
Wenn ich Pflege brauche, gibt es eine Pflegekasse. Da bekomme ich dann ein wenig Geld, um die minimale Pflege zu bezahlen, die ich benötige. Aber Zeit, mich zu begleiten, hat da niemand. Und keine Pflegekasse der Welt zahlt für Beistand.
Wie schön und gerecht wäre es, wenn es einen Sterbelotsen im Quartier geben würde, als von der Kommune gestellte Person, die sich kümmert. Die sich auskennt im Kiez, die die anderen Mitmenschen kennt, die da auch noch rumleben… und der vielleicht vermitteln kann, Zeit vermitteln, Kümmerer vermitteln, Einkaufshelfer vermitteln.
In der Ausbildung zum Sterbelotsen taucht immer wieder ein Merksatz auf: Um ein Kind großzuziehen, bedarf es eines Dorfes. Um würdevoll zu sterben – auch.
Dieses Dorf zu generieren, zu erhalten, das ist eine Aufgabe, die für mich mit am wichtigsten ist: Wenn wir alle uns ein klein wenig um unsere Nachbarn kümmern, und dabei Unterstützung des kommunalen Sterbelotsen bekommen – es würde das Leben verbessern und das Sterben erleichtern.
Aber in einem Land, in dem wir Sozialleistungen relativ kürzen, muss ich noch keine Bewerbung als kommunaler Sterbelotse schreiben. Ich kann weiter meine Rechnungen mit Mehrwertsteuer schreiben, und das kann dann gewinnmindernd in deiner Steuererklärung eingetragen werden. Wenn du dann Gewinn hattest.
In diesem Sinne – lasst uns zusammenrücken – wir brauchen uns.
Andreas Striefler
Botschafter für würdevolles Sterben
www.Sterbelotse.de
Andreas@Sterbelotse.de
Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell
18.03.2022 – Und die Erde ist eine Scheibe

Koch und Pasteur sind die Begründer der Bakteriologie und Mikrobiologie und haben durch ihre Arbeit zig Millionen Menschen das Leben gerettet. Wer das anzweifelt, glaubt auch an Aluhüte gegen Ufostrahlen, dass die Erde eine Scheibe sei, Corona eine Erfindung der Merkel-Echse usw. usf. Erscheinen tut solch lebensgefährlicher Unsinn im einschlägigen Koppverlag. Nun beschränkt sich derartiger Unfug nicht nur auf Wissenschaftsverweigerung und Faktenresistenz und -renitenz, sondern gebiert in seinem Umfeld widerwärtigen Antisemitismus. Der Vorsitzende der Partei „Die Basis“, ein Konglomerat von Quartalsirren und Karnevalskaspern, Reiner Füllmich behauptet: die Bundesregierung plane in der Pandemie „Schlimmeres“ als den Holocaust und wolle „eine Art KZ“ für Nichtgeimpfte errichten. Sie plane eine „organisierte Massentötung“: Der Impfstoff werde ein Viertel aller Deutschen direkt umbringen und bei weiteren 36 Prozent potentiell tödliche Nebenwirkungen hervorrufen.
Der Mann ist immer noch Vorsitzender dieser Realsatirepartei.
Mittlerweile ermattet das nur noch. Ich wundere mich über nichts mehr. Was passieren kann, passiert auch an Irrationalität, Irrsinn, Niedertracht und Abgrund. Ein Austausch ist da völlig unmöglich. Neben der Abwesenheit von Moral und Ethik gibt es auch keine Anknüpfungspunkte für einen Austausch von, ja von was? Argumenten?
Und wie soll man, als Schutzmechanismus, daraus Satire machen? Man kann sowas 1:1 zitieren, wenn man es geschickt montiert, gibt es paar Lacher von den eh Überzeugten und die Herde der Verrückten zieht unbeeindruckt weiter, immer tiefer in das Tal der Finsternis, da wo der Schlaf der Vernunft Ungeheuer gebiert .
