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09.08.2022 – On the road again


Aktion „Hungern oder Frieren?“ vor dem niedersächsischen Finanzministerium. Es geht um das Schicksal von Millionen Menschen im Winter 22/23, die mangels Geldes als Folge von Inflation und Energieknappheit vor die Frage gestellt werden: Hungern oder Frieren? Heize ich oder kaufe ich Essen? Die Hintergründe dazu in dem feinen Artikel von Thomas Strünkelnberg von der dpa.
Artikel und Meldungen über die eigene Arbeit von der Deutschen Presse-Agentur dpa werden von zahlreichen Medien direkt übernommen oder sie bilden den Anstoß dafür, eigene Artikel, Beiträge zu verfassen. Insofern sind diese Meldungen und Artikel der dpa Gold wert.
Wie sonst als über mediale Öffentlichkeit ist Aufklärung und Druck zu erzeugen? Die Straße als Ort für Demo-Druckerzeugung kommt theoretisch auch noch in Frage, aber bei der derzeitigen Verfasstheit der Gesellschaft gruselt mich eher bei dem Gedanken. Zur Zeit marschiert eher der Mob.
Wer ein Anliegen hat, kann einen Stand in der City machen und Flugis verteilen. Im günstigsten Fall erreicht man damit ein paar Hundert Leute. Mit einem Bericht bei NDR Hallo Niedersachsen z. B. erreicht man über eine Million und das guckt gerade in Wahlkampfzeiten wie in Niedersachsen, wo am 09.10 gewählt wird, jede Landespolitikerin. Insofern hat die Antwort der Pressesprecherin des Finanzministeriums bei der Aktion auf meine Bemerkung: „Wir würden uns freuen, wenn Finanzministerin Hilbers unsere Forderungen übernimmt“ realen Gehalt, als sie sagte: „Das hängt vom Druck ab.“
Keine politische Position ist in Stein gemeißelt, siehe Atomaussteig und Grüne. Und schon gar nicht die Einhaltung der Schuldenbremse. Diese Position wird von ihren neoliberalen Apologeten besinnungslos wie ein Mantra runtergeleiert. Schuldenbremse einhalten, um die kommenden Generationen nicht zu belasten. Aha. Deshalb sollen wir also unsere Schulen verfallen lassen, das Gesundheitssystem verrotten, die Brücken zerbröseln und das Klima vor die Hunde gehen lassen, damit wir jetzt keine Kredite aufnehmen. Die so billig sind wie selten und mit den derzeitig sprudelnden Steuereinnahmen mit links getilgt werden können.
Als Dienstwagen riesige Benzinerlimousinen fahren und mir was von kommenden Generationen erzählen. Bei sowas krieg ich Pickel im Hirn.
Es ist also eine Frage des Drucks. Aber leider sind die Akteure, die den Druck aufbauen sollten, könnten, müssten, teilweise sowas von träge … Da fehlt es oft an Empathie oder soziologischer Phantasie, sich vorzustellen, was im Winter bei Millionen Menschen passieren kann. Frieren oder Hungern.
Was bleibt von der Aktion? Für mich unter anderem ein Flashback der besonderen Art. Beim Probeaufbau des Zeltes tauchten Bilder in mir auf, ich als Hippie mit Zelt auf dem Rücken und dem Daumen im Wind. Sweet Hitch Hiker.
Falls Sie mal drei Monate hier nix von mir hören, wissen Sie, woran es liegt. On the road again

05.08.2022 – Wer das beschädigt, wird erschossen.


