Archiv für den Autor: admin

30.05.2022 – Welches Urlaubsland ist im Video abgebildet?


1. Österreich 2. Paris 3. Burkina Faso.
Eine Hilfe gebe ich noch. Das zu erratende Land wird im Titel des Udo Jürgens Liedes „Griechischer Wein“ erwähnt. Und zwar zu Beginn des Titels! Außerdem sind die Tische in den griechischen Nationalfarben bepinselt. Wenn ich mir das für die BRD vorstelle, würde ich in einen Laden mit Möbeln in doitschen Nationalfarben eher einen Molli werfen als mich da rein zu setzen.
Woran man sieht, dass die Sonne des Südens einem schnell den Verstand weg dörrt. Man lässt eben auch einfach mal alle Viere gerade sein. Überhaupt ist das mit dem Reisen so eine Sache. Die Welt begreift nur, wer reist. Klimmzüge an der eigenen Stadtmauer produzieren geistige Schrebergärtnerinnen. Das ist ne Binse. Wenn ich mir allerdings die Vandalenmeldungen der letzten Zeit anhöre, wo Horden von Teutonen den Ballermann in Schutt und Asche legten oder gleich ihren barbarischen Vorfahren als Vergewaltiger unterwegs waren, würde ich das Reisen als Möglichkeit sozialen Lernens und neuer Erfahrungen doch von jenem unterscheiden, das von vielen Zeitgenossen scheinbar als Fortführung des Polenfeldzuges mit anderen Mitteln begriffen wird.
Ich will mich aber hier nicht allzu sehr bildungsbürgerlich über den Mob erheben, obwohl ich in solchen Fällen durchaus für die Anwendung des Schießbefehls plädieren würde. Das hört sich zynischer an, als es in der Rechtsrealität ist. Gemäß § 64 Abs. 1 Ziff. 1 PolG NRW (sowas regeln die Länder) dürfen Schusswaffen gegen Personen eingesetzt werden, um eine gegenwärtige Gefahr für Leib und Leben abzuwehren. Was bei fortgesetzter Brandstiftung und Vergewaltigung der Fall ist.
Fakt ist: Es ist so saukalt hier, dass ich die Heizung anhabe und beim Anblick obigen Videos, welches das in Bild gegossene Klischee schlechthin ist, sofort wieder den Trolley packen (man sagt nicht: Koffer packen. Niemand hat mehr Koffer) könnte, obwohl aus dem immer noch der Sand vom letzten Trip rieselt. Offensichtlich befindet sich auch in meinem eigentlich der kritischen Aufklärung zugeneigten Gemüt ein Scheunengroßes Einfallstor für Klischee, Ressentiment und Kitsch.

