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03.02.2022 – Wo warst du am 27.01.2020?


27.01.2020, irgendwo an der Algarve. Die Mandeln waren voll erblüht.
Eine beliebte Frage: Was haben Sie eigentlich an historisch bedeutsamen Daten gemacht? 11. September 2001, World Trade Center? 9. November 1989, Annexion der Ostzone? 24.12.000, Geburt Jesus?
Am 27. Januar 2020 bestätigt das Münchner Tropeninstitut den ersten Corona-Fall in Deutschland.
Dieses Datum kam mir in den letzten Tagen des Öfteren unter die Augen. Ein Klick in meinem Blog und ich wusste, wo ich da war: Im Atlantik gebadet, schwarze iberische Schweine auf einer Wiese voller Schlüsselblumen bewundert und abends Schweinebäckchen in Rotwein an dreierlei Dünstgemüse.
Und wenn es nur zur Vergewisserung solcher Umstände wäre, so ist es das Blogschreiben wert. Wo war ich eigentlich, als alles begann, nicht mehr so zu sein, wie es war?
Wenn wir aufwachen, treten wir in das Reich der Notwendigkeit, des Zwangs ein. Morpheus und Hypnos entlassen uns mit leichten Armen in eine Welt, die zunehmend zu Mühe geworden ist.
Wenn ich dagegen beginne, diesen Blog zu schreiben, trete ich für Momente in das Reich der Freiheit ein, in eine Welt, die ich mir nach Belieben selbst schaffen kann, ohne Pflicht oder Abhängigkeit. Grenzen setzen höchstens Diskretion und Stil, das Strafgesetzbuch (aber auch nur begrenzt) und ein Rest Respekt vor der Sprache (nicht: vor dem Duden. Der ist was für Loser).
Eine Welt, die zunehmend zu Mühe geworden ist. Die gruselige alttestamentarische Drohung, die für einige ein paar Jahre von ihrem realen Schrecken etwas verloren hatte, schiebt sich düster wieder nach vorne: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“
Mir kommt’s hoch, wenn ich sowas lese: „… wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen…“. Schlimmer geht preußisch-protestantische Kapitalismusethik nun wirklich nicht.
Lassen wir mal außen vor, dass für Millionen prekär Arbeitende das Leben tatsächlich eine Qual ist mit nichtexistenzsichernder, gesundheitszerstörender Arbeit, übertroffen nur noch von einem ohne Arbeit im Hartz-IV-Bezug, was deutlich lebensverkürzend ist. Nehmen wir uns mal die Mitte vor: Das alltägliche Leben ist zunehmend für die Mitte der Gesellschaft, die eh schon bedenklich schrumpft und vom Abstieg bedroht ist, unter Seuchenbedingungen zu Mühe geworden. Und ob da irgendwo Licht am Tunnel ist, weiß selbst der Obervirologe nicht. Wieviel Zeit bleibt uns noch für was, unter welchen Umständen? Das Leben rinnt wie Wasser durch die Finger. So wird auch die beklemmende biblische Prognose „ … denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon … “ bittere Realität.
Genug der Bibel Exegese, denn: Wer’s glaubt, wird selig. Und selig sind bekanntlich die geistig Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Aber wer will schon mit den Doofen abhängen.
Und bei der Bibel und dem Glaubensgedöns ist man schnell bei Verschwörungserzählungen. Wem fielen in Seuchenzeiten nicht die apokalyptischen Reiter ein: Seuchen, Teuerung (5 %!), Krieg und Tod. Sehet, das Ende ist nahe?
Mag ja sein. Hauptsache, wir machen was draus.

02.02.2022 – Dance to the Algorhythmus


das kotzt einem alles nur noch an. Aus dem letzten Wahlkampf. In Berlin ist alles ein bisschen härter, die Durchgeknallten sind noch durchgeknallter als im Rest der Republik. Und unter solchen Soziopathen gibt es immer einen, zwei, x, die irgendwann zur Tat schreiten. Der Druck im Wahnschädel wird irgendwann zu groß, sie haben im Zweifel ja auch niemanden, der ihnen zuhört. Wenn mir einer auf Demos, wie bei diesem Flugi im September in Berlin, sowas in die Hand drückt, finde ich das noch skurril. Die Leute sind oft putzig verkleidet, mit Bauchläden etc., um Aufmerksamkeit zu erwecken, brabbeln wirres Zeug und haben schon im Gesichtsausdruck nicht alle Latten am Zaun. Aber wenn man es bei Licht betrachtet, da liegt Sprengstoff …
Allerdings sind die Grenzen zwischen Wahn und Welt fließend, wie frau an diesem Beispiel sehen kann:

Putzig verkleidet, mit Bauchladen, brabbelt meist wirres Zeug und im Gesichtsausdruck …..
In einer vom Allmächtigen Algorithmus (zu Algorhythmus guckst du hier, Digga, coole Vibes) beherrschten Welt würde ein Verfasser derartiger Flugis wie oben wegen einer voraussichtlichen Gewaltausübungs-Wahrscheinlichkeit von 68 Prozent von der Agentur für Psychohygiene umgehend aus dem Verkehr gezogen und wieder gesellschaftskompatibel gemacht werden mittels Substanzen-Optimierung und Verhaltens-Upgrade. Also unter Drogen setzen und ins Umerziehungslager.
Cool, Digga, find ich krass korrekt, ey.
Mich wundert nur, das bisher noch nicht viel mehr Irre ausgetickt sind. Der Druck in den Wahnschädeln korreliert ja direkt mit dem im gesellschaftlichen Kessel. Der steigt mittlerweile derart an, dass die Seuchen-Politik vom teils virologisch begründeten Handeln zunehmend in das politisch begründete wechselt. Anders ist für mich die gerade über die Ticker gehende Meldung nicht zu verstehen: Justizminister stellt weitreichende Lockerungen für März in Aussicht. (Der Vorbehalt der Entwicklung des Infektionsgeschehens geht bei der Headline unter).
Die gleiche Nachrichtenlage sagt epidemiologisch etwas anderes: Die neue Omikron-Variante BA.2 hat eine höhere Übertragbarkeit als der derzeit in Deutschland vorherrschende Subtyp BA.1. Was das bedeutet, ist frühestens nach den Osterferien, also ab Mitte April, abzusehen.
Ich kann „die Politik“ verstehen, wenn sie Schritt für Schritt in den Modus wechselt: Wir lockern, mit allen Konsequenzen und Risiken. Das ist durchaus auch eine individuelle Option, ab März lockern, Reisen planen, mit aller Vorsicht, aber auch mit allen Risiken.
Nur sollte die Politik das dann auch mit aller Härte so kommunizieren. Wir durchschreiten dann eine Tür, hinter der sich die Büchse der Pandora verbergen kann, mindestens aber der Rubikon. Diese Metapher ist zwar irgendwie schräg und wirr, aber als Bild zu schön, um es nicht aufzuhängen.
Ich für meinen Teil freu mich schon auf die Demos in Berlin, ab März …

29.01.2022 – Wie werden wir leben?