Aus der Ausstellung Werbepause – the art of subvertising. Kunstraum Kreuzberg/Bethanien. Die praktische Umsetzung der Skulptur im Beitrag vom 03.08.2022 in die Stadtöffentlichkeit.
Es geht in der Ausstellung um Gegenöffentlichkeit und künstlerische Intervention, das Eingreifen. Zitat: „Subvertising (auch bekannt als Adbusting) kann als eine Handlung definiert werden, die den Zweck der Werbung stört. Es ist der Versuch, in die visuelle Landschaft einzugreifen und die kapitalozentrische Hegemonie im öffentlichen Raum zu untergraben.“
Also: Wir öffnen Werbekästen in der Stadt, entfernen den hirnbeleidigenden Dreck, der da drinnen hängt und mitverantwortlich dafür ist, dass wir mit unserem pathologischen Konsumverhalten die Lebensbedingungen unseres Planeten zerstören, und ersetzen ihn. Durch etwas, das zum Nachdenken anregt, siehe oben, und nicht dazu, in den nächsten Shop zu rennen und Müll zu konsumieren. Wie machen wir das?

So. Hängt in der Ausstellung, ist ein Aufruf zu einer Straftat. Wenn man es wörtlich nimmt. Nimmt man es als Kunst, sieht die Sache anders aus. Dann ist es ein Beitrag zur Diskussion über das Spannungsfeld von Legalität und Legitimität. Der Tagesspiegel ließ in der Rezension über die Ausstellung die Feuilleton-liberale Maske fallen und bellte beinhart das Kapital-treue Credo: Eigentum ist unverletzlich. Wer das beschädigt, wird erschossen. Hat er natürlich nicht geschrieben, das ist nur eine meiner Infamien. Aber die gesamte Rezension beschäftigte sich ausschließlich damit, dass hier öffentliche Fördergelder zur Finanzierung für Aufrufe zu Straftaten verwendet wurden. Nicht eine Silbe zur gesellschaftlichen Legitimität des Ausstellungs-Anliegens.
Die Ausstellung besitzt übrigens hohe künstlerische Opulenz und Autonomie, handwerkliche Kompetenz, Originalität. Eins meiner Lieblingsbilder, es geht natürlich nicht nur um die perversen Kinderficker der katholischen Kirche:

Ruin Air. Allen Billigfliegern und der Welt als memento mori zugeeignet.
Für solche Ausstellungen brauchen die Verantwortlichen Mut. Wenn man dafür in den Medien angepisst wird, zieht beim nächsten Projekt die Kultusbehörde unter Umständen den Schwanz ein und verweigert Fördermittel. Es sei denn, man hat da Bündnispartnerinnen, die nicht völlig verblödet und versteinert sind. Wie in Berlin.
Einen besseren Ort als Bethanien am Mariannenplatz gibt es für die Ausstellung nicht. Das Bethanien war eine der ersten Besetzungen vor über 50 Jahren.
Rio Reiser darüber im Georg-Rauch-Haus Song :
Der Mariannenplatz war blau, soviel Bullen waren da
Und Mensch Meier musste heulen, das war wohl das Tränengas
Und er fragte irgendeinen: „Sag mal, ist hier heut ’n Fest?“
„Sowas ähnliches“, sagte einer, „das Bethanien wird besetzt“

(Die letzten beiden Zeilen werden im Bolzenschneider-Bild oben zitiert, der Preis 19.71 € ist eine Anspielung auf das Jahr der Besetzung.)
Der genius loci vom Bethanien ergreift jedes Mal Besitz von mir, wenn ich durch dessen Hallen wandele, eine ganz eigene Gefühlsmischung. Steine können doch singen.
Allerdings hatte die Ausstellung einen bitteren Wermutstropfen inne, dazu später mehr.
Genug geschwafelt. Ich muss jetzt Flüge nach Korfu checken.
Möglichst billig.

03.08.2022 – Sind Sie Durchschnitt?