29.05.2022 – Dann tanzen wir eben. Auf dem Vulkan


Ein Blog nur mit Fotos ist ja auch nicht mehr ganz zeitgemäß, also hier mal als Testlauf ein Video.
Der Blogprovider bietet allerdings nur 24 mb pro Datei zum Hochladen an, womit man bei Videos schnell an Grenzen stößt. Das sind je nach Bildqualität maximal 15 Sekunden. So erzieht das Medium via Technik zur Präzision der Kürze. Die Welt allerdings immer in 15 Sekunden einzufangen, das stößt bei mir wiederum an Grenzen, der Akzeptanz. Für den Testlauf hab ich das Video geschnitten. Das mir, der ich schon Schwierigkeiten habe, eine Zwiebel unfallfrei zu schneiden. Ich bin ja auch nicht die Nachwuchshoffnung des Autorenfilms, also dürften das hier eher überschaubar wertvolle Kunstprodukte werden.
Früher, vor dem Krieg, als ich die ersten Videoschritte und – Schnitte unternahm, in einem famosen Uni-Kollektiv, das ich hier in den noch lebenden Restbeständen herzlich grüße, war der Anspruch der Filmschaffenden: Alle machen alles. Also jede*r mal am Schneidepult, im Regiesessel, vor und hinter der Kamera – Tonnenschwer, schwarzweiss, Röhrenmodell. Wenn man da in offenes Licht wie Kerzen reinfilmte, brannte sich ne Lichtspur auf die Videomagnetbänder. Zusätzlich brauchte man und frau bei Außenaufnahmen einen gesonderten, ebenfalls tonnenschweren Portapack-Akkuträger und natürlich Tontechnik. Sowie Catering, also Alkohol. Ach ja, und einen Regisseur, der aber nichts zu melden hatte, weil wir ja ein Kollektiv waren. Summasumarum brauchte es zur Produktion eines Video ungefähr ein Bataillon Personal. Die Arbeit hat bei allen Beteiligten nachhaltigen Eindruck hinterlassen, einen normalen „Weg“ hat da niemand beschritten. Was vermutlich anders gelaufen wäre, wenn wir Pornos gedreht hätten.
Wenn ich es recht überlege, ist es das einzig Nennenswerte, an das ich mich aus dem Studium erinnern kann. Heutzutage tragen wir die komplette Technik für sowas in Form eines qualitiv zigfach überlegenen Smartphones in der Hosentasche. Kein Wunder, dass aus der Jugend von Heute fast immer was Vernünftiges wird.
Wenn der Opa vom Krieg erzählt. Gräßlich. Was ich eigentlich der Welt mit auf den Weg geben wollte: Form und Inhalt, Medium und Geschichte, Technik und Erzählweise, Furz und Feuerstein müßen immer in einem dialektischen Verhältnis stehen, wenn ein autonomes Kunstwerk entstehen soll, das nicht in vormoderner bürgerlicher Erzählweise verhaftet ist.
Wie bei meinem Video oben, aufgenommen am 1. Mai am Mariannenplatz, wo die Jugend der Welt früher (!) dem fröhlichen Hönkeln in Form von Molotowcocktailweitwurfwettbewerben nachging und heute einfach dancing in the streets praktiziert. Mir hat’s gefallen. Die autonome Mairandale im Kreuzberg der Achtziger, zuletzt auch in linken Zusammenhängen Aufstand der Arschlöcher genannt, weil in entpolitisierte Gewalt entartet, ist weitgehend vielen dezentralen fröhlichen Maifeiern gewichen. Sieht man vom DGB-Rentnerinnenball am Brandenburger Tor ab.
Komisch und bezeichnend zugleich, ist doch der Kapitalismus jetzt, im Vergleich zu den Achtzigern, in ein vielfach bedrohlicheres Krisenstadium eingetreten.
Dann tanzen wir eben. Auf dem Vulkan.

