
Konzertkarten 2019. Unlängst kam die Sprache auf eines meiner 100 Lieblingsprojekte, Ohrensuppe, das SCHUPPEN 68 Radiomagazin für Satire, Kritik und Absurdes, das auf diversen Bürgerfunkkanälen lief. Mit hochgeschätzten Kolleg*innen produziert, war es ein feines Projekt, dessen Jingle, auch so ein Begriff aus dem Wörterbuch des Vollidioten, die ersten Takte des zauberhaft beschwingten Texmex-Walzers „Saint behind the glass“ der Kapelle Los Lobos war, ein Stück, das mich heute noch zu Tränen rührt. Man möchte auf Walzerflügeln den Engeln entgegentanzen. Oder so ähnlich. Im Nachhinein fiel mir ein, dass ich Los Lobos nie live erlebt habe, was eine subkulturelle Bildungslücke von inkommensurablen Ausmaßen ist.
Und vermutlich nie zu schließen sein wird. Selbst wenn es irgendwann wieder Livekonzerte geben sollte, dann eher ohne mich, es sei denn es gibt einen Corona-Impfstoff. Was in den Sternen steht.
Und im Sinnieren darüber fiel der Blick auf meinen Kühlschrank, an dem Konzertkarten des letzten Jahres kleben. Im Grunde meines Herzens bin ich ein 70er Jahre Hippie, wo in jeder WG an jeder Pinnwand Konzertkarten angenadelt waren: Von Allman Brothers bis Zappa. Meine Karten kleben mittels hochkitschiger Urlaubsmagneten. Also bin ich im Grunde meines Herzens auch ein Spießer. Aber sind wir nicht alle irgendwie ambivalent, polymorph-pervers und multipel?
Fazit dieser Gedanken angesichts eines nahenden Gewitters ist jedenfalls, dass diese Magnet-Karten Zeugnis des Endes einer jahrzehntelangen Tradition sein könnten, nämlich dem Besuch von Live-Konzerten. Was als mögliches pars pro toto in Sachen Corona gelten kann: Der Abschied von einer Gesellschaft, wie wir sie kannten.
Und jetzt kriegen diese dussligen Magnet-Karten von hinten her betrachtet einen tiefen Sinn: Als memento mori, Sei Dir der Vergänglichkeit bewusst. Aber wer will in meinem Alter dauernd an sowas erinnert werden.
Da gräme ich mich lieber über den unverzeihlichen Klops in der PM oben, wo es heisst: „… Ohrensuppe sprengt zu Weihnachten die Grenzen des guten Geschmacks und unterbietet mühelos das Nullniveau. „Gegen uns sind selbst solche Dumpfbacken wie Atze Schröder und Mario Barth noch die Adorno und Horkeimer des Humors“, betonen die Ohrensuppe Köche Klaus-Dieter Gleitze und Hermann Sievers. Die beiden promovierten Blödelbarden haben an der Scherzakademie von Bad Witzenhausen bei Frau Prof. Anne Maria Lachsack-Furzkissen ihre Doktorarbeit über den Witz im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit geschrieben …“
Sehr drollig. Hoch gesprungen. Flach gelandet. Horkheimer ohne „h“, das ist selbst für einen Achtelintellektuellen ein derartiger Gau, dass hier nur Harakiri in Betracht kommt, das rituelle Bauchaufschlitzen des Japaners. Göttinseidank ist die causa verjährt, ist von 2009.
Draußen verfinstert sich der Himmel. Wär’s drinnen, müsste ich mir auch noch Gedanken über den Kosmos machen.
Muss nicht sein.
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12.06.2020 -Irgendeimer wird es bestimmt tun