Ausstellung Werbepause – the art of subvertising. Kunstraum Kreuzberg/Bethanien. Eintritt frei. Eine der spannendsten Ausstellungen der letzten Jahre. Mehr demnächst dazu.
Ist es Ihr Bestreben, liebe Leserinnen, Durchschnitt zu sein? Es gibt sicher viele Menschen, die durchschnittlich sind und auch nichts anderes wollen. Nicht Abweichen von der Norm. Sie würden vermutlich anderes von sich behaupten. Durchschnittlich? Ich? Auf keinen Fall. Aber sie sind es und wollen es auch sein. Und das ist ohne jede Ironie gut so. Es ist auch so schon anstrengend genug in einer Gesellschaft, in der Millionen maximal individuell sein wollen, auffallen um jeden Preis, prominent für einen Tag etc. pp. Deshalb laufen ja auch Millionen Tätowierte und Gepiercte rum.
Wie sieht das Durchschnittsdeutsche aus? (Zahlen von 2016, die Krise dürfte einiges geändert haben). Wer eine Vollzeitbeschäftigung hat, verdient etwas mehr als 3000 Euro brutto. In Deutschland werden pro Haushalt im Durchschnitt monatlich 860 Euro für die Miete des Wohnraums ausgegeben. In diesem Mietbetrag sind Energie- und Instandhaltungskosten inklusive. 332 Euro werden für Lebensmittel ausgegeben. In dem Betrag enthalten sind auch 42 Euro für Genussmittel wie Tabak oder Alkohol. Verzehrt werden pro Kopf auf Jahressicht 227 Eier, 97 Kilogramm Gemüse und 86,9 Kilogramm Fleisch (am meisten davon Schweinefleisch mit 52,1 Kilogramm, Rind und Kalb kommen auf einen Anteil von 12,7 Kilogramm). Für Kleidung und Schuhe gibt der Deutsche Durchschnittshaushalt pro Monat 107 Euro aus, wobei Paare ohne Kinder im Schnitt 120 Euro und Paare mit Kindern im Schnitt 178 Euro ausgeben. Für den Transport / Verkehr muss der Durchschnittshaushalt pro Monat 325 Euro aufwenden (Auto inklusive, d. A.) Zum Großteil besteht das Leben des Durchschnittsdeutschen aus Arbeit und Schlaf. Nach einem Arbeitstag als normaler Durchschnittsangestellter von 7 Stunden und 1 Minute bleiben dem Deutschen im Durchschnitt 1 Stunde und 6 Minuten pro Tag für soziale Kontakte. Zum Fernsehen hingegen hat er rund 2,5 Stunden Zeit übrig. Für das tägliche Essen verwendet der Durchschnittsdeutsche 1,41 Stunden seiner Zeit. Für seinen Schlaf stehen ihm sogar 8,29 Stunden pro Nacht zur Verfügung.
Da ist nichts dabei, was ich besonders ätzend oder erstrebenswert finde. Durchschnitt halt. Eine andere, aktuelle Zahl hat mich aber nachdenklich gemacht und in mir für einen Moment den Impuls ausgelöst, mal Durchschnitt zu sein.
Das durchschnittliche Haushaltsvermögen beträgt aktuell 420.000 Euro.
(Der Median, das mittlere Vermögen also, liegt bei 120.000 Euro. Das ist jenes Vermögen das genau in der Mitte liegt.)
Beim Durchschnitt reißen die extremen Vermögen der Superreichen (ab 30 Mio.) die Zahl so außergewöhnlich nach oben, wie das bisher niemand vermutet hätte. Und da liegt noch eine hohe Dunkelziffer drüber. Kapital ist bekanntlich scheu wie ein Reh. Welches aber durchaus mit einem Blattschuss erlegt werden kann.
Der Reichtum in unserer Gesellschaft wird völlig unterschätzt, absolut unzureichend erfasst und schamlos bevorteilt.
Ich würd ja nicht meckern. Wäre ich einmal in meinem Leben Durchschnitt. Ich bitte jetzt all die Leserinnen um ein Handzeichen, die Durchschnitt sind.
Danke. Sonnigen Tag.