Neulich bei mir umme Ecke. Happy BoOstern. Den Witz hab ich bestimmt schon mal gemacht. Ich wiederhole mich hier wahrscheinlich oft und mit Sicherheit gerne. Warum soll dieser Blog anders als das Leben sein, das aus einer Kette, einem Karussell von zunehmend ermattenden Seuchenritualen besteht. Immer im Kreis. Wo ist das nächste Ausfahrtschild? Ob von den Kinderkarussellbesitzern schon jemand auf den Joke gekommen ist, neben das notorische Feuerwehrauto ein Straßenschild zu stellen: Nächste Ausfahrt 2 km…
Mittelfristig ist die Situation für mich klar: Entweder Endemie, jede sorgt eigenverantwortlich für Seuchenhygiene, weitgehend gesellschaftliche Regelzustände wie vor 2020.
Oder eine Variantenwelle nach der Nächsten, eine immer übler als die Vorhergehende, als Auftakt eines pandemischen Armageddon. Davon gehe ich zwar nicht aus (Sie wissen ja, liebe Leserinnen, wie das mit diesem Satz ist. Wenn Sie sich dienstlich mit jemanden unterhalten und der sagt: „Davon gehe ich aus“ heißt das: „Ich habe weniger als Null Ahnung. Genauso gut können Sie die Kaffeemaschine fragen.“)
Eins allerdings scheint mir Wunschdenken: Öffentliche Aussagen wie „Wenn alles gut läuft, kehren wir in unser vorheriges Leben zurück“. Gerne in Verbindung mit Verbalinkontinenz des Scholzomaten, der z. B. absondert, wir hätten keine Spaltung der Gesellschaft. Das ist von der Wirklichkeit so weit entfernt wie ich vom Papstamt. In unserer Gesellschaft existieren seit Jahren Parallelwelten, die sich nie berühren. Vom Bundeskanzleramt – das irgendwo im Niemandsland liegt, da wohnt niemand, kein Nachbar, kein Restaurant, das ist so entseelt da, dass sich sogar das Nichts unwohl fühlt – zur Sonnenallee in Neukölln, fest in arabischer Hand, sind es mit dem Rad ca. 45 Minuten. In Wirklichkeit liegen da Galaxien zwischen.
Oder schippern Sie mal die Elbe rauf nach Blankenese, wie viele emsige Gärtner sich an den Prachtvillen der Pfeffersäcke tummeln, und schauen sich dann die Zeltsiedlungen osteuropäischer Armutsmigranten in Berlin an.
Welche Berührungspunkte gibt es da?
Dazu immer mehr verwirrte, gewaltbereite Impfverweigernde, durch Nichts und Niemanden erreichbar, usw. usf…. Ich könnte mich, auch hier wiederholend, in eine Endlos-Aufzählungs-Litanei ergehen über ungezählte materielle, habituelle, sprachliche, kulturelle, ideologische Bruchkanten, Gräben, Spaltungslinien in unserer Gesellschaft, die durch die Pandemie vertieft werden. Aus meiner Sicht kehren „wir“ (wer soll das sein, „wir“? Ich und der Scholzomat im Gleichschritt mit Pfeffersäcken und „illegalen“ Flüchtlingen aus dem Sahel?) nicht in ein vorheriges Leben zurück. Und schlimmer noch als konkrete dystopische Vorstellungen über Riots und Seuchenbekämpfungshorror mit Leichensäcken auf Lastern ist eher das Vage, das Nichtwissen, was wird. Das Alte verschwindet, die Erinnerung daran ist aber noch wirkmächtig, und das Neue ist kaum in Konturen erkennbar.
Eine Gesellschaft in kollektiver desorientierter Ermattung – damit konfrontiert: Wenn das nicht idealer Nährboden für den ohnehin wachsenden und gesellschaftlich verzehrenden Rohstoff Angst ist, was dann.
Wie also werden wir leben?
Und nun zum Wetter von Morgen.

26.01.2022 – Neulich beim Einkauf


Mutti und Männersache.
In der Arte Mediathek ist zur Zeit der Film „Jud Süß 2.0“ zu sehen, der unter anderem der Frage nachgeht, welche Bild- und Sprachmuster stecken hinter dem immer stärker um sich greifenden Antisemitismus.
Was macht Menschen zu Antisemiten, wo greifen gesellschaftliche Krisen, platte Propaganda, alte Ressentiments und neue Klischees ineinander? Oft sind es quasi subkutane Bilder und Botschaften, die den Antisemiten in uns triggern, wie die Goblins in Harry Potter-Filmen, die in der Bank das Gold bewachen: Kleine, gebeugte Kobolde mit großen Nasen in schwarzen Anzügen. Antisemitisches Stereotyp par excellence, das an alte Muster anknüpft.
Niemand wird Antisemit, nur weil jemand brüllt: Der Jude ist unser Untergang. Die Fratze des Antisemiten ist ein Mosaik, zusammengesetzt aus unzähligen Bildern, Sprachbotschaften, Facetten, oft nur mikroskopisch, verschwommen, verschwurbelt. Das Finanzkapital, die Eliten, die Heuschrecken, usf. usw. , eine endlose Kette von vermeintlich harmlosen, oft links gemeinten, immer aber antisemitisch konnotierten Phrasen, an deren Ende der ewige Antisemit steht. Gegen die Macht des Ressentiments ist die Kraft des Argumentes hilflos.
Das Resultat ist immer öfter auf den Straßen dieser Republik zu begutachten. Wahn, der wütet.
Diese Prägungen sind natürlich auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen zu sehen. Was produziert z. b. das Frauenbild bei Männern? Wie kommt es, dass die Emanzipationsdebatten der letzten 50 Jahre scheinbar durch die Gesellschaft, selbst durch durchaus aufgeklärt sich verstehende Männer hindurchgerauscht sind wie Wasser durch ein Sieb? Dass da Frauenbilder reproduziert werden wie aus den (falschen) Fünfzigern?
Neben der Angst der Männer vor den Frauen sind das sicher ähnliche Wirkmuster wie beim Entstehen des Antisemitismus und nicht umsonst dürfte beim Kratzen an der Oberfläche des Antisemiten und Faschisten im Normalfall Frauenhass zutage treten. Wer Theweleit gelesen, wird verstehen, wie das funktioniert. Hier ist eine wirklich excellente Zusammenfassung. An der Stelle musste ich lachen, es geht um den männlichen Körperpanzer, Zitat: „Wer sich entspannt, sein Inneres herauslässt, ist ein Feigling. Körperströme sind peinlich und lästig. Das Einzige, was fließen darf, sind Schweiß, das Blut der anderen und Alkohol.“
Wem fiele da nicht der Fussball ein…
Moderne Klischees zur Rollenverfestigung hie Männersache – da Mutti-Prinzip finden Sie, liebe Leser, in jedem Supermarkt. Das gibt Ihrem Bild neue Nahrung. Und ich war stolz, derartig profunde Funde beim letzten Einkauf gemacht zu haben.
Das mit der Mutti kam mir allerdings irgendwie spanisch (genauer: italienisch, wg. Tomaten) vor. Ein Google-Klick: Mutti ist der Firmenname. Oje, da hätt ich mich aber echt blamieren können.
Aber abgesehen davon, ist das hier Beschriebene natürlich richtig und exakt.
Nützen tut’s zwar nix. Aber gelernt haben wir in der heutigen Vorlesung, wie wichtig Recherche und Quellenstudium ist. Verifizieren Sie alles und sei es, die Tatsache, dass 2 x 2 = 5 ist.

