
Treckerdemo Hannover, 17.01.2020.
Ich säuberte heute vormittag meine Veranda, Frühjahrsputz, das Thermometer zeigte in der Sonne nach Süden über 20 Grad. Frühlingserwachen im Januar, eine heitere Triebsamkeit quoll in meinem Inneren hoch und ließ mich, was selten genug vorkommt, zum Wischmob greifen. Da erfüllte ein Hupen und Tröten von Ferne den Äther, die heitere Triebsamkeit steigerte sich in eine fast fiebrige Erregung. Das waren deutlich nicht die Töne des verdammten Fussballmobs. Es war der Sound der Straße, jene nervösen Kakophonien, jenes einzigartige Amalgam von Rock ‘n Roll und Reggae, jene flirrenden wabernden Töne, die nur die Artikulation des politischen Willens vom Mob, oder meinetwegen auch Bürgertum oder Citoyen, ist doch eh eine Grütze, auf der Straße herruft. Ich ließ den Wischmob fallen und rückte aus, dem Treckermob entgegen.

Hunderte von Treckern legten den Verkehr lahm. Ich weiß nicht genau, worum es ging. Irgendwie „Mehr Freiheit für Gülle“, „Hoch die internationale Massentierhaltung“ und „Von der Bahre bis zur Wiege: Pestizide, Pestizide“. So Zeug halt. Mir eher egal. Grundwasserverseuchung stört mich nicht, ich trinke Portwein, und der Dreck, den ich in meiner Straße täglich einatme, macht mich bestimmt resilient. Hoffe ich jedenfalls.
Bemerkenswert fand ich nur, dass mich der Sound der Straße derart in Wallung brachte.
Hier deutet sich das Wesen der Demokratie an: Der Konflikt. Es ist nicht der Konsens, sondern der Konflikt, der unseren Alltag bestimmt. Der Konsens bildet nur die formale Klammer, die den Laden am Laufen hält. Er generiert sich aus dem Konflikt, aus dem Ursprung der Demokratie, und der Konflikt äußert sich fundamental, lebendig und greifbar auf der Straße. Pech nur für die Demokratie, dass das Wesen ihrer Konflikte in zentralen Bereichen ein antagonistisches ist. Die Demokratie als Herrschaftsform des Kapitalismus hat die Funktion, die unauflösbaren Konflikte zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Kapital und Natur, zwischen Kapital und Mensch zu befrieden. Auflösen, aufheben, versöhnen kann sie die Widersprüche nicht. Und das ist für mich das Leitmotiv, wenn ich den Sound der Straße höre.
Verständlich, dass mich dabei Erregung packt, wenn ich auf meinem Maileingang starre. Ich sitze als NGO Vertreter u. a. im niedersächsischen Bündnis für Bezahlbares Wohnen, wo mich Fanfarengleich mitunter Mails erreichen, die einen Durchbruch an ganzer Front, einen zentrale Sieg im Kampf gegen die Wohnungsnot dergestalt vermelden, dass „ … am 15. Januar 2020 im Niedersächsischen Ministerialblatt neue Ausführungsempfehlungen zu § 47 NBauO (notwendige Einstellplätze) veröffentlicht wurden (s. Anhang). Das Bauministerium hat damit eine wichtige Bündnisempfehlung umgesetzt… Die Richtzahlen¬spanne für Mehrfamilienhäuser sollte von bisher 1 bis 1,5 Einstellplätze je Wohnung auf 0,5 bis 2 Einstellplätze je Wohnung erhöht werden. Diese Empfehlungen wurden nun umgesetzt. Für Studentenwohnheime wurden die Richtzahlen von 1 Einstellplatz je 2-3 Betten auf 1 Einstellplatz je 6 Betten reduziert…“
Herr, es ist vollbracht. Nun kann ich mein müdes Haupt zur Ruhe betten
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15.01.2020 – Die Ersten den Tod, die Zweiten die Not, die Dritten das Brot.

Leinwand im Kino. Dokumentarfilm „Gruppe SPUR – Die Maler der Zukunft!“.
