Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

07.02.2022 – Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit


Meine ehemalige Kreuzberger Homebase Yorkstr., irgendwann vor dem Ersten Weltkrieg.
Neulich stand ich vor meiner Socken-Schublade und dachte: „Schon wieder leer!? Das kann doch nicht sein, ich hab die doch gestern erst frisch gefüllt“. Kurz danach, ich wollte die Biotonne rausstellen, Leerrhythmus im Winter alle zwei Wochen, das Gleiche: „Schon wieder raus? Das kann doch nicht sein. Ich hab die doch gestern erst rausgestellt.“ Die Zeit gerät in einer ereignisreduzierten Seuchenepoche, und zumindest vom Beginn einer Epoche, also einer längeren zeitgeschichtlich relevanten Periode, können wir durchaus reden, die Zeit also gerät in eine Art Kompression. Sie wird durch eine Düse von Ereignislosigkeit gepresst und lässt dergestalt alltägliche Banalitäten, die sonst im Strom des Lebens belanglos untergehen, als bemerkenswert erscheinen, erinnerungswürdig. Ein, bei allem Respekt vor meinen Socken und meiner Biotonne, tendenziell unwürdiger Zustand, besteht doch ein gelebtes Leben aus durchaus anderen Ingredienzien als dem täglichen Einerlei-Trott zwischen Arbeit, Sofa, TV, in der intellektuellen Variante Buch, Flasch Bier, Sockenschublade und Biotonne.
Daher kann ich die Schlagzeile der Blöd von heute, und viele andere diesbezügl. Stoßseufzer, ausnahmsweise verstehen: „Gebt uns unser normales Leben zurück!“ Wer wäre in Krisenzeiten nicht schon mit diesem Gedanken aufgewacht.
Der Blöd Gedanke, soweit das Zentralorgan von Blödheit und Infamie zu so etwas fähig ist, dahinter: Lockerungen sofort.
Das ist, und da bin ich wie fast immer bei den Experten, verrückt, Zitat: „Zum jetzigen Zeitpunkt ist Lauterbach strikt gegen Lockerungen: Er halte es „für verrückt“, wenn bei Höchstzahlen von Infizierten und einer funktionierenden Strategie die Maßnahmen gelockert würden. Der Minister fragte: „Was wäre in Deutschland, wenn wir vorgehen würden wie in England?“ Seine Antwort: „Dann hätten wir pro Tag über den Daumen gepeilt vielleicht 300 Tote. Wir haben aber deutlich weniger, nämlich 60 bis 80.“ Mit den Maßnahmen „retten wir jeden Tag Leben“, ….
Es bleibt also aus Vernunft und Erkenntnis die Einsicht in die Notwendigkeit (der Beibehaltung der bisherigen Strategie). Und genau das ist laut Engels Freiheit: „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“.
Was bleibt, sind kleine Fluchten in Bildwelten der Vergangenheit, siehe Yorkstr., und die Hoffnung auf baldige Besserung. Nicht bei der Blöd, sondern bei den Zuständen.
Ich muss los, die Papiertonne vor die Tür stellen. Freu mich drauf.