Aber wenn nach über zwei Jahren Pandemie und Dauerkrisen von Inflation über Klima bis Krieg ein nennenswerter gesellschaftlicher Effekt ist, dass trotz explodierender Fallzahlen the great Lockerung angesagt ist, dann schüttele ich zumindest im letzten Grunde nur noch verständnislos den Kopf. Immer öfter ertappe ich mich bei dem Gefühl: Ich verstehe es nicht. Ich kann vieles rational ergründen, so das politische Interesse, dass hinter Lockerungen und der Verweigerung der Impfpflicht steht, den politischen Druck, den die Gesellschaft nicht mehr aushält, aber rational ergründen ist nicht gleich begreifen, wenn also der Sinn das Gefühl, die Seele ergreift. So wie früher, wenn man was gepaukt hatte und dann das Gefühl hatte: Das sitzt. Falls Sie, liebe Leserinnen, das verstehen. Und sich das Luxusgejammere hier, und das ist es, bis zum Ende angetan habe. Das nächste Mal wieder lustig, was aus meinem Witze-Verleih: Kommt ein Blondine zum Herren-Frisör ….
14.03.2022 – No surrender

Ohne Moos nichts los.

Reales Moos. Pflanze ich im Garten, in Schattenecken. In Gartenmärkten gibt es ganze Regale mit Moosbekämpfungsmitteln. Wer jemals auf einer Wanderung sein ermattetes Haupt auf Moos gebettet hat, wird wissen, wie schräg das ist: Moos bekämpfen, mit Gift. Die Weichheit von Moos ist einzig, flauschig, zart und doch mit Struktur. Was ist noch weich? Haut, Kopfkissen .. spüren Sie mal dem Gefühl „weich“ nach, 30 Sekunden lang. Weich ist komischerweise nicht durchgängig gut angesehen. Wer wäre schon gerne ein Weichei. Dann viel lieber ein harter Verhandlungspartner. Hart wie Kruppstahl … wohlan, aber als Dauerzustand?
Und dann noch zäh wie Leder und flink wie Windhunde, das ist das Material, aus dem Soldaten geschnitzt sein sollen. Aktuell rollt ja die Militär-Gewalt-Phantasiemaschine auf Hochtouren. So wie früher Millionen Schiedsrichter beim Lederballgetrete vor den Bildschirmen hockten, tun das jetzt Millionen Militärexperten in imaginierten Schützengräben, den inneren Stahlhelm festgezurrt, damit kein fremder, weicher Gedanke das Hirn penetriere. Kriegerische Maskulinität. Die Kommentare der einschlägigen Presse von heute, Appelle an die Ukraine: Keine Kapitulation. No surrender. Der Gott der Rhetorik Winston Churchill postulierte angesichts der faschistischen Bedrohung kategorisch:
„We shall never surrender.“
Er hatte alles Recht dazu. Aber hierzulande aus der warmen Schreibstube Vätern und Mütter in der Ukraine zu predigen, ihre Söhne auf dem Altar des Vaterlandes, für die Freiheit, zu opfern, da könnt ich schon wieder kotzen. Was in wenigen Tagen an Militarisierung des Denkens, an Mobilmachung von Gewaltphantasien und Waffenfaszination durchgebrochen ist, das lässt mich überlegen, meine Zugehörigkeit zur menschlichen Rasse zu kündigen. Dann lieber Grottenolm oder Sackratte.
Es ist schon schlimm genug, den Krieg in die Gedanken lassen zu müssen und abzuwägen, wo Gewalt sein muss. Aber bei immer mehr Kommentatoren, Männern, hat man zunehmend das Gefühl, dass ihre Gewaltwichsphantasien in die Kommentarspalten tropfen. Ich ereifere mich auch deshalb so, weil kaum etwas schwieriger ist, als das Denken zu zivilisieren. Abrüstung fängt im Kopf an. Ja, Krieg ist mitunter notwendig. Aber die Maxime muss lauten: Zivilisation ist die Abwesenheit von Krieg.