Im kleinen Kinosaal war außer mir noch eine Person, was ich als überaus angenehm und angemessen fand, schließlich war die Gruppe Spur die erste Künstler-Avantgarde Gruppe nach dem Krieg, von 1957 – 1965 https://de.wikipedia.org/wiki/SPUR , und Avantgarde ist nun mal die Sache der Wenigen. Die Gruppe Spur legte die kreative Grundierung für die 68er „Revolte“, mit Aktionen, Performances und Manifesten. Aber wie das so ist mit Avantgarde, für sie gilt der Grundsatz von Siedlern und Kolonisatoren: Die Ersten den Tod, die Zweiten die Not, die Dritten das Brot. Die Gruppe geriet in Vergessenheit. Ich kannte sie nur als Mitglied der Situationistischen Internationalen, deren Ideen und Aktionen maßgeblich das Wirken des Künstlernetzwerkes SCHUPPEN 68 beeinflusst haben, wie sonst nur Walter Benjamin und Donald Duck. Der Film löste in mir mehreres aus, was ein Idealfall von guter Kunst ist: den Wunsch, ein besserer Mensch zu werden (Katharsiseffekt von Kunst), in dem Sinne, dass ich mir stante pede schwor, wieder aktiver zu werden in Sachen Aktion, Performance und Intervention, jenseits meiner Brotberufe. Ich war emotional angerührt, mit Freude, Begeisterung, Mitfühlen. Und schaltete während des Filmes kognitive Querprozesse in Gang, wen gab es da noch, wie war die Situation in der BRD grundsätzlich damals, was war das Revolutionäre an der Gruppe, was ist das Futter daraus für heutige Kulturproduktion.
Ein excellenter Film, den Kauf der DVD kann ich nur empfehlen.
Das Erleben des Films war in dieser Form aber nur im Kino möglich. Nur der Raum des Kinos verschafft Emotionen jenseits des Filmerlebens auf dem heimischen Sofa,

das fängt beim Ritual des Kartenkaufs und Knabberkrams an der Kasse an, geht über das anregende Vorspiels der Werbung in den warmen, weichen Sesseln über den flimmernden Lichtstrahl des Projektors, wenn es sowas noch hat, bis zum Erleben der anderen Sound- und Bilddimension und hört beim wohligen Ausklingen des Abspanns noch nicht auf. Und alles kollektiv, aufgehoben im Gleichstrom der Anderen. Worauf ich allerdings verzichten kann, mir war die zweite Person neulich schon zuviel.
Außerdem ist durch die Materialität des Films eine immer seltener gewordene Linearität des Erlebens gegeben. Normal ist die Konsumsituation von Bildern ja heute virtuell und digital-nichtlinear, das heißt, jedes Bild ist jederzeit an jedem Ort auf jedem Träger (=Smartphon) abrufbar. Im Kino sind wir noch mit der Triebaufschubreligion des Kapitalismus konfrontiert, die ja nur so wirksam funktioniert, wenn dann später (Elternsound der Nachkriegsgeneration „Später, das ist noch nichts für Dich, für Kinder, das kannst Du später mal machen und dann verstehst Du das auch“) tatsächlich auch ab und zu irgendwann Triebabfuhr erfolgt, sprich, endlich kommt der und der Film in mein Kino. Das ist ja fast wie beim Urlaub.
Nur die Kunstform Film ist so an einen spezifischen, konkreten Raum wie das Kino gebunden. Theater, Bildende Kunst, Musik haben zwar ideale technische Reproduktionsforen in den Musentempeln des Bildungsbürgertums, finden aber ihre edelste Entfaltung in den Schuppen des off-mainstreams oder gar auf meinem Lieblingskampfplatz: Der Straße. Die Literatur ist mittels (E-) Buch überall zu Hause. Nur der Film braucht zwingend seinen Raum.
Bittere Randnotiz zur Gruppe Spur: Am bekanntesten wurde ihr kurzfristiges Mitglied, der notorisch linksradikale Antisemit Dieter Kunzelmann. Heimrad Prem hat 1978 Selbstmord begangen, Helmut Sturm, Hans-Peter Zimmer und Lothar Fischer sind auch alle tot und die kennt keine Sau. Mich auch nicht. Ich bin lediglich regional teilbekannt, wie mir ein hiesiger Künstler mal hinterherwarf. Der Spruch steht auf der Liste der 100 Favoriten für meine Grabinschrift:
Er war regional teilbekannt.
12.01.2020 – Prozyklisch und antizyklisch

Lenzrose. Frisch erblüht im Winter. Antizyklisches Verhalten der Natur.
Der Begriff des „Antizyklischen“ spielt in der Nationalökonomie eine Rolle (bei mir auch, aber nicht ökonomisch). Staatliche Ausgaben zu senken in einer sich anbahnenden Wirtschaftskrise ist prozyklisch und verschärft die Krise nur. Antizyklisch und wirksamer wäre es, Ausgaben zu erhöhen, für Konjunkturprogramme zum Beispiel, Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Gesundheit etc., das sorgt für Beschäftigung und Wirtschaftswachstum. Prozyklisch hat sich Reichskanzler Brüning in der Wirtschaftskrise der 30er verhalten. Das endete im Faschismus.
Im Privatbereich wäre prozyklisches Verhalten zum Beispiel sich tätowieren zu lassen, oder sich einen SUV zu kaufen. Machen ja alle. Nach vorherrschendem Verhalten liegt offensichtlich der höchste Grad der Individualität im widerspruchsfreien Aufgehen in der Masse.