Eimer liebt Dich. Berliner Kampagne für mehr Sauberkeit, die ein AfD-Gegner in den Bereich der politischen Hygiene verlängerte. Soll, darf man jemandem Corona wünschen? Im Alltag werden vermutlich viele schon z. B. Trump die Pest an den Hals, also in unserem Fall Corona gewünscht haben. Damit er mal sieht, wie das ist, es darf ja mit einiger Berechtigung unterstellt werden, dass er mit seiner Ignoranz gegenüber der Seuche mitverantwortlich ist für den Tod von Vielen. Aber wie ist das mit einer grundsätzlichen ethischen Sicht der Situation, einer ethischen Sicht, die nicht zuletzt in der christlichen Tradition des „Liebe Deine Feinde“ begründet ist. Eine Sicht, für die man kein Christ sein muss
Ist der Wunsch nach Corona für Trump ethisch begründbar, kann man dazu auf die ethische Legitimität des Tyrannenmordes zurückgreifen, die Attentate auf Hitler z. B. waren ja legitim?
Ich wäre mehr für eine elegante Hollywood-Lösung: eine krachende Niederlage bei der Präsidentenwahl im November. Trump weigert sich, das Amt abzugeben und verschanzt sich im Weißen Haus, mit ein paar Getreuen. Auf ein Ultimatum der Armee, die sich staatsloyal verhält, reagiert er nicht. Daraufhin nimmt die Luftwaffe das Gebäude unter Beschuss und Ende Donald. Was auch eine verspätete Rache der Geschichte für den Tod von Allende wäre, den die CIA zu verantworten hat. Wobei sich die Frage stellt, ob man das Gedenken an Allende mit Hollywood-Phantasien zur Entsorgung eines Schmieren-August wie Trump beflecken sollte. Allein dass diese Kreatur den Namen Donald trägt, ist eine Verhöhnung des Reinen und Guten durch die Gosse.
Die Ente himself hatte kürzlich Geburtstag, was ich gebührend würdigte durch eine Kurzausstellung

mit einigen herausragenden selbstproduzierten Exponaten aus meiner Donald-Duck-Memorialhall. Und damit kriegt der heutige Eintrag doch noch die Kurve ins Positive.
Quack.
05.06.2020 – Kultur ist systemrelevant. Wirklich?

Kultur ist systemrelevant.
Ich wünschte, es wäre so. Als Wunschvorstellung ist das schön und gut. Ich selber bin Kulturproduzent und – Konsument. Der Besuch einer anderen Stadt, Region geht bei mir selten ohne den Besuch von Kulturstätten ab. Das meint nicht nur die Tempel der Hochkultur, die Refugien des Bildungsbürgertums. Es kommt ja immer darauf an, was man unter Kultur versteht. Einen Begriff von Alltagskultur bekommt man ja durchaus auch bei einem Streifzug durch soziale Brennpunkte oder Hochhaussiedlungen wie Marzahn.
Aber wie würde eine Welt ohne Kultur aussehen? Kann eine Gesellschaft ohne Rockkonzerte, Museen, Theater, Opernhäuser überleben? Sie würde anders aussehen, aber sie kann es. Kann eine, unsere Gesellschaft ohne Erwerbsarbeit auskommen? Schön wäre es, aber sie kann es sicher nicht. Schauen wir hingegen über den Tellerrand der Kultur: Was wäre eine Gesellschaft ohne Antibiotika, ohne Impfstoffe? Ein jederzeit gefährliches Dauerrisiko. Ohne Verkehrsmittel? Mühsal und Plag ohne Ende.
Da stellt sich die Frage der Systemrelevanz schon anders.
Bei Fernsehen, Fußball und Internet, um den Kulturbegriff mal sehr weit zu dehnen, bin ich mir nicht sicher, wie unsere aktuelle Gesellschaft aussehen würde, gäbe es sie nicht. Sicher ist aber, dass sich die Frage der Systemrelevanz nicht nach unseren Wunschvorstellungen sondern nach ihrer Funktionalität richtet.
Fragen Sie, liebe Leserinnen, doch mal ihre Kommunalpolitikerinnen nach der Notwendigkeit der Förderung von unabhängigen Jugendzentren oder kommunalen Kinos. Da werden Sie aus den Reihen der lokalen SPD zum Beispiel ganz erstaunliche Antworten bekommen, und keine positiven. Auch aus diesem Grund finde ich den Namen des derzeitigen Fraktionsvorsitzenden der Bundes-SPD Rolf Mützenich so passend. Dieser Name steht für ein Programm: Mützenich. Immerhin hat mich das obige Bild dazu veranlasst, es in mein aktuelles Video zu Corona aufzunehmen. Ganz frisch auf dem Server! Greifen Sie jetzt zu! Sie werden es nicht bereuen. Ein Meisterwerk .
Kunst ist echt Arbeit. Allein als Location-Scout unterwegs zu sein ist mühselig genug.
Gibt schlimmeres. Wenn ich jetzt als UPS-Bote unterwegs wäre oder in Schlachthöfen arbeiten müsste, dann hätte ich Grund zu klagen. In dem Sinne, schönes Wochenende, und vergessen Sie ja nicht, das Video zu klicken, HIER.
02.06.2020 – Den Lastern entrann ich, aufgefressen wurde ich von den Krähen

