Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

14.11.2021 – Neulich, am Bordell.


Hinweisschild auf Angebot im Nachbarhaus. Angebracht an einem Bordell.
Die Cities von Großstädten sind toter als tot, darüber täuscht auch die massenhafte Bewegung dort zwecks Konsum nicht hinweg. Das ist nicht nur Surrogat-Leben, die Flucht aus der Wirklichkeit in die Scheinwelt des Konsums, sondern die Apotheose unseres Untergangs. Wenn wir so weiter konsumieren, kann selbst ein Quartaner ausrechnen, wann unsere Zivilisation den Bach runtergeht. Nicht umsonst hat Georg Romero seinen Zombieklassiker „Dawn oft he Dead“ in einem Einkaufszentrum angesiedelt. Mich erinnern die Cities an das Gesöff, das es in meiner Kindheit Maienblüte Zuhause gab: Nescafé.
Einer der vielen Gründe, warum ich Berlin so schätze: Es hat keine City. Selbst in den einzelnen Kiezen ein Zentrum zu verorten, fällt mir schwer. Wo wäre das in Neukölln? Kreuzberg? Die Grobplanung „Wir treffen uns in Berlin irgendwo in der City“ ist sinnlos.
Demzufolge meide ich die City, wenn möglich, quere sie mit dem Veloziped, sehr selten per Pedes. Was aber, wenn es wie unlängst erfolgt, durchaus skurrile Einblicke bieten kann, siehe oben. Oder auch hier

Aufbau für Demo der Staatstheaterszene am niedersächsischen Landtag. Protest gegen die Nichtübernahme der Tariflohnerhöhungen durch das Land. Luxusprobleme, von denen Minijobberinnen, Niedriglöhner, prekäre Existenzen im Transportgewerbe, Gastronomie etc. nur träumen können. Dazu würde ich gerne auch mal was aus der Staatstheaterszene hören.
Im Hintergrund im Landtagsgebäude der Eingang zum Votum, einem neueröffneten Restaurant auf Sterneniveau. Wer dort zu zweit tafelt, bekommt eine Rechnung präsentiert in Höhe des monatlichen Hartz-IV-Regelsatzes.
Ist so eine Location im Landtagsgebäude dekadent? Sind solche Preise, die in Dreisterne-Restaurants noch deutlich höher ausfallen können, grundsätzlich dekadent? Ist es zynisch oder dekadent, angesichts des Zustandes wie geschildert (der böse, böse Konsum, die böse Spaltung der Gesellschaft, die böse Pandemie, Ökoweltuntergang nicht vergessen, Migrationsbewegungen, to be continued …) Urlaube zu planen? Mehr als je zuvor. Mit Flugzeug. Wer will schon nach Korfu rudern.
Zu welchen Schlüssen, Sie jetzt, liebe Leserinnen, ich, wir, auch kommen, eins ist sicher: So öde und trostlos Cities auch sein mögen, flaniert man offenen Auges und per Camera durch sie hindurch, sind sie allemal für Anregungen zum Denken und mögliche Veränderungen der eigenen Perspektiven gut. Aber oft muss ich das nicht haben. Im Normalfall ist eine Urlaubsplanung am PC amüsanter. Aber bedenken Sie eins, liebe Leserinnen: Wenn Sie „urlaubsreif“ sind, ist es zu spät für Urlaube. Wenn Ihr Leben erst soweit gediehen ist, bringen Urlaube auch Nichts mehr, höchstens für die ersten drei, vier Tage nach Heimkehr. Danach sind Sie gleich wieder „urlaubsreif“.
Und nun die Lottozahlen von heute: 5,02 Mio. Infizierte insgesamt, 445.900 aktiv infizierte, 7-Tage Inzidenz gegenüber der Vorwoche um 57,6 Prozent gestiegen, 96.672 gestorben.

