auf das Gleiche raus:
„ … Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes …“ (Friedrich Hölderlin über die Deutschen)

Berlin, Frankfurter Tor. Notfall Hubschrauber bei einer Übung.
Wäre es ein echter Notfall gewesen, hätte ich bestimmt kein Foto gemacht, sondern mit einem Ochsenziemer das Gafferpack vertrieben. Solche Leute gehören hinter Gitter und umerzogen (Böse Vokabel, politisch kontaminiert, wer grundlegendes über Sprachfallen lesen will, ist hier richtig). Hinter Gitter gehören auch AfD Wählerinen, Auto-Raser und Drängler, Smartphone Nervensägen, Leute, die beim Brötchenholen nicht richtig Schlange stehen, Steuerhinterzieher, Calenberger-Pfannenschlag-Esser, usw. usf.
Eins ist sicher: Im Alter wird man immer älter. Und das mit dem Blutdruck (siehe oben) ist für mich ne feine Sache. Meiner ist eh viel zu niedrig und Aufregung tut da nur gut. Den zu niedrigen Blutdruck hab ich von meiner Mutter geerbt. Rezept unseres Hausarztes damals: Auf nüchternen Magen Scheibe fetten Speck und Glas Rotwein. Wir Kinder fanden das prima. In diesem Zustand speckiger Beduseltheit am Morgen war unsere Mutter am besten auszuhalten.