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07.10.2017 – Ich geniesse das Leben in vollen Zügen

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Die Ouvertüre war verheissungsvoll. Im Berliner Hauptbahnhof stauten sich hundertausende Ausreisewillige, die das Schicksal vieler Sinnsucherinnen der Postmoderne teilten, die Frage nach dem „Wann geht es hier endlich weg? Egal wohin, Hauptsache weg!“ Ein kleines Orkänchen hatte aus uns eine verschworene Schicksalsgemeinschaft geschmiedet, geeint durch das Band „Es fährt kein Zug nach nirgendwo und zwar frühestens um halb,den genauen Tag entnehmen Sie bitte unseren Durchsagen.“
Meine Abneigung gegen geschmiedete Schicksalsgemeinschaften machte mir die Entscheidung leicht. Ich entschied mich gegen eine Reise irgendwann mal in vollgequetschten ICEs, wo man sich das Gegreine von Zeitgenossinnen auf der Suche nach der verlorenen Zeit anhören müsste.
Und so befinde ich mich im Moment auf einer Odyssee mit Dampflokomotiven durch die Dörfer der SBZ (ehemalig!). Ich melde mich.
….
Später:
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Gestrandet in Rathenow – der Stadt der Optik. Die Anmutung weckt in mir klaftertiefe Sehnsucht nach der Stadt der Akustik und wenn sie jenseits des Polarkreises liegt. Verzweifelt google ich nach der Stadt der Haptik. Überhaupt hält mich nur noch Google aufrecht. Ich lerne: vor Zeiten sind zwei Abgeordnete der Linken im hiesigen Stadtrat zur CDU gewechselt. Rätselhaftes Rathenow.
Eine kleine Schar Verzweifelter hat sich bis hier durchgeschlagen. Wir frieren synchron im ungeheizten Wartesaal. Das verbindet. Ich rede sogar mit Wildfremden.
Fast alles Frauen. Der andere Mann wiegt ca. 150 Doppelzentner. Keine Konkurrenz. Ich überlege zu flirten, hab aber keinen rechten Plan. Google muss ran. Die Reise wird spannend. Ich melde mich…

06.10.2017 – Stürmische Zeiten

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Da hatte ich den Schirm noch auf – Berlin, Brunnen im Gräfe-Kiez, gestern am Orkan-Tag.
Ich liebe Brunnen. Die üben in fremden Regionen eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Aber ein Brunnen im strömenden Regen, das hat was überflüssig absurdes, fast lächerliches an sich. Du dummer Brunnen, warum belästigst du mich mit deinem sinnlosen Geplätscher, während um mich gerade die Zivilisation weggespült wird!? Ein paar Minuten später war ich froh, dass ich mich selbst noch gerade halten konnte, während um mich doitsche Eichen stürzten und Dachschindeln im Sekundentakt niederprasselten. Es ist obendrein saukalt, ich war auf einer Tagung zum Thema Armut, wo man Positives mit dem Elektronen-Raster-Mikroskop suchen musste und wie ich von Berlin nach Hannover zurückkommen soll,weiss allein der Gott des Sturmes und die Bahn. In beiden Städten sind Myriaden Nomaden der Zivilisation gestrandet. Und vor ein paar Tagen lag ich noch bei 25 Grad Wasser und Luft an Griechenlands Gestaden, vor mir azurblaues Meer, hinter mir ne Ouzo-Bude mit Pommes und Hamburger, ich war sogar zu faul zum denken. Am Paradies fehlte nicht viel.
Und nun das.
Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, Monate lang an Griechenlands Gestaden zu verweilen. Schon aber in Berlin. Selbst unter diesen geschilderten Umständen.
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Die Metropole ist rätselhaft, witzig, charmant.
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Regt zum Nachdenken an,gibt Impuls und öffnet Horizonte.
All das gibt es am Strand nicht. Da hängt man nur ab. Für ein paar Stunden, ein paar Tage paradiesisch. Aber wer will schon andauernd Paradies? Ein bisschen Hölle darf schon dabei sein. Und wenn es die der Deutschen Bahn ist.