No surrender? Gerne. So heißt ein Song vom Bassgott Jack Bruce, dem Dietrich Fischer-Dieskau des Rock‘n Roll. Spüren Sie einfach nur den genialen Bassläufen nach, welches Gefühl die vermitteln. Muskulös, breitbeinig, maskulin? Ja, und nix gegen Maskulinität, da wo sie hingehört, und da gehört sie hin. Aber nicht durch den Lauf einer Waffe.
Ein Konzert mit Jack Bruce, das wär’s, im Sommer open air, in der Spandauer Zitadelle. Ein Klick: Der Mann ist auch schon tot.
9.56 Uhr, eigentlich zu früh für einen Port, aber unter diesen Umständen …..
13.03.2022 – Herr Schulz sucht Pelze

Aus der HAZ, dem Fachblatt zum Fischeinwickeln. Dieses Käseblatt taugt für wenig, außer für unfreiwillige Lacher. „Herr Schulz sucht Pelze“ ist aber in seiner irrlichternden, kurzpräzisen Brillanz und Wirkung so nachhaltig, dass es der Arbeitstitel meines zukünftigen Opus Magnum wird, welches schon lange vollendet wäre und mich in den Olymp der Literatur katapultiert hätte, würde ich nicht meine Zeit für diesen Blog verplempern.
Schön ist auch diese HAZ-Fundstelle:

Jolanda Marder (Name von der Red. geändert).
Martina Musterfrau (neulich las ich irgendwo Martina Mustermann. Wem um Göttins Willen ist denn da beim Denken der Strom ausgegangen?) oder Bärbel J. könnte ich als geänderten Namen ja noch verstehen, aber Jolanda Marder? Was ging im Kopf der Schreiberin da vor und das ist nicht ziemlich Iltis-feindlich?
Sind so viele Fragen. Werd ich nie verstehn. So wie die Vorfreude vieler Jolanda Marders und Herrn Schulz dieser Republik auf eine Nach-Putin Ära. Wissen wir, was danach kommt? Wenn Putin nur die Farce war und der Nachfolger die Tragödie wird, was dann? Bei Kaiser Wilhelm dachten ja auch alle Welt, das sei schon die Tragödie gewesen. Und dann kam Hitler.
Verständlich, aber dämlich sind die derzeitigen allgemeinen Seuchen-Lockerungsübungen. Irrsinn. Wohin wir blicken. Natürlich will alle Welt wieder Normalität. Ich auch.
Aber normal war gestern. Ist heute ausverkauft und kommt auch nie wieder rein. Krise ist die neue Normalität. Und wer heute lockert, liegt morgen auf der Intensiv. Die Zahlen von heute sind die 6. Welle ab Mitte Oktober. Das ist sicherer als das Amen in der Kirche, von dem zu hoffen ist, dass es immer mehr ausstirbt.
Seuchenzusammenfassend können wir sagen: Die Lage ist nicht ernst, aber hoffnungslos. Die FDP hat wie immer sich durchgesetzt, die Nation ist auf dem besten Weg in die Klappsmühle. Denken, zumal kritisches, wird Mangelware. Aller Stoff im benebelten Diskurs wird gefühlig, was wir mit einem Streichholz im Benzinfass vergleichen können. Wir fühlen uns erschöpft und sehnen uns nach früher. Wir wollen endlich durchatmen. Aber pfeifen uns mit jedem Atemzug versiffte Aerosole rein.
Ich sollte wieder in den Marihuana Anbau einsteigen, da hab ich wenigstens Spaß beim Benebeltsein. Und: Ist der Handel noch so klein, bringt er doch mehr als Arbeit ein.
Oder ich mache ich einen Denkladen auf. Wenn mein Witze-Verleih schon so ein Mega-Erfolg war, was wird dann erst ein Denkladen abwerfen? Frische Gedanken im Sonderangebot, gebrauchte die Hälfte.
Wer denkt im Moment Konsequenzenorientiert daran, dass die Impfquote in der Ukraine bei lediglich 35 Prozent liegt, und was daraus folgt?