04.02.2022 – Nicht immer nur Seuche. Mal kurz beiseitetreten


Unlängst las ich nach der Anregung eines geschätzten und lesenden Freundes Wilhelm Genazinos Abschaffel-Trilogie von Ende der Siebziger wieder. Abschaffel, Flaneur und „Workaholic des Nichtstuns“, kompensiert mit innerer Phantasietätigkeit die Ereignisöde seines Angestellten-Daseins. Vorher hatte ich das zeitgenössische „Arbeit“ von Thorsten Nagelschmidt gelesen. Elf meist namenlose Protagonist*innen, fast alle prekär lebend, erledigen, unsichtbar für Flaneure, die Drecksarbeit in Berlin.
Zwischen beiden Werken liegen ca. 45 Jahre und wie es sich für gute Literatur ziemt, vermessen sie exakt die Entwicklung gesellschaftlicher Zustände im Schnittpunkt mit inneren Befindlichkeiten. 45 Jahre Entwicklungen, Perspektiven aus einer Republik, vormals – und von mir gerne immer noch so gescholten – BRD, jetzt Deutschland. Was für Welten liegen dazwischen.
Hier Abschaffel, Angestellter im Normalarbeitsverhältnis, damals die absolute Regel. Zustand Abschaffels und der Republik zu jenen Zeiten: Ökonomische Sorgen? Ebenso Fehlanzeige wie solche um eine grundsätzliche Zukunft. Abschaffel lebt im ausgehenden Goldenen Zeitalter des Kapitalismus, die Welt scheint immer besser zu werden. Es bleibt Zeit und Muße, sich – obsessiv im Falle Abschaffel – mit der eigenen Innenwelt zu beschäftigen. Im Mittelpunkt steht der später legendär gewordene „Subjektive Faktor“. Nicht umsonst wurde in jener Zeit, in Abkehr zum politischen Aufbruch von 68ff., das Volltrottelwesen der Bhagwan-Bewegung in der BRD populär, die in Berlin immer noch zu jedem Karneval der Kulturen einen eigenen Wagen mit Bimmel Bimmel und Harri Krischan Sing Sang begleiten. Genazino webt, als später Thomas Mann-Verwandter, in den Abschaffel einen ironisch-melancholischen Grundton, der, hat man ein Gespür dafür, zum Lachen reizt.
Das Lachen vergeht einem bei „Arbeit“ von der ersten bis zur letzten Seite. Namenlose, permanent vom Absturz bedroht, eilen, hasten, rasen in ständiger Sorge ums materielle und psychische Überleben durch die Nacht von Berlin, nichts ist ihnen ferner als Muße, Ruhe, Beschaulichkeit. Der Flaneur in den Straßen der Metropole ist ihnen ein Wesen aus einer anderen Galaxie. Die Literatur von Nagelschmidt, ehemaliges Mitglied einer Punkband, ist wie Herdplatte heiß, während das Genazino Instrument eher der Schaukelstuhl ist.
Als teilnehmender Zeitgenosse dieser gesellschaftlichen Entwicklung, dieser Verrohung, fragte ich mich beim vergleichenden Lesen, in einer Mischung aus angeekelt und wütend: In was für Zeiten leben wir eigentlich?!
Hier hilft, ohne die Entwicklung schön reden zu wollen, kurz beiseitetreten. Wenn Abschaffel 45 Jahre zurückblickt, schaut er der Fratze des siegreichen Faschismus in die Augen. Deutschland ab 1933 in Vorbereitung des Holocaust. Was für Welten liegen zwischen 78 und 33.
Und hätte Abschaffel 1933 zurückgeblickt, wäre er im Dreikaiserjahr 1888 gelandet, niemand ahnte etwas vom Grauen des ersten Weltkriegs. Elektrischer Strom und Autos? Fehlanzeige. Eine Postkartenwelt. Was für Welten liegen zwischen 33 und 88.
Wie auch immer Sie, liebe Leserinnen, die skizzierten Entwicklungen bewerten, für beide Bücher gilt: Lesenswert

03.02.2022 – Wo warst du am 27.01.2020?


27.01.2020, irgendwo an der Algarve. Die Mandeln waren voll erblüht.
Eine beliebte Frage: Was haben Sie eigentlich an historisch bedeutsamen Daten gemacht? 11. September 2001, World Trade Center? 9. November 1989, Annexion der Ostzone? 24.12.000, Geburt Jesus?
Am 27. Januar 2020 bestätigt das Münchner Tropeninstitut den ersten Corona-Fall in Deutschland.
Dieses Datum kam mir in den letzten Tagen des Öfteren unter die Augen. Ein Klick in meinem Blog und ich wusste, wo ich da war: Im Atlantik gebadet, schwarze iberische Schweine auf einer Wiese voller Schlüsselblumen bewundert und abends Schweinebäckchen in Rotwein an dreierlei Dünstgemüse.
Und wenn es nur zur Vergewisserung solcher Umstände wäre, so ist es das Blogschreiben wert. Wo war ich eigentlich, als alles begann, nicht mehr so zu sein, wie es war?
Wenn wir aufwachen, treten wir in das Reich der Notwendigkeit, des Zwangs ein. Morpheus und Hypnos entlassen uns mit leichten Armen in eine Welt, die zunehmend zu Mühe geworden ist.
Wenn ich dagegen beginne, diesen Blog zu schreiben, trete ich für Momente in das Reich der Freiheit ein, in eine Welt, die ich mir nach Belieben selbst schaffen kann, ohne Pflicht oder Abhängigkeit. Grenzen setzen höchstens Diskretion und Stil, das Strafgesetzbuch (aber auch nur begrenzt) und ein Rest Respekt vor der Sprache (nicht: vor dem Duden. Der ist was für Loser).
Eine Welt, die zunehmend zu Mühe geworden ist. Die gruselige alttestamentarische Drohung, die für einige ein paar Jahre von ihrem realen Schrecken etwas verloren hatte, schiebt sich düster wieder nach vorne: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“
Mir kommt’s hoch, wenn ich sowas lese: „… wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen…“. Schlimmer geht preußisch-protestantische Kapitalismusethik nun wirklich nicht.
Lassen wir mal außen vor, dass für Millionen prekär Arbeitende das Leben tatsächlich eine Qual ist mit nichtexistenzsichernder, gesundheitszerstörender Arbeit, übertroffen nur noch von einem ohne Arbeit im Hartz-IV-Bezug, was deutlich lebensverkürzend ist. Nehmen wir uns mal die Mitte vor: Das alltägliche Leben ist zunehmend für die Mitte der Gesellschaft, die eh schon bedenklich schrumpft und vom Abstieg bedroht ist, unter Seuchenbedingungen zu Mühe geworden. Und ob da irgendwo Licht am Tunnel ist, weiß selbst der Obervirologe nicht. Wieviel Zeit bleibt uns noch für was, unter welchen Umständen? Das Leben rinnt wie Wasser durch die Finger. So wird auch die beklemmende biblische Prognose „ … denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon … “ bittere Realität.
Genug der Bibel Exegese, denn: Wer’s glaubt, wird selig. Und selig sind bekanntlich die geistig Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Aber wer will schon mit den Doofen abhängen.
Und bei der Bibel und dem Glaubensgedöns ist man schnell bei Verschwörungserzählungen. Wem fielen in Seuchenzeiten nicht die apokalyptischen Reiter ein: Seuchen, Teuerung (5 %!), Krieg und Tod. Sehet, das Ende ist nahe?
Mag ja sein. Hauptsache, wir machen was draus.