13.11.2021 – Im wahren Leben sind die Impfverweigerer die Verbrecher


Hinweis auf Theaterstück, in Verbindung mit Hygieneregelung 2 G. Liest sich so wie eine Parole impfverweigernder Querdenker. Im wahren Leben sind die Impfverweigerer die Verbrecher. Nachdem die Politik sich endlich in Richtung Impfpflicht bewegt, hoffe ich, dass auch meine Anregung für eine Impfpolizei aufgenommen wird, der ich mich sofort als Freiwilliger zur Verfügung stelle, ausgestattet mit Elektroschocker, Gummiknüppel und – als Finalargument – einer Walther PPK.
Angesichts von offensichtlich ca. 20 Millionen notorischen, vielfach gewaltbereiten Impfverweiger*innen hierzulande kann die Diagnose nur lauten: Massenhafter pathologischer Realitätsverlust, einhergehend mit paranoiden Wahnvorstellungen und schizoiden Gewaltschüben. Der Befund eines der profiliertesten zeitgenössischen Küchenpsychologen passt zur Schätzung, dass ca. ein Drittel aller Insassen der BRD therapeutischer Hilfe bedürfen und dass diejenigen Krankheitsbilder, deren Fallzahlen „explodieren“ (alles „explodiert“, eine der beliebtesten Metaphern, deren Vernichtungsphantasie das Gewaltpotential unserer Gesellschaft adäquat widerspiegelt) psychische Erkrankungen sind. Gesellschaften gehen mit einem bang oder einem whimper zugrunde (das ist von T. S. Eliot geklaut:
This is the way the world ends,
Not with a bang but a whimper).
In unserem Fall läuft es auf ein langgezogenes whimper, wimmern, hinaus. Aber der Big Bang kann auch noch kommen.
Die kollektive Realitätsverweigerung lässt sich sehr schön ablesen an dem verstörenden Bericht (leider Bezahlschranke) eines Intensivmediziners vom Uniklinikum Jena, nachdem selbst Sterbende ihre Corona-Diagnose bis zum Tod leugnen. Grausam, so zur Hölle zur fahren.
Neu ist diese Art mörderischer Realitätsverweigerung allerdings nicht. Trotz der traumatischen Erfahrung des Massensterbens im ersten Weltkrieg zettelten die an Leib und Seele verwundeten überlebenden Frontsoldaten zwanzig Jahre später ein noch viel größeres Morden an, das im Zivilisationsbruch des Holocaust mündete.
Die pandemische Situation ist natürlich kein Zivilisationsbruch, aber es gibt wiederkehrende Verhaltensmuster – selbst wenn sich Geschichte nicht wiederholt.
Angesichts der millionenfach jenseits aller Ratio befindlichen Zustände im Lande komme ich auf meine Forderung nach einem Komplettlockdown zurück, die Republik bleibt drei Wochen Zuhause, wer vor die Tür tritt, wird … na ja, ok, da geht mein Zynismus wieder mit mir durch.
Allgemein wird die bürgerliche Demokratie als Ultima Ratio gefeiert, das zivilisatorische Ende der Geschichte. Nur sie könne im Diskurs des freien Willens Konflikte benennen und befrieden. Ich bin gespannt, wann angesichts all der auflaufenden eschatologischen Katastrophen und Bedrohungen die Diskussion auch unter liberalen Philosophen jenseits faschistischer Carl-Schmitt-Denkfiguren einsetzt, ob das wirklich so ist. Wenn die Zivilisation vom Bruch und Untergang bedroht ist und die Demokratie absehbar nicht die Staatsform ist, die das verhindert – was dann…?
Ein fröhliches Wochenende wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen.