In Berlin sind selbst die Krähen militanter als im Rest der Republik. Als ob es nicht reichen würde, sich in permanente Lebensgefahr zu begeben, sobald man in Berlin ein Radl besteigt. Die Situation erinnert mich an das Gedicht von Bert Brecht:
„Den Haien entrann ich.
Die Tiger erlegte ich.
Aufgefressen wurde ich.
Von den Wanzen“.
War es in Berlin schon vor Corona ein Himmelfahrtskommando, eine kleine Rad-Tour von Moabit über Friedrichshain nach Neukölln zu unternehmen, kommt es jetzt einem Selbstmordversuch gleich. Es ist ja schön, wenn die Beschleunigung der Verkehrswende durch Corona als Chance in der Krise beschrieben wird: Das Rad als Sieger im Wettkampf der Mobilitätssysteme. Aber unsere Großstädte sind von der Infrastruktur in keiner Weise auf zusätzliche Massen von Rädern eingerichtet, zumal die Lenker-Lenker teilweise so bescheuert fahren, als ob sie in einem Kamikaze-Bomber sitzen.
Zu Hauptverkehrszeiten stauen sich an den Ampeln endlose Fahrradschlangen, bevor die durch sind und Autos abbiegen können, ist die Ampelphase längst wieder umgesprungen. Kein Wunder, dass alle Naslang eh schon überforderte LKWs beim Rechtsabbiegen irgendeine arme Radlersau plattwalzen. Der Schutzheilige der Radler ist Christopherus, auch der der Autofahrer, in den Kabinen der Stinker hängen Abergläubige wohl immer noch eine Figur dieses Gesellen auf. Meiner Ansicht nach sollte der Griff in die Mottenkiste der Mythologie wesentlich tiefer gehen, was Radler angeht. Ihr Gott muss der aktuellen Situation nach Thanatos sein, der für Todessehnsucht steht. Jede Radtour nicht nur in Berlin gleicht einem Rendezvous mit diesem düsteren Gesellen, dessen Konterpart nicht erst seit Freud ja Eros ist. Was nach überlebter Tour nachvollziehbar wird, wenn einen beim Absteigen eine regelrecht sinnliche Überlebenslust durchströmt: Ich habe überlebt.
Und dann kommen die Krähen…..
Da wird uns, liebe Leserinnen, doch nicht so ein kleines Virus verängstigen. Also packen wir das Leben bei den Hörnern.
(Schräge Metapher; würde bedeuten, dass das Leben ein Ochse ist…)
31.05.2020 – Normal aber ist der Tod auf Raten.

Auf diese Steine können Sie bauen – Bausparkassenwerbung auf Autonom gedreht. Hintergrund des Plakates ist der Prozess am 03.06 um die Räumung eines der letzten besetzten Häuser in Berlin, der Liebigstr. 34.
Nach meiner Wahrnehmung kleben wieder mehr illegale Plakate in der Stadtöffentlichkeit. In kleineren Städten eher Textbleiwüsten, wo man sich die Nase an den Plakaten plattdrücken muss, um überhaupt die Botschaft entziffern zu können. Was auch symbolisch für die Selbstreferentialität der radikalen Restlinken steht, die eher daran interessiert ist, recht zu behalten als ihre Ziele zu realisieren, indem sie z. B. Überzeugungsarbeit leistet. In Berlin sind diese Plakate oft kreativ, professionell, bunt, anregend, egal wie man zur Message steht. Mitunter weiß man nicht, ob es sich um Satire, Politik, Kunst, Kommerz, irrlichternden Wahnsinn oder was auch immer handelt.