02.02.2022 – Dance to the Algorhythmus


das kotzt einem alles nur noch an. Aus dem letzten Wahlkampf. In Berlin ist alles ein bisschen härter, die Durchgeknallten sind noch durchgeknallter als im Rest der Republik. Und unter solchen Soziopathen gibt es immer einen, zwei, x, die irgendwann zur Tat schreiten. Der Druck im Wahnschädel wird irgendwann zu groß, sie haben im Zweifel ja auch niemanden, der ihnen zuhört. Wenn mir einer auf Demos, wie bei diesem Flugi im September in Berlin, sowas in die Hand drückt, finde ich das noch skurril. Die Leute sind oft putzig verkleidet, mit Bauchläden etc., um Aufmerksamkeit zu erwecken, brabbeln wirres Zeug und haben schon im Gesichtsausdruck nicht alle Latten am Zaun. Aber wenn man es bei Licht betrachtet, da liegt Sprengstoff …
Allerdings sind die Grenzen zwischen Wahn und Welt fließend, wie frau an diesem Beispiel sehen kann:

Putzig verkleidet, mit Bauchladen, brabbelt meist wirres Zeug und im Gesichtsausdruck …..
In einer vom Allmächtigen Algorithmus (zu Algorhythmus guckst du hier, Digga, coole Vibes) beherrschten Welt würde ein Verfasser derartiger Flugis wie oben wegen einer voraussichtlichen Gewaltausübungs-Wahrscheinlichkeit von 68 Prozent von der Agentur für Psychohygiene umgehend aus dem Verkehr gezogen und wieder gesellschaftskompatibel gemacht werden mittels Substanzen-Optimierung und Verhaltens-Upgrade. Also unter Drogen setzen und ins Umerziehungslager.
Cool, Digga, find ich krass korrekt, ey.
Mich wundert nur, das bisher noch nicht viel mehr Irre ausgetickt sind. Der Druck in den Wahnschädeln korreliert ja direkt mit dem im gesellschaftlichen Kessel. Der steigt mittlerweile derart an, dass die Seuchen-Politik vom teils virologisch begründeten Handeln zunehmend in das politisch begründete wechselt. Anders ist für mich die gerade über die Ticker gehende Meldung nicht zu verstehen: Justizminister stellt weitreichende Lockerungen für März in Aussicht. (Der Vorbehalt der Entwicklung des Infektionsgeschehens geht bei der Headline unter).
Die gleiche Nachrichtenlage sagt epidemiologisch etwas anderes: Die neue Omikron-Variante BA.2 hat eine höhere Übertragbarkeit als der derzeit in Deutschland vorherrschende Subtyp BA.1. Was das bedeutet, ist frühestens nach den Osterferien, also ab Mitte April, abzusehen.
Ich kann „die Politik“ verstehen, wenn sie Schritt für Schritt in den Modus wechselt: Wir lockern, mit allen Konsequenzen und Risiken. Das ist durchaus auch eine individuelle Option, ab März lockern, Reisen planen, mit aller Vorsicht, aber auch mit allen Risiken.
Nur sollte die Politik das dann auch mit aller Härte so kommunizieren. Wir durchschreiten dann eine Tür, hinter der sich die Büchse der Pandora verbergen kann, mindestens aber der Rubikon. Diese Metapher ist zwar irgendwie schräg und wirr, aber als Bild zu schön, um es nicht aufzuhängen.
Ich für meinen Teil freu mich schon auf die Demos in Berlin, ab März …