08.11.2021 – Wir waren die zweitkleinste aller Parteien


HAZ, 26.09.1991, zu den damaligen Kommunalwahlen. Der Artikel fiel mir unlängst beim Ausmisten in die Hände und rührte mich aus mehreren Gründen. In ihm wird dokumentiert, dass unsere famose Partei SCHUPPEN 68 nicht nur die erste Satirepartei der Welt war, sondern sogar eine Realsatirepartei. Damals war der Begriff Realsatire noch nicht Phrasenkontaminiert, es ist sogar möglich, dass ich ihn erfunden habe. Die Protagonist*innen von „Die Partei“, die heute unter dem Siegel Satirepartei segeln, waren damals noch nicht mal geboren. Sie gehören als teils gescheiterte Existenzen in Hannover übrigens zu den korruptesten Pöstchenjägern überhaupt. O tempora o mores.
Soweit so nachgetreten. Wichtiger ist die Frage, die sich mir stellt: war das, was ich damals gegenüber der Bürgerpresse abgesondert habe, eigentlich ernstgemeint, Realsatire oder hatte ich einfach nur zu viel gekifft? Ich fürchte fast, ernstgemeint. „Stadtteilorientiert“, wenn ich das nur lese, kriege ich die Krätze: Spießeralarm. „Alternatives Spektrum“: alternativer Spießeralarm. „Ablehnung der EXPO“: linker Spießeralarm. Abgesehen von der Forderung nach preiswertem Wohnraum und dem Erhalt des Kleingewerbes auf dem hiesigen Kiezboulevard steht da an politischer Haltung und gesellschaftlichem Habitus nichts, auf das ich sonderlich stolz wäre. Außer der Tatsache, dass sich danach im Laufe der Jahrhunderte gemäß dem Diktum „Der Kopf ist rund, damit die Gedanken auch mal ihre Richtung ändern können“ bei mir einige Sichtweisen geändert haben. Heute schreibe ich auch in diesem Blog vehement gegen kitschige Kiezmentalitäten, rührseliges Alternativentum und anderen reaktionären Stadtteil-Klimbim an. Diese Mentalitäten haben ihre Quellen in genau jenem Gedankengut, das aus dem Artikel spricht. Natürlich ist der Mann von Welt, und die Frau sowieso, heutzutage nicht mehr stadtteilorientiert, sondern kosmopolitisch. Der Begriff „alternativ“ gehört ebenso wie „Realsatire“ in die Sprachsondermülltonne und „Ablehnung der Expo“ in die Kategorie Rohrkrepierer (Linkes Motto aus dem Widerstand damals: „Expo, wir lieben Dich brennend.“ Mit einem Molly-Bild versehen.)
Die Expo war damals, jenseits aller linken und alternativen Befürchtungen, nichts weiter als eine enorme Förderung des hiesigen ÖPNV, das S-Bahnnetz geht darauf zurück, eine Wohnraumbeschaffungsmaßnahme mit ökologischen Projekten, siehe Kronsberg-Viertel, und ansonsten eine gigantische faszinierende Party. Wo sonst hätte ich in dem Umfang georgische Weine, armenische Cognacs, libanesische Spezereien und Tanzcombos aus aller Frauen Länder kennen lernen können?
Ich schätze mal, dass der überwiegende Teil meiner Bekannten nicht ein einziges Mal auf der Expo war, aber trotz dieser spektakulären Unkenntnis bis heute behauptet: Die Expo war Scheiße.
Das ist die Essenz von Spießertum: Getreu dem Motto „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“ sich vorsichtshalber auf nichts einlassen, was das eigene Ressentiment auch nur ankratzen könnte.
Für Euch aber, die Ihr nachgeboren seid, noch dieses zum Artikel: GABL sind heute die Grünen, die Nazis waren damals genauso drauf wie heute, nur viel, viel weniger, die Linke Liste gibt’s nicht mehr, der hat SCHUPPEN 68 den Garaus gemacht. Und wir waren die zweitkleinste aller Parteien. Bei aller berechtigten Selbstkritik: Ein feines Projekt. Ich bin geschüttelt.
Sie wissen schon, James Bond: Geschüttelt, nicht gerührt!

05.11.2021 – Lindener Eisen- und Stahlwerke.