Antizyklisches Verhalten wäre zum Beispiel sich in einer Gewerkschaft zu organisieren und engagieren. Macht keiner mehr. Die „Jugend“ läuft eher zu „Friday für Future“. Das wird sich aber auch bald erledigen. Beachten Sie bitte nicht das Geschnatter in den Feuilletons, sondern die ständig steigenden Umsatzzahlen der SUVs und die Zuwachsraten der Flüge. Wenn Jugendliche die unsichtbare Decke der „30“ erreichen, werden die alle vernünftig. Dann gründen sie Fammilljen, kaufen SUVs, fliegen zweimal pro Jahr auf die Malediven und forcieren die Klimakatastrophe mit dem schlimmsten aller Übel: Sie ziehen Brut auf. Sie werden normal. Prozyklisch.

DGB Neujahrsempfang 2020, Hannover. Lauter weiße, alte Männer.
Nicht nur mein Job sondern auch meine Neigung bringt es mit sich, dass ich seit Jahrhunderten dort abhänge, obwohl Getränke und Büffet so unterirdisch sind, dass einem jedes Schwein leid tut, das dafür geschlachtet wurde. Der „Vortrag“ sollte „kurzweilig“ sein, laut Ankündigung. Eine Lesung meines Einkaufszettels hätte da mehr Wirkung gezeigt. Gefühlte 105 Prozent der Anwesenden waren weiße alte Männer. Ich fuhr mit dem Rad hin, es war dunkel, kalt und nieselte. Das sind Tage, an denen wird aus Weicheiern Kruppstahl geschmiedet.
Seit Anfang der Neunziger haben sich die Mitgliedszahlen der Gewerkschaften fast halbiert und was schlimmer ist: Die Struktur ist völlig überaltert. Bis zu 40 Prozent sind Rentner*innen.
Bei Nachwachsenden herrscht eine fundamentale Unkenntnis grundlegender Tatsachen unseres gesellschaftlichen Lebens, Beispiel Arbeitsmarkt: Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, 30 Tage Urlaub, Lohnsteigerungen, Weihnachtsgeld etc. pp, das alles ist nicht vom Himmel gefallen. Es steht auch nirgendwo in einem Gesetz (Urlaubsanspruch laut Gesetz beträgt 18 Tage). Das wurde von Gewerkschaften in teils monatelangen Streiks erkämpft.
Da werden sich viele noch wundern, wenn in den nächsten Krisen viele soziale Fortschritte wieder eingesammelt werden. So was fällt eben nicht wie Manna vom Himmel.
In Hannover findet zurzeit ein Muster an Arbeitskampf statt, bei der Gildebrauerei. Um den Streikenden für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit das Genick zu brechen, hat der Arbeitgeber Gilde in vier Einzelfirmen aufgespalten, um so die Existenz von Betriebsräten auszuhebeln. Dieses Vorgehen wird bundesweit beobachtet und wenn der Streik gebrochen wird, werden die Arbeitgeber ihre Schlüsse daraus ziehen…
Was mich persönlich mit Ennui erfüllt, wenn die ganze Herde prozyklisch immer nur in die gleiche Richtung trottet: Es ist so unoriginell.
Grundlage von authentischer Individualität und Originalität ist antizyklisches Verhalten.
Der Rest ist Mainstream, von Helen Fischer bis Bruce Springsteen.
10.01.2020 – Globuli und Hostien

Plakat 2010, Auftritt raum 2, Neu Tramm 3. Ein Auftritt mit dem Freund & Kollegen Sievers, dessen Zeitgeisterbahn Sie unbedingt betreten sollten.
Der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche ist seit 10 Jahren publik und getan hat sich nichts, außer dass man (natürlich man) den dümmsten Trottel der Bischofskompanie zum Missbrauchsbeauftragten gemacht hat, also einen aus der Herde der Böcke zum Gärtner. Dass die Opfer mit jedem Tag, der ins nicht gelobte Land geht, weiter verhöhnt und gedemütigt werden, liegt im System begründet und ist ein ebensolcher Skandal wie die Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft da nicht mit dem Knüppel zwischenhaut, die gesamten kirchlichen Archive beschlagnahmt und sofort Ermittlungsverfahren gegen alle Verdächtigen einleitet. Kein Wunder, rutschen doch nach wie vor zahlreiche Entscheidungsträger in Staat und Gesellschaft sonntags auf den sakralen Knien rum, pflegen den Götzendienst und Kumpanei mit kirchlichen Entscheidungsträgern. Die Elitenkrähen hacken sich nur ungern gegenseitig jene rechten Augen aus, auf denen sie schon immer blind waren. Eine feine Gesellschaft.