Ein heikles Thema, weil Flüchtlinge im rassistischen Milieu oft mit katastrophischen Naturmetaphern kontaminiert werden, wie Flutwelle, Lawine, Ströme etc. Sie schleppten Krankheiten ein, seien quasi selbst Bazillen, tödliche Viren im doitschen Volkskörper, eine Seuche, die über das doitsche Volk hinwegrollt und es ausrottet.
Darüber gilt es zu denken, wie Diskurse geführt werden (müssen, siehe Impfpflicht), ohne mit den richtigen Argumenten den falschen Akteuren Stoff zu liefern.
Mir raucht schon wieder der Kopf.
Aber bald raucht hier was ganz anderes.
12.03.2022 – Kein Vaterland der Welt ist es wert, dafür zu sterben.

Surreale Atmosphäre. Besonderes Licht auf Grund einer Luftmassen-Inversion.
Putins Imperialismus ist doppelt wahnhaft und gefährlich: Er ist völkisch und religiös begründet. Tragende Säule seiner Macht ist die russisch-orthodoxe Kirche, die den Überfall auf die Ukraine begrüßt. Deren Patriarch Kirill I. befürwortet den Angriff auf die Ukraine – die Gläubigen im Donbass müssten vor Homosexualität geschützt werden und gewisse Mächte würden den Menschen »Gay-Pride-Paraden« aufzwingen.
Das ist nach allen Regeln der Pathologie so verrückt und geisteskrank, dass man nur hoffen kann, Gas-Gerd trüge bei seinem Besuch in Moskau den Dolch im Gewande und machte Putin den Stauffenberg, oder, sympathischer: den Georg Elser, der u.a. Mitglied im Roten Frontkämpferbund war. Was hierzulande, wie so vieles, totgeschwiegen wurde.
Putin wäre nicht der Erste, der im religiösen Erlösungswahn, zwanghaft Hand in Hand mit völkischem Imperialismus, Feuer und Schwert über die Menschheit bringt. Aber da es in diesem Fall atomares Feuer ist, wäre er zumindest der Letzte.
Leider wird Gas-Gerd nicht zum ethisch legitimierten Mittel des Tyrannenmordes greifen, sondern nur danach trachten, wie er seine Säuferfresse möglichst vorteilhaft der Öffentlichkeit präsentieren kann.
Das Deprimierende an Kategorien wie religiöser Wahn, was ins Tautologische lappt, und völkischer Imperialismus, ist, dass sie sich rationaler Begründung, und damit der Beurteilung nach Interessen, entziehen. Wäre es da nicht nur sinnvoll, sondern sogar geboten, sich mit der Waffe in der Hand dem Aggressor entgegenzustellen, so wie es in vielen ukrainischen Heldensagen medial verbreitet wird?
Ich bin kein Pazifist, es gibt notwendige und gerechtfertigte Kriege und ein mitten im Frieden überfallenes Land hat jedes Recht, sich zu verteidigen. Gegen Hitler halfen keine Lichter- sondern Panzerketten. Und wie die Weltgemeinschaft beim Völkermord in Ruanda versagt hat, weil sie nicht zum Schwert griff, gereicht ihr zu ewigen Schande.
Aber ist Putin schon Nero, Hitler gar?
Ich weiß nur, wie ich mich im Kriegsfall verhalten würde. Ich würde vor dem ersten Schuss desertieren. Kein Vaterland der Welt ist es wert, dafür zu sterben. Die Freiheit schon gar nicht. Es erscheint mir eine völlig irrsinnige Idee, für die Freiheit sein Leben zu geben. Was für eine Freiheit? Was für eine Freiheit hat ein Obdachloser hierzulande, was für eine Freiheit Susanne Klatten? Was für eine Freiheit haben die Millionen Hungernden in der Peripherie, deren Staaten jetzt im Zuge allgemeiner, globaler Militarisierung aufrüsten und jeden zum Überleben notwendigen Cent verpulvern? Ob die Hungernden, wenn sie an unsere Grenzen klopfen und das werden sie tun, ähnlich freudig begrüßt werden wie Ukrainer*innen?
Ich hab da so meine Zweifel. Aber hoffe, wie immer öfter in den letzten Jahren, dass ich mich irre.