Schöner Backsteinbau auf einer der hiesigen Industriebrachen, die sich ein Privatinvestor gesichert hat. Auf der Fläche wird wahrscheinlich der übliche Büro/Gewerbemix entstehen, nichts, was irgendwie in die Zukunft weist. Als die Pläne bekannt wurden, meldeten sich sofort Architektur-Interessierte, die das Gebäude erhalten sehen wollten. Ihnen schwante Übles, da das das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht. Stand, muss man sagen, denn kaum hatte der Investor Wind von den Bestrebungen gekriegt, ließ er die Bagger anrücken und ruckzuck, war das Ding platt. Ich hab den Bau vermutlich als Letzter lebend gesehen und geknipst. Bei der derzeitigen Bodenknappheit und Spekulation hätte der Investor das Ding wahrscheinlich auch platt gemacht, wenn es unter Denkmalschutz gestanden hätte. Und sich hinterher entschuldigt. Ich kenn doch meinen Kapitalismus. Bei einem Profit ab 10 Prozent geht der über Leichen, ob aus Backstein oder Knochen. Also ruckzuck aufs Radl und geknipst.
Wobei ich nicht der Meinung bin, dass jede Pommesbude erhalten werden muss, bloß weil sie ein paar Jährchen auf dem Buckel hat. Das ist mitunter so eine alternative Kiezmentalität von Insassen, die vor 40 Jahren in die Kieze zogen, rebellisch, jeden Stein umdrehen wollten, in die Jahre kamen, 10x schlimmer als ihre Eltern wurden und jetzt nach Art des Hauses Disneyland alles so erhalten haben wollen, ihre Jugend erstarrt in einem Freilichtmuseum. Das artet in letzter Konsequenz in diese grauenvoll reaktionäre Mentalität aus, die Sachen wie das Humboldtforum in Berlin verbrochen hat.

03.11.2021 – surreal


surreal. Bei mir umme Ecke. Geschlossen. Riesige Handelsflächen stehen im Gewerbegebiet hier leer, ganze Bunker aus den prosperierenden 70ern wie der von Real. Dazu kommen noch größere Industriebrachen; Gewerbe und Industrie überlagern sich hier, gut erschlossen durch Schnellwege, sogar einen Hafen hat’s einen Steinwurf weit weg. Manchmal entsteht Neues, wie ein, zwei Gebäude mit dem verblasenen Namen Hannover-Docks. Da kann ich meine Wohnung auf Grund des Teichs in meinem Garten auch gleich beschreiben mit „Wohnen am Wasser“.
Aber ansonsten viel Brache, teilweise seit vielen Jahren, wie eine Feuerverzinkerei, die ich mal erkundete habe nach der Pleite. Da lagen noch Leporello-Lohnlisten auf den Schreibtischen und Pornos in den Toiletten. Surreal, wie nach einem Neutronenbombenangriff.
Wenn die Kommunen hier restriktiv ihr Baurecht anwenden würden, auf Wohnbebauung mit 50 Prozent Sozialwohnungsbau-Anteil, Flächenvergabe nur im Erbbaurecht und auch mal Bebauungspläne ändern, beispielsweise von reinem Gewerbegebiet in Mischgebiet, wäre hier ein Riesenpotential für existentiell notwendigen Neubau für Leute mit wenig Geld, die auf gut erschlossene Infrastruktur angewiesen sind. Nicht gerade die Feuerverzinkerei, dort dürfte der Boden bis zum Erdkern mit Schadstoffen verseucht sein, aber real ist bestimmt sauber wie ein Kinderpopo. Ein paar Meter weiter eine ehemalige Mödelbude von riesigen Ausmaßen, dahinter ein geschlossenes Gartencenter.
Stattdessen zieht alles, was Beine und Kohle hat, raus aufs Land, geht ja jetzt wegen zunehmendem Homeoffice, die Wege werden weniger. Was ja auch ökologisch ist. Weniger ökologisch ist allerdings die Tatsache, dass durch die unseligen Einfamilienbunker noch mehr Flächen zersiedelt werden. Macht andererseits aber auch nix, bei der Vermaiselung der Landschaften und ihren eintönigen Rapssymphonien.
Mir egal. Nach mir die Sintflut. Ich ergötze mich an Touren durch solche absterbenden Gewerbe- und Industriegebiete. Über ihnen schwebt ein wehmütiger Schleier von Abschied, Melancholie und Tod, eine ganz einzigartige Stimmung. Erinnert mich an meine Touren als DGB-Referent durch die damaligen DGB-Ortskartelle (so hieß das vor ein paar Jahren tatsächlich noch). Die Gewerkschaftsarbeit auffem flachen Land wurde ausschließlich noch von Senior*innen getragen, was zur Folge hatte, dass die einzelnen Kartelle einfach ausstarben. Mit ihnen die Reste einer Arbeiterkultur und ich war teilnehmender Zeuge dieser Zeitenwende.
Schwanengesänge. Wir aber brechen auf zu neuen Ufern.
Herrlichen Tagen führe ich Euch noch entgegen!