29.01.2022 – Wie werden wir leben?


Neulich bei mir umme Ecke. Happy BoOstern. Den Witz hab ich bestimmt schon mal gemacht. Ich wiederhole mich hier wahrscheinlich oft und mit Sicherheit gerne. Warum soll dieser Blog anders als das Leben sein, das aus einer Kette, einem Karussell von zunehmend ermattenden Seuchenritualen besteht. Immer im Kreis. Wo ist das nächste Ausfahrtschild? Ob von den Kinderkarussellbesitzern schon jemand auf den Joke gekommen ist, neben das notorische Feuerwehrauto ein Straßenschild zu stellen: Nächste Ausfahrt 2 km…
Mittelfristig ist die Situation für mich klar: Entweder Endemie, jede sorgt eigenverantwortlich für Seuchenhygiene, weitgehend gesellschaftliche Regelzustände wie vor 2020.
Oder eine Variantenwelle nach der Nächsten, eine immer übler als die Vorhergehende, als Auftakt eines pandemischen Armageddon. Davon gehe ich zwar nicht aus (Sie wissen ja, liebe Leserinnen, wie das mit diesem Satz ist. Wenn Sie sich dienstlich mit jemanden unterhalten und der sagt: „Davon gehe ich aus“ heißt das: „Ich habe weniger als Null Ahnung. Genauso gut können Sie die Kaffeemaschine fragen.“)
Eins allerdings scheint mir Wunschdenken: Öffentliche Aussagen wie „Wenn alles gut läuft, kehren wir in unser vorheriges Leben zurück“. Gerne in Verbindung mit Verbalinkontinenz des Scholzomaten, der z. B. absondert, wir hätten keine Spaltung der Gesellschaft. Das ist von der Wirklichkeit so weit entfernt wie ich vom Papstamt. In unserer Gesellschaft existieren seit Jahren Parallelwelten, die sich nie berühren. Vom Bundeskanzleramt – das irgendwo im Niemandsland liegt, da wohnt niemand, kein Nachbar, kein Restaurant, das ist so entseelt da, dass sich sogar das Nichts unwohl fühlt – zur Sonnenallee in Neukölln, fest in arabischer Hand, sind es mit dem Rad ca. 45 Minuten. In Wirklichkeit liegen da Galaxien zwischen.
Oder schippern Sie mal die Elbe rauf nach Blankenese, wie viele emsige Gärtner sich an den Prachtvillen der Pfeffersäcke tummeln, und schauen sich dann die Zeltsiedlungen osteuropäischer Armutsmigranten in Berlin an.
Welche Berührungspunkte gibt es da?
Dazu immer mehr verwirrte, gewaltbereite Impfverweigernde, durch Nichts und Niemanden erreichbar, usw. usf…. Ich könnte mich, auch hier wiederholend, in eine Endlos-Aufzählungs-Litanei ergehen über ungezählte materielle, habituelle, sprachliche, kulturelle, ideologische Bruchkanten, Gräben, Spaltungslinien in unserer Gesellschaft, die durch die Pandemie vertieft werden. Aus meiner Sicht kehren „wir“ (wer soll das sein, „wir“? Ich und der Scholzomat im Gleichschritt mit Pfeffersäcken und „illegalen“ Flüchtlingen aus dem Sahel?) nicht in ein vorheriges Leben zurück. Und schlimmer noch als konkrete dystopische Vorstellungen über Riots und Seuchenbekämpfungshorror mit Leichensäcken auf Lastern ist eher das Vage, das Nichtwissen, was wird. Das Alte verschwindet, die Erinnerung daran ist aber noch wirkmächtig, und das Neue ist kaum in Konturen erkennbar.
Eine Gesellschaft in kollektiver desorientierter Ermattung – damit konfrontiert: Wenn das nicht idealer Nährboden für den ohnehin wachsenden und gesellschaftlich verzehrenden Rohstoff Angst ist, was dann.
Wie also werden wir leben?
Und nun zum Wetter von Morgen.