Business Lunch. Kommerz oder Satire oder was? (Kommerz, das lokale Bier, nur in Nordberlin erhältlich, gibt’s wirklich).
Manchmal stehe ich grübelnd lange vor einem Produkt und frage mich: Was zum Henker soll das? Das aber ist das Edelste aller Ziele kreativer Produkte: Die Betrachterin ins Grübeln zu versetzen, mit den Mitteln einer Ästhetik, die auf ihre Autonomie insistiert

Hä?
Gesehen an einer meiner Lieblingskneipen, dem „Kapital“ in Neukölln, im immer noch zauberhaften Rixdorf-Kiez. Der allerdings zusehends gentrifiziert wird. Daher gibt es das „Kapital“ auch nicht mehr, es ist mit Brettern verhauen und harrt seiner Umwandlung in eine Loggia, Loft, was auch immer. Kaufpreis sicher jenseits 8000 Euro pro qm.
Das reale Kapital marschiert immer weiter, Corona hin oder her, und hinterlässt hinter sich eine Spur zauberhafter Eigentumswohnungen, horrender Rendite auf das eingesetzte Kapital und eine Spur von Verwüstung. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass in der Nacht vor dem Liebig 34 Prozess es in Berlin wieder heißen wird: Burn, Baby, Burn. (siehe auch Minneapolis etc. pp.) Verwunderlich ist eher, dass es nicht viel mehr Liebigs gibt. Bedauerlich allerdings, dass die Besetzerinnen durch ihr teilweise bescheuertes Verhalten in Sachen individueller Gewalt verhindert haben, dass der für die Liebig zuständige Baustadtrat Florian Schmidt dort die „Berliner Linie“ umsetzen konnte, nach der bestimmte Häuser durch die Stadt angekauft werden und die Mieter*innen so vor Räumung geschützt werden. Aber Hauptsache recht behalten, Mädels, oder?
Was bleibt, ist die Freude an solcherlei Plakaten, unabhängig von der eigenen Überzeugung. Sie sind eine Art inoffizieller, flächendeckender Wandzeitung einer noch existierenden lebendigen Subkultur. Gegenden, wo sie fehlen, sind potentiell pathologisch, nämlich normal.
Normal aber ist der Tod auf Raten.
Fröhliche Pfingsten, liebe Leserinnen.
27.05.2020 – Gesichtsnahe Dienstleistungen