01.11.2021 – Über explodierende Impfquoten, Idiotie, Niedertracht und Verblödung


Die Kunst ist oft schön anzuschaun. Das Leben in Seuchenzeiten hingegen erinnert an den November: Trist und trostlos, mit der Aussicht auf Verschlimmerung.
Ursache für einen schweren Corona-Ausbruch in einem Altenheim mit acht gestorbenen Bewohnern in Schorfheide: Nur 50 Prozent der Mitarbeiterinnen geimpft. Wären Angehörige von mir unter den Toten oder Erkrankten würde ich sowohl die Mitarbeiterinnen als auch die Verantwortlichen im Heim und des Trägers verklagen. Die Tatsache, dass hier kein 2 G Standard beim Pflegepersonal verpflichtend war und ist, erfüllt den Straftatbestand der fahrlässigen Körperverletzung mit Todesfolge. Auch wenn es nur bedingter Vorsatz und der individuelle Tatanteil nur schwer festzustellen ist, reichen die Paragrafen 223 StGB ff. hier allemal für eine Verurteilung. Allgemeine Idiotie, Niedertracht und Verblödung nehmen derartige Ausmaße an, dass hier nur Druck, Zwang und Strafverfolgung helfen.
Die Untersuchungen, nach denen Druck bei Impfunwilligen eher kontraproduktiv wirken würde, sind in ihrem Fazit, mit Verlaub, Blödsinn. Es ist eine Frage des Druckausmaßes. Wenn in allen Teilöffentlichkeiten vom Supermarkt über ÖPNV bis Kulturveranstaltungen grundsätzlich 2 G gilt, und natürlich auch am Arbeitsplatz, ansonsten erfolgt unbezahlte Freistellung von der Arbeit, „explodieren“ die Impfquoten selbstverständlich. Wer kann sich seine Renitenz und Wichtigtuerei schon ohne Kohle leisten.
Nächste Konsequenz: Impfpflicht für alle, mit extrem hohem Ordnungsgeld bei Verweigerung. Das dient auch als Masterfolie für die nächste Pandemie, die bereits jetzt ante portas ist. Das letzte Mittel von Druck zum Erhalt der Zivilgesellschaft ist das Strafrecht. Das ist natürlich einerseits das auch letzte Mittel der Klassengesellschaft, um ihren Erhalt zu sichern, aber andererseits der am meisten von Ideologie befreite – bei „uns“ zumindest ziemlich unbestechliche – gesellschaftliche Sektor, der für Vernunftbasierte Gerechtigkeit sorgen kann.
Bei der Gesundheit als anderem Beispiel haben Sie von vorneherein gleich die Arschkarte gezogen, wenn Sie arm sind. Das ist der offensichtliche und blutige Ausdruck von Klassengesellschaft.
Also Druck auf die Idioten, bis sie quietschen.
Diese Impfverweigernden sind aber auch oft arme Würste, was Habitus, Gestus, Weltläufigkeit, Stil und Niveau angeht. Hors de question.