26.01.2022 – Neulich beim Einkauf


Mutti und Männersache.
In der Arte Mediathek ist zur Zeit der Film „Jud Süß 2.0“ zu sehen, der unter anderem der Frage nachgeht, welche Bild- und Sprachmuster stecken hinter dem immer stärker um sich greifenden Antisemitismus.
Was macht Menschen zu Antisemiten, wo greifen gesellschaftliche Krisen, platte Propaganda, alte Ressentiments und neue Klischees ineinander? Oft sind es quasi subkutane Bilder und Botschaften, die den Antisemiten in uns triggern, wie die Goblins in Harry Potter-Filmen, die in der Bank das Gold bewachen: Kleine, gebeugte Kobolde mit großen Nasen in schwarzen Anzügen. Antisemitisches Stereotyp par excellence, das an alte Muster anknüpft.
Niemand wird Antisemit, nur weil jemand brüllt: Der Jude ist unser Untergang. Die Fratze des Antisemiten ist ein Mosaik, zusammengesetzt aus unzähligen Bildern, Sprachbotschaften, Facetten, oft nur mikroskopisch, verschwommen, verschwurbelt. Das Finanzkapital, die Eliten, die Heuschrecken, usf. usw. , eine endlose Kette von vermeintlich harmlosen, oft links gemeinten, immer aber antisemitisch konnotierten Phrasen, an deren Ende der ewige Antisemit steht. Gegen die Macht des Ressentiments ist die Kraft des Argumentes hilflos.
Das Resultat ist immer öfter auf den Straßen dieser Republik zu begutachten. Wahn, der wütet.
Diese Prägungen sind natürlich auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen zu sehen. Was produziert z. b. das Frauenbild bei Männern? Wie kommt es, dass die Emanzipationsdebatten der letzten 50 Jahre scheinbar durch die Gesellschaft, selbst durch durchaus aufgeklärt sich verstehende Männer hindurchgerauscht sind wie Wasser durch ein Sieb? Dass da Frauenbilder reproduziert werden wie aus den (falschen) Fünfzigern?
Neben der Angst der Männer vor den Frauen sind das sicher ähnliche Wirkmuster wie beim Entstehen des Antisemitismus und nicht umsonst dürfte beim Kratzen an der Oberfläche des Antisemiten und Faschisten im Normalfall Frauenhass zutage treten. Wer Theweleit gelesen, wird verstehen, wie das funktioniert. Hier ist eine wirklich excellente Zusammenfassung. An der Stelle musste ich lachen, es geht um den männlichen Körperpanzer, Zitat: „Wer sich entspannt, sein Inneres herauslässt, ist ein Feigling. Körperströme sind peinlich und lästig. Das Einzige, was fließen darf, sind Schweiß, das Blut der anderen und Alkohol.“
Wem fiele da nicht der Fussball ein…
Moderne Klischees zur Rollenverfestigung hie Männersache – da Mutti-Prinzip finden Sie, liebe Leser, in jedem Supermarkt. Das gibt Ihrem Bild neue Nahrung. Und ich war stolz, derartig profunde Funde beim letzten Einkauf gemacht zu haben.
Das mit der Mutti kam mir allerdings irgendwie spanisch (genauer: italienisch, wg. Tomaten) vor. Ein Google-Klick: Mutti ist der Firmenname. Oje, da hätt ich mich aber echt blamieren können.
Aber abgesehen davon, ist das hier Beschriebene natürlich richtig und exakt.
Nützen tut’s zwar nix. Aber gelernt haben wir in der heutigen Vorlesung, wie wichtig Recherche und Quellenstudium ist. Verifizieren Sie alles und sei es, die Tatsache, dass 2 x 2 = 5 ist.