25.01.2022 – Im Spannungsverhältnis von Recht und Macht


Denkmal der Göttinger Sieben am hannöverschen Landtag mit Polizisten. Schönes Stillleben, im Spannungsfeld zwischen Recht und Macht. Das Denkmal selbst ist allerdings eine üble Ansammlung von inferiorem Buntmetall.
Die Göttinger Sieben, Professoren der Uni Göttingen, unter anderem die Brothers Grimm, protestierten 1837 gegen die Aufhebung der liberalen Landesverfassung des Königreich Hannover und wurden gefeuert, teils des Landes verwiesen. Nicht ganz so schlimm, aber auch folgenreich, erwischte es hierzulande im 20. Jahrhundert den famosen Prof. Peter Brückner, der ein gewisses Verständnis für die Konzeption der Stadtguerilla entwickelte. Die Stadtguerilla ist eine, die im städtischen Umfeld operiert. Sie übernimmt Strategien und Methoden der Guerilla, die vornehmlich in ländlichen Regionen aktiv ist. In Deutschland fand das, romantisch verklärt und eher kulturell aufgeladen, in der Konzeption der Stadtindianer seinen Ausdruck, siehe auch Göttinger (!) Mescalero Affäre. Dafür entwickelte ich wiederum ein gewisses Verständnis, ein gütiges Schicksal hielt mich allerdings davon ab, mit Pfeil und Bogen Jagd auf Vertreter des „Fascho“-Systems zu machen.
Richtig ist vielmehr, dass ich eine Zeitlang Gast des hiesigen Szenelokals „Mescalero“ war, einen autonomen Steinwurf von meiner Homebase entfernt. Das Mescalero lag schräg gegenüber vom 9. Polizeirevier, worüber die „Bullen“ vermutlich nicht erfreut waren. Heute gehört das Gebäude des 9. Reviers einer Eigentümer*innengemeinschaft und leistet der hiesigen Gentrifizierung Vorschub. Zu Nazi-Zeiten hockte die SA da drinnen.
Peter Brückner starb übrigens in Nizza, eine Stadt von überwältigender Vielfalt und Schönheit, was ich nach der Mescalero-Zeit schätzen lernen durfte.
Sie, liebe Leserinnen, fragen sich jetzt zu Recht: Hat der Autor keinen Frisör, dem er das alles an die Backe labern kann? Ich kann Sie beruhigen: Nicht nur habe ich einen, sondern ich suche ihn sogar demnächst auf, weil ich am Kopf mittlerweile wie ein Stadtindianer graumeliert aussehe. Und darüber hinaus wollte ich mit diesem Gedankenstrom des Freien Fluten deutlich machen, wie creative writing funktioniert, wie es Verschüttetes freilegt, Zusammenhänge aufdeckt. Schreiben im Spannungsfeld zwischen Therapie und Prozessentwicklung.
Weiters wollte ich ein Modul entwickeln für ein Seminar unter dem Titel: „Wie ich mein Geschwätz von eben gerade mit aufgeblasenem Blabla veredele“.
Wenn Sie, liebe Leserinnen, solche Strategien beherrschen, sind ihren Karriereoptionen keine Grenzen gesetzt, privat und geschäftlich.
Buchen Sie mein Seminar noch heute! Ein Wochenende in Nizza, im Negresco, 2.900 Euro. Frühstück inklusive.