30.10.21 – Radikal ist nur das Leben.


Disma Land. Kunstprojekt des Streetart-Künstlers Banksy im Ferienort Weston-super-Mare in Somerset, England. Banksy ist linker radikaler Künstler, sowohl von Inhalten, Ikonografie und Arbeitsweise her. Wobei ich nicht glaube, dass Banksy ein Individuum ist, sondern ein Kollektiv, aus vielleicht drei Männern, sicher keine Frau dabei.
Banksy ist auf der Liste der bedeutendsten Künstler nicht zu finden, weil er sich dem klassischen Kunstbetrieb verweigert. Der ihn dafür umso hemmungsloser umarmt, zum umsatzstärksten lebenden Künstler macht und leidenschaftslos seine Rolle beschreibt:
Sein Werk tritt im Rahmen von Projekten zunehmend als eine politische Waffe hervor, die in der Kunstgeschichte wegen ihrer Kühnheit ein völlig neues Phänomen darstellt.“
An Banksy wird das unauflösbare Dilemma linker radikaler Kunst, ja Positionen grundsätzlich, deutlich: Sie sind im überwältigenden Neoliberalismus des 21. Jahrhundert von keiner Bedeutung, außer einer marktförmigen.
Trotzdem gilt: Zeitgenössische Kunst von Bedeutung kann nur radikal sein, findet nicht im Saale statt, greift ein und an, ist immer parteiisch und insistiert auf ästhetischer Autonomie. Sonst ist sie Firlefanz.
Und von wo kommt Banksy? Zitat:
„ „Mögen die Straßen für jedermann zum Festtag der Kunst werden.“ Keine Devise von Banksy, sondern von russischen Futuristen um Wladimir Majakovsky aus dem Jahr 1918, kurz vor der Oktoberrevolution. (Die sowjetischen Revolutionäre) … verbanden Protest mit Straße und aufrührerische Kommunikation mit einem sozialen Szenario, dessen bevorzugtes Aktionsfeld die Hausmauern der Stadt waren. … Banksys Kunst hat wie ein keimender Same die in diesen Worten Majakovskys und seiner Genossen schlummernde Kraft am Leben erhalten.“
Aus: The Art of Banksy. Gianni Mercurio. Prestel 2020. Aus dem auch das Bild oben ist, das ich risikolos verwenden kann. Wg. Banksy.
Eins der besten Bücher über Kunst, das ich kenne. Wobei: Lesen wird überschätzt. Radikal ist nur das Leben. Der köstliche Moment von Adrenalin, wenn Banksy zittern muss, auf der Straße erwischt zu werden bei seiner Produktion, ist durch Nichts zu ersetzen.

28.10.2021 – Wenn es fast nur Ware Kunst gibt, wo bleibt dann die wahre Kunst?