25.01.2022 – Im Spannungsverhältnis von Recht und Macht


Denkmal der Göttinger Sieben am hannöverschen Landtag mit Polizisten. Schönes Stillleben, im Spannungsfeld zwischen Recht und Macht. Das Denkmal selbst ist allerdings eine üble Ansammlung von inferiorem Buntmetall.
Die Göttinger Sieben, Professoren der Uni Göttingen, unter anderem die Brothers Grimm, protestierten 1837 gegen die Aufhebung der liberalen Landesverfassung des Königreich Hannover und wurden gefeuert, teils des Landes verwiesen. Nicht ganz so schlimm, aber auch folgenreich, erwischte es hierzulande im 20. Jahrhundert den famosen Prof. Peter Brückner, der ein gewisses Verständnis für die Konzeption der Stadtguerilla entwickelte. Die Stadtguerilla ist eine, die im städtischen Umfeld operiert. Sie übernimmt Strategien und Methoden der Guerilla, die vornehmlich in ländlichen Regionen aktiv ist. In Deutschland fand das, romantisch verklärt und eher kulturell aufgeladen, in der Konzeption der Stadtindianer seinen Ausdruck, siehe auch Göttinger (!) Mescalero Affäre. Dafür entwickelte ich wiederum ein gewisses Verständnis, ein gütiges Schicksal hielt mich allerdings davon ab, mit Pfeil und Bogen Jagd auf Vertreter des „Fascho“-Systems zu machen.
Richtig ist vielmehr, dass ich eine Zeitlang Gast des hiesigen Szenelokals „Mescalero“ war, einen autonomen Steinwurf von meiner Homebase entfernt. Das Mescalero lag schräg gegenüber vom 9. Polizeirevier, worüber die „Bullen“ vermutlich nicht erfreut waren. Heute gehört das Gebäude des 9. Reviers einer Eigentümer*innengemeinschaft und leistet der hiesigen Gentrifizierung Vorschub. Zu Nazi-Zeiten hockte die SA da drinnen.
Peter Brückner starb übrigens in Nizza, eine Stadt von überwältigender Vielfalt und Schönheit, was ich nach der Mescalero-Zeit schätzen lernen durfte.
Sie, liebe Leserinnen, fragen sich jetzt zu Recht: Hat der Autor keinen Frisör, dem er das alles an die Backe labern kann? Ich kann Sie beruhigen: Nicht nur habe ich einen, sondern ich suche ihn sogar demnächst auf, weil ich am Kopf mittlerweile wie ein Stadtindianer graumeliert aussehe. Und darüber hinaus wollte ich mit diesem Gedankenstrom des Freien Fluten deutlich machen, wie creative writing funktioniert, wie es Verschüttetes freilegt, Zusammenhänge aufdeckt. Schreiben im Spannungsfeld zwischen Therapie und Prozessentwicklung.
Weiters wollte ich ein Modul entwickeln für ein Seminar unter dem Titel: „Wie ich mein Geschwätz von eben gerade mit aufgeblasenem Blabla veredele“.
Wenn Sie, liebe Leserinnen, solche Strategien beherrschen, sind ihren Karriereoptionen keine Grenzen gesetzt, privat und geschäftlich.
Buchen Sie mein Seminar noch heute! Ein Wochenende in Nizza, im Negresco, 2.900 Euro. Frühstück inklusive.

23.01.2022 – Für etwas Besseres als zurück zur Normalität


Anti-AfD Demo Hannover, 22.01.2022.
Die allseits wabernde Seuchen-Sehnsuchtsphantasie „Endlich wieder zurück zur Normalität“ heißt nach der Lage der Dinge ja nichts weiter als zurück zu: Spaltung der Gesellschaft zwischen Arm und Reich vertiefen, Klimakatastrophe weiter befeuern, dem Mob achselzuckend das Feld überlassen.
Etwas feinsinniger ging es auf der Anti-Schwurbler Demo am Wochenende davor zu