Damit sind keine Masken gemeint, sondern Barbier-Dienstleistungen wie Augenbrauen stutzen, Haare von den Ohrmuscheln fräsen, heiße Handtücher auf die Hackfresse zwecks Entspannung und Porenservice oder gar Nasenhaare rausreißen, weiß der Henker, was noch. Unlängst suchte ich meinen Coiffeur nach längerer Abstinenz auf und dort stieß mir ein Aushang mit der Ankündigung der Verweigerung „Gesichtsnaher Dienstleistungen“ aus Corona-Gründen ins Hirn. Dieser Begriff wurde sofort zu meinem Corona-Lieblingsbegriff des Quartals, wieder und wieder hämmerte ich ihn ins Sprachzentrum, um ihn dort festzunageln.
Gesichtsnahe Dienstleistungen. Gesichtsnahe Dienstleistungen. Gesichtsnahe Dienstleistungen.
Wobei ich grundsätzlich Gesichtsnahe Dienstleistungen für einen annähernd obszönen Eingriff in meine Intimsphäre halte. Eigentlich wollte ich mich heute über eine in der öffentlichen Diskussion sträflich vernachlässigte Ursache für die Anti-Corona-Demos auslassen, wobei ich den Begriff für unangemessen halte. Was schert es das Virus, wenn ich dagegen bin. Anti-Hygiene-Demo ginge ja noch, aber wer ist schon gerne gegen Hygiene. Richtig müsste es heißen: Anti-Vernunft-Demo und meine Vermutung, dass bei jedem Unsinn, der passiert, Waldorf-Insassen vorneweg tanzen, bestätigt sich mit der ersten Fundsache des heutigen Tages aufs Schönste, auch wenn der Mann nicht mehr aktiv ist.
Ich war, ich bin und ich bleibe ein entschiedener Gegner von Privatschulen, Privatunis, Privatkrankenhäusern etc. pp. To be continued. Daseinsfürsorge ist Sache des Staates.
Dazu passt mein Lieblingszitat des Jahrtausends von FDP-Führer Lindner nach seiner Corona-Umarmung-Entgleisungs-Entschuldigung im Anschluss einer Feier in Berlin (ich wette, es war im Borchardt, sie gehen alle ins Borchardt):
„Am Ende bleibt man Mensch.“
Mensch, Lindner, doch nicht in der FDP. Wenn das mal nicht ein Parteiausschlussverfahren nach sich zieht, wegen Abweichlertums.
Mensch bleiben… Wo kommen wir denn da hin.
Ich ziehe mich jetzt in meine Gemächer zurück, zwecks Ausführung Gesichtsnaher Dienstleistungen an mir selbst. Demnächst die Bilder dazu und die Erklärung für die vernachlässigte Ursache der Anti-Corona-Demos
25.05.2020 – Jenseits von Reden

Fuck the WHO

und Profilneurotiker Dr. Kill Bill Gates. DDR 2.0. Mutti hat fast fertig. Gesehen auf einer Anti-Corona Demo am Wochenende.
Ich schätze die Straße unter anderem deshalb, weil sie als politisches Bildungsinstrument unerlässlich ist. Ein Fernseher oder Buch vor der Nase versperren den Blick in die Wirklichkeit.
Man kann zum Beispiel mit Fug und Recht darüber streiten, wie umgehen mit solchen Demonstrierenden, zumal das keine homogene Masse ist. Es gibt Verschwörungstheoretiker*innen, Besorgte, Verängstigte, Esoterikerinnen, Quartalsirre, Nazis, etc. pp. Der Mainstream-Ansatz der Auseinandersetzung, getragen von der Mehrzahl der politischen Akteure: Wir müssen mit diesen Menschen reden, unsere Politik besser erklären. Dieser Ansatz verkennt meines Erachtens Motivation und Antrieb der Demonstrierenden: Sie werden getrieben von Überforderung und Angst, und ihr Motor ist das Ressentiment.
Man kann gegen ein Ressentiment nicht argumentieren. Das Wesen des Ressentiments ist ja seine Irrationalität. Argument und Ressentiment sind zwei Ebenen, die keine Berührungspunkte haben.
Und was wollen Sie der Angst erklären? Du brauchst keine Angst zu haben? Dann versuchen Sie das mal mit jemandem, der Flugangst hat. „Du brauchst keine Angst zu haben, Fliegen ist das sicherste Reisemittel….“?
Die Rede der Politik des „besser erklären“ und „mit den Menschen reden“ ist entweder eine der Hilflosigkeit, weil sie nichts Besseres im Angebot hat, oder sie ist Faulheit, weil sie sich keine Mühe um Alternativen macht, oder sie ist Desinteresse, nach dem Motto: Irgendwas muss ich ja sagen. Im Grunde ist diese Rede eine Kapitulation.
Glauben Sie, liebe Leserinnen, ich würde im Ernst mit so einer armen Wurst wie der oben im Bild diskutieren, deren Existenz ein einziger Schrei nach Hilfe und Liebe ist? So was gehört auf die Couch, aber bestimmt nicht in die politische Arena. Schauen Sie sich mal das Schluchz-Video von Xavier Naidoo an, die quartalsirren Augen eines Ken Jebsen oder das sinnfreie Rumgeprolle des Vegan-Bratlings Atilla Hildmann, dessen Existenz ein einziges Argument für exzessiven Fleischgenuss ist. Wenn ich eine Satire über eine Klappsmühle drehen wollte, würde ich solche Szene verwenden, aber doch nicht als Basis für einen argumentativen Diskurs. Und all die anderen, vom Leben verängstigten Waldorfschülerinnen, die auf solchen Demos das Grundgesetz tanzen (solche Szenen gibt es da im Original!) wissen ganz genau, mit welchem Gesindel sie sich auf diesen Demos gemein tun.
Das alles ist jenseits von Reden.
Wenn es nach mir ginge: Demos wegkärchern, Zwangsjacken statt Masken, alle umerziehen.
Ich kann gut nachvollziehen, wenn prekäre Existenzen um ihre materiellen Grundlagen bangen, wenn Arme Angst haben, dass sie die Kosten der Corona-Krise tragen müssen, wenn Menschen grundsätzlich Angst um unser soziales Gemeinwesen haben. Den Weg, den solche Existenzen auf Corona-Demos einschlagen, akzeptiere ich nicht. Er ist antiaufklärerisch und Demokratiefeindlich.
Ganz abgesehen davon, gibt es Milliarden Menschen, vor allem im Süden, aber nicht nur da, die diese hier geschilderten Problemchen ums Verrecken gerne hätten. Und insofern wende ich hier mal die edelste Waffe der Kritik an, die der Selbstkritik; Wenn ich meinen Blog mal so Revue passieren lassen, sollte ich mir öfter mal zurufen: Gibt es keine anderen Probleme?
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, einen allzeit Vernunftgesteuerten Start in die Woche.
24.05.2020 – Stop making Sense