Von meinem Zorn des Gerechten über die hier beschriebenen Zustände nehme ich die kirchlichen Wohlfahrtsverbände zum Teil aus. Ohne sie würde die Integration der Flüchtlinge nicht funktionieren und überhaupt der verbliebene Rest an sozialer Fürsorge im Staate nicht. Natürlich sind auch sie Profiteure der Wohlfahrtsindustrie und deutliche kritische Töne sind eher nur mal aus dem Umfeld evangelischer Kirchentage oder katholischer Arbeitnehmerschaft zu hören, wo mitunter sogar klassenkämpferische Töne wider den Stachel löken …
Aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten sind die kirchlichen Verbände eher Teil von Lösungen und nicht des Problems. Und im Zweifel auch mit angenehmeren Personen besetzt als manche Parteien. Der Rest des klerikalen Systems aber soll meinethalben zur Hölle fahren und dortselbst 400.000 Jahre im ewigen Feuer schmoren, Sous-vide natürlich, auf solche Feinheiten lege ich als Connaisseur Wert.
Das Plakat oben klebt seit 10 Jahren bei mir im Hausflur über dem Mitteilungsbrett, auf dem früher revolutionäre Botschaften vermeldet wurden, heute aber eher Müllabfuhrtermine. Wahnsinn, wie lange das Gaffatape hält. Achtlos tapse ich täglich daran vorbei. Die aktuelle Diskussion um den Missbrauch hat mich wieder daran erinnert, dass auch ich eher Teil der Lösung bin, mit den bescheidenen Waffen des Satirikers. Beachten Sie bitte den Lichtreflex des Fokusstrahls vom Smartphone, den ich künstlerisch so auf die Hand des Oberreaktionärs Ratzinger gelenkt habe, dass er den Anschein einer Hostie erweckt. Damit Sie, liebe Leserinnen, mal einen Einblick in die Werkstatt des Meisters (damit meine ich mich!) erhalten.
Für die hoffentlich immer zahlreicher werdenden Heidinnen unter Ihnen: Hostien sind der materielle Träger des schwer verkifften Unsinns der Transsubstantiation. Wer diesem Aberglauben frönt, die glaubt auch an die Wirkweise von Globuli. Und damit tut sich das weite Feld der Gegenaufklärung auf. Globuli sind die Hostien des postmodernen Volltrottels.
Amen. Der Herr (damit meine ich mich!) hat gesprochen. Wir singen das Lied Nr. 68 aus dem Gesangsbuch: „I‘m on the Highway to hell.“
05.01.2020 – Ich steigerte also das Nichts in neue Größen

Nichts, verschiedene Größen.
Zu behaupten, ich hätte zwischen den Jahren Nichts gemacht, wäre mein persönlicher Euphemismus des Jahrzehnts, meinen Zustand mit Faulheit zu beschreiben eine freche Untertreibung und meinen Aktionsradius mit „gleich oder kleiner Null“ zu definieren, eine mathematische Falschaussage, er bewegte sich weit unterhalb dessen. Einzige nennenswerte Aktivität, die ich an den Tag legte, war Stoffwechsel und selbst den hätte ich eingestellt, wenn das noch ein paar Tage länger gedauert hätte. Mir war durchaus angenehm dabei, die Arbeit ward getan und sie ward gut getan, kein Termin drängte, oder dräute gar am Gefühlshorizont. Das Jahr war überaus gelungen in jeder Beziehung und nicht eine Sekunde hatte mich in faden Momenten das nagende Gefühl befallen, dass draußen an mir das Leben vorbeirauschen würde und meine Zukunft vom Horror vacui einer ungelebten Existenz gepeinigt würde. Alles war bunt gewesen, wie eine Wundertüte.
Da wird ja man wohl mal einen Gang zurückschalten dürfen. Ruhe ist nicht die erste Bürgerpflicht, sondern die Tugend des Revolutionärs vor dem Sturm auf die Barrikaden. Ich steigerte also das Nichts in neue Größen und fühlte mich wohl, es stand mir zu und ich stand dazu.
Siehe aber, am siebten Tag geschah es, dass ich ein Glas köstlichen selbstgemachten Johannisbärgelee aus dem Keller holen musste und eine freudige Erregung in mir registrierte.
Ich spürte dem in mir nach. Und es handelte sich unleugbar um das fröhliche Gefühl, das sich einstellt, wenn man etwas sinnvolles vollbringt. Da hatte er mich also wieder, der Sinn, ein dubioser Cocktail aus Effizienz, Arbeit und Nützlichkeit. Wäre das hier kein Blog sondern ein Vlog, würde ich diese Szene mit dem Intro „Sonnenaufgang“ von Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ unterlegen.