Von unserem Blogkorrespondenten (Vollständiger Vorname Armin der Redaktion bekannt).
Demos bei dem Wetter sind ja echt nicht der Brüller, man kriegts im Kreuz, die Nase läuft, mit Maske ist die Brille dauerbeschlagen und jünger werden die Bekannten, die man da trifft, wenn man sie überhaupt wiedererkennt, auch nicht. Aber abgesehen von der unbedingten gesellschaftlichen Notwendigkeit solcher Veranstaltungen sind sie ja auch Leuchttürme an Lebendigkeit in Zeiten ereignisreduzierten Dauereinerleis. Keine Reisen, kein Berlin, keine Konzerte, spärliche Restaurantbesuche gleichen dem in einem Hochsicherheitstrakt, gerne hätte ich z. B. die Premiere vom „Volksfeind“ genossen, aber mein Theaterkorrespondent, die große Zukunftshoffnung des deutschen Films, meldete 90 Prozent Belegung, also Danke, nein. Und über allen sozialen Kontakten schwebt, je nach Nähe, permanent die Frage: Ist das Gegenüber geimpft, geboostert und getestet? Es ist alles so zääääh und sämig, ermattend von innen her. Nichts geschieht und alles wiederholt sich.
Die ewige Wiederkunft des ständig Gleichen ist doch nicht nur eine philosophisch abgehobene Figur Nietzsches „Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins.“, sondern ein tagesaktuelles Seuchenproblem. Zumindest wenn man ein relativ buntes Leben hat(te) und nun auf Seuchenrituale zurückgeworfen ist. Dann erscheint einem eine Demo schon als siehe oben Leuchtturm eines „Ich spüre mich“.
In den Iden des März werden die Würfel fallen: Entweder wir gehen über sinkende Fallzahlen in der Open-Air Saison in die endemische Lage über, in der es heißen wird: Jeder ist selbstverantwortlich für Seuchenhygiene und die dann toten Impfverweigernden akzeptieren wir wie Verkehrstote, hier dann nur als Collateralschaden übermäßiger Dummheit. Was im Sinne Darwins für das Menschengeschlecht hoffen lässt.
Oder neue Varianten, Serotypen, Rekombinationen (Delta/Omikron z. B.) überrollen uns in ständiger Folge. Dann stellt sich die Frage: Bleibe ich die nächsten Jahre Zuhause sitzen, gelähmt, wie das Kaninchen vor der Schlange? Oder trotze ich den Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks? Und gehe raus ins Leben, volles Risiko. Natürlich unter Einhaltung aller Regeln, Dauergeboostert, mit Corona-Nasenspray im Rucksack und einem Zehnerpack Pfizer-Paxlovid. Was dessen Wirksamkeit angeht, glauben Sie nicht mir, liebe Lesende, sondern dem Markt. Die Pfizer Aktie hat in den letzten 6 Monaten, das ist der dafür relevante Zeitraum, um fast 40 Prozent zugelegt. Der Markt hat recht. Immer.
Das zumindest haben der Markt und ich gemein.

21.01.2022 – Worte des allmächtigen Autors


Dieses Plakat von 2010 hängt nicht bei uns im Hausflur, weil ich dem Schutzpatron aller Kinderficker so überragende Bedeutung für meine Existenz beimesse, sondern als Erinnerung an den wohl legendärsten Auftritt des ingeniösen Duos Gleitze & Sievers. An den Abend werden sich die Beteiligten noch auf dem Totenbett, ach, was sage ich, weit danach noch, erinnern. Und die „Gute Reise“ am Mitteilungsbrett wünscht nicht dem Zombie in der Kutte eine baldige Fahrt zur Hölle, sondern hat hausinterne Bewandtnis. Soviel zum Setting.
Nichtsdestotrotz ist dieses ästhetische Meisterwerk ein ewiges Fanal. Heuer vor allen Dingen für die Bürgerpresse, die sich angesichts des Dauer-Desasters für die katholische Kirche mal wieder derart in Nativitäten ergeht, dass es mich gruselt. Da gehen den Schreiberlingen Sentenzen von der Feder wie „Die katholische Kirche hat ein Problem“. Als ob nicht der dümmste Lümmel von der letzten Medien-Bank wüsste, dass die katholische Kirche das Problem ist. Wobei auch das nur die halbe Wahrheit ist. Das ganze Problem ist das Prinzip „Glauben“, das Nicht-Wissen, schlimmer noch: Nicht-Wissen-Wollen.
Glauben ist die ideelle Atombombe des Zeitalters der Aufklärung. Mit schlimmeren Folgen als jede bisherige Seuche. Ob Glaube an Götzen wie Gott, Buddha, Allah und weiß der Teufel, wie diese monotheistischen Phantasiegebilde noch heißen, oder die postmodernen Religionsersätze (Plural?) Astrologie, Homöopathie, Esoterik etc.: es geht immer um Nicht-Wissen, um ein Strukturprinzip, was sich der letzten Begründung entzieht. Ich kann akzeptieren, wenn Menschen, die von der rasenden Moderne überfordert sind, Zuflucht und Trost in Irrationalität suchen. Die Eine glaubt, der Andere säuft. So what, jedem Tierchen sein Pläsierchen, oder Bierchen. Nur bleibt’s ja dabei nicht. Mit diesem Un-Sinn wird, siehe Seuche aktuell, ja die Gesellschaft geflutet und vergiftet, wie nicht nur auf „Spaziergängen“ zu beobachten. Da wird munter gegen jede Evidenz geglaubt, dass Corona nicht existiert, wie eine Grippe ist, Impfen Massenmord, Bill Gates der Satan usw. usf., und das als Gesellschaftsmodell gepredigt.
Glauben ist Mord an der Vernunft. Dieses strukturelle Problem nicht zu thematisieren, ist der Skandal hinter dem Skandal, den die Bürgerpresse zu benennen sich scheut wie der Teufel das Weihwasser, weil nach wie vor die Pfaffenlobby einen unfassbaren gesellschaftlichen und ökonomischen Einfluss hat. Stattdessen wird auf irgendwelche Kinderfickerschutzpatronenwürste in Tuntenklamotten wie Ratzinger, Marx, Wölki eingeprügelt. Wie billig.
Lagerfeld hat mal gesagt: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“. Abgesehen davon, dass eine Gesichtsbaracke wie der verblichene Schneidergeselle Lagerfeld mit ästhetischen Urteilen eher zurückhaltend sein sollte, muss es richtig heißen: Wer glaubt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.
Worte des allmächtigen Autors.
Amen. So wahr mir Göttin helfe.