23.01.2022 – Für etwas Besseres als zurück zur Normalität


Anti-AfD Demo Hannover, 22.01.2022.
Die allseits wabernde Seuchen-Sehnsuchtsphantasie „Endlich wieder zurück zur Normalität“ heißt nach der Lage der Dinge ja nichts weiter als zurück zu: Spaltung der Gesellschaft zwischen Arm und Reich vertiefen, Klimakatastrophe weiter befeuern, dem Mob achselzuckend das Feld überlassen.
Etwas feinsinniger ging es auf der Anti-Schwurbler Demo am Wochenende davor zu

Von unserem Blogkorrespondenten (Vollständiger Vorname Armin der Redaktion bekannt).
Demos bei dem Wetter sind ja echt nicht der Brüller, man kriegts im Kreuz, die Nase läuft, mit Maske ist die Brille dauerbeschlagen und jünger werden die Bekannten, die man da trifft, wenn man sie überhaupt wiedererkennt, auch nicht. Aber abgesehen von der unbedingten gesellschaftlichen Notwendigkeit solcher Veranstaltungen sind sie ja auch Leuchttürme an Lebendigkeit in Zeiten ereignisreduzierten Dauereinerleis. Keine Reisen, kein Berlin, keine Konzerte, spärliche Restaurantbesuche gleichen dem in einem Hochsicherheitstrakt, gerne hätte ich z. B. die Premiere vom „Volksfeind“ genossen, aber mein Theaterkorrespondent, die große Zukunftshoffnung des deutschen Films, meldete 90 Prozent Belegung, also Danke, nein. Und über allen sozialen Kontakten schwebt, je nach Nähe, permanent die Frage: Ist das Gegenüber geimpft, geboostert und getestet? Es ist alles so zääääh und sämig, ermattend von innen her. Nichts geschieht und alles wiederholt sich.
Die ewige Wiederkunft des ständig Gleichen ist doch nicht nur eine philosophisch abgehobene Figur Nietzsches „Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins.“, sondern ein tagesaktuelles Seuchenproblem. Zumindest wenn man ein relativ buntes Leben hat(te) und nun auf Seuchenrituale zurückgeworfen ist. Dann erscheint einem eine Demo schon als siehe oben Leuchtturm eines „Ich spüre mich“.
In den Iden des März werden die Würfel fallen: Entweder wir gehen über sinkende Fallzahlen in der Open-Air Saison in die endemische Lage über, in der es heißen wird: Jeder ist selbstverantwortlich für Seuchenhygiene und die dann toten Impfverweigernden akzeptieren wir wie Verkehrstote, hier dann nur als Collateralschaden übermäßiger Dummheit. Was im Sinne Darwins für das Menschengeschlecht hoffen lässt.
Oder neue Varianten, Serotypen, Rekombinationen (Delta/Omikron z. B.) überrollen uns in ständiger Folge. Dann stellt sich die Frage: Bleibe ich die nächsten Jahre Zuhause sitzen, gelähmt, wie das Kaninchen vor der Schlange? Oder trotze ich den Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks? Und gehe raus ins Leben, volles Risiko. Natürlich unter Einhaltung aller Regeln, Dauergeboostert, mit Corona-Nasenspray im Rucksack und einem Zehnerpack Pfizer-Paxlovid. Was dessen Wirksamkeit angeht, glauben Sie nicht mir, liebe Lesende, sondern dem Markt. Die Pfizer Aktie hat in den letzten 6 Monaten, das ist der dafür relevante Zeitraum, um fast 40 Prozent zugelegt. Der Markt hat recht. Immer.
Das zumindest haben der Markt und ich gemein.