27.05.2022 – Ein Geist von Rechthaberei und Besserwisserei


taz vom 24.05.2022.
Armutsbekämpfung ist schlimmer als Sisyphos. Der war mit seinem Stein wenigstens fast auf dem Berg-Gipfel oben, bevor er wieder runterrollte. Ein Gipfel, das Erreichen eines wie auch immer definierten Zieles (EU-Lissabon Strategien 2010: Reduzierung EU-Armut um 20 Millionen. Ich hab schon bei der Verkündigung einen Lachanfall gekriegt) ist bei Armutsbekämpfung nicht nur nicht ansatzweise in Sicht sondern rückt in immer weitere Ferne. Die Wohnungs- und Energiesituation wird sich im kommenden Winter mit aller Dramatik entfalten. Ab und zu werden ein paar Brosamen unters bedürftige Volk verteilt, aber die Richtung bleibt klar: Kein Cent mehr Hartz-IV. Dafür sorgt mit eiskalter Brutalität die FDP, die eine auch nur ansatzweise gerechte Steuerpolitik mit Klauen und Zähnen verhindern wird, eine Politik, die die wachsende Zahl der Superreichen in Deutschland wenigstens ansatzweise an der Finanzierung des Gemeinwesens beteiligen würde.
Dass diesen Blog hier ein gewisser Geist von Rechthaberei und Besserwisserei durchweht, wird jede gemerkt haben, die auch nur drei Einträge gelesen hat. Insofern sind Sätze aus dem taz Artikel wie „Schon 2019 forderte die Landesarmutskonferenz Niedersachsens Bauminister Olaf Lies (SPD) auf, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen“ oder „Jedes Jahr rechnet die etwa die Landesarmutskonferenz unermüdlich vor, fallen mehr Wohnungen aus der Sozialbindung als neue geschaffen werden“ Wasser auf meine Mühlen. Und es wird in Niedersachsen einen Lagerwahlkampf geben im zentralen Punkt „Wohnen“: SPD und Grüne werden eine Landeswohnungsbaugesellschaft fordern, CDU und FDP ablehnen. Wann die dann kommt, steht in den Sternen.
Als die SPD sich dieser Forderung 2020 endlich anschloss, hatte Sisyphos für einen Moment das Gefühl, es geht voran, bergauf. Doch dann Corona-Folgen, Klimakosten, Inflation, Krieg, Flucht und nach Affenpocken vielleicht Pest, Lepra und Cholera.
Sisyphos soll ja aus der Gegend von Korinth stammen, aber ich werde umfangreiche Forschungen anstellen, ob sich das mythische Geschehen nicht doch auf Korfu abgespielt hat. Dann habe ich eine gute Ausrede, dem Elend hier zu entgehen. Mich macht die Brutalität des Klassenfeindes zunehmend wütend aber auch müde.
Die Sache ist für Sisyphos zwar nicht gut ausgegangen, aber er war immerhin ein derartiges Schlitzohr, dass er sogar Thanatos, den Gott des Todes, außer Gefecht gesetzt hatte. À la bonheur. Gibt das Hoffnung für den Klassenkampf?
Was aber bleibt, ist die Erinnerung.

An mein Lieblingsfoto von der Aktion 2019 vor dem Landtag, als wir die Landeswohnungsbaugesellschaft forderten und die versammelten Medien, Gewerkschaftsspitzen und der bärtige Olaf Lies mir scheinbar aufmerksam zuhörten.
Oh Vanitas, Du bist ein flücht‘ger Gast, und wärmst nicht Bauch noch Herz. Sic transit gloria mundi.