04.10.2017 – Überall Vaginas

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Kloster für ledige Fräuleins. Beachten Sie die Bildsymbolik einer Vagina (Vaginas. Überall Vaginas. Sowas bild ich mir doch nicht ein! Oder?)
Der Zustand der Lage ist grotesk und ermüdend. Aber ehrlich. Es gibt zwei Millionen mehr Wählerinnen als Wähler. Der Anteil von Frauen im Bundestag ist aber von ohnehin beschämenden 37 Prozent auf lächerliche 31 Prozent zurückgegangen, weil mit der FDP und der AfD explizit frauenfeindliche Parteien neu im Parlament sind. Ohne Quote (bei SPD, Grünen, Linke. Die anderen Parteien haben keine Quote) wären wir vermutlich noch bei 10 Prozent wie in den Achtzigern. Aber nach wie vor plärren Subkomplex-Denker_innen (auch jede Menge Frauen dabei, auf individuellem Geschlechter-Verrat beruht die Macht des Patriarchats mit) besinnungslos daher: Wir brauchen keine Quote.
Ja, schon klar, wir brauchen auch kein Equal Pay und keine Gendergerechte Sprache, was wir brauchen, ist Konrad Adenauer als Kaiser, die Wiedereinführung des § 218 und die des Züchtigungsrechtes in der Ehe. Es ist alles so inkommensurabel schwerstbescheuert und ideologisch, grotesk und, ehrlich gesagt, auch ermüdend. Ich hab einfach keine Lust, über Quote, Gender, Equal Pay zu diskutieren. Es ermüdet und langweilt. Und es hat, horribile dictu, keinen Stil!
Aber ehrlich isses. Wir haben doppelt so viele Unternehmer_innen im neuen Bundestag (nein, nach Arbeiter-Anteil google ich jetzt nicht). Da sage noch eine, der Bundestag spiegelt nicht die gesellschaftliche Realität wider. Ehrlich sind die Verhältnisse schon. Alles was rechts ist.
Man, ergo ego, möchte sich des Öfteren vor Verzweiflung über diesen Rollback die Kante geben. Wenn das Leben nicht doch irgendwie zauberhaft, berückend und voller Charme und Witz wäre. Und mit dem Alk und mit den Drogen ist das ja auch so eine Sache. Da gibt es herausragende Qualitäten wie z. B. einen 91er Puligny-Montrachet, der bei mir seit Jahren auf besondere Anlässe wartet, so was kauf ich mir nur einmal im Leben, nach einem Lotto-Gewinn o. ä., und jedes Mal, wenn einer kommt, sage ich mir: Nee, noch nicht, da kommt bestimmt ein noch besserer Anlass. Blödsinn. Man, ergo ego, soll nicht aufschieben. Jetzt ist das Leben. Morgen ist ein anderer Tag.
Laber, laber, was ich eigentlich sagen wollte: es gibt ja leider viel mehr schlechte als gute Qualitäten auf dem Genuss-Sektor der Realitätsflucht.
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Das zum Beispiel ist der schlechteste Wein des Universums. Local Product from Korfu. Ich verklappe im Süden immer die regionalen Weine, die meist genießbar, mitunter lecker, selten excellent sind. Aber wozu reist man schließlich?
Obiger Wein aber war das gaumenpeinigende Grauen schlechthin, Richtung Retsina 70er Jahre (Eingeweihte kriegen schon beim Lesen einen Flash-back Kopfschmerz mit integriertem Kotzreiz) , mit einem Restzuckergehalt von 2 Tonnen pro Liter, und einem möpselnden Bukett mit einer Note von Glykol und WC-Aromen. Die Rache Griechenlands an allen doitschen Invasoren.
Was aber über allen Maßen tröstlich ist, das ist die Erinnerung an den oben abgebildeten Weg von meiner Homebase auf Korfu an den Strand.
Das Leben ist eben doch irgendwie zauberhaft, berückend und voller Charme und Witz.