21.01.2022 – Worte des allmächtigen Autors


Dieses Plakat von 2010 hängt nicht bei uns im Hausflur, weil ich dem Schutzpatron aller Kinderficker so überragende Bedeutung für meine Existenz beimesse, sondern als Erinnerung an den wohl legendärsten Auftritt des ingeniösen Duos Gleitze & Sievers. An den Abend werden sich die Beteiligten noch auf dem Totenbett, ach, was sage ich, weit danach noch, erinnern. Und die „Gute Reise“ am Mitteilungsbrett wünscht nicht dem Zombie in der Kutte eine baldige Fahrt zur Hölle, sondern hat hausinterne Bewandtnis. Soviel zum Setting.
Nichtsdestotrotz ist dieses ästhetische Meisterwerk ein ewiges Fanal. Heuer vor allen Dingen für die Bürgerpresse, die sich angesichts des Dauer-Desasters für die katholische Kirche mal wieder derart in Nativitäten ergeht, dass es mich gruselt. Da gehen den Schreiberlingen Sentenzen von der Feder wie „Die katholische Kirche hat ein Problem“. Als ob nicht der dümmste Lümmel von der letzten Medien-Bank wüsste, dass die katholische Kirche das Problem ist. Wobei auch das nur die halbe Wahrheit ist. Das ganze Problem ist das Prinzip „Glauben“, das Nicht-Wissen, schlimmer noch: Nicht-Wissen-Wollen.
Glauben ist die ideelle Atombombe des Zeitalters der Aufklärung. Mit schlimmeren Folgen als jede bisherige Seuche. Ob Glaube an Götzen wie Gott, Buddha, Allah und weiß der Teufel, wie diese monotheistischen Phantasiegebilde noch heißen, oder die postmodernen Religionsersätze (Plural?) Astrologie, Homöopathie, Esoterik etc.: es geht immer um Nicht-Wissen, um ein Strukturprinzip, was sich der letzten Begründung entzieht. Ich kann akzeptieren, wenn Menschen, die von der rasenden Moderne überfordert sind, Zuflucht und Trost in Irrationalität suchen. Die Eine glaubt, der Andere säuft. So what, jedem Tierchen sein Pläsierchen, oder Bierchen. Nur bleibt’s ja dabei nicht. Mit diesem Un-Sinn wird, siehe Seuche aktuell, ja die Gesellschaft geflutet und vergiftet, wie nicht nur auf „Spaziergängen“ zu beobachten. Da wird munter gegen jede Evidenz geglaubt, dass Corona nicht existiert, wie eine Grippe ist, Impfen Massenmord, Bill Gates der Satan usw. usf., und das als Gesellschaftsmodell gepredigt.
Glauben ist Mord an der Vernunft. Dieses strukturelle Problem nicht zu thematisieren, ist der Skandal hinter dem Skandal, den die Bürgerpresse zu benennen sich scheut wie der Teufel das Weihwasser, weil nach wie vor die Pfaffenlobby einen unfassbaren gesellschaftlichen und ökonomischen Einfluss hat. Stattdessen wird auf irgendwelche Kinderfickerschutzpatronenwürste in Tuntenklamotten wie Ratzinger, Marx, Wölki eingeprügelt. Wie billig.
Lagerfeld hat mal gesagt: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“. Abgesehen davon, dass eine Gesichtsbaracke wie der verblichene Schneidergeselle Lagerfeld mit ästhetischen Urteilen eher zurückhaltend sein sollte, muss es richtig heißen: Wer glaubt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.
Worte des allmächtigen Autors.
Amen. So wahr mir Göttin helfe.