25.05.2022 – Was wir lieben, zerstören wir allein durch unsere Nähe


Trügerische Idylle, Auflösung des Bildes vom letzten Eintrag. Die orangenen Punkte in der Mitte in der Bucht sind Tret- und Paddelboote. Nachdem diese Doppelbucht jahrelang unbelästigt von touristischem Dreck blieb, weil nur mühselig kraxelnd erreichbar, war sie heuer mit diesem Müll kontaminiert, den irgendein Verleiher dahingeschleppt hatte. Was zur Folge hat, dass jetzt Leute in die eigentlich noch schwerer erreichbare hintere Bucht am oberen Bildrand paddeln und dort ihren Müll hinterlassen, wo sonst nur selten Leute abhingen.
Die Buchten sehen mich nie wieder. Dann eben richtig mit Strand, Bar und Sonnenschirm. Einsame Geheimtipps gibt es eh nicht mehr in Zeiten von Instagram und Co. Alte touristische Erkenntnis: Was wir lieben, zerstören wir allein durch unsere Nähe. Ob das auch für andere Lebensbereiche gilt, überlasse ich der Urteilskraft der geschätzten Leserinnen. Alle Kultur, so auch Reisen, ist Aneignung, ob wir das wollen oder nicht. So stehen Natur und Kultur immer in einem oft unauflösbaren Spannungsverhältnis.
Grundsätzlich gibt es wenig Gebote für Kulturproduzenten, eins davon aber lautet: Du sollst nicht nach unten treten und nicht nach oben buckeln. Aus diesem Grund ist mir z. B. der Berufsstand Comedian, anders als Kabarett, ähnlich suspekt wie der des Immobilienmaklers, beide laben sich wie Aasgeier an den Eingeweiden einer verfaulenden Gesellschaft. Comedians sind oft reaktionär und vollkommen geist- und witzlos wie Mario Barth oder Dieter Nuhr, imitieren Menschen mit Handicaps aus dem Prekariat wie Paul Panzer. Sie treten nach unten und biedern sich an den herrschenden Zeitgeist an, der vom Geist der Herrschenden zersetzt ist. Natürlich gibt es Gegenbeispiele feministischer Ansätze wie Carolin Kebekus oder migrantische Comedy, aber tendenziell, siehe oben.
Das im Hinterkopf habend, folgende putzige Geschichte. Unlängst war ich beim Auftritt eines Comedians zugegen, der mich aus dem Publikum pickte, vermutlich weil etwas anders aussehend, nach Namen fragte und: „Was bist Du von Beruf?“
„Witze-Verleiher.“
„Was? Sowas gibt’s doch gar nicht. Wie soll das denn funktionieren?“
„Wenn Du für Deine Auftritte Material brauchst, leihst Du Dir bei mir paar Witze und zahlst mir nach einem Jahr das dafür, was sie Dir wert waren.“
„Welcher Comedian ist denn so bescheuert und macht sowas?“
„Wenn Du wüsstest, wer bei mir alles Kunde ist … “
„Erzähl doch mal!“
„Geschäftsgeheimnis.“
„Und kann man davon leben?“
Ich klappte mein Jackett Revers nach außen: „Weißt du, was auf diesem Etikett steht? …… Armani…“ (Steht natürlich nicht Armani drauf, man kann ja davon nicht leben. Noch nicht …)
Nach dem Auftritt saß er in einer Ecke und verklappte einen Drink. Ich sprach ihn an: „Das war doch ne 1a Steilvorlage für Dich“. Er, leicht angesäuert: „Alter, Du hast mich verarscht, sowas gibt’s doch gar nicht.“ – Ich: „Ich schick dir mal einen Link davon zu. Und eigentlich steht mir die Hälfte Deiner Gage zu.“
Der Mann ist, wie ich bei Recherche feststellte, erste Liga, tritt unter anderem in Berlin bei den Wühlmäusen auf und ist Deutschlands erfolgreichster Battle Rapper. Er ist Schwarzer, grundsympathisch und ich würde mich freuen, wenn er demnächst Hallen füllt, also Champions League.
Dann könnte ich behaupten, ich hätte mit dem mal einen Beef gehabt. Und bitte jetzt mal die Hand heben, wer weiß nicht, was ein Beef ist ….

20.05.2022 – Das war schon Quatsch vor der Wahl und das ist jetzt noch quätscher


Trügerische Idylle
Gestern verlautbarte der niedersächsische Finanzminister Hilbers in Pressegesprächen unter anderem, man solle angesichts der Inflation jetzt nicht zum Chef rennen und mehr Geld verlangen, weil dadurch eine Lohnpreis-Spirale in Gang gesetzt würde. Daraufhin fragte ein Medienvertreter nach, wie ich das einschätzen würde. Man kennt sich, schwätzt schon mal das eine oder andere private Wort und so nahm ich noch weniger Blätter vor den Mund als ohnehin:
Das ist doch Quatsch und so könne vielleicht ein Finanzminister reden, der mit 16 Riesen Brutto im Monat nach Hause geht. Für Millionen Niedriglöhnerinnen sei das völlig inakzeptabel etc. pp. In den 18 Uhr Nachrichten des Senders wurde dann Hilbers kurz im O-Ton zitiert, und danach:
„Alles Quatsch, so Klaus-Dieter Gleitze von der Landesarmutskonferenz ….“
Ich musste lachen, freute mich und grübelte, warum ich ausgerechnet „Quatsch“ gesagt hatte und nicht Blödsinn, Unfug, dummes Zeug … Was hatte da in mir gewaltet?
Und dann dämmerte es mir. Ich war auf den Spuren eines Titanen der frei vagabundieren Rhetorik gewandelt, des anbetungswürdigen Herbert Wehner, der in einem TV-Interview in der Nacht der Bundestagswahl 1969 vor der versammelten Medienmeute von 2 (!) Reportern, mehr Sender gab es damals nicht, mit einer qualmenden Pfeife im Mund unter anderem folgendes von sich gab: „ … Das wird ja versucht von der Hecke aus zu verschleiern…. Ob’s Wachslicht oder Talglicht war …“ Und dann als inkommensurable Climax:
„ Das war schon Quatsch vor der Wahl und das ist jetzt noch quätscher…“ ab 5.15
Dieser Sprachrhythmus, die Pausen, die Betonung, die Metaphern, die Mimik, das ist alles so überwältigend, so ragend über dem ganzen Einheitsblablabla-Dreck von heute, wo alle in dieselbe Rhetorikschule gehen und ich nach zwei Silben schon angeekelt wegschalte, dass ich vor Sehnsucht tief seufzen musste.
Lieber Onkel Herbert, falls Du das hier liest: Der Hilbers Quatsch ist eine winzig kleine Hommage von einem Verehrer.