Fassade des Bürogebäudes „cube“ am Berliner Hauptbahnhof. Die Fassade dieses Quadratgebäudes ist gefaltet, im Frank-Gehry-Style. Das ist also nichts grundstürzend Neues, aber durchaus beeindruckend, und ein angemessenes Entrée für eine Metropole, wenn man aus ihrem Bahnhof tritt. Der Berliner Bahnhof ist ein Solitär, selbst wenn man berücksichtigt, dass er gegenüber seinem ursprünglichen Entwurf um die beiden Enden der Gleise gekappt wurde Was für eine architektonische Sauerei das war, sieht man erst richtig in der Draufsicht und für besonders genial halte ich die Idee, das Umfeld des Bahnhofs zusehends mit meist austauschbaren postmodernen Klötzen zuzustellen, auch nicht. Man nimmt dem Gebäude die Wirkung. Dennoch atmen Freunde des Urbanen durchaus erfreut auf, wenn sie diese Kathedrale der Mobilität betreten. Ich war früher öfters auf Bahnhöfen kleineren Zuschnitts unterwegs und die Trostlosigkeit vollkommen verlassener und vernagelter Bruchbuden auf einem Acker, an einem kalten regnerischen Novembertag, in Erledigung irgendwelcher Erwerbsobliegenheiten, haben mich mitunter auf der Rückreise rätseln lassen, wieso ich mich nicht 5 Minuten nach Ankunft in einer naheliegenden Güllegrube ertränkt hatte, so klaftertief depressiv fiel ich regelmäßig angesichts solcher Orte der Einödnis, der Einsamkeit und der Abwesenheit aller Zivilisation. Es muss das Prinzip Hoffnung gewesen sein, was mich aufrecht hielt.
Hoffnung auf einen besseren Ort, der Utopie. Berlin.
Überaus anregend empfinde ich die Spiegelungen durch die Fassade. Bei einer glatten Fassade würde der Eindruck einer vermeintlich faktischen Widerspiegelung der Außenrealität entstehen. Durch die gefaltete Fassade entsteht ein Zerrbild, gebrochen, fast surreal, mehr Montage von verschiedenen Realitätsebenen als Abbild von nur einer. Insofern ist das Bild, das durch das Gebäude produziert wird, auch Abbild einer Kunstproduktion, die die Moderne begründete. Irgendwann reichte der Naturalismus nicht mehr aus, um die immer komplexer werdende Moderne zu erfassen. Malerei als quasi Fotoersatz ist seit über 100 Jahren obsolet und in der Literatur hat sich die Montagetechnik unter Einbeziehung von Bewusstseinsströmen und Wahrnehmungsfragmenten spätestens seit James Joyce‘ Ulysses oder Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (!) durchgesetzt. Krasses Beispiel der Moderne: Der Dadaismus als Dekonstruktion von Sinn und Verstand, als Antwort auf die Verwüstungen des ersten Weltkriegs. Wir tanzten im vorigen Jahrtausend das Motto der Postmoderne „Stop making sense“ zu den heute noch bewegungsanimierenden Talking Heads.
Watch out you might get what you’re after…. So schlimm wird’s schon nicht kommen. Mit solcherlei Gedanken im Kopf durchmaß ich den Bahnhofsvorplatz. Das hielt aber nicht lange vor.