16.01.2022 – Das Prinzip Hoffnung


Nach Peter Weiss, Ästhetik des Widerstands, einem ikonischen Werk aus den Siebzigern.
Im Widerstand wähnen sich heutzutage viele Impfverweigernde, Coronaleugnerinnen, Antisemiten von „Die Basis“, Hardcore Nazis, ein breites Bündnis von Demokratiefeinden, das sich auf den Straßen immer mehr breit macht, aktuell bei Spaziergängen. Ihr Sympathisantensumpf reicht bis in Medien, Kultur, staatliche Institutionen, der Sumpf nährt sich aus der Mitte der Gesellschaft, dockt an lange vorhandene emotionale Defizite und vom Kapitalismus deformierte psychopolitische innere Kontinente an.
Novak Djokovic, endlich ausgewiesen, steht da paradigmatisch. Das neoliberale Dogma des erfolgssüchtigen „Ich, Ich, Ich“ könnte als Logo auf seinem Sporthemd prangen, brutaler Sozialdarwinismus, rücksichtslos andere gefährdend, blinde Flecke, was Solidarität angeht. Der Impfverweigerer kennt nur sich. Und da liegt eine kleine Hoffnung für die zukünftige Entwicklung begründet: Dass sich dieses Bündnis nicht zu einer breiten, nachhaltigen sozialen Bewegung formiert, mit charismatischen Führungspersönlichkeiten, identitätsstiftenden Symbolen, kollektiven Ritualen.
Es ist nicht zu leugnen, dass durch das massenhafte Auftreten des von mir oben geschilderten breiten Bündnis mehr als der erste Schritt zu einer sozialen Bewegung gemacht ist, nun aber im Gegensatz zu den Klassikern wie Arbeiter*innenbewegung, Frauenbewegung, Ökologie ein genuin antiaufklärerisches, mit ausgeprägt faschistischen Elementen. Das aber, was die klassischen sozialen Bewegungen am Leben gehalten hat, allen Widerständen zum Trotz bis hin zum faschistischen Terror gegen das Beispiel Arbeiter*innenbewegung, was ihr Nährstoff schlechthin war, vor aller Ideologie, ist Solidarität.
Was jedoch das Bündnis der Antiaufklärer, der Demokratiefeinde auszeichnet, ist nicht Solidarität, sondern Kumpanei des Straßenmobs, kein Ehrgefühl, sondern kriminelles Verhalten, keine Utopie des Kollektivs, sondern nur die Dystopie des scheinbar grenzenlos freien Individuums, keine Ratio, sondern Wahn und Aberglauben. Was zählt, ist das „Ich“.
Dazu reicht ein Blick in die Parlamente, was das Verhalten der AfD Mitglieder untereinander dort angeht, Hauen und Stechen, Betrug, Niedertracht, Hass, Terror etc. Zusammengehalten wird der AfD-Mob von den fetten Pfründen und einem diffusen Hass auf das System.
Es bleibt also zu hoffen, dass nach einem möglichen Übergang in die Endemie das Bündnis aus den geschilderten Gründen zerbröselt, den Bindungskitt verliert, sich in Segmente zerlegt. Was wegen möglicher Terroraktionen gefährlich ist. Aber wachsender Dauer-Terror, getragen von einer nachhaltigen sozialen Bewegung, da sähe ich schwarz für die Demokratie in ihrer jetzigen Form.
Und wenn wir schon bei der Hoffnung sind: Virologe Drosten macht Hoffnung auf ein Leben wie vor der Pandemie.
Alles wird, wenn schon nicht gut, so doch besser.

15.01.2022 – Vom Anthropozän zum Pandemozän


Neulich vor meiner Tür. Ebola-Ausbruch? Mord und Totschlag? Kaputte Gasleitung? Auch wenn es nicht Kreuzberg ist, ein bisschen Leben ist immer hier im Viertel und so nahm niemand weiter zur Kenntnis, als ich angesichts der mich während des Einkaufs erreichenden schlechten Nachricht spontan und laut fluchte: „Scheiße!!“ Der Karneval der Kulturen in Berlin fällt zum dritten Mal hintereinander Pandemiebedingt aus.
Nachvollziehbar. Allerdings hatte das für mich über den Nachrichtengehalt hinausgehenden, frustrierenden Symbolcharakter. Bis dato war dieser Termin für mich eine Art Leuchtfeuer in trüben Zeiten gewesen, Hoffnung am Horizont, Land in Sicht, irgendwann ist wieder normal. Dieser Symbolgehalt drehte sich nach der Absage. Nun schien mir das frühere Leuchtfeuer der Hoffnung eher wie ein Menetekel, eine flammende Leuchtschrift, die nichts Gutes verheißt. Ein oder zweimal Absage ist ok, das sind Ausrutscher, nichts, was man nicht korrigieren könnte. Aber dreimal? Dreimal ist der Beginn von Kontinuität, da setzt der Regelfall ein. Wer weiß, ob es den Karneval in der bekannten Form absehbar (jemals?) wieder geben wird? Den Veranstalter*innen ging ähnliches durch den Kopf, schreiben sie doch in ihrer PM: „…. gemeinsam mit allen Akteur*innen und denen, die es werden wollen, eine neue Vision für den Karneval entwickeln…“ Karneval der Kulturen zukünftig per Zoom?
Es zeichnet sich zwar für OmiKorn Hoffnung am Horizont ab, leichterer Ansteckungs-Verlauf (wie auch immer der für Ungeimpfte aussehen mag), aber was kommt danach? Endemie? Oder nie? Oder Alpha 2.0? Delta im Quadrat? Vogelgrippe für alle, die Natur gibt einen aus? Zur Erinnerung an den letzten, noch sehr begrenzten, Ausbruch: Da sterben am Influenza-A-Virus H1H5 vulgo Vogelgrippe von 861 Infizierten 455. Wenn der sich mit einem Erreger von Humangrippe kreuzt, ist das, was wir jetzt erleben, gesellschaftlich gesehen eine Kuschelsituation….
Ich schob mein Einkaufswägelchen vor mich hin, nun nur noch innerlich fluchend wie ein Kutscher, und ein gruseliger Gedanke in Form einer brillanten Formulierung schoss mir durch den Schädel: Markiert dieses Menetekel des Karnevals den Übergang vom Anthropozän zum Pandemozän? Also von jenem aktuellen Zeitalter, in dem der Mensch der beherrschende Faktor der biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde ist, hin zu jenem, in dem die Pandemien die Herrschaft übernehmen?
Sofort hatte ich gute Laune ob dieser, wie ich hoffte epochemachenden, Formulierung. Ich googelte sofort „Pandemozän“, ob da nicht irgendein Schlauberger mir zuvorgekommen war. War natürlich. Mist.
Aber nur einer! Auf Twitter.
Das gildet eh nicht. Ich bin also aktuell dabei, Gebrauchsmusterschutz für den Begriff „Pandemozän ®“ anzumelden. Dann verdiene ich mich an der Seuche dumm und dämlich. Alles wird gut, auch ohne Karneval.
Narhalla Marsch und Tusch und fröhliches Wochenende, liebe Lesende.