16.01.2022 – Das Prinzip Hoffnung


Nach Peter Weiss, Ästhetik des Widerstands, einem ikonischen Werk aus den Siebzigern.
Im Widerstand wähnen sich heutzutage viele Impfverweigernde, Coronaleugnerinnen, Antisemiten von „Die Basis“, Hardcore Nazis, ein breites Bündnis von Demokratiefeinden, das sich auf den Straßen immer mehr breit macht, aktuell bei Spaziergängen. Ihr Sympathisantensumpf reicht bis in Medien, Kultur, staatliche Institutionen, der Sumpf nährt sich aus der Mitte der Gesellschaft, dockt an lange vorhandene emotionale Defizite und vom Kapitalismus deformierte psychopolitische innere Kontinente an.
Novak Djokovic, endlich ausgewiesen, steht da paradigmatisch. Das neoliberale Dogma des erfolgssüchtigen „Ich, Ich, Ich“ könnte als Logo auf seinem Sporthemd prangen, brutaler Sozialdarwinismus, rücksichtslos andere gefährdend, blinde Flecke, was Solidarität angeht. Der Impfverweigerer kennt nur sich. Und da liegt eine kleine Hoffnung für die zukünftige Entwicklung begründet: Dass sich dieses Bündnis nicht zu einer breiten, nachhaltigen sozialen Bewegung formiert, mit charismatischen Führungspersönlichkeiten, identitätsstiftenden Symbolen, kollektiven Ritualen.
Es ist nicht zu leugnen, dass durch das massenhafte Auftreten des von mir oben geschilderten breiten Bündnis mehr als der erste Schritt zu einer sozialen Bewegung gemacht ist, nun aber im Gegensatz zu den Klassikern wie Arbeiter*innenbewegung, Frauenbewegung, Ökologie ein genuin antiaufklärerisches, mit ausgeprägt faschistischen Elementen. Das aber, was die klassischen sozialen Bewegungen am Leben gehalten hat, allen Widerständen zum Trotz bis hin zum faschistischen Terror gegen das Beispiel Arbeiter*innenbewegung, was ihr Nährstoff schlechthin war, vor aller Ideologie, ist Solidarität.
Was jedoch das Bündnis der Antiaufklärer, der Demokratiefeinde auszeichnet, ist nicht Solidarität, sondern Kumpanei des Straßenmobs, kein Ehrgefühl, sondern kriminelles Verhalten, keine Utopie des Kollektivs, sondern nur die Dystopie des scheinbar grenzenlos freien Individuums, keine Ratio, sondern Wahn und Aberglauben. Was zählt, ist das „Ich“.
Dazu reicht ein Blick in die Parlamente, was das Verhalten der AfD Mitglieder untereinander dort angeht, Hauen und Stechen, Betrug, Niedertracht, Hass, Terror etc. Zusammengehalten wird der AfD-Mob von den fetten Pfründen und einem diffusen Hass auf das System.
Es bleibt also zu hoffen, dass nach einem möglichen Übergang in die Endemie das Bündnis aus den geschilderten Gründen zerbröselt, den Bindungskitt verliert, sich in Segmente zerlegt. Was wegen möglicher Terroraktionen gefährlich ist. Aber wachsender Dauer-Terror, getragen von einer nachhaltigen sozialen Bewegung, da sähe ich schwarz für die Demokratie in ihrer jetzigen Form.
Und wenn wir schon bei der Hoffnung sind: Virologe Drosten macht Hoffnung auf ein Leben wie vor der Pandemie.
Alles wird, wenn schon nicht gut, so doch besser.