Noch was aus der Ausstellung. Bitte genauer hingucken. Wie immer bei Kunst

31.07.2022 – Über verhängnisvolle Gleichzeitigkeiten

Hortensie. Nicht zu wenig gegossen, sondern von der Sonne, von oben verbrannt. Die stand jahrelang an diesem für Hortensien idealen halbschattigen Ort. Geht nicht mehr. Auch bei anderen Halbschattengewächsen wie Funkien ähnliche Phänomene. Ich werde also ein Probebeet winterharter Sukkulenten anlegen, mit Trinkwasser zu gießen finde selbst ich als Nichtöko mittlerweile obszön. Die Klimakatastrophe schleicht sich auf ganz leisen Pfoten in unsere Gärten, in unsere glutdampfenden Cities, in schlecht gedämmte Dachgeschosswohnungen, wo das Leben im Sommer zur Hölle wird, in unsere Urlaubsziele am Mittelmeer, wo es Wasser nur noch in zwei Zuständen geben wird: Meerwasserversalzen oder gar nicht. Wir sind mitten drin. Wie es enden wird? Düsteres, dystopisches Fazit der BBC-Umweltikone Roger Harrabin: Die technologischen Lösungen gegen eine Klimakatastrophe kommen zu spät und die kapitalistische Gier wird uns den Rest geben. Zitat: „Umweltschützer wurden für … Warnungen lange verspottet, leider sieht es immer mehr danach aus, dass sie recht behalten werden. Ich bin froh, dass ich bis Mitte des Jahrhunderts unter einem Baum begraben liegen und es nicht mehr herausfinden werde.“

Ich fröne derweil meinem persönlichen Survivaltraining, Flanieren im Betonmoloch Berlin bei 38 Grad. Wobei Berlin im Unterschied zu anderen Metropolen eine grüne Wellness-Oase ist. Im fast völlig entgrünten Paris wird menschliches Leben im Sommer zum Survival-of-the-fittest-Contest. Ein Aufenthalt in einem der zahlreichen schattigen Berliner Parks erfreut die erhitzte Haut, sorgt aber mitunter für Wallungen im Kopf. Wie der Anblick dieser Statue, vermutlich bis ziemlich sicher aus den 50ern.

Frauenbild der 50er. Demütig auf den Knien, dem männlichen Blick und Zugriff schutzlos ausgeliefert. Das kann als zeitgeschichtliches Dokument eines obsoleten Frauenbildes gelesen werden. So weit, so legitim. Es kann aber auch als tagesaktuelle und bitter-wirkmächtige Männerphantasie und Projektion von abartigen Bildern im Kopf gelesen werden. Siehe Abtreibungsurteil des Supreme-Courts in den USA, wo eine Bande religiöser, faschistoider Fanatiker ihre Phantasien vom männlichen Zugriff auf den weiblichen Körper Gesetzesrealität werden ließ. Von wegen 50er des vorigen Jahrtausends.

So wie wir jetzt schon mitten in der Zukunft der Klimakatastrophe sind, so hält uns die vermeintliche Vergangenheit weiter und immer mehr im Würgegriff. Sollte mich wundern, wenn wir zwischen dieser verhängnisvollen Gleichzeitigkeit der Zeitebenen nicht zerrieben werden.

Parmesan und Partisan,

Wo sind sie geblieben?

Parmesan und Partisan,

Beide wurden sie zerrieben.

(Matthias Beltz https://de.wikipedia.org/wiki/Matthias_Beltz )

27.07.2022 – Hinter der kalten Heizung lauert die Seuche

Verchipte aller Länder im Kampf gegen den Faschismus.

Zitat aus der Parallelwelt der Fakten und der Wissenschaft: „Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug im Jahr 2021 für neugeborene Mädchen 83,2 Jahre und für neugeborene Jungen 78,2 Jahre. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, hat sich die Lebenserwartung von Neugeborenen im Vergleich zum letzten Vorpandemiejahr 2019 deutlich verringert: Bei Jungen um 0,6 Jahre, bei Mädchen um 0,4 Jahre. Hauptgrund für diese Entwicklung sind die außergewöhnlich hohen Sterbefallzahlen während der Coronawellen. Statistisches Bundesamt vom 26.07.2022.