16.05.2022 – Der röhrende Hirsch über dem Sofa


Mondaufgang am Strand.
Das Handyfoto vom Sonnenuntergang am Strand ist die digitale Entsprechung des Bildes mit dem röhrenden Hirschen über dem Sofa, einer vielgehängten, vermeintlich heilen Welt der Nachkriegszeit. Falsche Idylle, falsche Natur, falsche Ästhetik, Kitsch pur. Die Nachkriegszeit ist aber nichts anderes als die Vorkriegszeit und nun sind wir zwar nicht mitten drin, aber die Bedrohung rückt von der Peripherie immer näher. Das produziert Veränderungen, noch mehr als ohnehin, und nicht zum Guten, auch in den Köpfen. Sehnsüchte nach Idylle, Schönheit, heiler Welt nehmen zu. Verständlich. Und so gibt es hier, wo der Sonnenuntergang tatsächlich besonders prachtvoll ist, jede Menge Sunset Bars, Hinweise auf Sunset view points und zuverlässig setzt hier zum Sonnenuntergang hin ein steter Strom, soweit man bei den paar Hanseln und Greteln hier davon sprechen kann, von Sonnenuntergangsanbeterinnen in das Dorf auf dem Hügel ein, wo die Plasmaansammlung rot im Meer versinkt. Eins sein mit der Natur. Die Welt im Rücken lassen. Und tausend Handys klicken. Es ist ja auch ein schönes Licht, so milde, warm, zärtlich. Ganz anders als das gleissende, glitzernde, blendende, verzehrende fast, das die Sonne am Tag auf das türkisfarbene Meer wirft.
Das fahle Licht des Mondaufgangs aber, im Rücken des vom Sonnenuntergang verwöhnten kleinen Dorfes auf dem Ölberg, erfreute sich keiner großen Beliebtheit.

15.05.2022 – Glück und Paradies


Paradiesische Zustände. Glück ist kaum planbar, nicht zu fassen und flüchtig. Der Rest ist Zufriedenheit- wenn man Glück hat. The pursuit of happiness, das Streben nach Glück, ist in der Verfassung der USA als unveräusserliches Recht festgeschrieben und das Paradies als Quelle ewigen Glücks ist eine der ältesten Menschheitsheitsphantasien. Alles Übel dieser Welt setzte mit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies ein. Sie mussten im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen. Arbeit war in der Welt. Oje.
Die Geschichte ist gelogen. Adam und Eva sind freiwillig aus dem Paradies abgehauen. Wer will schon dauernd glücklich sein, nur im Paradies leben. Den Beiden war einfach langweilig. Das wahre Glück kann nur die genießen, die auch Niederlage kennt, Nackenschläge, Enttäuschung. Wie paradiesischer hinterher dann Zufriedenheit oder auch mal Glück. Immer nur Glück, Paradies ist in sich unlogisch und langweilig.
Da der Gott des alten Testaments, der angebliche Adam und Eva-Vertreiber, aber rachsüchtig war, beschloss er die Geschichte umzuschreiben. Diese Schmach, hauen die einfach ab!, wollte er nicht auf sich sitzen lassen. So beauftragte er einen alten Zausel, das Ammenmärchen so zu verfassen, wie wir es heute kennen. Er köderte den Mann mit dem Versprechen, Männern mit dieser Geschichte die Verfügbarkeit über den Körper der Frau zu gewähren, abgeleitet aus der Herkunft Evas aus der Rippe Adams, und sich den Mehrwert fremder Arbeit aneignen zu können, wo immer möglich.
Und so kam das Patriarchat und der Kapitalismus in die Welt, obwohl die ursprüngliche Geschichte ganz anders war. Eine Schande, dass es Jahrtausende brauchte, bis jemand, ich nämlich, das mal gerade gerückt hat. Aber wenn es darum geht, Gott einen reinzuwürgen, bin ich immer gerne dabei. Und jetzt muss ich wieder meinen Ranzen schnüren. Dem Glück entgegen.