09.03.2022 – Wann haben Sie das letzte Mal an Ihren Tod gedacht?

Wenn schon sterben, dann aber richtig schön.
Und mit Bedacht. Das überfordert Sie? Dann schauen Sie doch mal auf die Seite Sterbelotse.
Irgendwann betrifft es jeden, ob direkt oder als Angehörige. Mein Freund und Kollege Andreas Striefler ist in dem Fall der richtige Ansprechpartner. Auch wenn Sie noch knackig-frisch in den Fünfzigern sind: Packen Sie sich die Seite zu den Favoriten oder in Ihren Ordner „Noch erledigen“ und wenden Sich dann wieder fröhlich, so die allgemeine Welt- und Seuchenlage das zulässt, dem Alltag zu.
Ich belasse es dabei. Mein Lieblingsthema ist der Tod nicht. Aber er gehört, und hier werfe ich mal die Phrasenmaschine an, zum Leben.
Als Service für Sie, liebe Leserinnen, hier noch eine ganz profane Checkliste vom Sterbelotsen:

Eine Erledigungsliste ist der erste Schritt. Aber der ist auf einem langen Weg der Wichtigste ….
06.03.2022 – Girls will be boys and boys will be girls

Früher … Schifferklause, in den 80ern. In einer eher subproletarisch-prekären Gegend, wo jetzt Penthouses eines Neubaugebietes („Wohnen am Wasser“) locker über eine Mio. kosten. Beim Anblick solch scheinbarer Idylle von Früher denke ich, gerade in Zeiten wie diesen, natürlich auch mit einem Hauch Sehnsucht: Früher war alles besser.
Anders war es auf jeden Fall. Aber verständlich, dass immer mehr Menschen von diesen permanenten Wellen von Veränderungen überfordert sind. Waren es früher vor allem die der Modernisierung, kommen zusätzlich die der Krisen hinzu. Eine Welle überlagert die nächste. Kein Wunder, dass vor allem Männer, weiß und alt, vermehrt wünschen, die alte Übersichtlichkeit käme wieder zurück. Wie heftig diese Sehnsucht ist, zeigt das folgende Zitat:
„Ein Mitglied der Telegram Gruppe „Hanau steht auf“ wünscht sich, dass Putin „bis nach Berlin durchmarschiert“. Dann fiele das Gendern weg. „Sind Männer Männer und keine Frauen.!“
Dieses Zitat bringt es wundervoll auf den Punkt. Es ist ja nicht die Überforderung durch das allmähliche Ändern der Sprachregeln wie beim Gendern. Die Vehemenz, mit der dieser eigentlich alberne Kulturkampf geführt wird, deutet auf tiefere Ängste. Die Angst vor der Auflösung der Geschlechtergrenzen und der eigenen Körperidentität. Der Körperpanzer löst sich auf, alles wird fluid. Das ist dann der gefühlte Untergang. Und solche Bewusstseinsströme kommen natürlich in Angstbesetzten Krisenzeiten wie diesen stärker an die Oberfläche. Da wird dann schon mal ein Putin als Erlöser imaginiert.
Wann fing das eigentlich an mit der Auflösung von Grenzen, Geschlechterrollen, Körperidentitäten?
Eine schöne Geschichte dazu im Song Lola“ (ab 1.05) von den Kinks, 1970. Ein Typ in einem Club trifft Lola, ziemlich nonbinär, würden wir heute sagen:
„she walked like a woman but talked like a man“.
Alles wird fluid, was sind das für verrückte Zeiten:
„Girls will be boys and boys will be girls
It’s a mixed up, muddled up, shook up world, except for Lola, La-la-la-la Lola“
Wie soll Mann damit umgehen?
„Well, I’m not the world’s most masculine man
But I know what I am and I’m glad I’m a man“.