Der Wert einer Handlung oder Nicht-Handlung bemisst sich in unserer Gesellschaft nach ihrer Nützlichkeit. Damit sind wir wieder mitten im Kapitalismus, mehr zu dessen Filosofie hier: Utilitarismus.
Ich habe Zeit meines Lebens ein gesundes Misstrauen gegenüber Erwerbsarbeit gehegt. Sie ist ein notwendiges Übel, wenn man sich bestimmte Dinge leisten will, und nur in sehr seltenen Fällen (ca. 5 – 10 Prozent) vermittelt sie das Gefühl von Sinn. Nicht sie ist Wesenskern des Kapitalismus, sondern der Profit. Das mit der Erwerbsarbeit wird uns nur von Kindsbeinen an eingebimst, damit das mit dem Profit funktioniert. Die Marxsche Mehrwerttheorie bringt der Volksmund auf den Punkt:
Die Dummen leben von der Arbeit und die Schlauen von den Dummen.
Aber selbst ich, der ich eine gesunde Abneigung von Kindesbeinen an gegen Nützlichkeit, Effizienz, Arbeit habe (die theoretische Grundierung kam später erst mit dem überaus sympathischen Schwiegersohn von Marx, Paul Lafargue, in mein Hirn) , bin derart mit dieser Ideologie vollgesogen, hinter meinem Rücken quasi, dass ich nach 7 Tagen schon nach Sinn lechze.
Jetzt suche ich nach Un-Sinn. Aber das muss möglichst effizient funktionieren.
04.01.2020 – 2020 ff.

Ohne Worte. Was schon zwei Wörter sind.
Ich habe den Eindruck, dass bei den Prognosen über das neue Jahrzehnt ein Unterton von Pfeifen im Walde mitschwingt.
Alle Prognosen sind vom Ende her gesehen Asche, Vanitas.
Eine gepflegte Pandemie kann alle Prognosen über den Haufen werfen. Ein mutiertes Vogelgrippe-Virus, das die Mortalitätsrate des unbehandelten HIV-Virus besitzt, würde auch in sozialer Hinsicht unsere Gesellschaften alt aussehen lassen (Die Rate beträgt 100 Prozent über 20 Jahre). Lokale Atomkriege zwischen Indien und Pakistan oder irgendwo anders sind keine Gehirngespinste mehr.
Und wer weiß schon, wie der nächste heiße Scheiß unser Leben verändert. Nach dem Smartphone z. B. ist die Welt eine andere geworden. Außer Trappisten und Amish gibt es keine nennenswerten Gruppen ohne das Ding. Fast jede Deutsche unter 65 nutzt ein Smartphone. Arbeit, Freizeit, Kommunikation auf der Höhe der Zeit ist ohne das Ding nicht machbar. Mir ist das Ding eigentlich schnurz, ich seh es halt wie einen Lichtschalter. Wer liebt schon einen Lichtschalter, aber ohne den wär’s duster. Selbst ökologisch hat das Ding Vorteile, wie das erregte Geschnatter um die Bonpflicht zeigt. Bargeldloses Zahlen mittels Smartphones und die Papierberge fallen weg. Das ist auch auf viele andere Bereiche anwendbar und muss hier nicht erörtert werden, das geschieht seit Jahren in den einschlägigen Organen. Spannend finde ich diesen Prozess dort, wo er Veränderungen im privaten, alltäglichen Bereich hervorruft, jene mikroskopischen Veränderungen, die feine Spuren im Sand des Bewusstseins hinterlassen.
Ich führe zum Beispiel meinen Terminkalender per Papier, darauf passe ich auf wie auf meinen Augapfel. Virtuelles wie Outlook-Kalender ist mir eher Wurst, und Göttin sei Dank gibt es keine Macht der Welt, die mich zu sowas verpflichten könnte.
Hinten in den Kalender klebe ich zum Jahreswechsel immer den aktualisierten Adressteil ein, mit Anschriften und Festnetznummern. Aber wer telefoniert heute noch Festnetz? Wer schreibt noch Briefe? Wozu brauche ich eine Handynummer auf Papier?
Die Arbeit habe ich mir also heuer das erste Mal gespart. Und das war ein komischer, anrührender Moment, ein Moment des Abschieds, des Hinterhersinnens, fast meinte ich, mich beim Papier, beim alten und neuen Kalender, entschuldigen zu müssen.
In der Folge aber bekam Papier für mich auch eine kleine, andere Wertigkeit. Was seltener wird, wird ja auch kostbarer, geschätzter. Das gilt nicht nur für Toilettenpapier ….
Und alles, was mit Papier zusammenhängt, wird einer anderen Reflexion unterzogen. Handschrift zum Beispiel, und Schreibmaterial, wie Füller. Das sind auf einmal Wertgegenstände. Noch diese Woche eile ich in die wenig geschätzte City und kaufe mir einen guten Füller.