03.10.2017 – Auf der Suche nach dem heiligen Gral am Tag der Einheit.

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Akkordeon Orchester beim Apfelfest im Willy-Spahn-Park in Ahlem. Vor Jahrzehnten habe ich mal in einem Dorfgasthof in Dedensen einen Quittenbrand getrunken, der war so einzigartig im Geschmack, dass ich vor dem Glas in die Knie sank und es anbetete und lobpries. Seitdem bin ich wie Parzival. Auf der Suche nach dem heiligen Gral des finalen Quittenbrandes, des ultimativen, alles erlösenden Geschmacks. Einmal noch diesen orgiastischen Moment der erlösenden Verzückung spüren, wissend, dass die Erfüllung gefunden ist, das Suchen ein Ende hat. Jedes Apfel- oder Kürbisfest auf dem Globus ist meins, denn dort gibt es mitunter einen dieser raren Quittenbrände. Die handelsüblichen Brände von Ziegler et. al. habe ich lange durch. Vergebens, aber keineswegs umsonst, die Suche hat mich ein kleines Vermögen gekostet. Auch der Quittenbrand beim Apfelfest im Willy-Spahn-Park in Ahlem war eine einzige Enttäuschung, eine 0,35 Liter Flasche für fast 30 Ocken schmeckt fuselig-sprittig, mit Anklängen an Möbelpolitur.
Die Restflasche kriegt ein Nachbar geschenkt, dem fasele ich was von meiner Quittenallergie vor und den Geschmack gülden, dann muss er mir dankbar sein und ich sehe das Desaster nicht mehr.
Verzweiflung ergreift mich. Meine Zeit rinnt dahin und ich werde fortgehen, ohne den Gral zu finden.
Aber das Akkordeon-Orchester war schön. Ich würde auch gerne Akkordeon spielen. Dann würde ich fortgehen, und zwar nach Louisiana und Cajun Musik lernen, in der Tradition der Balfa Brothers zum Beispiel, die man hier in einem Ausschnitt aus dem grandiosen Film „Southern Comfort“ sehen kann (Musik von Ry Cooder!). Da würde ich so einen kulturalisierten Schmonzes wie die Suche nach dem heiligen Quitten-Gral schnell vergessen und mir jeden Tag die Birne mit Selbstgebranntem zulöten.
Mein trüber Alltag sieht aber so aus, dass heute der Tag der Einheit, vulgo Annexion der ehemaligen Ostzone, ist und an dem Tag läuft mir seit 28 Jahre die Galle über. Ich war von Anfang an dagegen, aus simplen systemtheoretischen Gründen. Wenn es zwei konkurrierende Systeme gibt, bleibt der Preis, den die Systeminsassen zu zahlen haben, tendenziell stabil. Gibt es nur noch ein System, in unserem Fall Kapitalismus, verfällt der Preis. Ein Blick ins Lehrbuch der Ökonomie des verfallenden Preises zeigt: 40 Prozent aller Beschäftigten in der BRD haben seit den 90er Jahren Einkommensverluste erlitten.
Wenn von zwei Bäckereien im Kiez eine zumacht, werden die Brötchen bei der Übriggebliebenen teurer. Das leuchtet sogar Hein Blöd ein.
Sollte man meinen.
Was wir aber statt Er- und Einleuchtung haben, ist völkischer Kladderadatsch.
Ach, was reggae ich mich auf. Ich erfreue mich an den Resten meiner Sonnenblume Goldener Neger.
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Der hat sich mittlerweile in Reih und Glied ausgerichtet, wie sich das für einen ostgotischen Goldenen Neger gehört. Und ich erfreue mich daran, dass die Jugend mitunter doch noch von meinen weisen Worten ergriffen ist, wie man hier im Radiobeitrag unter „Sonnenblume Goldener Neger“ hören kann.