Ich bin gespannt, wie sich die Interdependenz von Seuchengeschehen und Energiekrise im Winter auf Gesundheit und gesellschaftliche Lage auswirkt. Die Coronawelle im Winter ist so sicher wie die Tagesschau um Acht und massenhafte Energiearmut auch. Da der Mensch evolutionär – und auch sonst – eher ein Halbaffe ist, erschrickt ihn nur das, was er sieht und spürt: Der Säbelzahntiger vor der Höhle und die kalte Heizung ab November. Also juckt ihn im Moment am Badesee nix, ausser Sonnenbrand. Förderlich für das Immunsystem sind kalte Heizungen, unbezahlbare Grundnahrungsmittel und Mieten sicher nicht. Es bleibt also abzuwarten, wie die epidemische und gesellschaftliche Situation wird, wenn die Erkenntnis mit dem Holzhammer der Realität vermittelt wird. Mit der Abstraktion von Wissenschaft und Fakten geht’s ja offensichtlich nicht.

Wenn’s nach mir ginge, müßten die Energieversorger sofort an jeden Haushalt einen Brief schicken, in dem steht: „Ab 01.09 zahlst Du statt 90 Euro 270 im Monat Abschlag plus 900 Euro Nachzahlung und Deine Lebensmittel werden Dich im Winter statt 200 Euro 250 Euro im Monat kosten“. (Beispielrechnung! Beziehen Sie, liebe Leserinnen, das nicht auf sich. Soviel bezahlen Sie doch locker für einmal Essengehen)

Aber nach mir geht’s ja wie immer nicht.

 

 

24.07.2022 – Arsch und Eimer


CSD Berlin 23.07.22.
Der CSD Umzug ist mit ca. 500.000 TN ein in vieler Hinsicht gesellschaftliches Grossereignis und kann durchaus An- und Einsichten vermitteln. Er ist angesichts wachsender Homo- und Transfeindlicher Hass-Verbrechen notwendig wie eh und je. Einerseits. Anderseits: Sein Motto: Gegen Hass, Krieg, Diskriminierung. Whow. Wie umstürzlerisch. Und jede Menge Diversity.
Dem Chronisten kamen da erhebliche Zweifel. Die Wagen waren alle gleich groß, hatten alle gleiche Fahnen, Parolen, die gleiche Musik, die Menschen auf den Wagen waren alle gleichen, jungen Alters, bewegten sich gleich, die TN marschierten alle in die gleiche Richtung, sahen gleich aus, hatten also Tattoos und ab und zu bunte Fähnchen umhängen, eine phantasievoll gekleidete Drag Queen war die absolute Ausnahme. Ich könnte das hier zu Tode reiten, geschenkt. Im Vergleich zum Karneval der Kulturen, einem anderen Berliner Grossevent, war es ein langweiliger Reichseinheitsbrei. Schlimmer: Ca. 80 Prozent der Wagen, die ich gesehen habe, waren von Konzernen und Banken, also jenen gesellschaftlichen Strukturen, die dafür verantwortlich sind, dass unser Planet zusehends unbewohnbar sind, und die an eben jenen Kriegen mitverdienen, die das Motto der CSD anprangerte. Soviel schiere Blödheit, kommerzielle Verlogenheit und moralische Impertinenz wie beim CSD ist mir lange nicht untergekommen. Diversity und Identität, es gibt kaum Begriffe, mit denen zur Zeit so viel vernebelt und verlogen wird. Postmoderne Arsch und Eimer.

Ebay mit Doitschlandfahne

Diversity? Flaschensammler mit Alditüte.

Working class queeroes. Der einzige Beitrag, der in die Nähe von gelungenen Humor kam.

Und am Ende muss irgendwer den Dreck wegmachen.

Wann kommt mal jemand auf die Idee, bei solchen Umzügen auch mal ein paar von den Kolleg*innen mitfahren zu lassen,  die den Dreck wegmachen …

21.07.2022 – Ab Morgen ist hier wieder Krisenkacke am Dampfen


Archivfoto 70er Szenekneipe? Wirtshaus Leydicke, Schöneberg, 2022.
Bei den Bands, die hier auftreten, dürfte mitunter die Hütte brennen. Bei der Enge vor der Bühne für mich allerdings in diesem Corona-Leben ein No-Go. Schade, ich halte mich dann an die Destillerie-Produkte (Persiko! Dass es den noch gibt, hat mich zu Tränen gerührt. Wie viele Monsterschädel verdanke ich diesem Anschlag auf die Gesundheit der Jugend der Welt…) von Wirt Raimon. Hier die Verse zu den Produkten, die ein kongenialer Kollege verfasst hat. Mit dem ich allerdings noch mal über Metrik, Jambus, Trochäus usw. usf. diskutieren muss.