Oder bestelle ihn gleich per Smartphone.
02.01.2020 – Ich bin von lauter Flaschen umgeben – Teil 2

Eau de Toilette Probefläschchen von Fragonard. Seit einem Besuch der Fragonard-Produktionsstätte in Grasse schätze ich deren Düfte, sie sind dezent, natürlich und konzentriert. Nicht so eine Massenware wie Armani oder ähnliches Prollzeug.
Sinne lassen nach, sind unterschiedlich ausgeprägt, mein Geruchssinn z. B. ist nicht der Beste. Was im Sommer da, wo sich ungewaschene Menschenklumpen bilden, ein Segen ist, bei einer Weinprobe allerdings ein Nachteil. Sinnlichkeit lässt sich aber schulen, kann geübt werden. Und so unterwerfe ich mich ab und zu einer Blindverduftung, was das Parfüm-Gegenstück zu einer Wein-Blindverkostung ist. Wenn Sie, liebe Freundinnen der guten Gerüche, diesen Begriff noch nie gehört haben, ist das kein Grund zum Googeln, ich hab ihn gerade erfunden.
Dabei werden die Gerüche einem Wohlgefallens-Ranking unterworfen, entsprechend nummeriert, und das Procedere ein paar Wochen später wiederholt, natürlich doppelblind. Beruhigend, wenn dann die gleiche Reihenfolge rauskommt.
Schulung der Sinne, ästhetische Bildung, das Lernen von Unterschieden in Geschmack, Geruch, fremden Kulturen, ist auch politische Bildung, das kann gar nicht oft genug betont werden. Sie bildet eine Grundlage für ein Wesensmerkmal des aufgeklärten Kosmopoliten: Die Wahrnehmung und Wertschätzung von Differenz. Jeder Mensch ist in seiner Gleichheit anders. Wer das kapiert, kann kein Nazi werden. Reisen, Weinproben und Blindverduftungen sind also im weitesten Sinn Akte der Aufklärung.
Das hilft auch im neujährlichen Alltag. In Hannover an der nächsten Messstation bei mir umme Ecke war 24 Stunden nach dem Feuerwerk noch eine Feinstaubbelastung von 218 µg/m3 . Der Luftqualitätsindex hört mit der schlechtesten Bewertung 6 für sehr schlecht mit dem Grenzwert > 100 µg/m3 auf, darüber wird nicht weiter differenziert. (Es geht natürlich immer um Jahresmittelwerte für eine valide Bewertung, aber die Existenz von Maxima lässt zumindest Rückschlüsse auf die Mittelwerte und Gefährdungsschwellen zu). In meiner Straße steht keine Luftmessstation, sie ist die dreckigste und lauteste des Universums, für ihre Messstationen müssten vermutlich andere Skalen mit neuen Zehnerpotenzen eingeführt werden. Beruhigend allerdings die Tatsache, dass es woanders schlimmer geht. In meiner Berliner Homebase von 2018, der Yorkstrasse, bretterten täglich doppelt so viele Autos durch. Wir sehen also: Reisen erweitert den Horizont. Und beruhigt. (Wobei die Yorkstrasse viermal so breit ist und auf dem Mittelstreifen hohe Bäume stehen. Seufz.)
Ich mach jetzt Schluss, muss Wohnung lüften…
Heiteres Restjahr, liebe Leserinnen.
31.12.2019 – Ich bin von lauter Flaschen umgeben

Madeira 1997. Feiertage sollen, folgt man den handelsüblichen Wünschen, fröhlich, schön oder auch besinnlich sein. Welche Sinne da besonnen werden sollen, wird nicht näher ausgeführt. Ich bin zum Jahresende gerne auf Bacchus Spuren besinnlich, da darf es zur Feier aller Tage, derer noch nicht Abend ist, auch mal was Besonderes sein, wie ein 97er Madeira.

Funkelnde, rubinrote Reflexe in der tieffliegenden Mittagssonne. Eine konzentrierte Aromenfülle von üppiger Süße. Aber jeder nur einen winzigen Schlock. Genuss halt, Schule der Sinne und ästhetische Bildung. Nix zum Saufen.
Früher war Silvester immer verbunden mit Zechgelagen und zu den Mannbarkeit-Initiationsritualen gehörte dann bei manchen schlichteren Gemütern das Prahlen mit Alkoholmengen, wie viel man gestern getrunken habe und letzte Woche erst und überhaupt wisse man mitunter gar nicht, wie nach Hause etc. pp. (Siehe auch Männer Schwanzvergleich und PS-Protzerei).