30.09.2017 – Sexuelle Phantasien

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AfD Plakat. Alle Rechte: Hermann Sievers. Nach Motiven von „Kraft durch Freude“, der größten nationalsozialistischen Reiseorganisation. Reisen bildet bekanntlich.
Gestern ist mir hier ein Blogeintrag in die Öffentlichkeit rausgerutscht, der in WordPress als Entwurf gespeichert war und eigentlich nicht für diesen Blog gedacht war. Kein Problem, war absolut nichts Ehrenrühriges drin, aber ich stelle mir vor, da wäre was ins Internet geflutscht, das sich mit meinen sexuellen Phantasien beschäftigt. Oje. So lassen wir es bei dem reißerischen Header und wenden uns dem zu, was gestern schon ursprünglich hier stehen sollte, der Frage, ob die AfD ein dauerhaftes Phänomen sein wird.
Ich denke ja, auch weil es sich bei der AfD um die parlamentarische Repräsentanz einer „Sozialen Bewegung“ handelt und sie daraus immer wieder Kraftströme und Revitalisierungen beziehen wird.
Was ist eigentlich eine Soziale Bewegung? Um mit der „Feuerzangenbowle“ zu sprechen:
„Aha, heute krieje mer de Soziale Bewegung. Also, wat is en Soziale Bewegung? Da stelle mehr uns janz dumm. Und da sage mer so:“
Um von einer Sozialen Bewegung zu sprechen, braucht es mindestens Folgendes:
– Eine breite Basis,
– ein kollektives „Wir“ Bewusstsein,
– die gemeinsame Deutung eines Problems,
– eine verbindende Zielvorstellung,
– ein Mindestmaß an Organisation, Koordination und Planung,
– Gegenöffentlichkeit,
– einen emotionalen Hang zur Totalität und zu Feindbildern,
– charismatische Führungspersönlichkeiten,
– stufenweise Akzeptanz durch den Mainstream .
Das kann jede anhand der AfD mal deklinieren, kommt mit Abweichungen hin. Ich bin mit mindestens vier „Sozialen Bewegungen“ konfrontiert worden, an denen man das auch buchstabieren kann: Der absterbenden Arbeiterbewegung, der Rückkehr der (zweiten) Frauenbewegung, dem Entstehen und Niedergang der Öko-Bewegung und den Geburtswehen des Rechtspopulismus.
Woraus leider keine Soziale Bewegung wird, sind z. B. die massenhaften Erwerbslosen, Armen, Ausgegrenzten, Prekarisierten, siehe auch im fast 90 Jahre alten Klassiker der empirischen Soziologie „Die Arbeitslosen von Marienthal“.
Sowas sollte man im Hinterkopf haben, wenn Politiker darüber redet, dass man die AfD stellen wird, überflüssig macht (durch Übernahme ihrer Position zum Beispiel), dass die sich von selbst erledigt etc . pp.
Der Mob hat sich sowohl via soziale Medien die Gegenöffentlichkeit als auch via Talkshow und Demonstrationen die bürgerliche Öffentlichkeit angeeignet. Das ist ein zentrales Problem und das wird uns wie Scheiße am Hacken die nächsten Jahre begleiten. Und wie das mit Scheiße am Hacken so ist: Die stinkt immer mehr.
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Über dem verlassenen Dorf am Meer schwebte eine berückende Duftwolke von Salbei, Rosmarin und Kiefern.