Vielleicht hier? Es gibt Kunstströmungen, die so radikal sind, dass sie noch nicht mal vom Mainstream – der sonst alles verwurstet – aufgesogen, verdaut, kommerzialisiert und ausgeschissen wurden. Wie die Situationisten, die zwar auf der im Ansatz revolutionären documenta 72 kurzfristig integriert waren, aber danach wieder ins Vergessen gedrückt wurden. 72 war, zumindest im Feuilleton, an Unis und angrenzenden Bereichen, sowieso alles so verbalradikal, dass man denken konnte, die Räterepublik stünde vor der Tür. Es wurde dann aber nur die Studienräterepublik.
Fundstücke über die Situationisten zu Gesicht zu bekommen, ist schwer. Originalflugis werden für 50 Euro im Internet gehandelt, es gibt einen Blog darüber, ansonsten Geraune im Zusammenhang mit der hier schon hochgelobten Ausstellung im DHM in Berlin über Kunst und Politik auf den documenten.
Parallelen gibt es auch woanders, Beispiel Rockmusik, wo die MC 5 wegen revolutionärer Umtriebe teils im Knast landeten oder vom Mainstream boykottiert wurden. Den Mainstream besetzten damals Schnarchcombos wie die Rollig Stones, deren Songs sich neben MC 5 wie Skifflemusik anhören.
Es gibt Verbindungslinien, Entwicklungsströme (Neostrukturalisten würden von Rhizomen faseln), die radikale, und damit interessante, Kunstgattungen miteinander verbinden. Sie alle wurzeln in der russischen Avantgarde, die nach ihrer kurzen Blüte von Stalin erdrosselt wurde. Ihr Geist wanderte zu Dada, wucherte in die Situationisten, befruchtete kurz Fluxus und Perfomance, explodierte im Punk, der sich schnell als kommerziell zu interessant erwies, um nicht aufgesogen zu werden.
Wo ist dieser Geist heute? Bei Banksy? Auf jeden Fall ist Banksy ein Beleg dafür, dass der Kapitalismus derart an allen Fronten gewonnen hat dass er, anders als 72, wo es für einen kurzen, historischen Moment nach seinem Schwächeanfall aussah, alles und jede*n verwursten kann. Im Fall Banksy, der ihm und dem Kunstmarkt kräftig ans Schienbein tritt, sogar zu Höchstpreisen.

26.10.2021 – Einer der größten Trunkenbolde


Der Wertgigant. Ist vom hannöverschen Rathaus, hier im Bild, nach Düsseldorf weitergewandert und wird dann wo landen? Genau. In Berlin. Dieser dekorative Schrott soll an unsre böse, böse Wegwerfkultur gemahnen. Die Skulptur dürfte beim Sonntagsspaziergang einen maximal kritischen Impuls beim vorbeiquengelnden Nachwuchs erzielen à la: „Papa, kaufst Du mir auch so einen Transformer?“ Dem Gebrauchskunstwerker HA Schult muss man zu Gute halten, dass er an dem Thema seit über 50 Jahren dran ist und sogar die documenta 1972 mit dergleichen dekorierte. Immerhin die documenta, die nach wie vor als die Bedeutendste gilt.
Der Wertgigant heißt so, weil sein Sponsor der Versicherungskonzern Wertgarantie ist, der mit dieser Schrotttour pfiffig jede Menge kostenlose PR generiert. Gegründet wurde der Konzern von einem der größten Trunkenbolde, und das will etwas heißen, die den Bundestag je bevölkerten, von Detlef Kleinert, FDP. Heutiger Vorstandsvorsitzender ist Patrick Döring, eine ehemalige hiesige FPD-Größe. Da ist Meister Schult genau bei denen gelandet, die schon immer für nachhaltiges Wirtschaften eintraten, für erneuerbare Energien und einen radikalen ökosozialen Umbau der Gesellschaft.
Schöner kann der Pardigmenwandel der Kunst von 72 (und in Teilen der Gesellschaft) bis heute, von radikaler Systemkritik hin zur affirmativen Umarmung der real existierenden, kaputtmachenden Verhältnisse, nicht illustriert werden.
Immerhin stapft der Wertgigant noch in den Erinnerungsspuren der damaligen Epoche, in der die Kunst im öffentlichen Raum zaghaft das Licht der Agoren der Republik erblickte, verbunden mit allerlei Hoffnung auf mehr Demokratie und Emanzipation. Was ereiferte sich damals Volkes Mund über moderne Kunst im öffentlichen Raum. Das Fazit des damaligen Gegeifers dürfte ungefähr sein: „Unter Adolf hätte es sowas nicht gegeben“.
Insofern ist der Wertgigant in seiner Ambivalenz ehrlicher als das Brimbamborium um die neulich erschienene Liste der wichtigsten Künstler*innen der Gegenwart.
An der Spitze seit Jahren der in den Olymp entrückte, im Vagen und Konturlosen rumpinselnde Gerhard Richter, gefolgt von notorischen Schmieranten wie Baselitz, nur unwesentlich erträglicher gemacht durch Rosemarie Trockel und Bruce Naumann.
Diese Liste ist ein Beleg dafür: Kunst, die im Saale, in Museen, Galerien stattfindet, ist nicht nur nach wie vor sondern mehr denn je reine Belustigung der höheren Stände, reaktionär in ihrer Wirkung und albern in ihrem selbstreferentiellen Aufplustern.
Hugh, ich habe gesprochen.