Da wird die monströse Verunsicherung spürbar: I know what I am. Wirklich? Warum dann die Rückversicherung? Unser Lola-Held hält das nicht aus. Nachdem er vorher mit Lola rumgemacht hat, folgt der Zusammenbruch:
I pushed her away
I walked to the door
I fell to the floor
I got down on my knees …
Aber eins dürfte sicher sein: Es (Er) wird nie wieder so sein wie vorher. Da sind Sprünge im Körperpanzer. Die Männerrolle, die die Naziväter ihren Söhnen eingeprügelt hatten, hat Risse: Männer weinen nicht, kennen keine Schmerzen, verlieren keine Kontrolle, wissen, wer sie sind? Nicht mehr wirklich.
Lola, 1970. Und 2022 der Wunsch, dass Putin bis Berlin durchmarschiert, damit das Gendern aufhört.
Wir waren schon mal weiter.
04.03.2022 – AKW ade

Voilà un Arschloch. Das Foto geht zur Zeit in sozialen Medien steil, deshalb mache ich etwas, was ich sonst nie mache: Ich verwende eine Fremdquelle ohne Angabe.
Komisch nur, dass erst jetzt alle merken, was für ein charakterloser Lump Schröder war und ist. Wenn man schon nicht die politische Analysefähigkeit und den Anstand besaß, die von Schröder, seinem damaligen Büroboten Steinmeier und seinem Kellner Joseph Fischer ins Leben gerufene Agenda 2010 als das zu bezeichnen, was es war: Ein ehrloser Verrat an gesellschaftlicher Solidarität und allen Restidealen der ehemaligen Arbeiterbewegung, dann hätte man mit einem Minimum an Menschenkenntnis dechiffrieren können, was da mit dicker Hose daherkam – ein Parvenü reinsten Wassers, mit all dessen Eigenschaften wie notorische Prahlsucht chauvinistische Überheblichkeit, Niedertracht, Abwesenheit jeglichen Stils, von Eleganz, Charakter und Benehmen ganz zu schweigen.
Es gibt in der Juristerei den prima-facie Beweis, den des ersten Anscheins, auf Erfahrung gegründet. Man schaue ihm ins Gesicht, höre, wie er was sagt, wie er geht und sich kleidet, mit wem er sich umgibt. Mit der Analyse von Parteitagsreden und Texten ist es nicht getan. Eine Vorstellung von psychopolitischen Mechanismen braucht’s schon, aber daran mangelt es der bürgerlichen Öffentlichkeit.
Leider bricht auch hier wieder antizivilisatorisches in mir durch und ich wünsche dieser Wurst eine Begegnung auf den Straßen jener Stadt, die ihm demnächst die Ehrenwürgerbürde abspricht, mit ein paar Ukrainern, die dann …
Nun ja. Tut mir leid.
Und das ist ja auch alles lächerlich im Vergleich zu dem, was in der Ukraine passiert. Mittlerweile werden schon Atomkraftwerke in Brand geschossen. Wenn es dieses Mal noch gut geht, was immer das heißen mag, dann eben nächstes Mal.
Hatte ich im letzten Blog noch flapsig dahergescherzt, ich griffe mir meinen Silberdollar und setzte mich nach Corfu ab, wenn alle Stricke rissen, so rückt das atomare Geschehen dieses Witzchen ein Quäntchen näher an die Realität. Atomare Stricke also, die beginnen zu reißen. Was passiert, wenn das größte AKW Europas in die Luft fliegt? 10x schlimmer als Tschernobyl?
Exodus? Wohin? Mit was? Korfu bestimmt nicht, eher Irland. Aber mit einem Silberdollar?
Erinnerungen werden wach, on the road, um 1980 rum. Praktisch alle, die ich unterwegs traf, wollten auswandern, auch wg. Atom. Mir erschien das skurril, ich hatte diese Vorstellung mitnichten und habe ich sie jetzt natürlich auch nicht. Aber das Valle in Gomera dürfte demnächst wegen Überfüllung geschlossen werden.
Fazit: Die Phantasie hinkt im Ausmalen der Krisenszenarien der Realität aber sowas von hinterher…
02.03.2022 – Wie fühlt sich Krise sinnlich an?