28.09.2017 – Mörderische Phantasien

Korfu Altstadt - kein Mensch
Gestern war der Tag des Welttourismus und ich war vor drei Tagen noch in der Altstadt von Korfu, wo es zwei Gassen jenseits des Trubels Plätze gibt, an denen kein Touri abhängt.
Ich war noch nicht überall, aber es steht auf meiner Liste. (Susan Sonntag). Reisen ist fatal für Vorurteile, Bigotterie und Engstirnigkeit. (Mark Twain). Im Prinzip ja, aber wenn ich schmierbauchige, weissbesockte, alte Männer sehe, die nur in Bermudashorts bekleidet eine Strandbar entern und Bestellungen sächselnd daherpoltern, regt sich bei mir zweierlei: Der Wunsch nach Wiedererrichtung der Mauer und nach einer .45er am Gürtel. Sie wissen schon, die mit hoher Mannstopp-Wirkung.
Und wenn ich noch einmal einen Politiker nach einer Niederlage den Satz sagen höre: Wir gaben begriffen, dann, dann, …. weiß ich auch nicht, mit was soll ich denn drohen? Mit Liebesentzug oder Schlägen? Mit Sätzen ist es wie mit Konflikten: wer einen anfängt, muss auch sehen, wie er da wieder rauskommt.
Im Zusammenhang mit Trumps weiterer Umverteilung von unten nach oben habe ich heute Morgen im Deutschlandfunk mehrfach gehört: Die Frage der Gegenfinanzierung seiner Steuerreform ist noch offen.
Kann mir irgendjemand mal den Unterscheid zwischen Gegenfinanzierung und Finanzierung erklären? Ode den zwischen Unkosten und Kosten?
Nach über 20 Jahren kontinuierlicher Ausplünderung der Leute, die eh wenig bis nichts haben, in fast allen westlichen Industriestaaten, frage ich mich langsam, wo finden die Regierungen vor allem in den angelsächsischen Staaten überhaupt noch was zum Plündern? Bei „uns“ gibt es da noch einiges zu holen, konsequente Privatisierung bei Gesundheit, Bildung, Infrastruktur, Halbierung von Hartz IV, keine Inklusion … , aber bei den Amis herrschen doch eh schon massenhaft Hunger und Drittweltverhältnisse?
Bei „uns“ ist da auch noch die Partei der kleinen Leute vor, die Dingsda, die SPD. Mittlerweile bin ich weit jenseits von Häme über deren vor allem durch den Parvenü Schröder verursachten Niedergang. Ich halte das für eine Tragödie und wenn überhaupt Empfindungen, dann Mitleid. Das sich dann wieder in Grenzen hält, wenn ich lese, wie die „solidarischen“ Genossen miteinander umgehen, wie der merkbefreite Herr Oppermann Frau Nahles in Sitzungen abbügelt. Machoverhalten der alten Schule, nichts begriffen und davon die Hälfte vergessen. Insofern ist die SPD als Konsequenz von Globalisierung, Digitalisierung und Medialisierung von Arbeitswelt und Öffentlichkeit eine Partei der Modernisierungsverlierer, einer Klientel, die dem Wandel nicht folgen kann.
Sie ist aber auch, und das ist schlimmer, als Organisation eine Modernisierungsverweigerin. Sie könnte sich ändern, lernen, wenn sie wollte, aber sie will nicht. Damit überlässt sie das Spielfeld den Anderen.
Die bleichen alten Männer in ihrer Angst vor dem Wandel stehen sprachlos und kalt, im Wind klirren die Fahnen. (der zweite Halbsatz ist leider zu grausig-schön formuliert, um von mir zu sein).
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Hölderlin, mit Badehose. Nicht einmal reingeguckt im Urlaub. Ich war zu Sonnensatt.