Liebst Du des nachts das Risiko?
Versüße es mit Persiko!

Bei Streit, Unwohlsein und Gewitter
empfehlen wir `nen Magenbitter.

Sehnst Du Dich nach einem süßen Kuss?
Gönn Dir einfach Cacao-Nuss!

Bei Schwiegermutti zum Kreuzverhör?
Schenk ihr einfach ’nen Eierlikör!

Und wenn Du nicht mehr weiter weißt
hilft immer noch der Himbeergeist!

Es gibt magische Orte, wie das Leydicke, die betritt man und ist gefangen von der Aura. Die zu bestimmen allerdings schwierig ist, wie das mit transzendenten Dingen so ist. Es ist eine Mischung aus Abgewandtheit von der postmodernen Welt, sanft-melancholischer Heiterkeit, in einem Bild eingefrorene Erinnerungen an Vergangenes, aber auch fröhliches Versprechen auf ein lebendiges Hier-und-Jetzt. Und Raimon nicht zu vergessen, der mit seiner distanzlos-rustikalen, herzlichen Vereinnahmung jeden norddeutschen Distanzversuch zunichte macht.
Kein Wunder, dass am Wochenende die Jugend der Welt vor dem Etablissement die Nacht zum Tage macht. Was aber nicht mehr meins ist, ich ziehe eher Altern in Würde vor. So wird mich die milde Abenddämmerung hier wiederfinden, nach Besuch der Berlinale.
Ich grübelte im Zug nach Hangover darüber nach, woran mich das Setting da erinnert und warum gerade dieser Ort so meine Zustimmung findet. In meinem Garten, in einer verwunschenen Ecke, fast zugewachsen, fand ich eine Antwort.

Das gerettete Firmenschild der „Likörfabrik Ursula Bütow“. Eine Weinhandlung aus dem vorigen Jahrtausend, mit Produkten aus der eigenen Brennerei, wie dem besten Weinbrand des Universums. Dort gab sich die reifere Jugend der Welt dem alkoholischen Genuss hin, während der Regen durch das undichte Dach in bereitgestellte Töpfe und Eimer trommelte.
Auch bei „Leydicke“ und „Bütow“ wieder das Topos des locus amoenus.
Wenn es überhaupt einen Sinn im Leben gibt, dann den des behutsamen Sammelns solcher Orte wie kostbare Perlen.
Genug der Fluchten in weltferne Idyllen. Ab Morgen ist hier wieder die Krisenkacke am Dampfen. Russe. Gas. Corona. Inflation. Klima. To be continued …

20.07.2021 – Liebe Göttin, mach Putin tot.