Sowas versendet sich normalerweise Ende Zwanzig, dann gabeln sich die Kohorten in hie Gewohnheitstrinker und da Genusstrinker. Die Gewohnheitstrinker werden Alkis und prahlen eventuell bei absterbenden Hirnzellen weiter. Was sich aber Ende Fünfzig spätestens versendet, in Folge Säuferleber und Exitus. Die Genusstrinker prahlen dann mit ihrer Kennerschaft, dass sie neulich einen unglaublichen Schluck (die reduzierte Alkoholmenge ist hier unbedingtes Distinktionsmerkmal…) eines 97er Madeira zu sich genommen haben, mit einer konzentrierten Aromenfülle blablabla …
Dann gibt es noch, und es werden wohl immer mehr und sie werden gehäuft zu Silvester und ähnlichen Alk-Anlässen auf den Altar den Medien gehievt, die Garnicht-Trinker, die das mittlerweile offensiv auf riesigen Alkfreien Partys inszenieren.
Ich will Alkoholismus nicht kleinreden. Die Folgen dieser Krankheit sind elend, qualvoll und wenn man Pech hat, auch noch langwierig. Ich bin für Werbeverbot, Aufklärung, offensives Ansprechen des Problems, wenn man sowas im Umfeld erlebt etc pp. Aber dieses Zelebrieren der neuen Religion Körperertüchtigung, immer fit, fromm, fröhlich, frei, Null Adrenalin, kein Kontrollverlust, kein Rausch, kein garnix, riecht mir verdammt oft nach Selbstoptimierung, um bedingungslos und allzeit gestählt der Maschine Kapitalismus und dem Arbeitsmarkt sich auszuliefern.
Alkoholismus und Drogen sind eine Form der Abwehr gegen die Ängste, die die Überforderungen der Moderne und des Kapitalismus mit sich bringen.
Die neue Religion der Rauschfreiheit ist die bedingungslose, vorauseilende Kapitulation davor.
Von der Körperertüchtigung zur Wehrertüchtigung ist es mitunter nur ein kleiner Schritt, gerne auch ein Tango-Schritt.
Von daher, liebe Leserinnen, wünsche ich Ihnen für 2020 ab und zu rauschhaften Kontrollverlust – nach Ihrer Wahl. Und ein spannendes neues Jahr.
Prost.
29.12.2019 – Restglauben an die Welt

Eis auf Gartenteich heute Morgen. Als Naturbursche brauche ich kein Thermometer oder Internet, um zu wissen, wie es um das Wetter bestellt ist. Ein Blick hinaus ins Freie genügt und ich weiß:
Brrr, kalt. Zeit, Urlaub zu machen.
Es gibt ja Leute, die finden verschneite Gärten zauberhaft und filigrane Eisstrukturen auf frisch zugefrorenen Teichen erhabener als einen Caravaggio. Dazu gehöre ich nicht. Ich bin frischere Temperaturen auch kaum noch gewöhnt. Gestern auf dem Radl dachte ich, mir frieren die Ohren am Kopf fest. Da werden auch die Gedanken langsamer, Brownsche Molekularbewegung. Wobei es sich bei meinen Gedanken keineswegs um Moleküle handelt. Sondern meist um Großes, Erhabenes.
Zu oft allerdings werde ich durch die Unwägbarkeiten des Alltags auf den Boden der Realität gezerrt, regelrecht geprügelt, gepeinigt, demoralisiert, zerschmettert, zermahlen zu Molekülen fast. Ein weihnachtliches Beispiel nur: Im Rahmen meiner Verkündigung der frohen Botschaft, dass auch Hartz-IV-Empfänger*innen Weihnachtsgeld erhalten sollten, erfolgten diverse Anrufe bei mir von nicht erfreuten BRD-Insassen, die die dpa Meldung irgendwo gelesen hatten:
„Also ich muss Ihnen da mal was sagen…“ Und: „Die Hartz-IVler kriegen es vorne und hinten reingeblasen…ich habe mein Leben lang gearbeitet….49 Jahre lang…und die kriegen mehr Hartz-IV als ich Rente“
Ich: „Das ist sehr ungerecht, dass sie nach lebenslanger Arbeit so eine geringe Rente kriegen.“
BRD-Insasse, empört: „Ich kriege keine geringe Rente, ich hab mir gerade eine Wohnung für 300.000 Euro gekauft.“
Ich, sprachlos …
Er: „Ich habe 1978 als Montageleiter in Saudi-Arabien gearbeitet, 354 Tage im Jahr. … „
Da kommt bei ähnlicher Arbeit über 49 Jahre einiges an Rente zusammen, was dem Mann von ganzen Herzen gegönnt ist. Aber woher hat er die Information, dass der Hartz-IV-Regelsatz in Größenordnungen von 3 bis 4.000 Euro liegen soll, also höher als seine Rente?