27.09.2017 – Faul wie ein toter Hering

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Die Aussicht: trübe. Und das nicht nur bei mir im Garten. Dass die Goldenen Neger die Köpfe hängen lassen, ist verständlich. Hat doch die Fraktion der Rassisten im Bundestag bedeutenden Zuwachs erhalten.
Genug des platten Natursymbolismus. Sonnenblumen lassen nun mal im Herbst die Köpfe hängen und die Realität ist auch ohne literarisches Bemühen trist genug. Ich merke das unter anderem an meinem Blog, der sich immer mehr meinem progressiven Alltag annähert, wo er vorher eher ein Metablog war, also mehr satirische, fiktive Reflexion, die Realität simulierte, über das notorische Blogschreiben von Zeitgenossen (seltener Genossinnen), die sich wichtig nehmen.
Die Welt ist im Wandel, aber zurzeit sicher radikaler und schneller als in den bleiernen Achtzigern zum Beispiel. Das bürgerliche Milieu, vollgesogen mit Angst, fängt schon an, im Wald zu pfeifen. Jüngstes Beispiel Norbert Lammert, amtierender Bundestagspräsident, der der AfD im Rahmen des parlamentarischen Antifaschismus wehrhaft entgegenschmetterte (sinngemäß, ich hab keinen Bock, hier alles zu be-quellen, was ich übrigens einen schönen, neuen Ausdruck finde, den ich mir gerade im Schreiben ausgedacht habe):
„Ihnen wird es so ergehen wie den Grünen. Das Parlament wird Sie mehr verändern als Sie das Parlament verändern.“
Das, mit Verlaub, Herr Präsident, ist eine kühne These, deren Nährboden vergebliche Hoffnung sein und deren Erntetermin um den St. Nimmerleinstag herum liegen dürfte. Ich stand den Grünen von Anfang an skeptisch gegenüber, aber wer ihre Geschichte nüchtern (auch das noch) aus dem Blickwinkel von Empirie sozialer Bewegungen betrachtet, muss ihnen zugestehen: Die Grünen waren ein emanzipatorisches Projekt, getragen von einer Utopie. Sie wollten die Gesellschaft im Sinn einer kollektiven und herrschaftsfreien Zone vorwärts entwickeln. Ziel letztlich: Die gezähmte, ökologisch nachhaltige Herrschaft des Menschen über den Menschen, mit einer feministischen Perspektive. Dazu bedarf es bestimmter Charaktereigenschaften und Fähigkeiten, wie zum Beispiel zäher Arbeit anhand von Interessen. Dass dabei letztlich eine Koalition mit der CSU herauskommt, nun denn, man grinst sich eins. Aus Kindern werden Leute. Aber das wird nicht dazu führen, dass sich der Mob in Straßen noch breiter macht.
Die angeblich zähmbare AfD hat ein enormes faschistisches Potential. Sie steht für eine rückwärtsgewandte antiaufklärerische Dystopie, die sich aus Wut, Aggression, Ressentiment speist. Ihr Ziel ist eine Gesellschaft, die von zornigen alten weißen Männern beherrscht wird, koste es, was es wolle. Terror, Gewalt ist nicht eins ihrer Mittel, es ist eins ihrer Ziele. Die Vertreter der AfD sind letztlich Vertreter einer Metaphysik und im Normalfall im Parlament faul wie ein toter Hering, dumm wie Brot, korrumpiert, niederträchtig und egoistisch. Wie derartige Charaktere durch ein Parlament domestiziert werden sollen, bleibt ein Geheimnis von Norbert Lammert, den alle Welt (= Feuilleton von FAZ, Zeit, taz) für einen Intellektuellen und begnadeten Redner hält, der aber nur mit gestelzten Stanzen so viel Überraschendes von sich gibt wie eine Kuh, wenn sie gemolken wird.
Was soll da schon bei rauskommen.
Und wo bleibt das Positive? Hier, die Aussichten für Frühjahr 2018:
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Panorama Korfu Westküste