23.10.2021 – Wenn ich jemanden erwische, der in meinen Hauseingang kackt …


Gestern Morgen im Garten. Auf einmal war sie zu purpurner Pracht erblüht und schenkte dem derzeit eher graubraun nieselnasstrüben Gartenbild einen seelenwärmenden Glanz in ihrer kühlen, fast strengen Schönheit. Ich mag eher die verschwenderischen zartgelben Duftrosen, die ihre üppige Fülle in wenigen Tagen mit vollen Blüten an den Gartenflaneur verschwenden, der seine Nase kaum von ihnen wenden mag. Nach kurzer Zeit rieseln die Blätter zu Boden. Anders ihre kardinalsfarbenen dunkelroten Schwestern, die nur das Auge erfreuen, aber das viele Tage lang, gerade bei dem Wetter. Je nach Frost bis über Weihnachten hinaus. Das hat doch was tröstliches in trüben Tagen, die mitunter selbst mein Gemüt eintrüben, mich gar zu einer spießerhaften Fehlwahrnehmung verleitet haben. Ich wohne in einem „Szeneviertel“ mit nächtlich hohem Partyaufkommen, mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen, die Sie gerne den Medien entnehmen können, und die es in jeder „Großstadt“ geben dürfte.
Leider kotzt die Jugend der Welt ihre Drogenexzesse nicht in den Villenvierteln der eigenen Eltern vor die Türen und auf die Plätze, sondern bei „uns“. Es kommt zu Prügeleien, Messerstechereien, es war gar die Rede vom versuchten Anzünden von Personen. Ich kann die Jugend sowieso nicht leiden, darin gleicht sie meinen Altersgenoss*innen, die ich noch viel weniger leiden kann, und so stand auch bei mir neulich das Urteil fest: Früher war alles besser, nur noch Kriminelle unterwegs und Gesindel, da müssen Hundertschaften an Polizei in Dauerpräsenz her, alles verbieten, da muss man die Straßen auch schon mal freikärchern.
Ich meinte eigentlich eins gelernt zu haben, nicht nur im Job-Leben: Guck erst auf die Fakten und in die Statistiken und bilde Dir dann ein Urteil. Der einzige Ort, an dem ich das mitunter anders handhabe, ist dieser Blog hier. Das ist mein Luxus, hier gönne ich mir Freiheit, was schert mich mein Geschreibsel.
So kann man, vulgo ich, sich täuschen. Es kam, wie es kommen musste. Das hiesige Zentralorgan der Spießer, Ducker und Flachdenker, die HAZ, die ich noch weniger leiden kann als die Jugend, bringt in seiner heutigen Ausgabe ein verdienstvolles Interview mit der Leiterin der hiesigen Polizeidienststelle, das in dem Fakten-Fazit gipfelt:
„Wir haben … keine Lage, die wir als Polizei bedenklich einstufen …Das derzeitige Kriminalitätsgeschehen macht eine Dauerpräsenz … nicht erforderlich… Das derzeitige Straftatenaufkommen gibt keine Begründung für eine Verbotszone her …“
Fazit 1: Lob für die HAZ
Fazit 2: Ich werde langsam alt …
Trotz allem: Wenn ich jemanden erwische, der in meinen Hauseingang kackt, breche ich ihm …
Ooops, das geht selbst mir zu weit.
Schönes Wochenende, liebe Leserinnen. Hier noch eine aus dem Garten …