Ein paar Schritte weiter am Reichstag war wieder Atmosphäre pur, ungewöhnliche Ruhe, Menschenleere. An solchen Orten, wo sonst eher Massenaufläufe das Bild prägen, kann man diesen Atmosphärenwandel regelrecht körperlich spüren.
Corona sucks, ohne Zweifel, aber in solchen Bildern liegt ja auch ein Versprechen auf eine andere Zukunft, ein Vorgriff auf eine Wirklichkeit von Morgen. Vielleicht nicht besser, aber anders. A change ist gonna come. Veränderung eben.
22.05.2020 – Meine Kultur mach ich mir selber

Fahrschule B-STANDEN. Gut, dass diese Fahrschule ihren Sitz in Berlin hat. Im Chamisso Kiez in Kreuzberg, dem Biotop für alternative, gediegene Kreativität schlechthin. Was da heute in ist, verseucht später die ganze Republik.
Für Augsburg wäre nur sowas wie A-UFFAHRUNFALL drin. Oder für Torgau-Oschatz (in der Ostzone) TO-TALSCHADEN.
Das war ein beliebter Sport, als ich noch Waldbauernbub war: Autokennzeichen sammeln. Aufschreiben, nicht abschrauben. Späterer Anarcho-Sport: Mercedes Sterne sammeln, reale allerdings.
Sowas hat mich nie interessiert und Kumpels, die Auto Kennzeichen sammelten und sich darüber austauschten, hab ich damals für bekloppt gehalten. Würde mich mal interessieren, was aus solchen Leuten geworden ist. Nee, eigentlich doch nicht, will ich gar nicht wissen.
Metropolen sind Petrischalen für Veränderungen, Kulturen finden hier idealen Nährboden, entwickeln sich mitunter explosionsartig. Die ländliche Idylle hat auch ihre Vorteile. Sie steht überwiegend für Kompostierung. Was zum Kreislauf dazu gehört. Man muss nur den Geruch mögen. Nach drei Tagen Natur kriege ich normalerweise Depressionen, zumindest in unseren Breitengraden. Aber auch im Süden, am Meer, bevorzuge ich am Strand deutliche Spuren von Zivilisation, wie eine gepflegte Bar mit gekühlten Getränken. Und im nahen Bergdorf einen Marktplatz mit zwei Restaurants, Konkurrenz belebt das Geschäft und erhöht die Wahrscheinlichkeit für halbwegs genießbare Nahrung. Einsame Strandidylle macht mich nervös, ich schiele dauernd zum Horizont, ob da nicht Piraten oder Kannibalen in Sicht sind. Im Ernst, in heutigen Zeiten entspricht die Idylle der Romantik: Sie ist das falsche Leben im Richtigen.
Der Quasi-Idylle-Zustand Berlins in Zeiten der Seuche kann eingefleischte Metropolen-Aficionados verunsichern. Beispiel S-Bahnhof Potsdamer Platz:

Gähnende Leere, wo sonst Fülle, Bewegung, Hektik das vorherrschende Bild ist. Ähnliche Bilder auch an anderen belebten Orten, am Hauptbahnhof, vor dem Reichstag. Über allem liegt eine einmalige Atmosphäre, ein Hauch von Entschleunigung, Entspannung gar, Ruhe, Innehalten. Und das alles vor einer mitunter grandiosen Kulisse von Urbanität, Dynamik, Leben, auch Rohheit und Gewalt, all den ambivalenten Kräften, die Metropolen eben auszeichnen.
Je nach Entwicklung der Seuche können das einmalige Bilder, Impressionen sein, die bald verschwinden und vom üblichen, flirrenden Alltag abgelöst werden. Das hoffe ich zumindest. Wenn das dauerhafte Bilder und Filme werden, ist unsere Gesellschaft eine andere, eine, vor der mich gruselt. Bis entschieden ist, wohin die Reise geht, genieße ich diese Atmosphären mit dem Gefühl, bewusster Zeitzeuge einer Ausnahmesituation zu sein.
Dieses Gefühl muss man sich allerdings leisten können. Müsste ich wie vor dem Krieg noch mit der einen oder anderen Kulturarbeit notwendige Taler für die oben beschriebenen Strand- und Bergdorfidyllen verdienen, würde ich diese Atmosphären sicher mit anderen Augen wahrnehmen. Kultur ist eben nicht systemrelevant. Das wünscht sich die vegane Bionade schlürfende Webdesignerin vom Chamissoplatz vielleicht. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert, sondern eine an den Interessen und Bedürfnissen des Kapitals ausgerichtete Veranstaltung, und da kommt Auto- und Fleischindustrie vor Kulturindustrie. Luftfahrtindustrie nicht zu vergessen.
Und das ist auch gut so, die sorgt nämlich für meine Urlaubsflüge.
Meine Kultur mach ich mir selber. Die ist wie Persil: Da weiß man, was man hat.
In dem Sinne: Bleiben Sie gesund, liebe Leserinnen.
20.05.2020 – Sie haben Ihr Ziel erreicht!

Gastraum-Abtrennung in einem Café. Bei den Hasen hat man das Gefühl, sie holen gleich Beile, Messer und Maschinenpistolen aus ihrem Fell und richten ein Massaker an. Die Viecher korrespondieren auf schreckliche Art und Weise mit dem jenseits aller akzeptablen ästhetischen Kategorien vor sich hin irisierenden Rosa an den Wänden und den Weltraumkugeln an der Decke. Eines jener zahlreichen feinen, kleinen Fundstücke meines Corona-Alltags, die mir in einem vielschichtigen, leisen Choral entgegensummen: Die Welt so wie Du sie kennst, sie ist nicht mehr.
Es sind nicht nur reale Gegenstände, die das bewirken, es sind auch Fundstücke aus meinem Kopf, wie das kleine sehnsuchtsvolle Seufzen unlängst: Wann werde ich wieder die vertraute und für mich in der Fremde (meint: alles, was 200 Meter von meiner Homebase entfernt ist) überlebensnotwendige Ansage der Google-Maps Else hören:
„Sie haben Ihr Ziel erreicht.“?
Und werde ich jemals auf der Zielgeraden meines Schaffens die Ansage meines Lebens-Maps hören: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“? Und wenn ja, wie wird dieses Ziel aussehen und was für Portweine gibt es da zu trinken?
Sind so viele Fragen. Und während draußen die Welt, so wie ich sie kenne, langsam verschwindet hinter einem Schleier vermeintlicher aufkommender Normalität, muss ich mich darüber ärgern, dass jetzt schon Arschlöcher anfangen, mich zu zitieren, wie der AfD-Jungnazi Münzenmaier. Hoffnungsvoller Prätorianer. Diese alerten Weiße-Kragen Nazi-Jungspunde jenseits der Glatzen-und-Stiefel Fraktion erinnern mich an die zornigen jungen Wilden Hitler, Goebbels, Himmler, Göring, die bei der Machtübernahme alle jung waren für Führungspolitiker, alle unter 50.
Wenn man Dreckschleudern wie den Münzenmaier geraderückt, bleibt immer was an einem kleben. Sollte man eher lassen, ich tu’s trotzdem, hier beim epd
Und da draußen laufen so viele noch viel schwerer Gestörte rum.
Nix wie weg, hin zu: Sie haben Ihr Ziel erreicht.
Aber wann und wie?
Luxusproblem. Gibt schlimmeres.