Ouzo zum Frühstück und Benzin für die Brandstifter

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Blick vom Kloster Paläokastritsa auf das ionische Meer. Farben, Licht, Geruch sind im Süden eine ganz andere Qualität, nicht umsonst sind diese Naturkonstanten immer wieder für Maler, Fotographen etc. Auslöser, raus zu gehen, zu reisen. Auch für Schreiberlinge. Diese Erfahrungen sind durch nichts zu ersetzen. So weit, so bekannt. Neu und fast bedenklich war für mich, wie sehr ich die Stille hier genossen habe. Bin empfindlich geworden.
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Das fiel mir beim 2. Frühstück in meiner Strandbar ein, hier mit Ouzo als zweitem Gang. Es war still. Ich genoss es. Links meine Lumix Camera, rechts der Sony Camcorder. Bei aller Liebe zum Smartphone; an die Qualitäten der Beiden reicht es bei weitem nicht. Während ich meinen Abflug morgen checke und aus dem Nachbar Apartment leckere Kochgerüche wehen – da ist die Welt noch im Ordnung, da kocht die Mutti für Männe was – gucke ich ab und zu News auf Spiegel online und frage mich, wie schnell hier wohl faschistoide Diskurse Mainstream fähig werden. Motto: Man muss doch die Sorgen der Menschen Ernst nehmen. Was nichts anderes heißt; man muss dem Brandstifter das Benzin verkaufen.

Oje

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Pfad zwischen zwei Bergdörfern auf Korfu.
Erst versperrt mir ein Fels Abbruch einen bequemen Weg, so dass ich mir eine halsbrecherische Kraxelei gönnen musste, siehe oben, und dann hatte ich,als ich am Strand ankam, am Ende des Weges eine Blutblase. Oje. Was soll nur aus Deutschland werden? Dachte ich, erst in tiefem Selbstmitleid und dann im 25 Grad warmen Mittelmeer badend, das ganze Vaterland in meinen Jammer einbeziehend.
Später las ich das Wahlergebnis auf Spiegel online und dachte: scheiss aufs Vaterland. Millionen von Halb- und Vollfaschisten, neoliberalen Halsabschneidern und dumpfbackigen Reaktionären. Und das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Die nächste Krise kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Das Gesetz der zyklischen Krisen hat Naturgewalt. Da bin ich mal gespannt,was sich der ostgotische Mob dann zusammenwählt. Oje.

Reisetagebuch

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Hippiebucht bei Vatos auf Korfu.
Dort hänge ich zur Zeit ab. Aber nur kurz zum schwimmen nach dem Wandern. In jedem Reiseführer auf dem Kontinent stand eine Zeit lang: “ Geheimtipp! Hier treffen sich Hippies in paradiesischer Nacktheit ktheit aus aller Welt. “ Demzufolge ist die kleine hübsche Bucht zugepflastert mit schmierbauchigen Spiessern, die begierig drauf lauern was und wie es der Hippie nun treibt. Der Hippie ist aber auch in die Jahre gekommen und die zwei,die da noch abhängen, sind kein erbaulicher Anblick. Die Bucht ist ein fleischgewordenes Argument dafür Vegetarier zu werden. Die Hippiefrau textete mich dort zu. 40 Jahre Sonne und Hasch hatten nicht nur ihren Körper sondern auch ihren Geist verdörrt und geschrotet, sie sonderte dermassen dummes Zeug ab und bekreuzigte sich nach jedem Satz, dass sie mir keine Wahl liess und ich verhohnepipelte sie nach Strich und Faden. Nach quälend langer Zeit merkte sie es, zeigte mir den Mittelfinger und keifte: “ Du blöder Spießer!“ War das unchristlich von mir? Ja. Aber lieber intelligent und gutaussehend in der Hölle braten als grunzdumm und mumifiziert im Himmel Hosianna jauchzen. Jetzt bin ich leicht breit. Ich pflege diesen Blog gerade mit meinem Smartphone,was echt nervig ist. Toll was man mit den neuen Medien alles machen kann, aber ich bin keine 30 mehr und tu mich mit Lernen schwerer als damit Leute zu verarschen. Oops. Sorry. Ich meinte verhohnepipeln. Jetzt noch ein Bild hochladen und dann aber Bubu. 20170919_100229
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