11.01.2022 – Weil Du arm bist, musst Du früher sterben


Prof. Gerhard Trabert beim Politiktalk der Landesarmutskonferenz. . Manchmal gibt es sie doch noch, Nachrichten über die ich mich freue. So wie die, dass Gerhard Trabert zum Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl von der Partei Die Linke nominiert wurde.
Er will damit auf die Situation von Armen und Ausgegrenzten aufmerksam machen: „Es geht nicht um mich. Es geht mir um die Menschen, für die ich mich engagiere“. Wenn es jemanden gibt, dem die Phrase „Es geht nicht um mich“ abzunehmen ist, dann Gerhard Trabert. Ich habe im Laufe der Jahre viele sozialpolitische Akteure kennengelernt und diese Szene ist, wie jeder andere gesellschaftliche Bereich, auch ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Ich habe allerdings nie jemanden getroffen, bei dem Kompetenz, Engagement und öffentliche Anerkennung so wenig persönliche Eitelkeit produziert haben wie bei Trabert. Immer freundlich, zugewandt, ein überaus angenehmer Zeitgenosse, der sich nie in den Mittelpunkt drängt. Wenn ich da an andere denke – zumeist Männer …
Das fehlt mir wirklich in dieser vermaledeiten Seuche: Der persönliche Kontakt zu Leuten wie Trabert und Veranstaltungen wie unser Politik-Talk, wo wir mit Expertinnen aus verschiedenen Armutsbereichen ins Gespräch gekommen sind mit Besucher*innen im ka punkt, einem Treffpunkt für Menschen mit wenig Geld der katholischen Kirche in der City von Hannover.
Bleibt: Daumendruck für die BuPrä-Wahl, dass Gerhard vielleicht ein, zwei Stimmen aus dem rotschwarzgrüngelben Lager erhält, als kleines Zeichen. Immerhin war der jetzige Präsident mal Bürobote bei Gerhard Schröder und in der Folge federführend verantwortlich für die Agenda 2010. Vielleicht erinnern sich zwei, drei Leute in der Wahlversammlung mal daran, wer für was für eine Gesellschaft steht. Viel Hoffnung habe ich nicht. Aber die stirbt ja als letztes.
Ich versuche mich gerade zu erinnern: Wann hat irgendein führender Repräsentant des Landes das letzte Mal den Begriff Armut in den Mund genommen? Wenn Ihnen, liebe Leserinnen, was Sachdienliches einfällt, lassen Sie es mich wissen.
Der vormalige Bürobote Steinmeier hat übrigens als Student bei der ehrenwerten linksradikalen Zeitschrift Demokratie und Recht mitgearbeitet, die von der Ostzone finanziert wurde.
Return on Investment sieht anders aus. Kein Wunder, dass das mit dem Sozialismus nix wurde.