Ich setze einen Dollar auf Ölbäume. US-Silberdollar von 1922. Wenn alle Stricke reißen, nehme ich den und setzte mich damit nach Korfu ab, unter die Ölbäume. Gold und Silber ist in Krisenzeiten überall akzeptiert, gerade dann, wenn Wertpapiere sich im freien Fall befinden und Geld nur noch Papier wert ist. Und bevor Sie, liebe Geld übrighabende Leserinnen, sich jetzt zum nächsten Degussa-Laden aufmachen und mit Edelmetallen eindecken, bedenken Sie zweierlei: an Gold klebt Blut.
Und kaufen Sie keine Kilobarren. Wenn Sie damit beim Bäcker Brot bezahlen wollen, könnte es mit dem Wechselgeld Schwierigkeiten geben. Nehmen Sie Münzen. Ich hatte gehofft, dass der aus den Untiefen meines Archivs geborgene Dollar mich von allen finanziellen Beschränkungen befreien würde, ein Fehldruck, der 6 Mio. Euro wert ist. Ein Klick: 34,90. Für ein romantisches Stranddinner reicht es vielleicht.
Das führt uns zur Frage: Wie schmeckt Krise überhaupt, wie fühlt sie sich sinnlich an? Wenn der irische Bauer 1848 eines Morgens an seinen Kartoffelacker trat und das Kraut welken sah, verfaulen, dürfte ihm ein eiskalter Schreck des Todes in die Glieder gefahren sein. Er wusste im Rahmen der großen Hungersnot in Irland: Das ist der Anfang vom Untergang seiner Existenz. Der Tod. Wenn er nicht rechtzeitig in die USA auswanderte
Krise war da mit allen Sinnen erfahrbar, begreiflich. Ist das also der Geschmack von Krise? Kommt drauf an.
Ganz anders die Finanzkrise von 2008, wo Staatspleite, Bankenchaos und Wirtschaftskrise vor der Tür standen und das angeblich nur durch Merkels Zusicherung verhindert wurde, der Staat würde für alle Einlagen haften
Können Sie sich erinnern, was Sie an dem Tag gemacht haben? Anders als vermutlich am 11.9.2001, als die Flieger in die Tower rauschten. Hatten Sie 2008 Angst, der Krisenrohstoff schlechthin? Ging es Ihnen danach materiell schlechter?
Krise also hier als völliges Abstraktum, mit keinem Sinn zu erfahren. Für Abstraktionsfähige höchstens als Kopfgeburt.
Corona erfahren wir seit 2 Jahren Tag für Tag sinnlich, selbst wenn wir nicht gestorben oder an Long Covid erkrankt sind. Angst, Furcht, innere Unruhe, Niedergeschlagenheit, Müdigkeit, Depression etc. pp.
Krieg in der Ukraine hat das von einem auf den anderen Tag verdrängt. Corona? War da was? Novavax? Brauch ich nicht.
Klimakrise. Macht Ihnen Angst? Glaub ich nicht. Gedanken vielleicht, ein Anflug von Sorge. Aber bestimmt keine Angst. Wenn Sie eine von den Guten sind, anders als ich, und ethisch verantwortungsvoll handeln, lassen Sie das Fliegen sein. Aber nur weil Sie entweder Kinder haben oder ein hohes Abstraktionsvermögen und soziologische Phantasie. Sie haben eine Vorstellung von dem, was kommen könnte, eine Kopfgeburt.
Wir sind nach wie vor Höhlenbewohnerinnen, deren Krisenbewältigungsfähigkeit begrenzt wird durch sinnliche Erfahrung, Reiz-Reaktionsschema: Säbelzahntiger greift an, Adrenalinausschuss, Angriff oder Flucht.
Klimakrise? Wohn ich im Ahrtal? Klimakrise vielleicht in 50 Jahren, wenn ich im Altersheim von Dauerhitzewellen über 40 Grad im Sommer gebeutelt werde. Das ist noch lange hin. Bis dahin flieg ich mit meinem Silberdollar nach Korfu.