13.05.2022 – Viel Lärm. Um Nichts?


So gesehen, sieht die Welt doch ganz passabel aus. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell sich unter der Sonne des Südens das Denken verflüchtigt. Was nicht an der Menge geistiger Getränke liegt. Beim Wandern trägt man grundsätzlich zwei Rucksäcke: einen mit Wasser, Proviant, Sonnencreme und einen mit Erinnerungen und Gedanken. Der Erste wird immer schwerer, obwohl das Wasser weniger wird, der Zweite wird immer leichter, obwohl ich mir gerne vornehme, im Akt des Schreitens für Klarheit im Hirn zu sorgen. Spätestens an der ersten steilen, sonnendurchglühten sich endlos hinziehenden Steigung erledigt sich das. Man besteht nur noch aus dem Pochen der Halsschlagader und Keuchen. Denken ist Luxus. Und wird überschätzt. Am Ende lande ich doch immer in einer Taverne und im Meer. Da ist Denken auch nicht der Sache förderlich. Lustiges gibt es auch. Ob man wirklich so einen Gesichtsausdruck hat, wenn man über die Klippen 200 Meter tief segelt?

Eigentlich wollte ich was über Lärm schreiben, siehe Überschrift. Aber irgendwie hab ich den Faden verloren. Macht nix. Wozu brauch ich hier Fäden.

07.05.2022 – Die Farbe Rot


U-Bahnhof Fehrbelliner Platz, Berlin. Dieses Foto fällt in meinem Ordner selbst in der Miniaturansicht unter Hundertern sofort ins Auge. Live ist das eine regelrechte Augen- und Mentalitätsattacke, wenn man aus dem überaus gediegenen, von Stuckverzierten Altbauten geprägten Güntzelkiez und Bayrisches Viertel tritt und auf diese U-Bahnstation schaut. Popart pur. Das Rot ist so rot, dass der Bildschirm Schwierigkeiten in der Verarbeitung hat. Flimmern und Schlieren. Noch heute, im Zeitalter digitaler Bildwelten, gilt für TV-Kameras: Kleine Karos und Rot vermeiden. Kriegt man als erstes für längere Auftritte im TV ans Herz gelegt: Keine kleinen Karos. Ist sowie nicht mein Ding. Und das mit dem Rot ist für linke Parteien echt Scheiße.
Wer ins faszinierende städtebauliche Detail der U-Bahnstation gehen will, ist hier gut bedient. So wie in Musik und Literatur ein Rhythmuswechsel durchaus förderlich ist, um Spannungsbögen aufrecht zu halten, so ist es beim Flanieren. Nichts wäre öder, dauerhaft in den zugebenen überaus angenehm anzuschauenden, von geschmackvollen Restaurants, Bars, Galerien, Boutiquen geprägten Kiezen in Charlottenburg und Wilmersdorf zu wandeln, die gepflegten Plätze zur Muße nutzend, Viktoria-Luise Platz, Prager Platz, Ludwig-Kirch-Platz. Nach soviel gediegener Bürgerlichkeit tut der postproletarische Pop am Fehrbelliner Platz dem eingeschläferten Gemüt wohl und es gelüstet den subkulturell sozialisierten Flaneur nach mehr, nach Schmutz, Unordnung, Aufruhr. Wenn sich Dunkelheit naht, lockt SO 36, Oranienstr. Adalbertstr., mit Kneipen wie Trinkteufel und Jodelkeller. Aber nicht zu lange. Es gilt, das Zertifikat des VHS Kurses „In Würde altern“ zu erwerben und alsbald überfällt den Flaneur eine Zivilisationsmattigkeit. Metropolenmüde sehnt er sich nach Ruhe, weitem Blick, Natur, Meer, Sonne, Strand.
Rhythmuswechsel. Wenn es einen Cocktail gäbe gegen Langeweile, wäre das eine zentrale Ingredienz.
Aber wenn es Sie, liebe Leserinnen, mal nach Berlin verschlägt, sollten Sie sich die U-Bahnstation Fehrbelliner Platz nicht entgehen lassen.