Zigarettenautomat in meiner Stammkneipe „Leydicke“ mit Vorkriegs-Marken wie Garbaty und der aus Kreuzberg stammenden Muratti-Privat.
Vor dem Krieg ist nach dem Krieg, nach dem Krieg ist vor dem Krieg. Die Geschichte der Menschheit ist eine Abfolge von Kämpfen unterschiedlicher Klassen gegeneinander um die Herrschaft, so Marx. Und demzufolge ist sie eine Abfolge von Kriegen, weil sich der Klassenkampf mit dem Sieg der herrschenden Klasse natürlich nicht auf einzelne Staaten beschränkt, sondern als Ausdruck seiner selbst immer auch in imperialistische Kriege mündet. Das Kapital war schon immer international, im Geschäft wie im Krieg, während der Pöbel in den jeweiligen Staaten, früher repräsentiert durch die Sozialdemokratie, in nationalen Kategorien dachte.
Hört sich schlimmer an als es ist. Nichts hasst das Kapital so sehr wie gestörte Geschäfte und da kann es durchaus auch friedensstiftende Momente haben. Am Ukraine-Krieg dürfte das Kapital nur begrenzt Interesse haben, die paar Waffenlieferungen und der Aufbau später, das ist nichts im Vergleich zu einer globalen Rezession und Profitverlust, wenn der Gashahn dicht bleibt. Ergo explodierte der Dax gestern binnen Minuten um fast drei Prozent als die Botschaft kam: Putin gibt wieder Gas. Das Kapital will kalkulierbare Verhältnisse und die liefert der Frieden eher. Also werden Wirtschaftsvertreter auf beiden Seiten Druck für Frieden machen.
Alles wird gut. Achten Sie auf den Dachs.
Auf der ethischen Seite befinden wir uns in einem Dilemma, was den Ukraine Krieg angeht. Klassische griechische Tragödie: Die Akteure können machen, was sie wollen, es endet in der Katastrophe. Schuldlos schuldig. Unterstützen „wir“ als Neo-Bellizisten Waffenlieferungen an die Ukraine, verlängern wir einen – für die Ukraine aussichtslosen – Krieg mit womöglich Hunderttausenden Toten und einem völlig verwüsteten Land. Plädieren „wir“ als versprengte Rest-Pazifisten für einen eingefrorenen Konflikt, also Waffenstillstand in Verbindung mit einem Waffen-Lieferstopp, ermuntern wir den Irren Putin womöglich zu weiteren Aggressionen, im Baltikum, gegen Polen etc.
Was auch im ersten Fall nicht auszuschließen ist, warum sollte er nach einem womöglich jahrelangen blutigen Krieg gegen die Ukraine nicht weitermachen. Die innere Dynamik von Terrorregimes, und auf dem Weg ist Russland, ist selten auf einen Status quo-Erhalt gerichtet. Terror nährt Terror und will mehr, siehe Hitler. Es sei denn, tragende Akteure sterben, wie Stalin und Mao. Das mildert den Terror dann, ohne seine Dynamik völlig auszuschalten.
Nichts wird gut. Diese tragische Situation vergiftet den Ton hierzulande, alle Akteure wissen, dass sie recht und unrecht zugleich haben und dass es keine ethisch vertretbare Lösung gibt. Bellizisten und Pazifisten punken sich in Diskussionen immer gereizter an. Was ich selber nicht nur einmal erlebt habe. In solchen Situationen bin ich froh, wenn es sich um Freunde handelt, bei denen man auf sicherem Eis wandelt. Meint: Bei allen Konflikten: Die Freundschaft trägt das. Das ist eine andere Situation als Coronaschwurbler, die sich auf so vielen Ebenen in eine Welt katapultiert haben, in der der Diskurs unmöglich ist
Also sollten alle Christinnen unter uns beten: Liebe Göttin, mach Putin tot.
Und wer im Besitz von Verstand ist, sollte hoffen, dass das Kapital Druck für Frieden macht. Vielleicht murkst ja irgendein Oligarch Putin ab, weil er nicht mehr auf seine Yacht kann.
Ich für meinen Teil hänge im Leydicke ab und kippe Schlehengeist in mich. Was gut für inneren Frieden ist.

19.07.2022 – Kann aber auch der Schlehenbrand gewesen sein.