Wegen derartiger Mentalitäten wird die Menschheit langfristig die Silber-Löffel weglegen und sich zu dem entwickeln, was wir im Grunde unserer Evolution immer noch sind: Höhlenbewohnerinnen.
Gute Reise.
28.02.2022 – Kleine Fluchten aus der kriegerischen Gegenwart

Kassenhaus SCHUPPEN 68. Wurde bei Straßenaktionen immer zum Einsatzort gekarrt. Das mobile Kassenhaus, eine für unsere öffentlichen Interventionen völlig überdimensionierte Skulptur ohne jede Funktion, ragte in ihrer anarchischen Sinnlosigkeit schräg in die von Hektik und Hässlichkeit geprägte Stadtöffentlichkeit.
Fiel mir eben bei einer der kleinen Fluchten aus der kriegerischen Gegenwart in die Hände respektive, da digitalisiert, vor die Augen. Und 2022 sitze ich vor dem TV und gucke mir Talkshows an, was ich früher nie gemacht habe. Die haben was von geistigem Dschungelcamp und sind überraschungsfrei wie eine Tüte Mehl. Aber die Zeiten sind andere. Nicht uninteressant zu wissen, wie denkt und redet die Elite in unübersichtlichen Zeiten. Wo geht der Marsch hin?
Anne Will also. Es fing schrecklicher an, als ich befürchtet hatte. Den zweiten Aufschlag machte ein von Logik, Sinn und Grammatik sichtlich überforderter Historiker namens Schlögel, der von Emotionen derart übermannt war, dass ich dachte, gleich bricht er zusammen. Das Intro hatte er sich Zuhause wohl überlegt, getreu dem rhetorischen Grundsatz: Mit einem Paukenschlag rein und einem Tusch raus. Zitat:
„Wir sitzen hier und eigentlich sollten wir nicht hier sitzen, sondern wenn ich mir überlege, was ein oder zwei Generationen vor uns gemacht haben, die sind in die Internationalen Brigaden nach Spanien gegangen“
Ein Aufruf, in den Krieg zu ziehen, und zwar nicht, wie der Spiegel in seiner Rezension schreibt, wie üblich nicht nur zu dumm, um zu verstehen, sondern auch um zuzuhören, an die Jugend, sondern explizit an die im Studio Anwesenden, also Frauen, und Männer im Volkssturmfähigen Alter wie Schlögel mit Jahrgang 48.
Lassen wir mal beiseite, dass die Internationalen Brigaden keinesfalls verdient haben, dass sich ein Mitglied der deutschen Elite an sie ranwanzt, einer Elite, die aus der Tradition nicht der Brigaden sondern der Legion Condor kommt. Wenden wir uns lieber dem unglaublichen Kriegskitsch zu, den der Professor da absonderte. Vollkommen folgerichtig wütete Schlögel nach dieser Entgleisung in einem Akt verräterischer Projektion den Kitsch-Vorwurf explizit an die hiesige Linke, sie würden „Russen-Kitsch“ verbreitet haben. Haben sie. Und das wird ihnen bei den nächsten Wahlen den Rest geben.
Aber das müssen die sich nicht von einem Professor vorwerfen lassen, bei dem man den Eindruck haben muss, er habe sogar den Volksschulabschluss in der Lotterie gewonnen. Vom Kitsch zum Pathos ist es nur ein Schritt, und danach wird es duster. Was dann? Zu den Waffen? Nun, Volk, steh auf, und Sturm brich los?
Putin ist ein Verbrecher, geisteskrank , alles, was Sie wollen, und es bleibt zu hoffen, dass die russische Gesellschaft die Stärke besitzt, diesen Irren dem Internationalen Gerichtshof zu überantworten. Aber darüber sollten die hiesigen Zustände, siehe Schlögel und viele, viele andere, nicht unter den Teppich gekehrt werden.
Ich empfand das Zurschaustellen der Schlögelschen Phantasien so bezeichnend wie obszön. Nichts ist verräterischer als Phantasie. Das toppt sogar Sprache, die wesentlich kontrollierbarer ist. Aber die reicht auch schon.