06.05.2022 – Wellgunde, Woglinde und Floßhilde


Hagen versenkt den Nibelungenhort. Peter von Cornelius, 1859. Aus der Ausstellung „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“, Deutsches Historisches Museum Berlin. Die Ausstellung ist in mehrere Themenbereiche gegliedert wie Entfremdung und Zugehörigkeit, Eros und Ekel. Diese vier Gefühle standen im 19. Jahrhundert im Mittelpunkt der Versuche, Identität zu definieren. Der Komponist Richard Wagner nahm sie auf und machte sie „deutsch“. Bei derartigen Gefühls-Konstellationen wundert es nicht, dass Wagner notorischer Antisemit und Hitlers Lieblingskomponist war. Seinen Ring der Nibelungen kann man als konstituierendes Werk für deutsches Nationalgefühl lesen. Der arisch-blonde Recke Siegfried wird hinterrücks vom düster-verschlagenen Hagen ermordet, was auch antisemitisch zu lesen ist.
Umso drolliger fand ich Hagens Darstellung auf dem Bild oben. Eher ein schwuler, leicht tuntiger Balletttänzer und nicht die sonst übliche Anmutung eines düster-muskulären Zausels.
Ich musste vor dem Bild lachen und guckte mir den Schwulst genauer an. Die Rheintöchter Wellgunde, Woglinde und Floßhilde sind schmalbrüstig-androgyn dargestellt und nicht mit üppigen Brüsten ausgestattet wie sonst genreüblich. Heute würde man formulieren: Der Maler hat hier ein Eros dargestellt jenseits von Heteronormativität. Was umso bemerkenswerter ist, weil der Maler von Ideologie und künstlerischer Ausrichtung her eher rückwärtsgewandt bis reaktionär war und mit Sicherheit ein über die Heteronormativität hinausgehendes Eros als undeutsch abgelehnt hätte, siehe Ekel.
Offensichtlich hat in seinem Bild sein Begehren sich quasi hinter seinem Rücken Bahn gebrochen. Es bricht eben immer durch, was in uns waltet und wütet, lässt sich nur begrenzt kontrollieren, kanalisieren, sublimieren. Es beschert uns Erhabenes und Lächerliches, siehe oben. Bei all dem Schwulst und Kitsch, dem eine klebrig-braune vorgestrige Patina anhaftet, gilt es zu bedenken, dass Wagner und Cornelius Zeitgenossen von Marx waren, der zwar in seiner Frühzeit auch üble antisemitische Anwandlungen hatte, dem man aber eins nicht nachsagen kann: Kitsch und Vorgestrigkeit.
Die Geschichte ging übrigens für Hagen nicht gut aus. Er wurde von Wellgunde, Woglinde und Floßhilde in die Tiefen des doitschen Vater Rhein gezogen und es bleibt der Phantasie der Leserinnen überlassen, was die vier da in der Phantasie von Peter von Cornelius wohl getrieben haben ….