Geschirrsattlerei. Berlin-Schöneberg.
Es gibt bei bildgebenden Medien verschiedene Einstellungsgrößen wie Totale, Halbtotale, Großaufnahme. Da unterscheiden sich Super 8, Video, Smartphone-Foto etc. nicht. Diese Einstellungen produzieren beim Betrachter unterschiedliche Wahrnehmungen und Emotionen. Das Aufkommen von bildgebenden Medien wie Film und Fotografie im 19./20. Jahrhundert hat unsere Wahrnehmung vollkommen umstrukturiert und alle Künste revolutioniert. Die große Romanerzählung der Tradition des 19. Jahrhunderts wurde obsolet und ersetzt durch Schreibtechniken, die sich an den neuen Medien orientierten. Beispiel: Die Montagetechnik des Films schlug sich in bahnbrechenden und richtungsweisenden Werken wie dem „Ulysses“ von James Joyce nieder oder auch „Berlin Alexanderplatz“ von Döblin. Unsere Wahrnehmung ist auch eine des Films.
Geschirrsattlerei, das erweckte beim Anblick in der Totalen Neugierde bei mir. Potzdonner, dachte ich, altes Handwerk, ein seltener Fall. Und näherte mich, in die Halbtotale. Dort Irritation, leather for dogs, freaks and ….welch seltsame Mischung. In der Großaufnahme, direkt am Schaufenster der Aha-Effekt. Das Angebot war vielfältig, wenn auch nicht bunt, sondern schwarz. Nicht alle Gegenstände waren auf den ersten Blick so selbsterklärend wie die Lederleine für Hunde.
Im Flanieren kam ich dann ins Grübeln, was neben dem Genießen zentrales Moment des Flanierens ist. Sind derlei Fetische nicht die Verlängerung der verdinglichten Warenwelt des Kapitalismus in das Reich des Begehrens, somit ein Moment der Entfremdung und also ein Akt der Intimitätsdestruktion? Oder hatte Omma einfach Recht mit ihrem Diktum: Jedem Töpfchen sein Deckelchen?
Des Grübelns ward allerdings nicht lange. WG-Treff bei „Leydicke“. Ein über alle Maßen erfreuliches Etablissement, mit einer Aura bis ins 19. Jahrhundert, dessen Besitzer Raimon einer der wenigen Destillateure im Lande ist und fulminante Brände produziert.
Wir räsonierten über Gott und die Welt, den Klassenkampf und dass wir hier ja eigentlich die Grenze von Kreuzberg zu Schöneberg überschritten hätten. Ich las den „Anstoß“, das Organ der Berliner DKP.

Und Raimon brachte Bier, Bulletten und einen 50 % Schlehenbrand. Die Luft war milde, über allem eine entspannte Heiterkeit, am Ende der Straße prangte ein (ehemals ?) besetztes Haus in Graffitibunter Fröhlichkeit. Eigentlich war es eine Zeitkapsel, in der wir schwebten, 70er Jahre. Kann aber auch der Schlehenbrand gewesen sein.

18.07.2022 – Qual ins Grüne verlängert


Fitness-Fetischisten. Kreuzberger Park Gleisdreieck.
Ich brauche nur vor die Haustür zu treten und bin mitten in einer 300.000 qm großen Open-Air-Körperertüchtigungsarena, Park Gleisdreieck. Man muss dort als Normalfrequenzschreiter vorsichtig sein, um nicht von einer Armada von japsenden Joggerinnen, rasenden Radlern, sausenden Skaterinnen plattgewalzt zu werden. Das Ganze flankiert von einer Armee von schweissüberströmten Seilspringerinnen, Basketballern, Dehnungsübenden, Klimmzüglern …. man wird ganz wirr im Kopf nur vom Hinschauen.
Bestand ursprünglich bei der Planungskonzeption des einstmals größten Bahngeländes Europas die Befürchtung, dass sich bei der Parknutzung die gesellschaftliche Spaltung widerspiegeln würde: hie schicke Alternativszene, da Drogensumpf Görlitzer Park, hat sich das durch die Blockrandbebauung im Laufe der Jahre erledigt: Komplett schicke, hochpreisige Gentrifizierungsquartiere. Das spiegelt sich in der Park-Nutzung wider: keine ganzen Hammel am Migranten-Spieße wie auf dem Tempelhofer Feld. Nur junge, dynamische Hipsterinnen, die die Zumutung und Qual des kapitalistischen Joballtags in die Zumutung und Qual der Körperertüchtigung im Grünen verlängern, um sich fit zu machen, für die Zumutung und Qual usw. usf. Sisyphos und Tantalos in einem.
In einer Ecke spielen ein paar Rentnerinnen Boule. Ein seltsam entschleunigtes Moment von fast kontemplativem Ausmaß.