Des Rätsels Lösung:
„Ich habe neulich „Armes Deutschland“ gesehen ….“
Mehr brauche ich nicht zu hören. Gegen „Armes Deutschland“ Ressentiments kann man nicht argumentieren, das ist Sozialpornographie, in Bilder gegossene Niedertracht, die Menschen noch den Rest an Würde nimmt …
Gemessen an den Hamletschen Pfeilen und Schleudern des wütenden Geschicks, welche ich mitunter im Rahmen meines Jobs erdulden muss, bin ich grotesk unterbezahlt.
Aber es geht auch anders: Die nächste Anruferin kümmert sich mit ihrem Mann seit Jahren um Flüchtlinge und ärgerte sich darüber, dass der Mann einer Flüchtlingsfamilie einen Großteil seiner Weihnachtsvergütung im Rahmen einer Ausbildung auf seinen Hartz-IV Regelsatz angerechnet bekommt (100 Euro sind anrechnungsfrei, alles darüber wird nach einem komplizierten Bürokratiemonster-Verfahren angerechnet.). Ob ich das nicht mal zum Thema machen könnte…?
Solche Anrufe geben einem dann doch einen Restglauben an die Welt wieder.
27.12.2019 – Sei ruhig, aber bei Facebook

Sei ruhig. 1958 Skatverein 1958 e. V. Mit einer Installation aus Schinkenhäger und Fussball-Weihnachtsmännern (sic!). Zeitgenössische Kunst, präzise und radikal kritisch.
Oder sollte ich mich da täuschen…?
Der Name des Skatvereins könnte auch programmatisch über den 50ern des Wiederaufbaus stehen: Sei ruhig, deutscher Michel. Kein Wunder, dass darauf die „Wilden 60er“ folgten. Die wiederum die Basis für das „Goldene Zeitalter des Kapitalismus“ legten, die von Reformen geprägten 70er. Von nun ging‘s bergab, zumindest aus kritischer Sicht: 80er Stagnation und Aufstieg des Finanzkapitalismus, 90er Wegfall der Ost/West Systemkonkurrenz und Siegeszug des Neoliberalismus, 00er Finanzkrisen, und die zurückliegenden 10er sind gekennzeichnet durch … darüber streiten sich die Auguren noch…ich tippe mal: durch verpasste Chancen, dramatischer formuliert: Ruhe vor dem Sturm. Wir haben gesehen, dass wir so nicht weiter wirtschaften können aus globaler Sicht, was soziale und ökologische Konsequenzen betrifft, die Fakten und Analysen sind bekannt. Was dagegen unternommen wurde, entnehmen sie den Abendnachrichten: Nahezu Nichts. Noch nicht mal ein lächerliches Tempolimit ist möglich.
Mit Vorhersagen über die Zukunft bin ich vorsichtig, meine Trefferquote aus Jahrzehnten Lottotippen lehrt mich Demut. Aber es gehört nicht viel soziologische Phantasie dazu, sich vorzustellen, was passiert, wenn sich die nächste Flüchtlingskrise mit einer Wirtschaftskrise überlagert. Nochmal 1 bis 2 Millionen Flüchtlinge bei gleichzeitigen 5 Millionen Arbeitslosen wie Anfang 2000er und das eventuell verstärkt durch den Strukturwandel in Branchen wie Automobil, Banken, Versicherungen … Ob dann das gesellschaftliche Klima hierzulande durch Toleranz & Diskurs gekennzeichnet sein wird, da habe ich meine Zweifel.
Noch lässt sich der gewerkschaftsdoitsche IG Metall-Facharbeiter trösten mit der Aussage, dass der Strukturwandel der Arbeitswelt keine Massenarbeitslosigkeit produziert, die Arbeitsplätze sich nur verlagern, in den Dienstleistungssektor. Wenn er merkt, dass dort keine 5.000 im Monat zu verdienen sind, sondern nicht mal die Hälfte, als Paketzusteller bei Hermes oder Pommesbruzzler in der Klopsbratküche, dann gute Nacht, Marie. Dann wacht nämlich der Gewerkschafts-Michel auf. In der DNA der IG Metall ist durchaus noch ein Rest Kampferfahrung bis hin zur Militanz vorhanden. Wenn sich das mal ins Rechtspopulistische wendet (der Anteil von AfD-Wähler*innen unter Gewerkschaftsmitgliedern ist jetzt schon überdurchschnittlich und es gibt erste rechte Betriebsräte) , würde man sich die 50er und „Sei ruhig“ wieder zurück wünschen ….Aber versuchen Sie mal, Zahnpasta in die Tube zurück zu drücken.
Sehr schön finde ich übrigens die Dialektik von Tradition und Moderne im Bild oben:
Sei ruhig, aber bei Facebook. Wenn sich sogar Skatvereine von 1958 e. V. dem Veränderungsdruck der Moderne stellen, wo soll das noch enden …